Medienwirksame Testfahrt eines SBB-Schnellzugs im Dezember 2017 © sbb

Medienwirksame Testfahrt eines SBB-Schnellzugs im Dezember 2017

Fatalistische Haltung gegenüber Automatisierung

Florian Wüstholz / 24. Dez 2017 - Im öffentlichen Verkehr wird fleissig an der Digitalisierung getüftelt. Heikle Fragen werden gerne unter den Teppich gekehrt.

Es ist eine bitterkalte Nacht Anfang Dezember. In Bern macht sich ein neuer Doppelstockzug von Stadler Rail medienwirksam auf die Reise nach Olten. Mit an Bord sind sämtliche hohen Tiere der Branche und erklären den technologischen Durchbruch. Denn der Zug wird nicht mehr von einer LokführerIn gebremst und beschleunigt. Diese Aufgaben übernimmt ein automatisiertes System, welches die Geschwindigkeit selbstständig anpassen und optimieren kann. Die LokführerIn hat nur noch eine überwachende Funktion. Damit ist der erste Schritt zum vollautomatischen Zug gemacht.

Derweil schlafen in Sion die beiden Shuttles «Tourbillon» und «Valère» in ihrem Depot. Denn am nächsten Morgen stehen die beiden Busse frisch aufgeladen wieder in der Sittener Altstadt im Einsatz. Seit zwei Jahren kurven sie hier für die Postauto AG teilautonom durch die Gassen. Ein Pilotprojekt, das gerade erst kürzlich verlängert und ausgeweitet wurde. Noch überwacht eine PilotIn die Fahrt und greift im Notfall ein. Doch auch das soll sich in Zukunft ändern, damit Menschen per ÖV in jedem Tal und jedem Städtchen bis vor die Haustüre gondeln können.

Die Zeit drängt

SBB und Postauto sehen sich unter Druck. Denn im Ausland wird vielerorts an Alternativen zum öffentlichen Verkehr getüftelt. «Die Mobilität verändert sich», erklärt Jürg Michel von Postauto. Für den Projektleiter der Sittener «SmartShuttles» ist es entscheidend, den Fortschritt eigenhändig voranzutreiben. Denn man fürchtet sich vor neuen Anbietern wie Uber, Tesla oder Google. Auf keinen Fall will man von deren selbstfahrenden Autos ausgespielt werden und die Entwicklung verpassen. «Es gibt neue Anbieter und viele dringen dabei auch in den Bereich des ÖV ein», begründet Michel.

Bei der SBB sieht man das ähnlich. «Wir brauchen die Automatisierung, um die Eisenbahn starkzuhalten», verdeutlicht SBB-Chef Andreas Meyer im Rahmen der Medienfahrt die Strategie. Das Ziel sei dabei nicht, Personal einzusparen. Denn die automatische Fahrt sei noch weit von der Autonomie entfernt. Zudem werde es auch in Zukunft Personal im Zug benötigen, um im Störungsfall einzugreifen. Stattdessen soll die Kapazität auf der Schiene erhöht werden. Durch eine zentrale Steuerung der Abstände und Geschwindigkeiten der einzelnen Züge könnten womöglich bald 30% mehr Passagiere transportiert werden.

Die Digitalisierung als Naturgesetz

Der Dynamik der Digitalisierung stehen die Unternehmen dabei erstaunlich fatalistisch gegenüber. Man vergleicht sie mit einem Naturgesetz, das es schlicht zu akzeptieren gilt. Entsprechend rolle die Automatisierung unaufhaltsam über die Welt. Darum sei es wichtig, rechtzeitig auf den Zug aufzuspringen, um nicht abgehängt zu werden. Der Soziologe Florian Butollo der Universität Basel hält diese Einstellung für problematisch. «Technologieentwicklung muss als etwas Verhandelbares verstanden werden», argumentiert er. Es dürfe nicht sein, dass von Unternehmen Fakten geschaffen werden, die dann von der Gesellschaft ausgebadet werden müssen.

