Irreführender Titel auf der Webseite der «AG Energie und Umwelt» © ageu-die-realisten.com
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Faktencheck: «500 Wissenschaftler» gegen aktuelle Klimapolitik

Alice Echtermann / Till Eckert / 22. Okt 2019 - Einige Medien berichteten unkritisch über einen «offenen Brief» an die UNO. «Correctiv» hat die Autoren unter die Lupe genommen.

Haben sich 500 Wissenschaftler gegen die aktuelle Klimapolitik gewandt und die Gefährlichkeit des Klimawandels bestritten? So jedenfalls liest es sich in Berichten auf Webseiten wie Tichys Einblick. Dort erschien am 26. September ein Artikel mit dem Titel «500 Wissenschaftler erklären: ‹Es gibt keinen Klimanotfall›». Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6900 Mal auf Facebook geteilt. 

Ein weiterer Artikel («Über 500 Wissenschaftler widersprechen These vom ‹menschengemachten Klimawandel›») der Seite Unsere Natur wurde mehr als 9800 Mal geteilt. Auch Epoch Times (2200 Mal geteilt) und Watergate.tv (2000 Mal geteilt) schreiben  von «500 Wissenschaftlern», ebenso wie die US-Webseite Breitbart am 24. September (20'000 Mal geteilt).

In der Schweiz berichtete die «Weltwoche» am 9. Oktober unter dem Titel «Frischluft für die Klimadebatte» über die «Europäische Klima-Deklaration», die «500 qualifizierte Persönlichkeiten» unterzeichnet haben.

Die Berichte beziehen sich auf einen offenen Brief mit der Überschrift «There is no Climate Emergency» («Es gibt keinen Klimanotfall»). Er ist an den UN-Generalsekretär António Guterres und die Exekutivsekretärin Patricia Espinosa Cantellano vom Sekretariat UN Climate Change adressiert und wurde am 22. September auf der Webseite der niederländischen Stiftung Climate Intelligence Foundation (Clintel) veröffentlicht. 

Die Verfasser des offenen Briefs behaupten nicht, dass es sich bei den Unterzeichnern nur um Wissenschaftler handle. Die Liste der Unterzeichner enthält etwas mehr als 500 Namen, aus 24 Ländern. Sie werden als «scientists and professionals» (Wissenschaftler und Experten) bezeichnet. 

In dem Brief finden sich Forderungen und Kritik an der «Klimapolitik» oder Forschungsgrundlagen, ausserdem auch fünf Tatsachenbehauptungen ohne Quellenangabe. Inzwischen gab es in mehreren Ländern Faktenchecks dazu, zum Beispiel von Climate Feedback. Die Fakten-Checker von «Correctiv» haben die Behauptungen ebenfalls geprüft:

1. Behauptung: «Natürliche wie auch anthropogene Faktoren verursachen eine Erwärmung»

    Unter diesem Punkt steht im Brief: «Das geologische Archiv zeigt, dass das Erdklima sich schon so lange verändert, hat, wie es den Planeten gibt, mit natürlichen Kalt- und Warmphasen. Erst 1850 endete die Kleine Eiszeit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir jetzt eine Phase der Erwärmung erleben.»

Dass es sowohl natürliche als auch menschliche Einflüsse auf die Erderwärmung gibt, darin stimmen Forscher grossteils überein. Jedoch werden die Faktoren unterschiedlich gewichtet – und der menschliche Einfluss dabei meist höher, zumindest seit der Industrialisierung. In einem kürzlich veröffentlichten Faktencheck zitierte «Correctiv» dazu aus einem aktuellen Bericht zu natürlichen Klimafaktoren des U.S. Global Change Research Program, an dem unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa mitwirkt. In dem Bericht steht (unter Punkt 2.3), dass zu den «wichtigen Klimafaktoren im Industriezeitalter» sowohl menschliche Aktivitäten gehören, als auch «in geringerem Masse» solche natürlichen Ursprungs. 

Auch das deutsche Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite über natürliche Faktoren für Erderwärmung und stellt die Industrialisierung heraus: «Bis zum Beginn der Industrialisierung waren die Auswirkungen menschlicher Eingriffe lokal oder regional begrenzt. Seit der Industrialisierung werden jedoch deutliche überregionale und globale Änderungen im Stoffhaushalt der Atmosphäre als Folge menschlichen Wirkens beobachtet.» 

