Bilder der Verhafteten, veröffentlicht von den Untersuchungsbehörden in Verona © ss

Bilder der Verhafteten, veröffentlicht von den Untersuchungsbehörden in Verona

Schweizer Behörden verbieten «Knospe»-Importe

Urs P. Gasche / 07. Feb 2012 - Bio-Futtermittel der italienischen Skandalfirma dürfen Futtermühlen und Hersteller von «Knospe»-Produkten nicht mehr verarbeiten.

Die Schweizer Behörden haben den betroffenen Firmen Ende Januar mitgeteilt, dass die gesperrten Bio-Futtermittel der italienischen Firma «Sunny Land» nicht importiert und verarbeitet werden dürfen. Dies hat Bio-Suisse in einem Rundschreiben sämtlichen Schweizer Importeuren von «Knospe»-Produkten anfangs Februar mitgeteilt.

Noch immer behauptet Bio-Suisse, das Risiko sei «eher klein», dass gefälschtes Bio-Futtermittel in Schweizer «Knospe»-Produkte gelangte, weil Bio-Suisse «zusätzliche Kontrollen» verlangen würde. Worin diese «Kontrollen» bestehen, präzisiert Bio-Suisse nicht.

Erst nach der Weisung der Behörden allerdings hat Bio-Suisse am 1. Februar «entschieden», dass «die gesperrten Waren bis auf weiteres nicht als Knospe-Produkte vermarktet oder verwendet werden düfen». Für Schadenersatzforderungen müssten sich die betroffenen Schweizer Importeure direkt an die Skandalfirma «Sunny Land» wenden, gegen die in Italien ein Strafverfahren läuft.

Noch immer gibt Bio-Suisse die Namen der betroffenen Schweizer Firmen nicht bekannt. Die Öffentlichkeit darf nicht erfahren, über welche Wege «Knospe»-Futtermittel in die Schweiz gelangen und wo diese verarbeitet werden.

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Im Folgenden der Infosperber-Bericht vom 22. Januar 2012:

Nach der Verhaftung von sechs Exponenten des Bio-Grosslieferanten «Sunny Land» und einer Bio-Zertifizierungsstelle in Italien verhindert die Schweizer Bio-Branche Transparenz in die Bio-Handelswege und versucht, das Ausmass des Betrugs herunter zu spielen und den Konsumenten weis zu machen, dass die teuren Bio-Produkte in der Schweiz hielten und halten, was die «Knospe» verspricht.

Das Label der «Knospe» soll garantieren, dass eine ganze Palette umwelt- und tierfreundlicher Vorschriften den oft happigen Aufpreis für Bio-Produkte rechtfertigt. Da der Aufpreis Betrüger anlockt, ist eine lückenlose Kontrolle vom Produktionsort bis zum Endprodukt unerlässlich. Für Bio-Produkte, die in der Schweiz mit Schweizer Rohstoffen hergestellt werden, ist die Herstellungskette weitgehend transparent, so dass das Vertrauen der Konsumenten in das «Knospe»-Label gerechtfertigt scheint.

Anders sieht es bei biologischen Futtermitteln aus, die über verschlungene Wege in die Schweiz gelangen, und aus denen Schweizer Landwirtschaftsbetriebe Bio-Fleisch, Bio-Eier, Bio-Milch oder Bio-Brot herstellen. Im Dezember war bekannt geworden, dass Schweizer Importeure von der italienischen Skandal-Firma Sunny Land Futtermittel gekauft und an Schweizer Mühlen geliefert haben. Von den Mühlen ging die Ware an Landwirtschaftsbetriebe, die damit «Knospe»-Produkte für Coop, Migros und Bio-Läden herstellten.

5000 Tonnen von der Skandal-Firma

Nach neusten Angaben von Bio-Suisse, die das Einhalten der «Knospe»-Richtlinien überwacht, haben Schweizer Importeure in den Jahren 2010 und 2011 insgesamt über 5000 Tonnen Futtermittel von der Skandal-Firma «Sunny Land» gekauft, vor allem Mais, Weizen und Soja. Den Importeuren kommt eine besondere Sorgfaltspflicht zu, wie der Betrugsfall zeigt: «Sunny Land» bezog günstige Futtermittel aus China, Rumänien und Brasilien, die in Wirklichkeit konventionell hergestellt und bereits in den Ursprungsländern oder in Italien mit gefälschten Bio-Zertifikaten «veredelt» wurden. Unabhängige Kontrollen dieser Zertifizierungsfirmen haben jahrelang versagt, sofern es solche überhaupt gab.

Statt aber für die Konsumenten auf die Barrikaden zu steigen, behauptet Bio-Suisse bis heute, Schweizer Bio-Produkte seien nicht betroffen. «Sunny Land» habe bis zum Auffliegen des Skandals sämtliche «Knospe»-Bedingungen erfüllt. Kontrollstellen in Italien und in den Herkunftsländern hätten bestätigt, dass die Anforderungen der Bio-Suisse-Richtlinien vom Produktionsort bis in die Schweiz erfüllt seien.

