Eltern können für ein Kind eine Katastrophe sein

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Jürgmeier / 19. Jul 2015 - «Das falsche Geschlecht kann für eine Schwangere eine Katastrophe sein.» Ein Offener Brief an die Urheberin dieses Satzes.

Liebe Anne-Marie Rey

Eigentlich habe ich Sie als eine der Begründerinnen der Fristenlösung in bester Erinnerung. Ihre (zurückgezogene) Initiative für «Straflosigkeit der Schwangerschaftsunterbrechung» haben sogar meine Eltern unterschrieben. Ohne dass ich grössere Überzeugungsarbeit leisten musste. Vielleicht wären sie ja ganz froh gewesen, es hätte diese Möglichkeit damals schon gegeben. Aber das ist die (bösartige) Unterstellung eines Nachgeborenen.

Das Geschlecht – eine Katastrophe – ein Abtreibungsgrund …

Aber dann habe ich im Tages-Anzeiger vom 18. Juli 2015 das Gespräch zwischen Ihnen sowie der Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer gelesen. Zum Vorschlag des Bundesrates, ÄrztInnen zu verbieten, Schwangere «in den ersten zwölf Wochen über das Geschlecht zu informieren», und damit zu verhindern, dass «das Geschlecht ein Abtreibungsgrund sein könnte». So wie es eine von Pascale Bruderer eingereichte Motion verlangt. In dieser Diskussion haben Sie folgende bemerkenswerten Aussagen – und nur um diese, nicht um die ganze Debatte geht es mir – gemacht:

«Das falsche Geschlecht kann für eine Schwangere eine Katastrophe sein. Sei es, weil die Familie einer Migrantin von ihr unbedingt einen Knaben erwartet. Sei es aus anderen, ‹schweizerischen› Gründen… Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass eine Frau mit drei Knaben zum vierten Mal ungeplant schwanger wird und sich sagt: ‹Wenn es ein Mädchen würde, würde ich [es] austragen. Aber einen vierten Knaben will ich auf keinen Fall.› Dies ist für mich ein akzeptabler Grund für einen Schwangerschaftsabbruch. Das Geschlecht kann für eine Frau etwas ganz Wichtiges sein – je nach Befindlichkeit und Kulturkreis, aus dem sie stammt.»

Die vorgeburtliche Untersuchung soll also nicht nur die physische & psychische Normalität eines Kindes bestätigen, sondern auch vor der Katastrophe des falschen Geschlechts warnen. Als ob es kein grösseres Unheil für künftige Mütter (und Väter) als ein unerwünschtes Geschlechtsgen gäbe. Und vor allem: Wenn das (unwillkommene) Geschlecht zur Katastrophe werden kann – was bedeutet das für eine Gesellschaft? In einer derart auf den Unterschied der Geschlechter fixierten Kultur ist doch das X- beziehungsweise Y-Chromosom keine Garantie dafür, dass so ein Menschlein am Ende den (rigiden) Geschlechterkonzepten «Mann» beziehungsweise «Frau» entspricht. In Pakistan verkleiden Mütter & Väter ihre Töchter als Jungen, «um ihnen ein freieres Leben zu ermöglichen und das Ansehen der Familie zu steigern», heisst es im Klappentext von Jenny Nordbergs Buch «Afghanistans verborgene Töchter». Dass das funktioniert, ist ein Indiz dafür, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht so eindeutig & gegeben sind wie wir glauben.

… und allerlei andere Katastrophen

Vielleicht wäre den Frauen – für die das «falsche» Geschlecht des Ungeborenen zur Katastrophe zu werden droht – mehr geholfen, wenn Sie Ihren Kampf für straflose Abtreibung nicht auf die schrankenlose Information über das werdende Kind ausweiten würden. Weil, so sagen Sie im Tages-Anzeiger, die Frauen «auch das nötige Wissen für diesen Entscheid» (für oder gegen Schwangerschaftsabbruch) haben müssten. Vielleicht könnten Sie der beschworenen Katastrophe besser vorbeugen, wenn Sie sich stattdessen an der Befreiung des Menschen vom dualistischen Korsett der Geschlechter beteiligten. Wo Kinder, mit welchem Chromosom auch immer, in individueller Vielfalt – die nichts für richtig oder falsch erklärt – aufwachsen, kann keines der (unzähligen) Geschlechter zur Katastrophe werden.