Richtig ist laut der Freien Universität Berlin, dass die Kleine Eiszeit bis 1850 andauerte und wir gerade in einem sogenannten Holozän, einer Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters leben. Laut den Ergebnissen einer Studie unter anderem des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung von 2016, könnte die derzeitige Warmzeit weitere 50'000 Jahre anhalten. Nach Ansicht der Forscher könnten CO2-Emissionen die nächste Kaltzeit aber auch um mindestens 100'000 Jahre aufschieben.

2. Behauptung: «Die Erwärmung verläuft viel langsamer als vorhergesagt»

    Dazu steht im Brief: «Die Welt hat sich mit weniger als der Hälfte der ursprünglich vorhergesagten Rate erwärmt, und mit weniger als der Hälfte der Rate, die aufgrund vom tatsächlichen menschlichen Einfluss und Strahlungsungleichgewicht zu erwarten ist. Es sagt uns, dass wir weit davon entfernt sind, den Klimawandel zu verstehen.»

Unerwähnt bleibt, wer diese Erwärmungsrate «vorhergesagt» haben soll und auf welche Grundlage sich das stützt. Ebenso wird nicht angegeben, wie hoch oder niedrig diese «Rate» geschätzt worden sein soll oder wie hoch sie jetzt sei. Ohne diesen Kontext und Quellenangaben ist es schwierig, die Behauptung zu verifizieren. Es gab in der Vergangenheit zwar immer wieder Studien, die eine schnelle Erwärmungsrate thematisieren, in der Regel aber im Vergleich zu in anderen Zeiträumen gemessenen Temperaturen; so zum Beispiel in dieser Studie der Universität Maryland, die im Juli veröffentlicht wurde. Dabei wurde die Klimaentwicklung der vergangenen 2000 Jahre anhand von Aufzeichnungen rekonstruiert.

Unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa erhebt Daten zum Temperaturanstieg auf der Erde. In einer Grafik (unten) ist beispielsweise zu sehen, wie die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich anstieg, die Sonneneinstrahlung in der gleichen Zeit aber zurückging.

Der offene Brief liefert keine Belege für die Behauptung, die Erderwärmung verlaufe langsamer als vorhergesagt.

3. Behauptung: «Klimapolitik stützt sich auf inadäquate Modelle»

    Dazu steht im Brief: «Klimamodelle haben viele Mängel und sind als politische Instrumente nicht im Entferntesten plausibel. Ausserdem übertreiben sie höchstwahrscheinlich die Wirkung von Treibhausgasen wie CO2. Darüber hinaus ignorieren sie die Tatsache, dass die Anreicherung der Atmosphäre mit CO2 von Vorteil ist.»

Welche Klimamodelle konkret «Mängel» aufweisen sollen und wie diese aussehen, wird in dem Brief nicht erwähnt. «Correctiv» hat deshalb beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung um eine allgemeine Einschätzung zu Klimamodellen gebeten. Eine Sprecherin verwies per E-Mail auf den Blogbeitrag eines Abteilungsleiters des Instituts, Stefan Rahmstorf. Rahmstorf schreibt darin: «Seit den 1970er Jahren gibt es quantitative Modelle zur Vorhersage der Erwärmung, und seither läuft die Erwärmung übrigens auch ziemlich genauso ab wie vorhergesagt

Forschungsverbünde wie der Weltklimarat IPCC oder das U.S. Gobal Change Program geben zu ihren Aussagen und Prognosen ausserdem jeweils an, wie wahrscheinlich sie sind. Das basiert darauf, wie sicher zum Beispiel eintreffende Klimaereignisse prognostiziert werden können, wie gut messbar und plausibel die gesammelten Forschungsergebnisse dazu sind. Der derzeitige Forschungsstand wird somit transparent und nachvollziehbar gemacht – und wo und warum es Zweifel gibt, wird kenntlich gemacht. Dass die Klimaforschung generell unplausibel oder mangelhaft sei, ist demnach nicht richtig.

Ob die Wirkung von Treibhausgas «übertrieben» oder die Anreicherung von CO2 wirklich «von Vorteil» ist, prüfen wir in den nächsten Punkten.

