Zürcher und Zürcherinnen fahren viel häufiger im Regen, als viele glauben. © Robert Iana for Unsplash.
Jahresverlauf Daten © Mira Bleuler
Tageswerte (sortiert) © Mira Bleuler
Vergleich Niederschlag-Trocken © Mira Bleuler
Tageswerte 2014 und 2014 (sortiert) © Mira Bleuler

Das Märchen vom wasserscheuen Velofahrer

Felix Schindler / 17. Sep 2020 - Nur bei schönem Wetter fahren die Leute Velo, sagen Auto- und ÖV-Lobbyisten. Eine neue Datenanalyse widerlegt diese Behauptung.

Die Bevölkerung in Zürich stimmt am 27. September über ein Thema ab, das viele Städte weltweit aufreibt: Radwege. Praktisch jede Stadt leidet unter den negativen Auswirkungen des Autoverkehrs – und immer häufiger suchen sie den Ausweg in der Förderung des Fuss- und Veloverkehrs.

Zürich soll nun innerhalb der nächsten zehn Jahre 50 Kilometer weitgehend autofreie Routen für Fahrräder bekommen, so die Bevölkerung will. Gegen dieses Volksbegehren gibt es allerdings vehementen Widerstand. Eines der am häufigsten und am lautesten vorgetragenen Argumente gegen die Initiative lautet, das Velo sei ein reines Schönwetter-Gefährt und trage deshalb nicht zur Entlastung des öffentlichen Verkehrs bei.

Vier Volksentscheide, keine Wirkung

Schon 1984 befürworteten die Abstimmenden eine Initiative für 200 Kilometer Velorouten mit 76 Prozent. Und allein in den letzten zwölf Jahren haben die Stimmberechtigten drei Mal indirekt zum Ausdruck gebracht, dass das Auto weniger Platz im öffentlichen Raum einnehmen soll: Sie stimmten der 2000-Watt-Gesellschaft (76,4 Prozent), der Volksinitiative «Zur Förderung des öV, Fuss- und Veloverkehrs in der Stadt Zürich» (52,4 Prozent) und dem Gegenvorschlag zur «Volksinitiative für sichere und durchgängige Velorouten» (62,9 Prozent) zu. All diese Abstimmungen zielten mehr oder weniger explizit darauf ab, den Verkehr in der Stadt ressourcenschonender und sozialverträglicher zu gestalten.

Auf den Strassen in Zürich ist bis heute nichts von diesen Volksentscheiden zu spüren. Laut einer Umfrage der Stadt Zürich halten zwei Drittel der Teilnehmer das Verkehrsklima für schlecht. Auf einer Rangliste der velofreundlichsten Städte der Schweiz landet Zürich auf dem 31sten von 34 Rängen. Am gravierendsten: Die Zahl der verunfallten Velofahrer/innen hat sich innerhalb der letzten sieben Jahre verdoppelt.

«Etwa Dreiviertel der Schönwettervelofahrenden fahren bei schlechtem Wetter ÖV», sagte etwa die freisinnige Martina Zürcher im Gemeindeparlament (siehe Protokoll, S.22). «Allenfalls ein Viertel der Sommervelofahrer schwingt sich auch im Winter auf den Sattel oder wenn es regnet», schrieb auch Peter Anderegg, Präsident Interessengemeinschaft Öffentlicher Verkehr, in der Zeitschrift «Hochparterre». Anderegg, der sich selbst als «Velo-Spielverderber» bezeichnet, folgert daraus: «Für den Stadtverkehr ist das Velo irrelevant». Der Originaltext ist nur für «Hochparterre»-Abonennten verfügbar, eine Kopie veröffentlichte Andergg auf seiner Homepage.

Wenn Velofahrer/innen bei schlechtem Wetter alle aufs Auto oder den Öffentlichen Verkehr umsteigen, dann müssten diese beiden Verkehrsträger letztlich doch Kapazitäten für das gesamte Verkehrsaufkommen bereitstellen. Träfe das zu, wäre das Velo tatsächlich kaum dazu geeignet, das Verkehrssystem zu entlasten. Obwohl dies weder der einzige noch der wichtigste zu erwartende Effekt von sicheren Velorouten ist, haben diese Einwände Gewicht. Womöglich auch deshalb, weil das Argument mit dem subjektiven Eindruck vieler übereinstimmt.

