Containerschiff, Abgasreinigung, Schiffahrt © Roger Wollstadt/Flickr/CC

Containerschiffe stossen seit Anfang 2020 weniger Schwefelabgase aus. Das alleine reicht aber nicht.

Abgasreinigung von Schiffen gefährlicher als gedacht

Daniela Gschweng / 16. Apr 2020 - Das Verbot von stark schwefelhaltigem Schweröl in der Schifffahrt führt möglicherweise zur Vergiftung von Lebensmitteln.

Seit Anfang 2020 gelten weltweit neue Vorschriften zur Luftreinhaltung im Schiffsverkehr. Der Treibstoff für Container-, Transport- und Kreuzfahrtschiffe darf nur noch 0,5 Prozent Schwefel enthalten. Das preisgünstige Schweröl, das mindestens 3,5 Prozent Schwefel enthält, ist damit verboten. Schiffe ohne Abgasreinigungsanlage, genannt «Scrubber», müssen schwefelärmeren Treibstoff tanken.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein grosser Schritt der Internationalen Hochseeorganisation (International Maritime Organisation, IMO) gegen die Abgasfahnen der Hochseeschifffahrt, ist auf den zweiten Blick nur noch halb so gut. Aus einem internen Bericht der UN-Behörde, den der «Guardian» einsehen konnte, geht hervor, dass «Scrubber» neue Probleme schaffen und womöglich Teile der Nahrungskette vergiften.

Sauberere Luft, dafür schmutzigeres Wasser

Problematisch ist dabei der Reinigungsvorgang. «Scrubber» säubern zwar die Abgase, verschmutzen aber das Wasser. Die Abgase grosser Schiffe werden in einem Waschprozess gesäubert, der viel Wasser verbraucht. Im Waschwasser hängen bleiben beispielsweise Schwefeloxide, Feinstaub und organische Kohlenstoffverbindungen. Die meisten Anlagen arbeiten mit einem offenen Kreislauf, das Waschwasser wird ins Meer abgelassen. Pro Tonne Schweröl entstehen 45 Tonnen warmes, saures Waschwasser, das Karzinogene wie PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe) und Schwermetalle enthält (Infosperber berichtete: «Smoke in the Water»).

Die IMO als regulierende Behörde stellte nun selbst fest, dass diese Strategie womöglich voreilig war. Giftstoffe, die durch das Scrubber-Abwasser ins Meer gelangen, können Fische und Krustentiere kontaminieren. Dadurch können sie auch Menschen schaden, die am Ende der maritimen Nahrungskette stehen. Für eine Risikoabschätzung, rechtfertigt sich die IMO in dem Bericht, habe es nicht genügend Daten gegeben.

Verfahrene Situation

Die Situation ist einigermassen verfahren. Reedereien haben ihre Flotten in den vergangenen Jahren für mindestens 12 Milliarden Dollar mit Abgasreinigungsanlagen ausrüsten lassen. Noch Ende 2019 gab es lange Wartelisten. Die Umrüstung ist ein grosser Einschnitt für die Branche und zahlt sich in schätzungsweise ein bis zwei Jahren aus, abhängig vom Preisunterschied zwischen Schweröl und dem schwefelärmeren Marinediesel.

Verschiedene Länder haben das Ablassen von Scrubberwasser in ihren Hoheitsgebieten vorsorglich verboten. Umweltverbände fordern umgehend ein Verbot von Scrubbern mit offenen Wasserkreisläufen, bis deren Toxizität abgeklärt ist.

Die Reaktion der IMO ist eher mutlos

Währenddessen wird um die Datenbasis gestritten. Auf hoher See, so ein Argument der Transportbranche, verdünne sich das Waschwasser schnell so stark, dass die Verschmutzung marginal und also völlig ungefährlich sei. Giftstoffe aus Scrubber-Abwasser, so hält zum Beispiel die Brüsseler Nichtregierungsorganisation «Transport & Environment» dagegen, könnten sich in Sedimenten anreichern und so lange im Umweltkreislauf bleiben. Die Auswirkungen auf den Menschen seien bislang unbekannt. Die IMO gibt intern an, dass sie nicht allen Studien zu diesem Thema traue.