4. Behauptung: «CO2 ist pflanzliche Nahrung, die Grundlage allen Lebens auf der Erde»

    Im Brief steht zu diesem Punkt: «CO2 ist kein Schadstoff. Es ist für alles Leben auf der Erde unerlässlich. Photosynthese ist ein Segen. Mehr CO2 ist für die Natur von Vorteil und begrünt die Erde: Zusätzliches CO2 in der Luft hat das Wachstum der globalen pflanzlichen Biomasse gefördert. Es ist auch gut für die Landwirtschaft, da es die Erträge der Pflanzen weltweit erhöht.»

Dass CO2 eine Art Düngeeffekt für die Erde hätte und mehr davon von Vorteil für Pflanzenwachstum wäre, ist keine neue Behauptung. Sie ist seit mindestens zehn Jahren im Umlauf, wie ein Artikel von Politifact von 2009 zeigt. Verschiedene Forscher und Studien widersprechen dieser Darstellung jedoch. 

Rob Jackson, Professor für Klimawandel und Biologie an der Duke Universität in Durham, sagte Politifact dazu damals: «Ist Kohlendioxid gut für Pflanzen? Die knappe Antwort ist: ja. Aber ich denke es ist irreführend zu sagen, dass, nur weil CO2 gut für Pflanzen ist, es gut für die Umwelt ist. Das ist so wie wenn man sagen würde, dass Steroide gut für Menschen sind – sie bauen ja Knochen und Muskeln auf. Aber sie haben auch andere Wirkungen.» Rob Jacksons Forschung zeige zum Beispiel, dass es bei höheren CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre mehr Holzwachstum geben würde, aber dass es durch die höheren Temperaturen auch mehr Schädlinge und durch mehr Verdunstung längere Dürren geben könnte, schreibt Politifact

In der Forschung werden unter anderem genau diese zwei Faktoren, höhere Temperaturen und mehr Dürren, als Folgen des Klimawandels erwartet. Dass mehr CO2 «gut für die Landwirtschaft» sei, wie im Brief behauptet, ist so nicht richtig: Die Webseite Klimafakten.de hat für einen Artikel zum Thema vier Studien zusammengetragen, die zum Ergebnis kommen, dass infolge der Erderwärmung Ernteerträge abnehmen würden (von 2014201520162016). Der Weltklimarat IPCC warnt in seinem fünften Sachstandsbericht, dass die Erträge von Weizen, Reis und Mais infolge der Erderwärmung zurückgehen könnten. In einer Studie von 2017 kommen mehrere Forscher nach Tests zum Ergebnis, dass das Baumwachstum unter erhöhtem CO2 nicht signifikant zugenommen hat; was wiederum einem Teil von Rob Jacksons Forschung widerspricht.

Die Aussage, wonach mehr CO2 ausschliesslich vorteilhaft für die Erde sei, lässt demnach gegenteilige Forschungsergebnisse ausser Acht und kann nicht so pauschal getroffen werden.

5. Behauptung: «Die globale Erwärmung hat die Zahl der Naturkatastrophen nicht erhöht»

    Dazu steht im Brief: «Es gibt keine statistischen Belege dafür, dass die globale Erwärmung Hurrikane, Überschwemmungen, Dürren und ähnliche Naturkatastrophen verstärkt oder häufiger verursacht. CO2-Minderungsmassnahmen sind jedoch ebenso schädlich wie kostspielig. So töten Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse, und Palmölplantagen zerstören die Biodiversität der Regenwälder.»

«Statistische Belege» oder Daten dafür, dass die globale Erwärmung zu einer steigenden Anzahl Naturkatastrophen führt, sind schwer zu erheben, weil das Klima ständig variiert. Mehrere offizieller Stellen und Forschungsverbünde gehen aber wegen einer Zunahme von Hitzewellen oder Starkregenereignissen davon aus, dass auch Naturkatastrophen zunehmen werden. 

Mehrere US-Behörden, darunter die Nasa, veröffentlichten Ende 2018 einen Bericht, in dem sie vor einer Verschärfung von Naturkatastrophen durch die globale Erwärmung warnen. In einem Bericht von 2017 steht mit «mittelmässiger Sicherheit»: «Menschliche Aktivitäten haben wesentlich zur beobachteten Variabilität der Ozean-Atmosphäre im Atlantik beigetragen und diese Veränderungen haben zu dem seit den 1970-er Jahren beobachteten Aufwärtstrend der nordatlantischen Hurrikaneaktivität beigetragen.»

Das deutsche Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite zu diesem Thema: «Nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die fortschreitende Klimaerwärmung zu Veränderungen der Stärke, der Häufigkeit, der räumlichen Ausdehnung und der Dauer von Extremwetterereignissen führen.»