Doch dieser Eindruck trügt, die Gegner der Initiative übertreiben massiv. Nur war es nicht einfach, ihre Behauptung zu widerlegen. Bis jetzt.

In Zürich sind an 21 Strassenquerschnitten sogenannte Induktionsschlaufen in den Boden eingelegt, die jede einzelne Velofahrt zählen. Diese punktuellen Messungen erfassen zwar nicht den gesamten Verkehr, sie bilden aber Veränderungen ab. Die Daten der Zählstellen sind öffentlich verfügbar, die Datenwissenschafterin Mira Bleuler hat sie für Infosperber analysiert – und, um den Einfluss des Wetters auf den Veloverkehr in Zürich zu verstehen, den Messwerten der Wetterstationen der Wasserschutzpolizei gegenübergestellt.

Nie wird in Zürich weniger Velo gefahren als während der Weihnachtsferien. Grafik vergrössern. (Daten: Stadt Zürich, Grafik: Mira Bleuler).

Im Jahr 2019 erfassten alle 17 ausgewerteten Zählstellen* zusammen im Mittel (Median) 21’800 Velofahrten pro Tag, das heisst: während der Hälfte des Jahres sind es mehr, während der anderen Hälfte weniger. Den grössten Einfluss auf die Velofrequenzen, so zeigen die Messdaten, haben nicht Regen oder Temperatur, sondern Ferien. Die Wochen mit den geringsten Frequenzen im Jahr 2019 waren Ferienwochen (grün markiert in der Grafik). Die Mehrheit der Velofahrer/innen, die dann nicht über die Zählstellen fahren, steigen folglich auch nicht auf den öffentlichen Verkehr um. Für die weiterführende Analyse wurden deshalb nur die Werktage ausserhalb der Ferien berücksichtigt: die Tage, an denen die übrigen Verkehrsträger am ehesten ans Limit geraten.

Im Mittel wurden 2019 pro Tag 21'800 Velofahrten gemessen – an acht Werktagen waren es weniger als halb so viele. Grafik vergrössern. (Quelle: Stadt Zürich, Grafik: Mira Bleuler)

Die Velofahrten brechen an keinem einzigen Werktag um 75 Prozent ein, wie es laut den Gegnern während des ganzen Winters geschehe. Ein Einbruch um 50 Prozent gab es 2019 an genau acht Tagen. Während der drei Wintermonate registrierten die Zählstellen pro Tag durchschnittlich 16'600 Velofahrten – 24 Prozent weniger als an einem normalen Tag.

Der wichtigste Einsatzzweck des Velos ist der Weg zur Arbeit, und das bleibt auch bei Regen so. Grafik vergrössern. (Quelle: Stadt Zürich, Grafik: Mira Bleuler)

Den zweitgrössten Einfluss auf den Veloverkehr haben Niederschläge. Im morgendlichen Stossverkehr nehmen knapp sechs von zehn Durchschnittsvelofahrern/innen trotz Regen das Velo, abends sind es zwei Drittel. Wenn die Temperaturen auf unter fünf Grad Celsius sinken, wählen noch rund sieben von zehn Velofahrer/innen das Velo für den morgendlichen Weg zur Arbeit. Abends gehen die Frequenzen auf die Hälfte zurück, womöglich, weil während der kalten Jahreszeit nicht nur die Kälte die Attraktivität des Velos reduziert, sondern auch die Dunkelheit. Allerdings bleiben die Frequenzen zu Stosszeiten im Vergleich zum restlichen Tag auch bei Regen hoch: Wenn es regnet, sind im Berufsverkehr mehr Menschen mit dem Velo unterwegs als bei trockenem Wetter zwischen 9 und 16 Uhr. Am grössten ist der Einfluss des Niederschlags auf den Freizeitverkehr – wenn ein Weg auf einen späteren Zeitpunkt verschoben oder ganz ausgesetzt werden kann.