Und was, wenn Frauen – bekanntlich haben Wissenschaft & Technologie das Denkbare noch immer ins Machbare vorwärtsgetrieben – künftig auch wissen wollen, ob ihr Kind die Hautfarbe des Ferienflirts oder des Ehegatten oder, falls es doch noch gefunden werden sollte, das Gen für Kriminalität, Homosexualität oder tiefe Intelligenz im Erbgut hat? Was, je nach Umfeld, katastrophale Folgen haben könnte.

Letzte Frage: Was, wenn, umgekehrt, die Eltern – weil drogenabhängig, gewalttätig, verwahrlost, zwangsneurotisch oder schwerstnormal – zur Katastrophe für das Ungeborene zu werden drohen? Was soll so ein bedauernswerter Fötus nach einem Screening seiner potenziellen Eltern mit entsprechend negativem Ergebnis tun? So etwas wie Fristenlösung gibt’s für ihn ja nicht. Die Gebärmutter wechseln? Einen Auftragsmörder bestellen? Oder sich selbst bei Exit anmelden? Aber ist vorgeburtliche Sterbebegleitung zulässig? Wenn nicht – würden Sie sich dafür einsetzen?

Einigermassen beunruhigt

Jürgmeier

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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17 Meinungen

Die wirkliche Kernaussage von Frau Rey war nicht jener Satz, an dem der Autor nun seine Kritik aufhängt, sonder die folgende Antwort: «Soll man wegen dieser paar blöden Frauen – Entschuldigung – das Grundprinzip der Selbstbestimmung aufgeben? Sicher nicht. Man kann nicht für das Selbstbestimmungsrecht der Frau sein und dann den Abbruch verbieten, wenn einem ein Entscheid nicht passt.» Und damit hat sie völlig Recht. Genossin Bruderer, Genosse (?) jürgmeier und alle anderen ertragen es einfach nicht, dass Selbstbestimmung eben nicht heisst, dass alle einer - ihrer - Meinung sind. Darin sind sie alle gleich, die Kollektivisten - egal ob sie rechts bei der SVP oder links bei rot-grün daheim sind: Alle meinen sie, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und darum seien sie (von Gott, von Marx, von Wilhelm Tell, ...) beauftragt, die Menschheit zwangszubeglücken.
Michael Gisiger, am 19. Juli 2015 um 13:13 Uhr
@jürgmeier. Um Ihren Titel zu radikalisieren: Zu den mutmasslich wichtigsten indizierten Gründen für eine Abtreibung gehört das Dilemma, dass Eltern, die mit ihrem schrankenlosen Egoismus für das Kind eine Katastrophe darstellen, leider nicht ihrerseits rechtzeitig abgetrieben werden konnten. Sie sehen nun selbst, Kollege jürgmeier, dass jede Ideologie, ausnahmslos jede, besonders diejenigen aber, die es speziell gut meinen, irgendwo im Falle vor allem des Uebereifers an ihren Grenznutzen stossen. Es geht hier wieder mal um ein absolut fundamentalistisch gehandhabtes Prinzip. Es ist genau dasjenige Prinzip, das sowohl bei Menschenleben wie bei der Misshandlung der Sprache unbedingt recht haben und recht behalten will, ein Kennzeichen totalitärer Ideologien.

