Die Ölplattformen Brent Bravo und Brent Alpha haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. © CC
Am 18. Oktober 2019 besetzeten Greenpeache-Aktivisten die Plattformen Brent Bravo und Brent Alpha. © Greenpeace
Im OSPAR-Gebiet in Nord- und Ostsee befinden sich 1'315 operative Ölplattformen. © OSPAR

Ausgediente Nordsee-Bohrinseln sind eine Gefahr für die Umwelt

Daniela Gschweng / 07. Jan 2020 - Die Stilllegung von Ölbohr-Plattformen ist teuer. Betreiber würden Teile davon gerne im Meer lassen, mitsamt der alten Öltanks.

Den Anfang machte Shell. Der Öl-Multi beantragte 2018 für vier Ölbohrplattformen im rechtlich zu Grossbritannien gehörenden Brent-Ölfeld eine Ausnahmegenehmigung. Nach Ende der Betriebszeit will der Konzern Teile der Anlage stehenlassen. Im Schatten des bevorstehenden Brexits blieb die Anfrage weitgehend unbemerkt. Mehrere Nordsee-Anrainer protestierten aber gegen das Gesuch. Im Blick haben sie dabei die Zukunft: In den nächsten Jahrzehnten müssen Hunderte Bohrinseln abgewrackt werden.

Geht eine Bohrplattform ausser Betrieb, sollte sie restlos entfernt werden, das sagen sowohl der Laienverstand wie die geltenden Vereinbarungen. Von den Plattformen Brent Bravo, Brent Charlie und Brent Delta sollen dennoch der Sockel und von Brent Alpha das Plattformgerüst stehen bleiben.

Aufwendiger Abbau

Das ist theoretisch verboten, aber verlockend für alle Betreiber, deren betagte Ölbohrinseln überall auf der Welt vor sich hinrosten. Der Abbau einer Ölplattform ist technisch aufwendig und teuer. Neben dem sichtbaren Aufbau müssen Trägerelemente, Stützpfeiler, Tanks und andere Anlagen entfernt und gereinigt werden.

Vorgesehen ist die Demontage an Ort und Stelle. Transportable Teile müssen zu einer Abwrackeinrichtung gefahren oder geschleppt werden. Bei Nordsee-Plattformen heisst das grösstenteils: in die Türkei. Andere geeignete Einrichtungen befinden sich weit weg in Südasien, wobei China seit 2019 keine Wrackteile mehr annimmt.

Shell will 11‘000 Tonnen Rohöl zurücklassen

Ideen, was aus ausgedienten Bohrinseln werden könnte, gab es schon einige. Die Projektideen umfassten beispielsweise Freizeitanlagen, Edelhotels oder Forschungseinrichtungen, sogar ein Hochsee-Golfplatz war dabei. Shell will aus mindestens einer Brent-Plattform ein Biotop machen, in dem sich Muscheln und Kleintiere ansiedeln können. Das klingt gut, ist jedoch ökologisch nicht unbedenklich. Ein künstliches Riff, wie es in der Nordsee sonst nicht vorkommt, könnte zum Einfallstor für invasive Arten werden. Für Dutzende oder gar Hunderte Altplattformen ist die Biotop-Idee eher weniger geeignet. Ihre Überreste würden für Fischerei und Schifffahrt eine Gefahr darstellen.

Obendrein räumt Shell vor der Ökologisierung nicht auf: Zu den vier Plattformen, für die Shell eine Genehmigung beantragt hat, gehören 62 Öltanks und Bohrkammern. Nach Angabe von Shell enthalten sie 640'000 Kubikmeter ölhaltiges Wasser und 40'000 Kubikmeter ölhaltigen Bohrschlamm. Zusammen entspricht das etwa 11'000 Tonnen Rohöl. Diese Altlasten will Shell dort lassen, wo sie sind. Das Abpumpen der ölhaltigen Abfälle ist technisch möglich, aber teuer. Wie lange die Tanks und Betonfundamente halten, kann niemand genau sagen.

Aus den bisherigen Versuchen nichts gelernt

Schon einmal versuchte Shell, eine Bohrinsel einfach stehen zu lassen. Der Öltank der Plattform Brent Spar sollte im Atlantik versenkt werden, was 1995 zu grossangelegten Protesten führte. Die Umweltorganisation Greepeace hielt Brent Spar drei Wochen lang besetzt. Unter dem Druck weltweiter Proteste und der Boykottierung von Shell-Tankstellen durch grosse Bevölkerungskreise gab Shell nach. Jetzt, im Oktober 2019, war es wieder so weit. Aktivisten aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden besetzten Brent Alpha und Brent Bravo und wiesen erneut darauf hin, dass Ölreste im Meer eine «tickende Zeitbombe» darstellen.

Am 18. Oktober 2019 besetzten Greenpeace-Aktivisten die Plattformen Brent Bravo und Brent Alpha, um gegen die Stilllegungs-Strategie von Shell zu protestieren. (Bild: Greenpeace, Marten van Dijl)

Mehrere Nordsee-Anrainer protestieren

Da sich Uweltverschmutzung nicht nach nationalen Grenzen richtet, wären davon viele Länder betroffen – einer der Gründe, weshalb diese «Entsorgungsmethode» verboten ist. Den Abbau von stationären Ölplattformen regelt das OSPAR-Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks. Zu den OSPAR-Staaten gehören Belgien, Dänemark, Deutschland, Grossbritannien, Finnland, Frankreich, Irland, Island, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal, Schweden, die Schweiz, Spanien, und auch die EU als Staatengemeinschaft hat unterschrieben.