Der schwächste Velomonat des Jahres 2019 in Zürich war der Januar – damals war das Wetter noch schlechter als gewöhnlich in dieser Jahreszeit. Es regnete oder schneite an 23 Tagen und die Temperatur lag meist unter 5 Grad Celsius. Wenn es schneit, werden Radwege in Zürich im besten Fall ganz zuletzt geräumt. Im schlechtesten Fall wird der Schnee von der Strasse auf die Velostreifen gepflügt, wo er dann bleibt, bis er schmilzt. In diesem Monat wurden ungefähr halb so viele Velofahrten gezählt wie im Durchschnitt des gesamten Jahres. Das heisst: Jeder zweite, der in einem schönen Herbstmonat mit dem Velo zur Arbeit fährt, tut das auch bei den schlechtesten Bedingungen, die man sich auf zwei Rädern vorstellen kann. In einer Stadt, die punkto Velofreundlichkeit am Schluss jeder Rangliste steht, ist das mehr, als man erwarten kann.

Ähnlich ist das Bild in Bern: In der letzten Woche vor den Weihnachtsferien 2019 sind an jedem Arbeitstag durchschnittlich 2500 Velofahrende über die Monbijoustrasse stadteinwärts gefahren. Das entspricht ziemlich genau dem Durchschnitt des ganzen Jahres. Ausserhalb der Ferien fuhren nur während zwei Wochen weniger als 2000 Velofahrende über diese Zählstelle. 2000 Velofahrer/innen würden jeden einzelnen Sitzplatz von 25 Berner Combino-Trams besetzen. Stünden sie alle gemeinsam in einem eigenen Auto im Stau, wäre die Schlange 12 Kilometer lang. Und das sind, wie erwähnt, nicht etwa alle Velofahrer/innen in Bern, sondern nur jene, die an einem der schlechtesten Tage des Jahres stadteinwärts durch die Monbijoustrasse fahren.

Die Summe der Velofahrten jedes einzelnen Werktages, aufsteigend geordnet. Der Vergleich mit früheren Jahren zeigt, dass die Frequenzen auch an den Tagen mit weniger Verkehr zunehmen. Grafik Vergrössern. (Quelle: Stadt Zürich, Grafik: Mira Bleuler)

Wenn der Veloanteil wächst, dann tut er das nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter. Das zeigen auch die Daten aus Winterthur. Die einzige Zählstelle registrierte im Januar dieses Jahres 26'700 Velofahrten – mehr im Juni 2012, dem besten Monat in diesem Jahr. Im Vergleich zum Januar 2012 haben die Frequenzen um 230 Prozent zugenommen. Auch in Zürich nahmen sie in den letzten 5 Jahren um 36 Prozent zu. Und das nicht nur an guten Tagen, sondern auch an schlechten. Es gibt immer weniger Tage, an denen der Veloverkehr stark einbricht.

Woher also kommt die weit verbreitete Aussage, der Veloverkehr breche bei schlechtem Wetter um 75 Prozent ein? Wir fragten mehrere Personen**, die diese falschen Zahlen verbreitet haben, woher deren Informationen stammen. Wir haben keine einzige überprüfbare Quelle erhalten, welche ihre Aussage stützt. Das Gegenteil war der Fall: Zwei Umfragen aus Deutschland und der Schweiz, die uns als Beleg für den Rückgang vorgelegt wurden, zeigen: 71 Prozent jener, die im Sommer Velo fahren, tun das laut eigener Aussage auch im Winter. Und das ist immerhin fast drei Mal so viel wie behauptet.

Dass Velofahrer/innen nur bei schönem Wetter fahren, ist also weder richtig noch belegt. Es trifft wohl zu, dass bei Regen weniger Menschen aufs Velo sitzen als bei Trockenheit. Aber es kommt an keinem einzigen Werktag des Jahres vor, dass die Frequenzen um Dreiviertel einbrechen. Und dass an einem schönen Sommertag auch Autofahrer und Benützer des öffentlichen Verkehrs ihr Velo aus dem Keller holen, kann kaum als Argument gegen sichere Velorouten gelten.

**Nachtrag vom 18. September

Nicht unter den angefragten Personen war Martina Zürcher, Gemeinderätin FDP. Sie hat sich nach der Publikation des Textes bei Infosperber gemeldet und kritisiert, dass sie keine Chance erhalten habe, ihre Aussage zu begründen, wonach «etwa Dreiviertel der Schönwettervelofahrenden (...) bei schlechtem Wetter ÖV» fahren.