PS. Als Lehrer der Ethik habe ich es lange vor meiner Pensionierung aufgegeben, in Sachen Gewissensbildung in der Frage der Abtreibung meinen Schülerinnen irgendetwas nahelegen zu wollen. Wir alten christlichen oder sonstigen, auch «progressiven» Knacker, incl. Papst, werden in solchen Fragen von der Jugend nicht zum Nennwert genommen. Die Gewissensdebatte muss tatsächlich von Frauen geführt werden. Dies ist mit ein Grund, warum ich aus Überzeugung für die Wiederwahl von Pascale Bruderer in den Ständerat eintrete. Ich hoffe sehr, ihr damit wenigstens nicht zu schaden.
Pirmin Meier, am 19. Juli 2015 um 13:31 Uhr
Den FeministInnen muss die Möglichkeit verwehrt werden, Knaben abzutreiben, weil sie Männer hassen. Ist neulich in den USA geschehen.
Paul Gerber, am 20. Juli 2015 um 09:18 Uhr
@Gerber. So wie Sie argumentieren, auf diese holzschnittmässige Art, kommen wir in der Geschlechterdiskussion nicht weiter.

Bin selber zur reinen Ideologie des Feminismus kritisch eingestellt, wobei ich meine Schülerinnen Simone de Beauvoir lesen liess, das ist immerhin Niveau. Aber der rein dogmatische Feminismus um jeden Preis hat natürlich seinen Grenznutzen längst erreicht. Deswegen sollten wir Männer im Geschlechterdialog auf vernünftige, feindbildresistente Frauen setzen. Solche sind überall vorhanden, nur nicht gerade unbedingt in Gleichstellungsbüros, obwohl es sie sogar dort gibt. Einer der bestqualifzierten Männer im Zürcher Gleichstellungswesen, Markus Theunert, funktionierte aus ideologischen Gründen nicht. Ich selber hielt 2011 mit durchaus ernst zu nehmenden Referenten und Referentinnen in Winterthur an einen Vortrag an einem sog. Antifeminismuskongress, ein Titel, auf den ich nicht angewiesen gewesen wäre, wie Theunert auch nicht. Aber ich wurde wegen diesem Referat, das in der Presse nachweisbar falsch zitiert wurde, ohne Verteidigungsmöglichkeit als Lehrerfortbildner (24 Jahre äusserst erfolgreich) mit «Nichtweiterbeschäftigung» belohnt. Auf diese Art fanatischen Feminismus können wir hoffentlich verzichten. Andererseits vermochte und vermag ich als historischer Männerforscher (vgl. einige meiner Bücher) kluge und vernünftige Politikerinnen wie die einstige Ständeratspräsidentin Josi Meier, NR-P Judith Stamm und Pascale Bruderer nachdrücklich zu schätzen.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2015 um 10:14 Uhr
Mit Polemik kommt man bei diesem Thema kaum weiter, wie Pirmin Meier richtig vermerkt. Es ist auch richtig dass die Kernaussage von Frau Rey das Selbstbestimmungrecht der Frau auf den eigenen Körper im Zentrum hat, das nun eingeschränkt werden soll. Doch dies ist ein Trugschluss von Frau Rey, hier geht es nicht um das Selbstbestimmungsrecht, das nämlich der Frau überlässt ob sie ein Kind will, und nicht was für eines. Wenn jede Frau nun bestimmen kann - und dies ist mit den modernen Verfahren der Gentechnik zunehmend möglich - ob ihr Kind nun männlich, weiblich, mit blauen oder grünen Augen ausgestattet, mit dunklen oder blonden Haaren, dann hat das nichts mehr mit dem Selbstbestimmungsrecht zu tun, sondern mit modernem Lifestyle. Die Konsequenzen des Eingriffs in die Natur können wir heute in Indien sehen wo die wegen der Abtreibung der weiblichen Föten die Geschlechterverteilung unhaltbar geworden ist und negative Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Zudem kann ja auch nicht ausgeschlossen werden dass Frauen bei uns weibliche Föten abtreiben weil sie unter dem Druck von Männern stehen, vor allem in Immigrantenkreisen. Wollen wir das zulassen? Ich begrüsse die Motion von Frau Bruderer und hoffe dass sie durchs Parlament geht.
