Provisorischer Radweg: Von den Behörden verordnet in Mailand, illegal in Zürich. © umverkehR

Provisorischer Radweg: Von den Behörden verordnet in Mailand, illegal in Zürich.

Ist das der Durchbruch des Velos?

Felix Schindler / 16. Mai 2020 - Unzählige Städte folgen dem Beispiel Mailands und bauen Radwege, um den ÖV während der Corona-Pandemie zu entlasten.

Solidarität, Eigenverantwortung und Schutzmasken: Das sind, etwas zugespitzt formuliert, die Pfeiler des Schutzkonzepts des BAG für den öffentlichen Verkehr während der Corona-Pandemie. In Zürich konnte man sich am Donnerstag allerdings ein Bild davon machen, wie andere Städte die Mobilität trotz Corona sicherstellen wollen: mit so genannten Pop-up-Radwegen. An der Gessnerallee wurde eine Autospur für den Verkehr gesperrt und zum Radweg umfunktioniert. Aber anders als in zahlreichen Städten weltweit nicht von den Behörden, sondern von Aktivisten des Vereins Umverkehr. Ihnen droht jetzt ein Verfahren.

Nach 30 Minuten war der Spuk vorbei, doch die Forderungen bleiben und werden immer lauter: Umverkehr fordert, dass «in Schweizer Städten flächendeckend Autofahrspuren zu Velowegen umgewandelt werden». Und zwar umgehend. Auch die SP fordert in einem offenen Brief an die Zürcher Polizeivorsteherin, die Grüne Karin Rykart, Autospuren oder Parkplätze für den Veloverkehr freizugegeben. Zudem soll Rykart Quartierstrassen an Sonntagen für Autos sperren und der Stadtbevölkerung als Naherholungsgebiet zur Verfügung stellen. Dies entlaste die beliebten Ausflugsziele, argumentiert die SP.

In Mailand, Rom, Barcelona, New York, Mexico City, Oakland, Bogota, Brüssel und mehreren deutschen Städten sieht man im Fahrrad die Chance, den öffentlichen Verkehr zu entlasten. Jüngstes Mitglied im Kreise dieser Städte: London. Premierminister Boris Johnson kündigte ein «goldenes Zeitalter» für das Fahrrad-Fahren an. Insgesamt will Grossbritannien 2 Milliarden Pfund in Fahrradinfrastruktur investieren, wie Transportminister Grant Shapps ankündigte. In London sind die Arbeiten bereits im Gang.

All diese Städte befürchten, dass viele ÖV-Passagiere wegen der Gefahr einer Corona-Ansteckung auf das Auto ausweichen und zu einem Verkehrskollaps mit allen negativen Folgen beitragen. Dafür, dass das Vorhaben dieser Städte funktionieren könnte, spricht der sprunghafte Anstieg des Veloverkehrs seit dem Ausbruch der Pandemie. Auch in der Schweiz wird laut einem Forschungsprojekt der ETH rund doppelt so viel Velo gefahren.

Nachdem der Platz des Autos während Jahrzehnten unverhandelbar war, scheint der Druck jetzt vielerorts gross genug zu sein, um platzsparende und umweltfreundliche Fortbewegung zu fördern. Infosperber hat vor zwei Wochen darüber berichtet (Mit dem Velo aus dem Lockdown).

In der Schweiz indessen sieht man offenbar keinen Handlungsbedarf – noch nicht.

Weitere Artikel zu diesem Thema auf Infosperber:

- "Warum die Effizienz im Strassenverkehr gesunken ist"

- "Das Velo ist produktiv - leider zu produktiv"

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