Die Kabinenluft kommt aus den Triebwerken. © ARD / Report Mainz
Ablagerungen auf einer Zuleitungsleitung. © ARD / Report Mainz
Lufthansa-Personalvertretungen fordern Atemschutzmasken für alle Crewmitglieder. © ARD / Report Mainz

Öl-Dämpfe in Kabinenluft gefährden Crew und Passagiere

Monique Ryser / 09. Feb 2020 - Die Luft in Flugzeugen wird aus Triebwerken abgesaugt und enthält giftige Schadstoffe. Die Behörden negieren das Problem.

Forscherin Antonietta Gatti vom Institut für Nanodiagnostik im italienischen Modena zeigt es schwarz auf weiss: Ein Partikel aus Titan, Eisen und Aluminium, das sie im Gehirn eines Piloten gefunden hat. Gatti machte ihre Aussage gegenüber dem ARD-Politikmagazin «Report Mainz». Ursache der Schadstoffe, die im Körper – und laut Forscherin Gatti vor allem im Gehirn – abgelagert werden, ist die Kabinenluft in Flugzeugen.

Auch die Schweizer Gewerkschaft für das Kabinenpersonal, kapers, kennt das Problem. Präsidentin Sandrine Nikolic-Fuss hat im Mitgliedermagazin von kapers bereits 2018 kritisiert, dass der Kampf gegen die giftigen Dämpfe in den Kabinen nicht energischer angegangen wird. Denn: Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, wird aber von den zuständigen Stellen negiert.

Zapfluft aus den Triebwerken

Grund für die ungesunde Atmosphäre ist das Anziehen der Kabinenluft aus den Triebwerken. Die Schmieröle in den Triebwerken setzen beim Verdampfen giftige Stoffe frei, die dann mit der Zapfluft (in der Fachsprache: «bleed air») via die Klimaanlagen in die Kabinen geleitet werden. Es kann auch zu sogenannten «fume events» oder «smoke events» kommen, bei denen plötzlich grosse Mengen an Rauch und konzentrierten Dämpfen die Kabine überfluten. Eine nicht repräsentative Umfrage von «Report Mainz» zusammen mit den Personalvertretungen der Lufthansa hat ergeben, dass von 750 Befragten ganze 75 Prozent der Crewmitglieder bereits von einem solchen Störfall betroffen waren. Laut dem Bericht im Mitgliedermagazin von kapers kam es bei der Airbus-Flotte von Swiss 2016 zu 46 Zwischenfällen, wovon 15 technisch bestätigt worden sind.

Sprachstörungen, Lähmungen

Die Folgen der Dämpfe können gravierend sein: «Report Mainz» zitiert einen Flugkapitän und eine ehemalige Flugbegleiterin, die unter schweren Symptomen leiden: Sprachstörungen, unsicherer Gang, Gedächtnisverlust, Lähmungen. Die Beschwerden können sofort auftreten, aber auch erst nach Monaten oder Jahren.

Ölfilm in einem Belüftungsrohr.

Ölfilm auf einem Zuleitungsrohr (Bild: ARD / Report Mainz)

Bereits 2016 erschien das Buch «Höhenluft – Tagebuch einer Stewardess» von Bearnairdine Baumann, einer früheren Lufthansa-Flugbegleiterin. Nach 20 Jahren im Flugdienst wurde bei ihr eine chronische Vergiftung diagnostiziert, ausgelöst durch Chemikalien, die in der Kabinenluft vorhanden sind. Sie litt neben neurologischen Störungen und schweren Kopfschmerzen auch an allergischem Bronchialasthma, das durch das Einatmen von toxischen Dämpfen verursacht wurde. Baumann betont, dass nicht alle Menschen gleich auf die Exposition der Schadstoffe reagierten: «Aber der Elefant ist seit über 60 Jahren im Raum.» Erst jetzt gebe es gewisse Aktivitäten, das Problem zu lösen. Technische Massnahmen wie verbesserte Filter oder zusätzliche Platten werden getestet. Laut Professor Dieter Schulz von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg ist das System Zapfluft aus Triebwerken aber ganz einfach eine «Fehlkonstruktion», wie er gegenüber «Report Mainz» sagt.

Behörden streiten ab

Die Europäische Luftsicherheitsbehörde EASA streitet das Problem ab. Gegenüber der TV-Sendung antwortet sie: «Bisherige Forschungen (…) haben ergeben, dass die Luftqualität im Flugzeug (…) ähnlich oder besser ist wie in normalen Innenräumen. (…) Wir haben keine Erkenntnisse gewonnen, die Konstruktionsveränderungen rechtfertigen würden.»

2017 fand das erste «Cabin Air Quality Forum» der Lufthansa-Gruppe statt. Doch, so kapers-Präsidentin Sandrine Nikolic-Fuss, seien dort lediglich die Ergebnisse einer Studie zuhanden der EASA vorgestellt worden, die der Kabinenluft eine gleich gute, wenn nicht gar höhere Qualität bescheinige, als sie in öffentlichen Gebäuden herrsche. «Die Studie untersuchte die Luft aber nur während der Phasen der Startvorbereitungen, des Starts, des Aufstiegs, des Abstiegs sowie der Landung und der Ausstiegsvorbereitungen.» Also immer unter Bedingungen unter 5000 Fuss (1,5 km). «Aber die Flugzeuge fliegen sehr viel höher als diese 5000 Fuss und die Studie hat nur die einzelnen chemischen Stoffe untersucht, nicht aber das Zusammenspiel der verschiedenen Schadstoffe», so Nikolic-Fuss. Viele Untersuchungen bewiesen aber, dass Kombinationen von organischen und anorganischen Schadstoffen sehr schädlich sein könnten. Auch sollte untersucht werden, wie sich das langfristig auswirke, also nicht nur bei «fume events» oder «smoke events». Die kapers-Präsidentin zeigte sich in ihrem Bericht im Mitgliedermagazin «schockiert». «Es gibt Opfer und ob das zwei oder hundert sind, spielt keine Rolle. Das Problem muss endlich ernst genommen werden.»

Nicht anerkannte Gesundheitsschäden

Die Opfer haben es schwer, sich Gehör zu verschaffen. Seit 2006 kämpft die Vereinigung Global Cabin Air Quality Executive (GCAQE) für saubere Kabinenluft. Sie weist auch auf die Gefahr der Sicherheit im Flugzeug hin, wenn Crewmitglieder bei einem «fume event» durch die toxischen Stoffe ausser Gefecht gesetzt werden.

«Report Mainz» zitiert aus einem Brief der Personalvertretung der Lufthansa, die Atemschutzmasken für alle Crewmitglieder fordert, um bei einem Zwischenfall zu sauberer Luft zu kommen.

Forderung der Lufthansa-Personalvertretung.

Forderung der Lufthansa-Personalvertretung (Bild: ARD / Report Mainz)

Bei der Swiss sind auf Langstreckenflügen Masken für sämtliche Crewmitglieder gemäss Nikolic-Fuss vorhanden. Auch würden über jeden Störfall Berichte verfasst und die Ursache abgeklärt. Aber: «Das Anerkennen einer Krankheit, die durch Kabinenluft verursacht wird, ist für die Airlines und die Flugzeughersteller ein Fass ohne Boden.» Also sei wohl nicht rasch mit einer Lösung zu rechnen.

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Eine Meinung

Man erklärt die Betroffenen dann für psychisch krank, labil, neurotisch, illoyal - und den Gesundheitszustand für selbstverschuldet. Ist das gängige Muster auch in vielen anderen Bereichen.
Leonhard Fritze, am 09. Februar 2020 um 16:00 Uhr

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