Zertifikate als Schwachstelle

Der Glaube von Bio-Suisse in die «staatlich anerkannten» Kontrollstellen bleibt weitgehend ungebrochen, obwohl in Italien massenweise gefälschte Bio-Zertifikate aufgeflogen sind und die Kontrollstellen in mehreren Ländern versagten. Mit der privaten italienischen Kontrollstelle «Suolo e Salute», die jetzt der jahrelangen Korruption beschuldigt wird, habe man «bis jetzt nie Probleme gehabt». Mehrere Branchenvertreter orten die Schwachstelle hingegen übereinstimmend bei den Zertifikaten. Sie werden von privaten Unternehmen vergeben, die staatlich autorisiert sind.

Doch nicht nur die Namen ihrer weiteren Kontrollstellen sowie die Zertifikatspapiere hält die «Knospe»-Hüterin unter Verschluss. Sie weigert sich ebenso hartnäckig, Transparenz herzustellen, welche Importeure welche Ware von Sunny-Land importiert und an welche Schweizer Getreidemühlen geliefert haben, und welche Bio-Produkte für welche Ladenketten mit diesen Futtermitteln hergestellt wurden. Dies sei «aus Datenschutzgründen» unmöglich, erklärte Bio-Suisse-Sprecherin Sabine Lubow, konnte allerdings nicht sagen, welcher Gesetzesartikel des Datenschutzes diese Namensnennungen verbietet. Lubow machte als Grund auch die «langjährigen Geschäftsbeziehungen» mit den Importeuren geltend.

Importeur fühlt sich «beschissen»

Unterdessen hat der Kassensturz die drei grossen Importeure Terravera, Agrokommerz und Aurora Cerealien beim Namen genannt. Eine Kundin von Aurora ist die Lindmühle in Birmenstorf ZH, welche ausschliesslich Bio-Mehle verarbeitet, und die Biomühle in Gossau ZH des gleichen Besitzers, die Ware von «Sunny-Land» zu Bio-Futtermitteln verarbeitete. Weitere Importeure und Mühlen bleiben im Dunkeln. Konsumentenschützerin Sara Stalder hält dies für kontraproduktiv: «Der gute Ruf von 'Knospe'-Produkten sollte nicht mit Intransparenz bei den Importen aufs Spiel gesetzt werden.» Über diese Intransparenz ärgert sich auch Peter Kretz, Inhaber der Importfirma Aurora Cerealien. Er fühle sich «beschissen», weil er bei seinen Bio-Importen nicht einmal selber herausfinden könne, woher sie stammen. Er müsse Bio-Suisse vertrauen.

Zeitweise enthielt mportierter Sojakuchen, der laut Dokumenten aus Italien stammte, einen derartig hohen Proteingehalt, dass die Soja unmöglich aus Italien stammen konnte. Solche Ungereimtheiten hat Bio-Suisse nie transparent abgeklärt. Rückrufe von Produkten seien ohnehin nicht nötig, argumentiert Bio-Suisse, weil «Pestizidanalysen von Lagerware negative ausgefallen» seien und «keine Gesundheitsgefährdung» bestehe. Diese beiden Kriterien genügen indessen noch längst nicht, um Eier, Poulets oder Brot mit dem Etikett «Knospe» zu versehen und teurer zu verkaufen: Es braucht dazu – gemäss Richtlinien – eine «gesamtbetriebliche Bioproduktion», eine «besonders artgerechte Tierhaltung» und den «Verzicht auf Gentechnik und auf Künstdünger». Explizit erklärt Bio-Suisse, dass die importierten Rohstoffe «gleichwertigen Richtlinien und Kontrollen unterliegen» wie Rohstoffe aus der Schweiz.

Nur wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, dürfen Produkte unter dem «Knospe»-Label verkauft werden. «Dem ist so», räumt Bio-Suisse-Sprecherin Sabine Lubow ein.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mitglied des Stiftungsrats der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz SKS

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Eine Meinung

Wenn auf importierten Produkten die «Knospe» von Biosuisse drauf ist, müsste diese die Herkunft und Produktionsmethoden mindestens stichprobenmässig selber überprüfen. Es ist blauäugig, einfach auf irgendeine Zulassung im Produktionsland, z.B. Italien, Südamerika, Afrika oder Asien zu verweisen.
Sonst kann man der Knospe bei Importprodukten nicht mehr vertrauen. In gewissen Ländern ist es einfach, offizielle Papiere zu «kaufen". Bei der Knospe muss Schweizer Standard gelten.
Daniel Nägeli, am 08. Februar 2012 um 10:58 Uhr

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