Was das Umweltbundesamt auf seiner Webseite zu Risiken von Naturkatastrophen schreibt. (Screenshot: «Correctiv»)

Dass «CO2-Minderungsmassnahmen» wie Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse töten, stimmt. Eine abschliessende Beurteilung zum Ausmass des Schadens für Vögel oder Fledermäuse durch Windenergie ist aber nicht möglich, wie ein «Correctiv»-Faktencheck gezeigt hat. Eine gängige Windkraftanlage spart nach Ansicht von Experten im Durchschnitt zudem wesentlich mehr CO2 ein als der dafür gerodete Wald; das hat «Correctiv» ebenfalls für einen Faktencheck recherchiert.

Dass Palmöl-Plantagen die Biodiversität der Regenwälder zerstören, oder zumindest dazu beitragen, stimmt laut dem deutschen Umweltbundesamt grösstenteils. Es schreibt dazu auf seiner Webseite: «Die Ölpalmen-Plantagen in Monokultur schaden der Umwelt. Menschen und Tiere verlieren ihren natürlichen Lebensraum. Das Grundwasser wird durch die Düngung der Pflanzen geschädigt. Das Klima leidet unter der Entwaldung.»

6. Behauptung: «Klimapolitik muss wissenschaftliche und wirtschaftliche Realitäten respektieren»

Dieser letzte Punkt ist keine Tatsachenbehauptung sondern eine Meinung. Meinungen sind nicht überprüfbar.

Fazit von «Correctiv» zu den Tatsachenbehauptungen im Brief:

Die Aussagen sind – bis auf zwei – zwar in Teilen richtig, sie lassen aber oft zentralen Kontext aus, etwa zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen. Weil diese wichtigen Positionen fehlen, können die Behauptungen irreführend gelesen werden. Zudem werden zu keiner einzigen Behauptung nachvollziehbare Quellen, Belege oder Zitate angeführt, obwohl das in der Wissenschaft eigentlich die Norm ist.

Die Organisation Climate Feedback hat den offenen Brief von sechs Forschern analysieren lassen: Diese kommen zum Schluss, dass seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit insgesamt als «sehr gering» zu bewerten ist. So handle es sich dabei eher um «Rosinenpflücken», der Brief sei inakkurat und voreingenommen.

Wer steckt hinter dem offenen Brief? 

Die sogenannte «European Climate Declaration» wurde von der Climate Intelligence Foundation (Clintel) aus den Niederlanden veröffentlicht. Die 2019 gegründete Stiftung will sich nach eigenen Angaben für eine «positivere Sicht» auf den Klimawandel und eine Veränderung der Klimapolitik einsetzen. Im Mittelpunkt steht die Ansicht, dass der Einfluss von CO2 auf das Klima geringer sei als behauptet. 

Clintels-Mitgründer Guus Berkhout wird als Initiator der Aktion genannt. Berkhout studierte Elektrotechnik, startete seine Karriere in den 1960er-Jahren beim Ölkonzern Shell und lehrte dann an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. 

Wer sind die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner?

Die meisten Personen auf der Liste stammen aus Europa, aber es sind auch Personen aus den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland dabei. Einer der prominentesten Namen auf der Liste ist Vaclav Klaus, ehemaliger Ministerpräsident der Tschechischen Republik, der bereits 2007 in seinem Buch «Blauer Planet in grünen Fesseln: Was ist bedroht? Das Klima oder die Freiheit?» die Angst vor dem Klimawandel als übertrieben und sogar gefährlich darstellte. 

Auch viele andere der Unterzeichner sind bekannt dafür, die Gefahren durch den Klimawandel und den Einfluss des Menschen und des CO2 auf die globale Erwärmung als gering zu bezeichnen. Von den 13 Deutschen, die auf der Liste stehen, sind dies zum Beispiel Horst-Joachim Lüdecke und Fritz Vahrenholt. Lüdecke war nach Angaben einer Sprecherin bis 2008 Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlands, im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Lehrgebiet «Praktische Informatik». 

