Stromkonzerne kassieren selber 182 Millionen Franken Subventionen © hpg

Die doppelte Subventions-Moral der Stromer

Hanspeter Guggenbühl / 02. Okt 2012 - Schweizer Strommanager klagen über die Konkurrenz von subventioniertem Strom. Gleichzeitig kassieren sie die selben Subventionen.

Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Doch im Handelsraum des Berner Stromkonzerns BKW Energie AG, den die TV-Sendung «10 vor 10» am 16. August ins Bild rückte, war die Stimmung zappenduster. Grund: Deutsche Solarkraftwerke speisen in der mittäglichen Spitzenstunde rund 18 Millionen Kilowattstunden (kWh) Elektrizität ins europäische Stromnetz ein.

Solarstrom erhöht - temporär - die schon bestehende Stromflut

Dieser Solarstrom macht zwar nur einen kleinen Bruchteil der Strommenge aus, die im europäischen Stromverbund insgesamt produziert und konsumiert wird. Doch dieses wachsende Angebot verschärft an sonnigen Tagen ein eh schon bestehende Überfluss-Problem: Denn schon ab Mitte 2008 führten die Rezession in der EU und der Zubau von Kohle- und Gaskraftwerken zu einer wachsenden Überkapazität in der europäischen Stromproduktion. Damit sanken die Marktpreise generell sowie die Preisdifferenz zwischen Bandstrom (der rund um die Uhr erzeugt wird) und Spitzenstrom.

Die Wind- und Solarkraftwerke, die vor allem in Deutschland und Italien stark gefördert werden, konkurrenzieren nun – temporär – die Betreiber der Schweizer Wasserkraftwerke zusätzlich. Denn um die Mittagszeit sind die Preise und Profite des Spitzenstroms, der sich aus dem in Stauseen gespeicherten Wasser produzieren lässt, traditionellerweise am höchsten.

Hier über Subventionen klagen ...

Speziell kritisiert wird die neue Konkurrenz, weil sie – im Unterschied zur bisherigen Wasserkraft – mit einer kostendeckenden Einspeisevergütung quersubventioniert wird. BKW-Handelschef Samuel Leopold klagte im «10 vor 10»-Film: «Wenn es der Markt wäre, würde ich mich dem fügen. Doch der Markt ist verzerrt. Diejenigen, die uns aus dem Markt drängen, haben etwas, was wir nicht haben, nämlich Subventionen.» Kurt Rohrbach, Chef der kantonseigenen Berner BKW und im Präsident des Strom-Dachverbandes VSE, ergänzte gegenüber mehreren Medien: Die neue erneuerbare Stromproduktion beschere der Schweizer Strombranche einen Minderertrag von jährlich rund hundert Millionen Franken.

Szenenwechsel: Kürzlich organisierte die BKW, angeführt vom Subventionskritiker Samuel Leopold, ein Reise für JournalistInnen zu ihren Windkraftwerken in Apulien. Mit dabei war NZZ-Redaktor Giorgio V. Müller. Am 13. September erschien sein Artikel in der NZZ unter dem Untertitel: «Schweizer Windpionier BKW erwirtschaftet gutes Geld mit dem Betrieb von ausländischen Windkraftwerken.» Im Text lobte Müller: «Für die vergleichsweise arme Region Apulien sind die meist ausländischen Investoren, die ihre Stromproduktionsanlagen hier aufbauen, ein Segen.» Zu diesen Segensbringern gehört eben auch die BKW. Sie wird bis Ende Jahr allein in Apulien Windparks mit einer Gesamtleistung von 225 Megawatt (MW) besitzen. Die BKW habe bewiesen, so erfährt man im NZZ-Text weiter, «wie man Strom rentabel produziert und vermarktet».

... dort Subventionen kassieren

Wie denn? Was im NZZ-Artikel nicht steht, bestätigt eine Rückfrage bei Antonio Sommavilla, Mediensprecher der BKW: Das «gute Geld», das die Windkraftwerke in Apulien in die Kasse des Berner Stromkonzerns blasen, besteht mehrheitlich aus Subventionen. Das relativiert die Klage der BKW-Manager über den subventionierten Solarstrom aus Deutschland, der an sonnigen Mittagen die Preise für Spitzenstrom aus Schweizer Wasserkraftwerken in den Keller drückt.

In Zahlen ausgedrückt: Für eine Kilowattstunde (kWh) Windstrom erhält die BKW auf dem italienischen Markt rund sieben Eurocent oder umgerechnet 8,4 Rappen. Zusätzlich bezahlter der italienische Staat pro kWh Windstrom acht Eurocent oder 9,6 Rappen Subvention in Form von sogenannten Grünzertifikaten. Das ergibt einen Ertrag von total 18 Rappen pro kWh. Dieser Betrag entspricht der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), also der Summe aus Marktpreis plus Subvention, die das Hochlohnland Schweiz zurzeit für den Windstrom bezahlt. Mit andern Worten: Als Standort für Windkraftwerke ist die «vergleichsweise arme Region Apulien» der wahre Segen für die vergleichsweise immer noch reiche Schweizer BKW.