Unternehmen präsentieren die Digitalisierung gerne als Überlebenskampf, als bleibe gar nichts anderes übrig, als sich dem Druck zu beugen und mitzumachen. Doch mit der Optimierung der verschiedenen Prozesse lockt auch ein grösserer Profit. Es gibt also durchaus ein Interesse, in die Automatisierung zu investieren. Gleichzeitig bleiben Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse am Gemeinwohl hängen. Darum blicken Gewerkschaften mit Sorge in die Zukunft. Denn auch hier wird die Digitalisierung als etwas Unaufhaltsames empfunden. Doch plädiert Daniela Lehmann vom SEV dafür, dass es «eine gesamtgesellschaftliche Umverteilung der Gewinne geben müsse, die durch die Digitalisierung erreicht werden».

Wie das genau aussehen könnte, weiss jedoch niemand. Ein bedingungsloses Grundeinkommen erwähnt man nur im Flüsterton, denn die Finanzierung wäre alles andere als klar. Im Kanton Genf will man es vorerst mit einer Sondersteuer versuchen. Der Gesetzesentwurf sieht vor, Selbstbedienungskassen pauschal zu besteuern und dieses Geld in sozialpolitische Projekte zu investieren. Butollo ist skeptisch. Solche Massnahmen bremsen vielleicht die Entwicklung, lösen aber alleine noch nicht die grundlegenderen Probleme.

Gleichwertige Berufsfelder vs. «lovely and lousy jobs»

Viele Menschen treibt die Angst vor der Arbeitslosigkeit um. Denn technologische Revolutionen gingen in der Vergangenheit oft mit einer radikalen Transformation des Arbeitsmarktes einher. Die Gefahr besteht, dass signifikante Teile der Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig ist man sich einig, dass es im öffentlichen Verkehr auch in Zukunft noch Menschen brauchen wird. So meint Daniela Lehmann: «Das System wird nie völlig autonom funktionieren. Es braucht überall Menschen, die eingreifen können.» Auch Andreas Meyer winkt ab. In Zukunft werde es «auf jeden Fall» weiterhin Personal brauchen, welche im Zug sofort eingreifen können.

Die schwierige Frage ist, wie neue Berufsbilder aussehen und ob es gelingt, bestehende ArbeitnehmerInnen durch Weiterbildung und Umschulung darauf vorzubereiten. Die Analogie des «Liftboys» wird von BefürworterInnen der Automatisierung gerne zur Hand genommen. Zwar gäbe es heute kaum mehr Liftpersonal, doch im Gegenzug unzählige Menschen, die im Liftbau und im Service arbeiten. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich im Buchdruck beobachten. Dieser findet heute hochgradig automatisiert statt. Stattdessen gibt es heute Webdesigner und Programmierinnen. Die neu entstandenen Berufe haben also den Jobschwund locker aufgefangen.

Butollo erläutert, dass es sich hierbei um eine Verschiebung zu neuen gleichwertigen Berufsfeldern handelt. «Man kann nicht pauschal sagen, dass gute Jobs weggefallen und schlechte entstanden sind. Sie sind einfach anders», analysiert er. Das könnte hoffnungsvoll stimmen. Doch gleichzeitig beobachtet er auch eine andere Entwicklung. Im industriellen Sektor polarisiert sich die Arbeit mitunter in qualifizierte Facharbeit und Einfacharbeit in der Logistik; in «lovely and lousy jobs», wie es die Soziologen Maarten Goos und Alan Manning in einer Studie bezeichneten. Ob es im öffentlichen Verkehr auch so kommen wird, lässt sich schwierig prognostizieren. Denn die konkrete Entwicklung der Digitalisierung sei «sehr standortabhängig», meint Butollo.