Vahrenholt vertritt die Ansicht, der Einfluss des Menschen auf das Klima – im Wesentlichen durch den gestiegenen CO2-Ausstoss – sei nur halb so gross wie vom IPCC angenommen. Darauf wies er «Correctiv» nach Veröffentlichung dieses Artikels per E-Mail hin. Vahrenholt arbeitete früher als Honorarprofessor an der Universität Hamburg im Fachbereich Chemie, war ausserdem Hamburger Umweltsenator für die SPD, danach Manager bei Shell. Er baute die Windkraft-Firma Repower mit auf. 2008 bis 2012 arbeitete er bei RWE Innogy erst als Geschäftsführer und dann nach Aussage eines RWE-Sprechers von 2012 bis 2014 als Aufsichtsratsvorsitzender. Heute ist Vahrenholt Alleinvorstand der Deutschen Wildtier-Stiftung.

Mindestens 8 der 13 Deutschen sind im Ruhestand. Drei haben eine direkte Verbindung zum Europäischen Institut für Klima und Energie (Eike), ein deutscher Verein, der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel als nicht bewiesen bezeichnet. Sie sind dort entweder als Autoren tätig (Döhler) oder sitzen im Fachbeirat (Lüdecke, Ewert). Weitere Personen von der Liste werden häufig von Eike zitiert oder traten bei Veranstaltungen des Vereins auf (Vahrenholt, Kirstein, Kutschera, Harde, Kröpelin, Weiss). 

Angaben zur Biografie sind teilweise falsch

Auffällig ist auch: Bei einigen Deutschen sind die Angaben zur Biografie in der Liste stehen nicht korrekt. So steht bei Carl-Otto Weiss, er sei unter anderem «emeritierter Professor in Nichtlinearer Physik» und «ehemaliger Präsident des Deutschen Meteorologischen Instituts in Braunschweig». «Correctiv» fand jedoch keinen Beleg, dass Weiss Professor an einer Universität oder Hochschule war. Und in Braunschweig, wo er zwar von 1973-2006 Mitarbeiter bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) war, gibt es kein «Deutsches Meteorologisches Institut», wie ein Pressesprecher «Correctiv» per E-Mail mitteilte. «Die PTB ist das ‹Nationale Metrologieinstitut Deutschlands›, d.h., es geht in der PTB um die Wissenschaft des Messens und nicht um das Wetter.» Weiss sei promovierter Wissenschaftler, nicht Professor. Zuletzt habe er bei der PTB nicht als Präsident sondern als Leiter des Fachbereichs «Zeit und Frequenz» gearbeitet.

Zwei weitere Beispiele für irreführende biografische Angaben in der Liste sind Dietrich Bannert, angeblich «Professor Honoris Causa» der Universität Marburg, und Klaus-Dieter Döhler, angeblich «Professor für Pharmawissenschaften an der Universität Hannover». 

Bannert ist seit 1995 Honorarprofessor des Fachbereichs Geowissenschaften der Universität Marburg. «Dabei handelt es sich nicht um eine Ehrenprofessur, wie die Angabe ‹Professor Honoris Causa› vermuten lässt», teilte eine Pressesprecherin der Uni «Correctiv» per E-Mail mit. Bannert hatte als promovierter Geologe also keine Professorenstelle inne, hielt aber nach Angaben der Sprecherin bis 1995 Lehrveranstaltungen ab.

Über Döhlers angebliche Professur an der Universität Hannover fanden wir keine Belege. Bis 1984 arbeitete er an der Medizinischen Hochschule Hannover im Bereich Klinische Endokrinologie. Er bekam dort ausserdem den Titel «ausserplanmässiger Professor» verliehen. Aktuell ist er ist Geschäftsführer der Firma Curatis Pharma in Hannover. 

Wissenschaftler bestätigen Unterschriften

Um zu prüfen, ob die Personen auf der Liste den offenen Brief tatsächlich unterzeichnet haben, kontaktierte «Correctiv» stichprobenartig zehn von ihnen. Alle haben naturwissenschaftliche Fachgebiete und sind noch nicht in Rente. Von den kontaktierten Personen antworteten acht und bestätigten, dass sie den Brief unterschrieben haben und die darin aufgestellten Thesen und Forderungen unterstützen. 

Lediglich der Biologe Ulrich Kutschera schrieb, er unterstütze nicht alle Aussagen in dem offenen Brief völlig: Er sehe im Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre «ein Problem, das angegangen werden muss […] aber ohne Panik und Hysterie – die Probleme sind lösbar.»

Es sind nicht 500 Wissenschaftler

«Correctiv» hat die Liste der Unterzeichnenden systematisch nach bestimmten Begriffen durchsucht, um herauszufinden, welchen Fachgebieten die Personen angehören. 

