Der Kurzschwänzige Bläuling steht auf der roten Liste und ist vom Aussterben bedroht © Christian Roesti

Streit um einen Hotspot der Biodiversität in Stadtnähe

Annemarie Masswadeh / 19. Mär 2018 - Eine frühere Tongrube soll zur Deponie werden. Seit 2001 ist sie für den Bund ein «Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung».

Red. Die Artenvielfalt hat kaum eine Lobby. Deshalb geben wir hier der Biologin Annemarie Masswadeh vom «Verein Bern bleibt grün» das Wort. Am Donnerstag 22. März wird das Berner Stadtparlament über die Zukunft der Tongrube beraten.

Die ehemalige Tongrube Rehhag ist der artenreichste Lebensraum in Bern

Die ehemalige Tongrube Rehhag in Bümpliz ist der Ort in Bern mit der grössten Artenvielfalt. Das zeigt eine neue Studie. Der Gemeinderat (rot-grüne Stadtberner Exekutive) will die Tongrube künftig als Deponie nutzen. Das Geschäft kommt am 22. März in den Stadtrat (Stadtparlament).

Geht es nach dem Willen des Gemeinderats, wird die ehemalige Tongrube Rehhag mit Aushubmaterial und Inertstoffen aufgefüllt und rekultiviert, am Schluss soll ein Naturschutzgebiet entstehen. Alles Paletti also? Das sehen immer mehr Leute immer weniger so. Und ein Bericht zur Insektenfauna mit sensationellen Resultaten bestätigt ihre Bedenken.

Die frühere Tongrube Rehhag in Bümpliz BE (Foto: Christian Roesti)

Nach 20 Jahren Planung ist es so weit, der Gemeinderat hat die Überbauungsordnung und den Zonenplan für das Auffüllen der Grube Rehhag vorgelegt, im Frühjahr sollen der Stadtrat und im Juni das Stimmvolk befinden. Begleitet wurde die Planung durch Bitten aus dem Quartier und Vorstösse im Parlament, die Grube als Naturschutzgebiet zu erhalten.

Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung

Dass die Grube nicht einfach eine «Wunde in der Landschaft» ist, wie die Stadt Bern 2014 in der Überbauungsordnung schreibt, das weiss man spätestens seit 2001. Damals wurde die ehemalige Tongrube von der Eidgenossenschaft zum «Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung» erklärt. Vor allem für Gelbbauchunken und Kreuzkröten ist sie weitherum das wichtigste, wenn nicht sogar das einzige Refugium.

Viele seltene Schmetterlinge, Libellen und Heugümper

Um den Naturwert der Grube in Bezug auf andere Tiergruppen zu überprüfen, gab der Verein «Bern bleibt grün» im Frühling 2017 eine weitere Kartierung in Auftrag. Der Autor Christian Roesti fand ein einzigartiges Refugium für viele Tiere und Pflanzen: «So konnten auf dem Gelände im Sommer 2017 zwischen Mai und Oktober 44 Vogel-, 6 Amphibien-, 30 Tagfalter-, 22 Libellen- und 19 Heuschreckenarten sowie ein grosses Vorkommen der geschützten Orchidee Sumpf-Stendelwurz festgestellt werden. Einige der gefundenen Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Für andere Tierarten, wie die Gelbbauchunke, stellt die Grube den einzigen Lebensraum der Stadt Bern dar.

Die Grube Rehhag ist damit der Lebensraum der Stadt Bern mit der grössten Artenvielfalt. Eine ähnlich hohe Artenvielfalt, mit einem anderen Artenspektrum zwar, gibt es in der Region Bern nur im Naturschutzgebiet Hoger bei Bremgarten auf dem Gemeindegebiet von Bremgarten bei Bern. Ein Veränderung der Grube durch die Gemeinde («Planung Rehhag») würde diesen Lebensraum mit seinen Naturwerten zerstören. Sollte die Grube aufgefüllt werden, verliert die Stadt Bern den artenreichsten Naturlebensraum.» (siehe Bericht)

Auch die Westliche Dornschrecke gehört zu den stark gefährdeten Tierarten. (Foto: Christian Roesti)

Zudecken und neu beginnen?