Kapitalistische Wachstumslogik

Jürg Michel glaubt nicht daran, dass sich das Berufsfeld der BuschauffeurIn in nächster Zeit gross verändert. Denn die Shuttles in Sion sollen die regulären Busse gar nicht ersetzen. Vielmehr geht es darum, neue Märkte und Bedürfnisse zu schaffen. Autonome Busse seien «eine Ergänzung zum gesamten Netz. Wir möchten den ÖV als Gesamtes stärken.» Die gesellschaftlichen und ökologischen Kosten einer solchen Stärkung fliessen jedoch nicht in die Rechnung mit ein.

«Die Digitalisierung ist ein absolutes Wachstumsprogramm, als ob es kein Morgen gäbe», meint darum auch Butollo. Technologische Fortschritte und versprochene Quantensprünge verschleiern dabei gerne die tatsächlichen Auswirkungen. «Diese Entwicklung folgt der Wachstumslogik und kennt deshalb auch keine ökologischen Grenzen», legt Butollo nach. Bei neuen Mobilitätsangeboten stellt beispielsweise niemand die Frage, ob diese im Endeffekt zu einer nachhaltigen Gesellschaft führen. Und nicht zuletzt wird Nachhaltigkeit auf den lokalen CO2-Ausstoss reduziert, ohne dass Probleme in der Herstellung oder die Gefahr eines Reboundeffekts in Betracht gezogen werden.

Statt sich bloss mit der technologischen Machbarkeit zu befassen, wäre es wichtig, sich intensiv mit den verknüpften Problemen zu befassen. Die Digitalisierung ist bereits in vollem Gang, während die gesellschaftliche Debatte noch im Halbschlaf schlummert. Es genügt nicht, in den Feuilletons über ethische Dilemmas von selbstfahrenden Autos zu diskutieren. Stattdessen muss der Diskurs einen Weg in die Politik finden. Hierbei könnte sich das Rechnen mit Arbeitsplätzen als nebensächlich erweisen. Denn «der Kapitalismus will immer neue Arbeit in Wert setzen und neue Bedürfnisse kreieren. Es ist undenkbar, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht», prognostiziert Butollo. Darum braucht es viel eher eine Debatte über die Art der Arbeit in der Zukunft.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Florian Wüstholz hat Philosophie und Soziologie studiert. Er schreibt für Online- und Printmedien wie Surprise, Zeitpunkt, Transhelvetica oder tink.ch. Die Recherche für den vorliegenden Artikel wurde von den Schweizer Akademien der Wissenschaften unterstützt.

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3 Meinungen

Der Artikel zeigt gut geordnet, die gewaltige Problematik der künftigen Arbeitsplätze im Automatisierten Umfeld auf, was für den sozialen Frieden und den beruflichen Zukunftsperspektiven der Bevölkerung (vor allem der Kinder), immens wichtig ist.

Dazu kommen aber additiv noch weitere Problembereiche. Einer davon ist die vorab nicht wirklich «richtig» regelbare Haftungsfrage bei Unfällen, die ja auch künftig passieren werden, egal wie stark «automatisiert» ist. Wo sind die Grenzen zwischem «menschlichen Versagen» etwa bei direkter Steuerung, hin zu Unfällen etwa durch Programmierfehler in der Steuersoftware. Wie ist die Haftung, wenn als Unglücksursache, irgendein Hardwareteil versagte, das z.B. in der Schweiz mit Bauteilen aus China, Japan, Taiwan, Indonesien und USA, zusammengebaut worden ist und anfangs offenbar korrekt funktionierte?

Wie ist es mit Haftungsfragen und Sicherheit bezüglich Manipulationen von Steuerungen über Netz- oder Funknetz-Hacken? Dabei vermutlich nochmals zu unterscheiden, etwa zwischen einem gelangweilten jugendlichen Hacker, der nur mal «spielen» wollte und einem «echten» Terroristen» mit der vollen Absicht nach möglichst vielen Toten und Schäden?