Zürcher verweist auf einen Bericht der Stadt Zürich, in dem sie ihre Aussagen gestützt sieht. Darin werden folgende Aussagen gemacht:

  • «Die Anzahl Velofahrten pro Jahr hängt entscheidend von der Witterung und - vor allem über längere Zeiträume - von der Bevölkerungsentwicklung ab.»
  • «Generell werden in den Sommermonaten bei guter Witterung die meisten Velofahrten gezählt, aber auch im Winter ist noch jedes dritte Velo unterwegs.»

Dazu zwei Bemerkungen der Redaktion:

  • Die erste Aussage entspricht dem, was auch Infosperber schreibt: Witterung spielt eine Rolle. Aber die Aussage enthält keinerlei Angaben über das Ausmass des Rückgangs. Daher stützt sie auch die Aussage der Gemeinderätin Zürcher nicht.
  • Laut der zweiten Aussage fährt im Winter jedes dritte Velo, das im Sommer fährt. Die Höhe dieses Rückgangs liegt daran, dass der Bericht der Stadt auch die Wochenenden berücksichtigt, an denen sich die Witterungseinflüsse viel stärker auswirken. Zweitens wird die verkehrsreichste Saison mit dem Winter verglichen, nicht gutes Wetter mit schlechtem. Für die Frage, ob Velofahrer das Verkehrssystem entlasten oder nicht, muss auf die Werktage abgestützt werden, an denen es tatsächlich einen Umsteigeeffekt gibt. Bei einer methodisch korrekten Analyse gehen die Frequenzen an keinem einzigen Werktag des Jahres so stark zurück wie behauptet, weder um 75 Prozent noch um Zweidrittel. Ausserdem sagt der Bericht der Stadt nichts darüber aus, ob die Velofahrer auf den Öffentlichen Verkehr umsteigen oder nicht.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Hinweise zu Methodik und Quellen

Sämtliche für diese Auswertung verwendeten Daten sind öffentlich zugänglich.

Für die Beurteilung der Situation in Bern wurde auf den Bericht «Velodaten» zurückgegriffen, der auf den Messdaten der Zählstellen basiert.

In Zürich existieren heute 24 Zählstellen an 21 Strassenquerschnitten. Die Zählwerte werden viertelstündlich aggregiert und richtungsspezifisch abgespeichert. Dabei kann es Abweichungen zwischen den effektiven Velofrequenzen am Querschnitt und den von den Geräten ermittelten Werten geben. Die Stadt Zürich hat durch Handzählungen ermittelt, wie stark die Messungen von den tatsächlichen Frequenzen abweichen. Die Daten dieser Auswertung wurden mit den von der Stadt berechneten Korrekturfaktoren verrechnet.

Definitionen:

  • Als Werktage gelten die Tage Montag bis Freitag, sofern sie nicht in Schulferien oder auf einen Feiertag fallen.
  • Als «regnerisch» gilt, wenn es innerhalb einer Stunde mehr als 1 mm regnet.
  • Als «kalt» gelten Temperaturen von weniger als 5 Grad.

* Um einen Vergleich mit früheren Jahren zu ermöglichen, kamen nur 17 Zählstellen in Frage, da die übrigen entweder erst später eingerichtet wurden oder nicht über den gesamten Analysezeitraum Daten aufgezeichnet hatten. Nicht berücksichtigt wurden unter anderem die Zählstellen an der Langtrasse, die mit Abstand die höchsten Frequenzen aufweisen. Diese Zählstellen waren Juli bis November 2019 nicht in Betrieb.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Wohnt mit seiner Familie in der Stadt Zürich, besitzt ein Auto, ein Halbtax-Abo und acht Velos. Bewegt sich in der Stadt ausschliesslich zu Fuss, mit dem öffentlichen Verkehr und mit dem Velo fort.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

