Frauenfeindlicher Rap-Text normalisiert verbale Gewalt gegen Frauen. © unhatwomen

Frauenfeindlicher Rap-Text normalisiert verbale Gewalt gegen Frauen.

Mit Frauenhass in die Hitparade

Barbara Marti / 09. Okt 2020 - Rap-Texte, die Frauen entwürdigen, sind bei Jugendlichen der Hit. Anders als rassistische Texte sorgen sie selten für Empörung.

Gangster-Rapper verdienen viel Geld mit Songs, die Frauenhass propagieren. Unter dem Hashtag #unhatewomen macht die Frauenrechtsorganisation «Terre des Femmes» diese Form der Gewalt gegen Frauen sichtbar. Sie fordert, Sexismus gleich wie Rassismus und Antisemitismus aktiv zu bekämpfen und zu bestrafen.

Frauenhass und Vergewaltigungsfantasien

In einem Video von «Terre des Femmes» lesen Frauen millionenfach gehörte Songzeilen deutscher Rapper vor. Einige Beispiele:

  • «Es ist Kampfgeschrei, was nachts aus unserem Schlafzimmer dringt, weil dank mir in deinem Gleitgel ein paar Glassplitter sind.»
  • «Du bist ne Fotze, die schon nach zwei Bier auf der Theke tanzt, also laber uns nicht voll mit deinem Mädelskram. Eine Frau bleibt auf Ewigkeit ein Gegenstand.»
  • «Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt. Ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz.»

Gesellschaftlich akzeptiert

Songs voller Frauenhass und Vergewaltigungsfantasien sind auch in der Schweiz in Hitparaden an der Spitze. Doch das empört kaum jemanden. Pablo Vögtli vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Radio SRF begründete dies im Magazin «Beobachter» damit, dass Antisemitismus, Rassismus und Homophobie gesellschaftlich geächtet sind, Sexismus hingegen nicht. In Deutschland löste 2018 die Verleihung des renommierten Musikpreises «Echo» an die Rapper Kollegah und Farid Bang zwar eine Kontroverse aus. Im prämierten Album «Jung, brutal, gutaussehend 3» heisst es beispielsweise: «Dein Chick ist ’ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick sie, bis ihr Steissbein bricht.» Die beiden mussten den Preis zurückgeben, aber nicht wegen dieser frauenverachtenden Passage, sondern wegen des antisemitischen Satzes «Mein Körper, definierter als von Auschwitz-Insassen».

Letztes Jahr gelang es der Zeitschrift «Emma», in Deutschland endlich eine grössere Debatte über die sexistischen Raps von Kollegah auszulösen. Sie ernannte ihn zum grössten Sexisten 2019 (Sexist-Man-Alive-Award) und veröffentlichte in einer Dokumentation einige seiner übelsten Textpassagen. Einige Veranstalter sagten darauf Konzerte mit Kollegah ab.

Kunstfreiheit als Ausrede

Kritisierte Rapper berufen sich meist auf die künstlerische Freiheit, was die Zürcher Rapperin Big Zis für eine Ausrede hält. Es sei anspruchsvoll, intelligente, angriffige und kreative Songtexte zu schreiben, ohne auf Klischees zurückzugreifen, sagte sie im «Bobachter»: «Dafür sind diese Typen doch einfach zu faul.» Big Zis schlägt vor, zwischen Rapperinnen und Rappern zu unterscheiden. Beispielsweise müsse das Wort «Bitch» für Rapper tabu und den Rapperinnen vorbehalten sein. Das sei schon der Fall beim Wort «Nigger», das für weisse Rapper tabu sei.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Autorin ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift «FrauenSicht».

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3 Meinungen

Es ist mir wie so oft schleierhaft, was der Begriff der Kunstfreiheit bei Unterhaltung zu suchen hat. Unterhaltung hat keine intellektuellen Absichten, während Kunst doch zum Nachdenken anregen soll. Das Thema Vergewaltigung wird in einem künstlerischen Roman in einen Kontext eingebunden und durch ein Narrativ reflektiert. Hier kann ich nichts dergleichen erkennen, weshalb gar nicht von Kunst die Rede sein kann. Es kommt noch hinzu, dass der musikalische Beat Härte signalisiert, die nichts anderes als affirmativ gedeutet werden kann, d.h. am Ende noch entsprechende Taten motivieren soll.
Thomas Läubli, am 09. Oktober 2020 um 20:25 Uhr
Das ganze erinnert mich an die “Parental Advisory”-Geschichte in den 70ern (siehe dazu Frank Zappas Auftritt vor dem US-Kongress auf Youtube). “Under my Thumb” von den Rolling Stones kann man heute auch als frauenverachtend sehen, aber immerhin höre ich noch eine Prise Selbstironie im Song. Und ich möchte den Song so oder so weiterhin hören können. Statt bequem nach Verboten zu verlangen, die letztlich nichts bringen außer das Gegenteil des Erwünschten, schlage ich Big Zis und ihren Schwestern vor, mit Kreativität zu reagieren mit starken Songs, um sich gegen postpubertierende Kerle Gehör zu verschaffen.
Lorenz Trachsel , am 10. Oktober 2020 um 15:50 Uhr
Und so etwas Menschenverachtentes darf in unseren Medien verbreitet werden. Wie weit sind wir verkommen? Diese Texte gehören verboten. Sie stacheln zur Gewalt auf!
Gerhard Hampel, am 17. Oktober 2020 um 20:59 Uhr

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