Der Umgang der Organisation mit der neu aufgetauchten Fragestellung ist bisher eher mutlos. Auf dem jüngsten Treffen vom 17. bis 21. Februar 2020 kündigte das «IMO Sub-Committee on Pollution Prevention and Response» Änderungen in den Richtlinien zur Messung von Waschwasser an, die sich beispielsweise auf dessen pH-Wert beziehen. Für das Ablassen von Waschwasser werde ein Arbeitsschwerpunkt entworfen, der als «Basis für zukünftige Studien zu den Effekten von Waschwasser auf die Umwelt» dienen soll.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Smoke in the Water», Infosperber im Oktober 2019
«Shipping Pollution Regulations could harm Food Chain», The Guardian

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4 Meinungen

Wiedereinmal ein umweltpolitischer Schnellschuss, dessen Folgen pervertiert weil unüberlegt sind. Unvollständig ist die Darstellung, Reedereien hätten 12 000 000 000 $ ausgegeben, für die Abgasreinigung. Bezahlen werden diese Riesensumme nämlich die Konsumenten, zuzüglich Mehrwertsteuer, wie üblich. Und wofür wird nun das Schweröl verfeuert? Für die Zementherstellung, zur Stromgewinnung, oder einfach abgefackelt, zur Entsorgung? Ich hätte noch nicht gehört, dass es nun umweltverträglich deponiert würde und ich glaube nicht, dass es bei der Erdölfraktionierung nun plötzlich nicht mehr anfällt. Vielleicht kann man Strassenbelag daraus herstellen. Oder es einfach im Boden versickern lassen, wie nicht selten zu beobachten in erdölproduzierenden Staaten.
Urs Lauper, am 16. April 2020 um 14:02 Uhr
@Urs Lauper: Darüber hat sich schon einmal jemand Gedanken gemacht - mit überraschendem Ergebnis. Die Preise würden nur minimal steigen, hat der NABU ausgerechnet. Ein T-Shirt würde «um 0,2 Cent» teurer, ein Paar Schuhe «um 5 Cent». Zu finden hier: https://www.deutschlandfunk.de/umweltverschmutzer-schifffahrt-ungeloeste-abgasprobleme.724.de.html?dram:article_id=452269
Daniela Gschweng, am 16. April 2020 um 14:15 Uhr
Die Schadstoffe in der bisherigen Praxis wurden in die Luft geblasen und über kurz oder lang mit dem Regen am Boden und letztendlich im Meer deponiert. Die neu eingeführten Abgasreinigungsanlagen entfernen die Schadstoffe der Verbrennung und versenken sie ins Meer. Das heisst die Abgasreinigung à la Hochseeschifffahrt bewirkt unter dem Strich nicht mehr und nicht weniger Schaden als zuvor. Fazit: es gibt nur einen Weg: Die Schadstoffe müssen vor dem Bunkern aus dem Treibstoff entfernt und sachgemäss entsorgt werden und die Dieselmotoren müssen sauberer betrieben werden!
Samuel Stucki, am 16. April 2020 um 15:21 Uhr
Das ganze Verfahren erinnert stark an die heute übliche Art der Strassenreinigung. Da wird mithilfe der dieselbetriebenen Kehrmaschinen unter ohrenbetäubendem Lärm und Ausstoss von Dieselabgasen inkl. Feinstaub der sichtbare Dreck in unsichtbaren, aber hör- u. riechbaren u. krankmachenden transformiert. Dazu kommt noch, dass sich hinter solchen Maschinen oft PWs, Busse u. LWs stauen u. so für noch mehr Luftverschmutzung u. Lärm gesorgt wird. Wie hat's der Mensch doch weit gebracht......
Franz Peter Dinter, am 16. April 2020 um 16:38 Uhr

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