Stephan Nellen, am 20. Juli 2015 um 10:40 Uhr
Wer die Situation in China oder Indien mit jener bei uns vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. In unserer freien, offenen Gesellschaft können die Betroffenen - also die Frauen in diesem Fall - basierend auf ihren persönlichen Wertvorstellungen und Weltanschauungen prima selber entscheiden. Vergleichen wir es mit Schwangerschaften, bei denen das Down-Syndrom diagnostiziert wird: hier wird nicht in jedem Fall abgebrochen, im Gegenteil, es gibt Mütter, die entscheiden sich bewusst für das Kind. Es mag ihnen (und mir übrigens auch) nicht passen, dass es Frauen geben wird, die wegen dem Geschlecht ein Kind abtreiben werden - aber nochmals: in einer freien, offenen Gesellschaft hat man das zu akzeptieren.
Michael Gisiger, am 20. Juli 2015 um 10:52 Uhr
Abtreibung aufgrund des Geschlechts muss ein absolutes Tabu sein! FeministInnen sollen keine Knaben und Frauen mit Migrationshintergrund keine Mädchen abtreiben dürfen, nur weil das Ungeborene das falsche Geschlecht hat! Deshalb unterstütze auch ich die Absicht von Pascale Bruderer.
Paul Gerber, am 20. Juli 2015 um 11:07 Uhr
@Gerber: Und wer legt dieses Tabu fest? Gott? Putin? Sie? Übrigens schön, wie sie es schaffen, in einem Satz gleich zwei Vorurteile - neben einem Frauen- auch Ausländerhass - unterzubringen. Es können ja nur «Frauen mit Migrationshintergrund» sein, die Mädchen abtreiben. Zumindest in ihrem einfachen Weltbild ...
Michael Gisiger, am 20. Juli 2015 um 11:16 Uhr
Unterschiedliche Wertvorstellungen gleich als Ausländerhass zu qualifizieren ist unterste Schublade. Noch interessant ist, dass Selbstbestimmung und Selektion betr. werdendes Leben mit allen heute sich als machbar bietenden Möglichkeiten von einigen als «Frauenrecht» bejaht wird, hingegen gilt uneingechränkte Meinungsfreiheit immer noch gemäss Orwell als «Verbrechdenk». Eher scheint mir unbeschränkte Meinungsfreiheit tolerabel, als dass man mit menschlicher Biologe machen darf, was einem beliebt, Motto «Mein Bauch bzw. mein Same gehört mir». Nicht alles, was machbar ist, soll gemacht werden. Aber alles darf diskutiert werden. A propos Meinungsfreiheit: 2008 wurde mir von einer kantonalen Kommission verboten, Thesen des umstrittenen australischen Ethikers Peter Singer in einem Maturaaufsatz zur Diskussion zu stellen. U.a. auch, weil diese - was ich nicht bestreite - «grenzwertig» sind. Es darf über alles diskutiert werden, wirklich, ohne dass gleich mit der Rassismus- oder Naziklappe gerasselt wird. Aber im Hinblick auf die modernen Möglichkeiten biologischer und technischer Manipulation bleibt es dabei, dass es hier Regelungsbedarf geben kann, der die blosse Selbstverwirklichung in Frage stellt. Gilt nicht nur für den Bauch der Frau, sondern flächendeckend. Diskutiert werden darf hingegen alles, und wenn Sie andere Meinungen als Frauenhass oder Ausländerhass hinstellen, denken Sie selber eher primitiv. Bei solchem Denken droht auch die Wiedergeburt von Berufsverboten.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2015 um 11:36 Uhr
@Meier: Na, na, Kommentator Gerber hat - das unterstelle ich ihm - seine Beispiele bewusst gewählt. Er kritisiert ja nicht Abtreibungen aus Gründen des «Lifestyles», sondern spricht explizit von FeministInnen (sic, mit Binnen-I, das er ansonsten sicherlich nie verwendet, ausser in einem abwertenden Zusammenhang) und «Frauen mit Migrationshintergrund». Ausserdem bin ich, dies vermutlich im Gegensatz zu Gerber, der letzte, der hier irgendjemandem Diskussions- oder gar Berufsverbote auferlegen will. Dafür sind eher SVP-nahe Kreise oder dann jene linken Studenten zuständig, die damals Peter Singer an der Uni Zürich tätlich angegriffen haben ...