Für subventionsjagende Stromkonzerne ist Italien die Goldgrube. Aber kein Einzelfall. Deutschland etwa, wo die BKW ebenfalls Windkraftwerke betreibt, subventioniert nicht nur Solarstrom, sondern auch die Verstromung von Kohle, Atomkraft sowie allen erneuerbaren Energien. Für Strom aus neuen Windkraftwerken beträgt die Einspeisevergütung gemäss Erneuerbarem Energiegesetz (EEG) zurzeit neun Eurocent oder elf Rappen/kWh, nachdem sie in den letzten Jahren deutlich gesenkt worden ist. Ähnliche Subventionen schütten die meisten europäischen Staaten aus.

Auch Axpo, Alpiq und Stadtwerke profitieren

Auch die BKW ist kein Einzelfall: Die meisten grossen Schweizer Stromkonzerne sowie Stadtwerke und regionale Stromverteiler habe in den letzten Jahre Windkraftwerke gebaut oder Beteiligungen daran erworben, den Grossteil davon im Ausland. Das zeigen die Antworten auf unsere kleine Umfrage bei ausgewählten Unternehmender (siehe Tabelle). Dabei profitieren die meisten von Subventionen, sei es in Form von Grünzertifikaten, Zuschüssen oder kostendeckenden Vergütungen für den ins Netz eingespeisten Strom.

Das Ausmass dieser Subventionen illustriert folgende Hochrechnung: Allein die in der Tabelle aufgeführten sieben Unternehmen verfügen über Windkraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 1100 Megawatt respektive 1,1 Gigawatt (Stand Ende 2012); der Grossteil davon befindet sich im Ausland. Diese Anlagen produzieren durchschnittlich während 2000 Jahresstunden Strom mit Volllast. Das ergibt eine Jahresproduktion 2200 Millionen kWh Windstrom.

Hochgerechnet 200 Millionen Subventionen für Schweizer Stromfirmen

Wir nehmen an, dass dieser Strom im Durchschnitt mit 16 Rappen/kWh vergütet wird, wobei die Hälfte auf den Marktpreis, die andere Hälfte von acht Rappen auf Subventionen entfällt. Multipliziert man nun die acht Rappen Subvention mit der Produktion von 2200 Millionen kWh, so entsteht eine jährliche Subventionssumme von 180 Millionen Franken.

Mit ihren Windkraftwerken kassieren die in der Tabelle aufgeführten plus die übrigen Schweizer Stromfirmen schätzungsweise 200 Millionen Franken pro Jahr. Dieser Betrag ist doppelt so hoch wie der angebliche Verlust, den der subventionierte deutsche Solarstrom laut VSE-Präsident Kurt Rohrbach den Schweizer Wasserkraft-Betreibern jährlich beschert. Und die doppelte Moral aus dieser Hochrechnung: Wer selber im Subventionshaus sitzt, soll keine Steine gegen andere Subventionsempfänger werfen.

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Eine Meinung

Lieber Christian von Burg

Die 100 Millionen sind für die Elektrizitätswirtschaft kein „Verlust“, wie Sie schreiben, sondern - wie Ihr Berufskollege Kurt Rohrbach richtig definierte – ein „Minderertrag“ für die Betreiber von (Speicher-)Wasserkrarwerken, verursacht durch das zusätzliche Angebot an subventioniertem Solarstrom (wobei die Medien, die Rohrbachs Klage über die 100 Millionen Minderertrag verbreiteten, leider nicht nachfragten, wie er auf diese Summe kommt).

Die 200 Millionen Subventionen für die Windenergie, die ich nachvollziehbar hochrechnete und schätzte, sind tatsächlich kein Gewinn; das habe ich aber auch nicht behauptet. Sondern es handelt sich, wie ich schrieb, um einen Teil (mehr als die Hälfte) des Gesamtertrags aus dem Verkauf des Windstroms, nämlich den Mehrertrag gegenüber dem blossen Marktpreis.

Mehr- und Minderertrag sind durchaus vergleichbare Grössen.

In einem Punkt haben Sie allerdings Recht: Der Marktpreis allein deckt die Kosten der Windenergie nicht. Ohne die 200 Millionen Franken Subventionen würde aus den Windkraftwerken ein Verlust resultieren; nur dank Subventionen bauen Stromfirmen Windkraftwerke. Der Gewinn aus diesen Subventionen, wenn denn einer bleibt, ist tatsächlich kleiner als der Subventions-Ertrag.

In meinem Bericht kritisiere ich aber nicht die Subventionen für die Windenergie an sich (was ich durchaus auch tun könnte). Sondern ich mache mich bloss etwas lustig darüber, dass die gleichen Leute, die über den aus Subventionen resultierenden Minderertrag klagen, gleichzeitig Subventionen kassieren

Freundlich grüsst
Hanspeter Guggenbühl
Hanspeter Guggenbühl, am 04. Oktober 2012 um 16:14 Uhr

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