Günther Moewes: «Luxusbauten nur noch dort, wo es keine Obdachlosen gibt.» © nomen

Günther Moewes: «Luxusbauten nur noch dort, wo es keine Obdachlosen gibt.»

Moderne Pyramiden

Günther Moewes / 11. Okt 2020 - Auch das Bauen von Prestige-Bauten hat mit Ausbeutung und Verteilung von Wohlstand zu tun.

Beim Kreuzfahrtabstecher vor den Pyramiden staunt der westliche Mittelständler: «Mein Gott, was die damals schon geleistet haben!» Doch welches Schicksal wäre ihm wohl in der damaligen Sklavengesellschaft zuteil geworden?

Der kritiklose Tourismus zu Prachtbauten hat seinen Ursprung in der früheren Baugeschichte, die sich vorrangig mit dem höfisch-sakralen Bauen beschäftigte und den alltäglichen Profanbau der Heimatkunde überliess. Das zeigt Parallelen zur heutigen, reichtumsgelenkten, refeudalisierenden Mainstream-Ökonomie. Beide vernachlässigen Armut und Arbeit und stellen allzu selten Brechts Frage des lesenden Arbeiters: «Wer baute das siebentorige Theben?»

Natürlich muss es Bauten der Gemeinschaft geben. Wo denn gelang gemeinschaftsbildende Pracht auch ohne Elend und Ausbeutung? Wo aber beruht feudale Ästhetik auf Menschenverachtung? Wo kamen Grösse und Pracht nur zustande, weil menschliche Qualen und Armut nichts zählten? Mit wieviel Armut und Elend wurden die Kitsch-Schlösser des 19. Jahrhunderts erkauft? Etwa Neuschwanstein!

Wo sind die Höhepunkte der Rücksichtslosigkeit? In den Sklavengesellschaften? Im Kolonialismus? Geschätzte 10 Millionen Tote beim Bau der Chinesischen Mauer, 100’000 beim Suezkanal, 28’000 beim Panama-Kanal!

Viele Länder wurden von kolonialistischer Rücksichtslosigkeit mehrmals überrollt. Ihre Bewohner hegen gegenüber Mega- oder Prachtbauten andere Gefühle als unsere Mittelständler – übrigens auch gegenüber dem Begriff «Kreuzfahrt». Für sie signalisieren die Bauten jahrhundertelange koloniale Aggression und Demütigung. Welche Pflicht zu Selbstkritik und Wiedergutmachung haben die Verursacher dieser Demütigungen?

Rücksichtslosigkeit in diesen Dimensionen scheint in hochindustrialisierten Staaten überwunden. Wirklich? In Deutschland gibt es viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum und deshalb mindestens 300’000 Obdachlose, darunter 32’000 Minderjährige. Es kommt jedes Jahr zu rund 9000 Räumungsklagen. Wie wäre es mit einem Gesetz, das Luxusprojekte wie Reichstagsverhüllung, Elbphilharmonie oder inhaltslose Schloss-Rekonstruktionen nur noch da zulässt, wo es keine Obdachlosen mehr gibt?

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Obiger Text ist dem Buch von Günther Moewes entnommen (Zwischentitel von der Redaktion): «Arbeit ruiniert die Welt – Warum wir eine andere Wirtschaft brauchen», Nomen-Verlag, Frankfurt a.M.
In Deutschland bestellen für 12.00 Euro; in der Schweiz bestellen für 19.90 CHF. Das Buch enthält Kolumnen, die Günther Moewes in der «Frankfurter Rundschau» publizierte.
Aus dem Verlagsprospekt: «Wie viele Viren, Dürren, Hassmails, Fluten und Orkane muss es noch geben, bis die Unverantwortlichen begreifen, dass ihre Wirtschafts- und Arbeitsideologie die Ursache ist? Das Mantra grosser Teile von Politik und Wirtschaft sind Wachstum und Arbeitsplätze, egal ob nützlich oder schädlich. Und die «Thinktanks» der neuen reichen «Superklasse» wollen uns durch allerlei Theorien weismachen, dass ohne eine ungleiche Vermögensverteilung nicht das Überleben der Menschheit gesichert werden kann.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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4 Meinungen