Die Suche zeigt: Von den 500 sind längst nicht alle Wissenschaftler. Zum Beispiel Campbell Rankine aus Australien ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf Steuerrecht. Reynier Pronk aus den Niederlanden wird bezeichnet als «ehemaliger IT-Manager, Berater für Projektmanagement und Trainer». Christopher Monckton ist ehemaliger Politiker, unter anderem mit Verbindungen zur britischen Ukip-Partei. Und Marcel Crok, Mitgründer der niederländischen Stiftung Clintel, ist laut der Liste ein Journalist. 

Andere Unterzeichner haben zwar akademischen Hintergrund, jedoch nicht in naturwissenschaftlichen Fächern – wie Drieu Godefridi aus Belgien («Doktor in Jura»), Jean-Pierre Bardinet aus Frankreich («Ingenieur») oder Marian Radetzki aus Schweden («emeritierter Professor für Wirtschaft, Luleå Universität»). 

Insgesamt werden 179 Personen in der Liste als «Professor» bezeichnet. «Correctiv» ist es nicht möglich, die Qualifikation von allen zu überprüfen. 

Um herauszufinden, wie viele sich – nach den Angaben in der Liste – vollständig und wissenschaftlich auf das Thema Thema Klima spezialisiert haben, suchten die Fakten-Checker von «Correctiv» nach dem Begriff «Klimatologie» in Englisch, Spanisch oder Italienisch. Die Suche förderte fünf Treffer zutage. Davon sind zwei Personen bereits im Ruhestand.

  • Jacques Colombani, ehemals bei Orstom beschäftigt, einer französischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (heute: French National Research Institute for Development). Eine Suche bei Google Scholar zeigt, dass Colombani sich in den 70ern und 80ern mit Wasser- und Bodenuntersuchungen in Afrika beschäftigte, zum Beispiel erforschte er, ob der See Tschad vom Austrocknen bedroht sei. 
  • Werner Kirstein, ehemaliger Professor für Geographie an der Universität Leipzig. Zu seinem Namen findet man bei Google Scholar nur auf der Seite von Eike wissenschaftliche Publikationen zum Thema Klimawandel.
  • Joseph S. D’Aleo, ein Meteorologe aus den USA, Berater für die Lobby-Organisation Heartland Institute.
  • Adriano Mazzarella, ein Physiker und Professor am Institut für Erd-, Umwelt- und Ressourcenwissenschaften der Universität Neapel.
  • Gerrit J. van der Lingen, ein niederländischer Geologe, unter dessen Namen man bei Google Scholar keine Arbeiten über den Klimawandel findet, dafür aber Texte über Erdplattenverschiebungen und Sedimente.

Eine weitere Suche nach dem Wort «climate» in dem Dokument führt zu 46 Personen. Davon werden nur 13 explizit als Naturwissenschaftler bezeichnet, und davon wiederum seien mindestens sieben im Ruhestand. Die anderen seien zum Beispiel Journalisten, Publizisten, Ökonomen oder Ingenieure. Manche werden ohne weitere Erklärungen als «climate researcher» bezeichnet.

Was ausserdem auffällt: Viele Personen in der Liste sind bereits im Ruhestand: Die Suche nach «Emeritus» ergibt 72 Treffer. Eine weitere Suche nach «retired» (im Ruhestand) erzielt 59 Treffer.

Die Bewertung von «Correctiv»: Teilweise falsch. Es handelt sich nicht um 500 Wissenschaftler. Zudem lassen die Aussagen im Brief teils Kontext zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen aus und sind deshalb irreführend.

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Die Fakten-Checker des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite.

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9 Meinungen

Eine sehr wertvolle und gut recherchierte Richtigstellung. Es fehlt jedoch der konkrete Hinweis auf Lösungsansätze, wie der massive Ausbau der offshore Windanlagen, die unabhängig von der Gewichtung der Klimakrise nicht nur ökologisch sondern auch wirtschaftlich vorteilhaft sind.
Andreas Speich, am 22. Oktober 2019 um 12:19 Uhr
Wenn Europa den ersten Bericht des deutschen Spiegels 1985 ernst genommen hätte, als behauptet wurde der Meeresspiegel steigt um 70 Meter und auf dieser Grundlage an der Nordsee einen 70 Meter hohen Damm gebaut hätte, so wäre das eine gigantische Ressourcenverschwendung gewesen.