Bereits im Mitwirkungsverfahren 2014 meldeten sich erneut lokale Naturschutzvereine und verlangten, die Grube mit ihren wertvollen Lebensräumen zu erhalten und unter Schutz zu stellen.

Warum diese Sturheit, wo doch in der Planung so viel Energie darauf verwendet wird sicherzustellen, dass nach dem Auffüllen Tümpel, magere Wiesen und Pionierstandorte geschaffen werden? Und wo doch die Grube langsam «einwächst» und sich invasive Neophyten breit machen, also dringend Pflege nötig ist? Da deckt man doch am besten alles zu und fängt neu an. Zudem will Bern wachsen und sich entwickeln, und wo gebaut und umgebaut wird, fällt Material an, das deponiert werden muss. – Und inzwischen ist ja die Rehhaggrube denn auch im regionalen Richtplan als Deponiestandort vorgesehen.

Ja, warum so stur? Das könnte man auch den Gemeinderat und die Verwaltung fragen. Dass es Deponiestandorte braucht, wird niemand bestreiten. Aber es gibt Zweifel, ob die Abklärungen betreffend Umwelt- und Naturschäden im Fall der Rehhaggrube mit der nötigen Sorgfalt gemacht wurden. Und es melden sich Stimmen, die behaupten, dass wir zu viel Deponievolumen haben oder bald einmal haben werden, weil Bauen nicht nur heisst, Aushub und Bauschutt zu produzieren, sondern auch, Kies zu gewinnen, also riesige Löcher zu schaffen, die von Gesetzes wegen innert kurzer Frist wieder zu füllen sind.

Die Westliche Dornschrecke gehört ebenfalls zu den stark gefährdeten Tierarten (Bild: Christian Roesti)

Experiment mit ungewissem Ausgang

Warum derart viel Energie darauf verwenden, künstliche Tümpel zu bauen, Abhänge und Pionierstandorte zu modellieren, wo doch das alles schon da ist, und noch viel mehr dazu? Und warum die Wette wagen, dass die jetzt vorhandenen Naturwerte, die Artenvielfalt, diese Transformation überleben? Kann das gelingen, wenn der Grossteil der Grube, heute eine Mulde mit einem 7500 Quadratmeter grossen Weiher mit Röhricht, mit dauerfeuchten Schilf- und Sumpfflächen und Kleinsttümpeln und mit nackten Steilhängen, in einen sonnenbeschienenen Hügel verwandelt wird?

Für die meisten Amphibiengruppen könnte das Experiment glimpflich ausgehen. Aber was ist mit den vielen anderen seltenen und geschützten Lebewesen und ihren Lebensräumen? Dazu hat man sich bei der Planung der Deponie keine Gedanken gemacht – weil man erstaunlicherweise ganz einfach nicht hingeschaut hat, was in der Grube denn noch so alles lebt ausser Amphibien. Ob so etwas rechtens ist nach den heutigen Auflagen zur Umweltverträglichkeits-Berichterstattung?

Naturwerte erhalten

Für «Bern bleibt grün» gibt es in der Planung Rehhag zu viele Unstimmigkeiten und Unterlassungen, zu grosse Naturwerte gehen durch die Aufschüttung unwiederbringlich verloren. Der Verein hat darum Einsprache erhoben und verlangt den Erhalt der Grube und die Umwandlung in ein Naturschutzgebiet.

Und «Bern bleibt grün» hat zudem auf eigene Kosten die Kartierung der in der Grube vorkommenden Insektengruppen und der Vögel durchführen lassen. Die Resultate werden im oben erwähnten Bericht erstmals dargestellt und sie sind aussergewöhnlich: Eine grosse Artenvielfalt, wie es sie in Bern und weit darüber hinaus so konzentriert an einem Ort kaum mehr gibt, und zahlreiche seltene, gefährdete und geschützte Arten. Es bleibt zu hoffen, dass in Sachen Zuschütten der Grube Rehhag das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Journal B.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Autorin Annemarie Masswadeh ist Biologin und engagiert sich im «Verein Bern bleibt grün».

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