Das neue kommunistische Manifest?!
Patrick Hafner, am 11. Oktober 2020 um 12:45 Uhr
Stimmt schon. Es ist allzu menschlich, die Schattenseiten des eigenen Lebens u. die Schattenseiten im Leben von anderen Menschen unreflektiert zu verdrängen. Die meisten ergötzen sich gerne unrefektiert in einer Form von Ersatzbefriedigung an alldem was ihnen selbst fehlt, Macht, Geltung, gewaltige Vermögen, Mega-Bauten, wie z.B. den Trump-, Roche-, Konzern- u. Finanz-Tower
Eine Superyacht u. ein Luxus-Privatflugzeug sind auch Bauten, nur nicht aus Stein. Die Bewunderung ist gross bei den meisten, die es wesentlich mit ihrer Leistung geschaffen haben.
Die Altertumsforscher gehen davon aus, dass die Pyramiden nicht von Versklavten gebaut wurden, sondern freiwillig, im festen Glauben und der Meinung, die ihnen von geistlichen Herren indoktriniert wurden. Der nach dem Tod vergöttlichte und zum Götter-Himmel aufgefahrene Pharao sollte dem niederen Volk im Land Kemet der 'schwarzen Erde' auch weiterhin Gutes tun.
Die Grossbauten, auch die Mausoleen der griech, Könige u. röm. Kaiser waren ein Zeichen gelungener friedlicher Herrschaft, denn in Zeiten von Cahaos u. Anomie kann das nicht geschaffen werden.
Ludwig Pirkl, am 11. Oktober 2020 um 15:59 Uhr
Internationale Konzerne bauen heute aus Prestigegründen fast überall Wolkenkratzer, wie früher Fürsten, Könige und Kaiser ihr Paläste, geplant von Stararchitekten: In Frankfurt die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Europäische Zentralbank, die DZ Bank. Sogar in St. Petersburg liess sich der Gazprom Konzern nicht lumpen und klotzte das höchste Gebäude Europas hin, ein Turm von 462 Meter Höhe.
In Basel will der Pharmariese Roche noch ein Empfangsgebäude und drei weitere Hochhäuser bauen, darunter ein Koloss von 205 Meter Höhe, wieder entworfen, wie das erste scheussliche abgestufte Hochhaus durch die berühmten Architekten Herzog und de Meuron.

Wirtschaftlich sind solche Wolkenkratzer nicht. Der ROI, der Return on investment bei solchen Gebäuden ist viel schlechter als bei einer Flachbauweise von 5 bis 6 Geschossen.

Heute sollte beim Bau von Häusern auch der ökologische Fussabdruck berücksichtigt werden. Der ist bei Hochhäusern und Wolkenkratzer sehr schlecht. Solche hohen Bauten sind im Bau, Betrieb und im Unterhalt wesentlich umweltbelastender als eine Flachbauweise. «Über 25 Meter Höhe benötigen Bauten wesentlich mehr Bauenergie als darunter. Statik, Fundationen, Erdbebensicherheit, Brandschutz etc. werden sehr aufwendig, Erschliessungssysteme immer umfangreicher, der Anteil an nutzbaren Geschossflächen immer kleiner.» wie Norbert Novotny, Dr. sc. techn. ETH Ingenieur, feststellte.
Der Bau von Hochhäusern widerspricht krass den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft.
Heinrich Frei, am 11. Oktober 2020 um 18:24 Uhr
1996 kam der Film «Breaking the waves» von Lars Tier in die Kinos. Ein Film den ich noch heute für ungeniessbar halte. Ich habe das Kino emotional quasi «auf den Knien gehend» verlassen. Ich war komplett erschlagen, traurig und wütend zugleich. Es geht in diesem Film nicht um sexuelle Misshandlungen der strengen katholischen Kirche, sondern um deren psychische Misshandlungen, Eingrenzungen, Versklavung und Fehlleitungen, was ich noch viel schlimmer finde. Körperliche Misshandlungen kann man eher verdauen als psychische. Und unter den psychischen Misshandlungen leiden tausendmal mehr Menschen als unter den physischen. Nicht nur im Katholizismus, sondern in fast allen Religionen der Welt. Religionen verkünden zwar «Liebe», produzieren aber «Hass». Da stimmt doch was nicht!
Felix von Wartburg, am 12. Oktober 2020 um 03:37 Uhr

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