Schwieriger ist die Lage bei schwimmenden Plattformen. Für diese gelten die Abwrackvorschriften für Schiffe, für die die internationale Marineorganisation zuständig ist. Durch eine Ausflaggung können die Betreiber Umweltvorschriften oftmals umgehen.

Unabhängiges Gutachten widerspricht

Ölplattformen nach dem Ende ihrer Lebenszeit ganz oder teilweise im Meer zu belassen, ist nach einer OSPAR-Entscheidung von 1998 verboten. Ausnahmen sind möglich, wenn der komplette Abbau einer Plattform zu gefährlich oder technisch nicht machbar ist. Shell hat in Grossbritannien mit eben dieser Begründung darum ersucht.

Aus einem Einzelfall könnte aber schnell ein neuer Standard werden. Die Ölproduktion in der Nordsee lässt seit Jahren nach, was besonders britische Gebiete betrifft. Mehr als 500 Ölplattformen sehen ihrer Abwrackung in den nächsten Jahrzehnten entgegen.

Im OSPAR-Gebiet der Nordsee befinden sich 1'315 aktive Ölplattformen. Eine interaktive Version dieses Diagramms findet sich hier. (OSPAR)

Shell hält den Verbleib der Plattformen im Meer für die umweltschonendste Methode und bezieht sich dabei auf «zahlreiche Studien». «Shell hat die Ausserbetriebnahme des Brent-Feldes in den letzten zehn Jahren intensiv vorbereitet und durch unabhängige Wissenschaftler aus ganz Europa überprüfen lassen. Wir denken, damit den besten Vorschlag mit Blick auf Sicherheit, technische Machbarkeit und Umweltverträglichkeit gemacht zu haben», sagte ein Sprecher des Unternehmens dem deutschen «Handelsblatt».

Ein unabhängiges Gutachten, das Deutschland in Auftrag gegeben hat, kommt allerdings zu anderen Schlüssen. Deutschland reichte im April 2019 eine formelle Beschwerde bei der OSPAR-Kommission ein, die von den Niederlanden, Schweden, Belgien und der EU unterstützt wird. Eine Sondersitzung der OSPAR-Kommission im Oktober 2019 brachte jedoch keine Entscheidung.

Politisch unpopuläre Kosten

Sanktionsmöglichkeiten hat OSPAR nicht, diese liegen bei den nationalen Regierungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Abbau von Ölplattformen auf britischem Gebiet nach dem Brexit zur Verhandlungsmasse wird, ist gross. Einige Länder unterstützen die Plattformbetreiber und übernehmen bis zu 80 Prozent der Abwrackungskosen, die dann die Steuerzahler berappen müssen. Grossbritannien bezahlt etwa die Hälfte. Bei geschätzt 70 Milliarden Euro Gesamtkosten für den vollständigen Rückbau der Brent-Plattformen dürfte es die britische Regierung damit nicht allzu eilig haben.

Aber auch Abwarten kostet Geld. Von den Bohrinseln in der Nordsee sind mehr als ein Dutzend älter als 19 Jahre und somit technisch veraltet. Dutzende Bohrinseln laufen bereits jetzt im «Standby-Modus». Eine Ölplattform kennt verschiedene Arten der Stilllegung. Kalte Stapelung («cold stapling») bei der der Betrieb angehalten wird, die Besatzung unbeschäftigt bleibt und keine Inspektionen mehr stattfinden, kostet den Betreiber um die 15'000 Dollar pro Tag. Kalt gestapelte Anlagen werden unter den derzeitigen Voraussetzungen kaum wiederbelebt. Bei der «warmen Stapelung» hingegen bleibt die Bohrinsel auf Abruf betriebsbereit. Kostenpunkt: 50'000 Dollar pro Tag.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«Verlassene Bohrinseln in der Nordsee: Die 150-Milliarden-Dollar-Herausforderung», Handelsblatt
«UK facing EU outrage over ‘timebomb’ of North Sea oil rigs», The Guardian

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Eine Meinung

Der Neoliberalismus zeigt immer wieder seine hässliche Fratze:
Maximale Profite für Konzerne und Reiche - und dafür Verschmutzung und lebensbedrohliche Klimakrise für den Rest der Menschheit und die Mitwelt.
-> Chefgehälter runter, keine Dividenden und aufräumen bitte - und natürlich eine fossilfreie Zukunft!

Die Carbon-Bubble tickt sowieso und droht jederzeit zu platzen … deshalb vollständiges Divestment NOW aller Pensionskassen und aller Menschen guten Willens aus fossiler Energie, aber auch aus Rüstungs- und Suchtkonzernen (Alkohol, Nikotin, etc.)!
Diese «rote Linie» ist schon seit langer Zeit überschritten.

Wir fordern Gewaltfreiheit - auch gegenüber der Mitwelt!

https://www.friedenskraft.ch/
Dr. med. Paul Steinmann, am 07. Januar 2020 um 12:47 Uhr

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