Effenktiv lag der Anstieg der Nordsee bis jetzt nur bei 10cm -> viel Geschrei um nichts hat leider Tradition in dieser Diskussion. Wenn sich «Wissenschaftler» um den Faktor 350 verschätzen, sieht es mehr nach Politik aus, denn nach seriöser Arbeit.
Zudem wurde von 1985 bis ins Jahr 2000 behauptet Europa friert ein wegen der Klimaerwärmung.
Die Chaosforschung hat gezeigt, dass Wechselwirkungen von mehr als 3 Körper (n-Körperproblem) mathematisch bis heute nicht berechnet werden können.
Auf realistische Klimamodelle über einen Zeitraum von mehreren Monaten wird die Menschheit noch ein paar tausend Jahre warten müssen. Auch die heisenbergsche Unschärferelation widerspricht dem Wunsch mittels «Glaskugelmodellen» die Zukunft vorher zu sagen.

Die CO2- Fixierung dient mehr der Verhinderung von effektivem Umweltschutz, da er diesen verdrängt. Mittels CO2-Zertifikaten und der Verteilung von Milliarden an Subventionen verdienen sich die Kapitalisten goldene Nase ohne das die Umwelt profitiert. Die hart arbeitende Bevölkerung wird mit weiteren Abgaben ausgepresst bis diese Leute gelbe Westen anziehen und ihrem Ärger Luft verschaffen. Danach wird die Umwelt noch viel mehr ausgebeutet als wir es heute erleben.
Daniel Bertschi, am 22. Oktober 2019 um 18:09 Uhr
Warum soll ich Correctiv mehr glauben als dem Anderen?
Michel Ebinger, am 22. Oktober 2019 um 18:17 Uhr
Der Bericht gibt zu denken: das sich schmücken mit falschen oder irreführenden Titeln ist so alt wie die Wissenschaft auch. Dass aber Zeitungen so fahrlässig mit einem so wichtigen Thema wie Klimawandel umgehen macht Angst.
Nun, ich kann im Detail wenig beitragen. Wenn ich mich aber einfach umdrehe und in unseren kleinen Garten schaue, dann stelle ich fest, dass nicht nur die Artenvielfalt sondern die Insekten und Vögel insgesamt zurückgegangen sind.Und das habe ich nicht nur aus den Zeitungen ! Allerdings kommen nun auch neu einige Arten vor, die im südlichen Teil von Europa heimisch sind, und die ich bis vor kurzem bei uns noch nicht sehen konnte. Wenn ich nun noch den zunehmenden Autolärm, die verschwindenden Grünflächen um uns herum mit ihren die wachsenden Betonwüsten in meine Perzeptionen einbeziehe, dann wird mir rasch klar, dass ein Umdenken im Umgang mit unserer Umwelt ganz dringend nötig ist. Um das zu erkennen braucht es keine Wissenschaft. Zur Frage was, wie, wo und wann man ändern sollte/könnte ist aber seriöse Wissenschaft und ehrliches politisches Engagement wichtig.
Felix
Felix Speiser, am 22. Oktober 2019 um 18:19 Uhr
Im Internet kursiert eine Grafik, die zwei Klimakurven untereinanderstellt: Oben die von Mann, mit dem berüchtigten Hockeystick-Ausschlag; unten jene von Ball mit dem unübersehbaren mittelalterlichen Optimum - und diese beschriftet mit «Climatique changes in europe». Zuerst war ich mächtig beeindruckt von den Abweichungen. Dann stellte ich Prof. Dr. Horst-Joachim Lüdecke die Frage nach dem Warum. Ich wählte ihn zufällig aus für diese Frage. Er meinte, es handle sich bei solchen Kurven stets um globale Mitteltemperaturen. Am 3. Oktober fragte ich konkret, warum eine europäische Kurve mit einer globalen verglichen wird (Ball's Kurve bezieht sich scheints wirklich nur auf den europäischen Raum). Eine Antwort steht noch aus. Zudem hatte sich der Ersteller der Grafik nicht einmal die Mühe gemacht, die Zeitachse x zu synchronisieren. Ich bin immer noch der Meinung, die Klimadebatte sei eine gepushte Hysterie – doch diese und andere Ungereimtheiten seitens der „Klimaleugner“ sind kontraproduktiv. Im SPIEGEL Nr 33 1974 war von einer möglichen neuen Eiszeit die Rede, welche Klimaforscher schon bald kommen sahen. Ich und viele andere sind amüsiert über die Weltuntergangshoffnungen im Laufe der Zeit. Aber immerhin zeigt dieser Artikel noch viele weitere menschliche Einflussmöglichkeiten aufs Klima auf. Etwas, das heute stets unterdrückt wird. Die Klimabewegung hat den Fehler gemacht, hochspezialisiert auf Klimawandel zu setzen, statt allgemein auf den viel wirksameren Umweltschutz.
Leonhard Fritze, am 23. Oktober 2019 um 17:46 Uhr
Zum Thema: «Pflanzen profitieren von mehr CO2»:

Ganz abgesehen von den anderen negativen Folgen der globalen Erwärmung für die Pflanzen (z. B. erhöhte Wasserverdunstung oder mehr Schädlinge):

Ein höherer CO2-Gehalt in der Luft nützt den Pflanzen nichts, wenn andere essentielle Ressourcen (Nährstoffe, Wasser) nicht ebenfalls im nötigen Mass zunehmen. Bei essentiellen Ressourcen (die in einem bestimmten Verhältnis zueinander benötigt werden) bestimmt immer die knappste Ressource das Wachstum.

Meines Wissens sind künstliche Düngung und Bewässerung viel weltweit viel verbreiteter als «CO2-Begasung», was dieses Argument stützen dürfte.
Michael Schwyzer, am 25. Oktober 2019 um 14:36 Uhr
Zitat �Aber ich denke es ist irref�hrend zu sagen, dass, nur weil CO2 gut f�r Pflanzen ist, es gut f�r die Umwelt ist. Das ist so wie wenn man sagen w�rde, dass Steroide gut f�r Menschen sind �.
Der Vergleich von CO2 mit Steroiden ist grotesk. CO� ist �nicht gut f�r die Pflanzen� CO2 ist die Nahrung von Pflanzen. Diese bestehen aus CO2 Wasser Punkt. Jedes C-Atom aus fossilem Kohlen-Stoff war einst Bestandteil eines Lebewesens. Der ganze Artikel ist weit-schweifige, fachlich oberfl�chliche Polemik!
Und wie gross ist der Anteil des CO2 an der Atmosph�re? 0.38 Promille. Das w�re bei einem Rohr von 1 km L�nge 38 cm, und diese sind wie gesagt Nahrung der Pflanzen. Der Klima-Schwindel ist ein gigantisches Gesch�ft. www.klima-schwindel.com
Werner Furrer, am 28. Oktober 2019 um 18:07 Uhr
@Werner Furrer: Wenn der «Klima-Schwindel» ein «gigantisches Geschäft» sein soll: Was ist dann die Erdöl-/Erdgas-/Kohle-Branche? Kleines Beispiel: Allein 2018 machten allein die grössten 10 Erdöl- und Erdgas-Konzerne der Welt (man beachte: Kohle ist noch nicht mal drin) einen Umsatz von 2'667'250'000'000 (2667.25 Milliarden) Dollar (Quelle: statista.com). Der Handel mit den Rohstoffen, die verarbeitende Industrie und jene, die Produkte herstellen mit Bestandteilen aus dieser Branche, sind ebenfalls noch nicht mal inbegriffen.
Eindrücklich, nicht? ...

Interessant ausserdem auch, dass offenbar der eine und andere Unterzeichnende der 500 Personen gerade zu dieser Branche Verbindungen hat.
Marius Schären, am 29. Oktober 2019 um 13:39 Uhr
@D. Bertschi: Der Prognose des Meeresspiegelanstiegs um 70 m fehlt der Zeithorizont und die Quelle. Bei einem Weiter-so wird das passieren, um 7 m vielleicht schon in 200 Jahren, denn der Anstieg beschleunigt sich. In den letzten 100 Jahren etwa so viel wie in den 1000 Jahren davor und aktuell doppelt so schnell wie im Mittel der letzten 100 Jahre.
@L. Fritze: Vielleicht machen Sie sich mal die Mühe zu recherchieren, wer 1975 von einer bevorstehenden Eiszeit geschrieben hat. Eine Verbindung zur Ölindustrie würde mich nicht wundern.
@Autoren: Bitte «in einem sogenannten Holozän» korrigieren - Holozän ist der Name des aktuellen Interglazials.
Rainald Koch, am 29. Oktober 2019 um 20:29 Uhr

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