Die Totale Automatisierung führt ja auch dazu, daß künftig mit ein paar bösen eingeschleusten Programmzeilen, sogar mehr Schaden angerichtet werden und mehr Menschen getötet wie auch verletzt werden können, als mit chemischem Sprengstoff. Darüber aber liest man bisher eher wenig in den Medien.
Werner Eisenkopf, am 24. Dezember 2017 um 12:59 Uhr
Danke dem Autor, Florian Wüstholz, für seine ausgewogene Darstellung einer grossen gesellschaftlichen Umwälzung, welche in den nächsten Jahren unaufhaltsam (!!) auf uns zukommt.
- Die Digitalisierung unserer Gesellschaft, privat + gesellschaftlich, ist für mich tatsächlich unaufhaltsam, wie damals die Einführung des Autos oder der Elektrizität. Das erklärt dann auch ein Stück weit unsere fatalistische Grundhaltung.
-- Damit kommen enorme Umwälzungen auch in der Arbeitswelt auf uns zu: 'Industrie 4.0' als Stichwort. Der Autor projiziert sie auf 2 Staatsbetriebe. In der Privatwirtschaft sieht das kein bisschen besser aus.
-- Damit werden gute Jobs der traditionellen Sorte auch viel rarer werden als heute, mit enormen Folgen auf unser Einkommen, ebenso wie auf unsere private Steuerkraft.
-- Damit erkennen wir auch, wie fehlgeleitet unsere Politik nun seit Jahren handelt, wenn sie versucht, die Unternehmenssteuern zu halbieren. Woher soll das Steueraufkommen denn in Zukunft stammen, wenn nicht von der Wirtschaft?
- Deshalb plädiere ich mir dem Autor dafür, diese Umwälzung infolge der Digitalisierung zu gestalten, nicht zu erleiden. Und das ist eine eminent politische Aufgabe für Vollblut-Politiker*Innen mit echtem Weitblick.

Dumme Frage: Verfügen wir in der Schweizer Politik derzeit über solche Vollblut-Politiker*Innen mit echtem Weitblick, welche uns bei dieser Umwälzung im Sinn von 'Gemeinwohl' begleiten und diese Umwälzung anführen können + wollen?
Dr. sc. techn. ETH Konrad Staudacher, am 24. Dezember 2017 um 13:17 Uhr
„Man vergleicht die Digitalisierung mit einem Naturgesetz, das es schlicht zu akzeptieren gilt.“
Das Gleiche könnte man über das Geld sagen, welches auch wie ein Naturgesetz gehandhabt wird.
„Ein bedingungsloses Grundeinkommen erwähnt man nur im Flüsterton, denn die Finanzierung wäre alles andere als klar.“
Man müsste sich fragen, was sich wirklich ändern müsste, bei einem bedingungslosen Grundeinkommen, bzw. nur ein Ersatzeinkommen für diejenigen, welche den Job verlieren. Dabei sollte man sich mal überlegen, woher das Geld überhaupt herkommt. Es ist nicht der Chef oder die Firma welche den Lohn zahlt, denn das Geld stammt aus dem Produkt, welches verkauft wird. Der Konsument bzw. Investor ist der „Zahler“. Braucht es nun beim Ersatz- oder Grundeinkommen eine höhere Geldmenge? Wenn ein Betrieb digitalisiert hat er dann weniger Umsatz? Was kommt teurer, z.B Fr.4000-. Lohn oder Fr.4000 Ersatz- oder Grundeinkommen? Wenn dank Digitalisierung Löhne eingespart werden wird dann das Produkt um den gleichen Faktor günstiger? Würde wenn es gleich teuer kommt für die Wirtschaft, egal ob sie Löhne oder Ersatzeinkommen in gleicher Höhe leisten muss, noch immer ein grosses Interesse an Digitalisierung bestehen?
Der Unterschied zwischen 4000-. Lohn und 4000-. Ersatzeinkommen besteht einzig darin, dass der Lohn leistungsbezogen, das Ersatzeinkommen leistungslos ist. Genau wie Dividenden, Börsengewinne, Zinsen Kapitalgewinne usw. doch da stellt niemand die Frage nach der Finanzierung?
Edgar Huber, am 24. Dezember 2017 um 17:06 Uhr

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