8 Meinungen

Was wäre, wenn wir den Behauptungen der Velo-Gegner:Innen die Zahlen der Velo-Stadt Kopenhagen gegenüberstellen.
- Die Zahlen der Stadt Zürich passen in fast jeder Hinsicht zu Velo-mässig widrigen Umständen.
- Die Zahlen der Stadt Kopenhagen gehören zur Zukunft, so wie es in Zürich sein könnte, wenn wir endlich etwas für unsere Velo-Fahrer:Innen tun ...
Konrad Staudacher, am 17. September 2020 um 12:25 Uhr
Hm. Offen gesagt fahre ich - wenn es irgendwie geht - nicht Velo, wenn es regnet...
Patrick Hafner, am 17. September 2020 um 13:30 Uhr
Ganz toller Artikel! Sehr schön mal einige harte Fakten zu sehen, die sogar mich als begeisterter Velofahrer etwas überraschen. Man sieht, selbst bei jämmerlicher Infrastruktur und schlechten Wetterbedingungen überwiegen für viele die Vorteile. Interessant ist ausserdem, dass 50km sichere Velorouten wohl diese Zahlen weiter ansteigen lassen würden, zumal (wie ich) der Eine oder Andere die Nässe nicht wirklich aus Prinzip meidet, sondern sich mit reduzierter Sichtweite und eingepfercht zwischen Autos und Bussen einfach deutlich unsicherer fühlt. Erfahrungsgemäss fahren auch Autofahrer bei Regen weniger rücksichtsvoll, was das Gefühl von Unsicherheit weiter verstärkt. Als Vierteldäne ist mir zudem aufgefallen, dass es in Zürich nicht nur an Infrastruktur, sondern ein Stück weit auch an Velo-Kultur mangelt. In Dänemark sind Velorouten z.B. nicht nur besser physisch abgetrennt, Autofahrer sind auch auf dem Land (bei schlechter Infrastruktur) eher an Velos gewöhnt und nehmen mehr Rücksicht. Velofahrer werden auch bei der Gesetzgebung zusätzlich geschützt, etwa indem ihnen höhere Priorität zukommt.

Wenn sich in Zürich also trotz dieser Umstände und trotz eines (im Gegensatz zu Kopenhagen) deutlich besser ausgebauten ÖVs Jahr für Jahr mehr Leute auf den Sattel schwingen, dann spricht dies für die eigentliche Effizienz des Velos und sollte der Politik den Anstoss geben, nicht nur diese Initiative auszuführen, sondern das Velo auch in anderer Hinsicht zukünftig stärker zu fördern.
Andrew Oakeshott, am 17. September 2020 um 14:16 Uhr
Wasserscheuer Velofahrer - leider kein Märchen
Der Autor besitzt nebst Auto und Halbtax-Abo acht Velos, also eine achtköpfige Familie? Die Datenanalyse ist leider nicht einmal die halbe Wahrheit. Der Lockdown hat bewirkt, dass sehr viele Velos gekauft und auch genutzt wurden, die überwiegende Mehrheit allerdings für den Schönwetter-Freizeitbereich. Die Berufsvelopendler machen dabei einen verschwindend kleinen Anteil aus. 2013 wurden in der Stadt Zürich täglich 213'000 Arbeitszupendler registriert. Von den Personen mit Wohnsitz Stadt Zürich, legte nur jeder Zehnte den Weg zur Arbeit mit dem Velo zurück, jedoch fast ein Drittel zu Fuss (Quelle: Präsidialabteilung Stadt Zürich). 21'800 Velofahrten pro Tag unterscheiden nicht zwischen Berufs- und Freizeitfahrten. Zudem müssten sie in Relation zu der Gesamtzahl der Pendler gesetzt werden. Da wäre die Analyse von Steuerdaten viel genauer: Wie viele Steuerpflichtige machen bei den Berufsauslagen den Velo-, den Motorrad- oder den ÖV-Abzug geltend. Die grössten Probleme entstehen heute zwischen Velo- und Fussverkehr, bedingt durch ein z.T. rücksichtsloses Verhalten von Velofahrern in Städten und z.B. auf Wanderwegen.
Trotz all meinen Vorbehalten bin auch ich der Meinung, dass für Fussgänger- und Velofahrer sichere Wege prioritär gegenüber dem motorisierten Individualverkehr sichergestellt werden müssen, dies aber im Einklang mit den Bedürfnissen des Werk- und ÖV-Verkehrs.
Victor Ruch, am 17. September 2020 um 15:14 Uhr
Wer selbst mit dem Velo zur Arbeit fährt (bzw. fuhr wie der Schreibende), weiss, dass «schlechtes Wetter» allein kein grosses Hindernis ist. Es ist auch viel seltener, als man oft meint. Entscheidend sind:
1. die Gefährdung oder das Geduscht-Werden durch Autos, welche das Tempo auch bei Wasserlachen nicht mässigen. (Das bekommen auch Leute zu Fuss zu spüren!) Abhilfe: separate Velowege, notfalls Velostreifen.
2. die Vernachlässigung des Veloverkehrs im Winterdienst, die (wie im Text erwähnt) bis zu fahrlässiger Behinderung oder gar Gefährdung durch Schneehaufen geht. Auch die oft vereisten Fahrbahn-Ränder oder Velostreifen neben trocken-gefahrener Autofahrbahn (die zu «normalen» 50 km/h verführt!) stellen zusätzliche Gefahren dar.
Viel wichtiger als das Wetter sind velofreundliche, sichere Velorouten!
Hans Hauri-Karrer, am 17. September 2020 um 15:47 Uhr
Na endlich schaut sich mal jemand die Fakten an! Sehr schön auch der Verweis auf die Abstimmungsergebnisse FÜR das Velo und dann die Bemerkung dass nichts geändert habe! Die ewigen Ausflüchte und Ausreden kann ich als Zürcher Velofahrer nicht mehr hören. Der Artikel spricht mir aus der Seele.
Philip Moline , am 17. September 2020 um 15:49 Uhr
Herr Ruch, es freut mich zunächst, dass Sie ebenfalls sichere Velowege für vorteilhaft halten, trotz Vorbehalte. Auch ich könnte mir als häufiger Velofahrer ein besseres Verhalten anderer Velofahrer wünschen, bei dem was ich da zum Teil erleben muss, sträuben sich mir die Haare. Allerdings konnte ich in Holland und Dänemark auch ein rücksichtsvolleres Verhalten aller Verkehrsteilnehmer feststellen, weswegen ich der Meinung bin, dass ordentliche Veloinfrastruktur (und etwas mehr Velo-Kultur) auch hier Abhilfe schaffen kann. Insbesondere Konflikte zwischen Fussgängern und Velos könnten auf ein Minimum reduziert werden.

Ihre Behauptungen finde ich allerdings nicht nachvollziehbar. Zum einen deuten Ihre Zahlen zu Berufspendlern aus dem Jahre 2013 weder darauf hin, dass der Velo-Verkehr bei Kälte und Nässe völlig einbricht, noch, dass die Situation heute überhaupt ähnlich ausschaut (das tut sie meines Erachtens nicht, zumal sich die Anzahl Velofahrer seither nahezu verdoppelt hat). Zum Anderen ist es im Bezug auf die Frage dieses Artikels völlig irrelevant wie Viele jeweils das Velo zu beruflichen- oder Freizeitzwecken benutzen, denn beide haben das Bedürfnis für sichere Velorouten (besonders Personen höheren Alters oder Kinder) und die Daten hier sprechen dafür, dass der Veloverkehr zwar bei Nässe und Kälte zurückgeht, jedoch nie (wie behauptet) einbricht.

Zu Corona: Ihre Aussage klingt plausibel, trotzdem scheint es mir, dass auch viele neue Berufspendler dazu gekommen sind.
Andrew Oakeshott, am 18. September 2020 um 13:26 Uhr
Schliesse mich da ganz dem Herrn Moline an: herzlichen Dank für die Auswertung der Fakten.

Dass im nasskalten Januar 2019 immer noch 50% der Sommerzahlen erreicht wurden, deutet für mich v. a. darauf hin, dass es unterdessen in Zürich kaum noch schneit. Wenn nämlich Schnee geräumt werden muss, liegt der oft dort, wo die Induktionsschlaufen für Velos auch liegen - rechts am Strassenrand. Ob Velos dann fahren oder nicht, liesse sich nur im Glücksfall noch feststellen, etwa an vielbefahrenen Kreuzungen, die ganz geräumt werden.

Für mich selber ist v. a. die Distanz der Velofahrt massgebend. Für meinen heutigen Arbeitsweg von Winterthur nach Schlieren (31 km, Velo ohne Motor) achte ich sehr auf das Wetter: wenn Regen oder Temperaturen über 28°..30° angesagt sind, verzichte ich gerne. Es kommt schliesslich etwa 10..15x jährlich vor, hängt also auch von vielen weiteren Fragen ab. Als ich noch innerhalb Winterthurs arbeitete - Arbeitsweg von gut 7 min - fuhr ich das ganze Jahr über jeden Arbeitsweg mit dem Velo.
Peter Oertel, am 19. September 2020 um 14:54 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.