Michael Gisiger, am 20. Juli 2015 um 11:58 Uhr
@Michael Gisiger: Zu Ihrem Vorwurf «Ausländerhass»: Das Beispiel «Frauen mit Migrationshintergrund», die Mädchen abtreiben könnten, stammt nicht von mir, sondern vom Autor des Artikels Jürgmeier: «Sei es, weil die Familie einer Migrantin von ihr unbedingt einen Knaben erwartet». Lesen hilft.
Zu Ihrem Vorwurf «Frauenhass»: Nein, ich schrieb gegen FeministInnen, nicht gegen Frauen mit gesundem Menschenverstand. Kennen Sie den Unterschied? Bildung hilft.
"Und wer legt dieses Tabu fest? Gott? Putin? Sie?» Nein, der gesunde Menschenverstand, die Naturgesetze von Geburt und Leben und christliche Werte. Es gibt genügend zersetzende Elemente in unserer Gesellschaft, die alle geltenden Werte zerstören wollen: «in einer freien, offenen Gesellschaft hat man das zu akzeptieren» von Michael Gisiger (zum Abtreiben aufgrund des falschen Geschlechts).
"Zumindest in ihrem einfachen Weltbild»: nein, «klaren» Weltbild bitte (pro Natur).
@Pirmin Meier: absolut Ihrer Meinung!
Paul Gerber, am 20. Juli 2015 um 12:13 Uhr
Danke, @Gerber, so weit lag ich ja nicht daneben, so von wegen «christlichen Werten». Interessante Wortwahl, übrigens: «zersetzende Elemente in unserer Gesellschaft». Vielleicht sollten sie mal Popper lesen ...
Michael Gisiger, am 20. Juli 2015 um 12:33 Uhr
@Gisiger. Ihr Hinweis auf Singer und wie es ihm erging zeigt, dass wir uns besser verstehen als es auf Anhieb aussieht. Popper kannte ich persönlich, ich warne Sie, dessen Toleranz zu überschätzen. Er war gegen Intolerante extrem intolerant und hat, so weit sie ideologisch argumentierten, auch die Grünen nicht geschont. Popper war also weder ein Scheissliberaler noch ein Gutmensch, er konnte mit einem Grillhaken in der Hand diskutieren, wenn es heftig wurde. Das mit den «christlichen Werten» kann als Wortwahl verfänglich sein, meint möglicherweise nichts anderes als wenn Ungläubige von Menschenrechtstradition sprechen, welche übrigens genau so wie die katholische Weltanschauung auf Dogmen beruht. Ich bleibe aber der Meinung, dass wir bei der Diskussion etwa um vorgeburtliche Selektion und auch nachgeburtliche, wie sie Singer forderte, weniger mit «christlichen Werten» kommen sollten als tatsächlich mit gesundem Menschenverstand, englisch Common sense, oder allenfalls mit der Kantschen Regel vom Kategorischen Imperativ. Sonst ziehen wir uns schnell mal auf Glaubenskriegpositionen zurück. Unmenschliches und unverantwortliches Verhalten kann auch jenseits «christlicher Werte» in Frage gestellt werden. Es ist für mich nachgerade eine Wohltat, dass Pascale Bruderer nicht zu den CVP-Frauen gehört.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2015 um 13:09 Uhr
In einer kleinen Menschenhorde kann man sich ja noch vorstellen, dass das falsche Geschlecht - für das Überleben derselben - eine Katastrophe sein kann, aber in einer fortschrittlichen Gesellschaft/Gemeinschaft? Bedenklich...
Marcel Peter, am 20. Juli 2015 um 16:33 Uhr
Man sollte, wenn man sich schon mit Katastrophen befassen will, mit dem Begriff «Katastrophe» massvoll umgehen. Der Bergsturz von Goldau und die Tsunamis in Asien sind zum Beispiel mit dem 2. Rang Roger Federers in Wimbledon, angeblich einem Argument für den Rücktritt, nicht zu verwechseln. Ein gesunder Bub, bloss weil man sich ein Mädchen gewünscht hat, oder umgekehrt, ist auf dem Niveau ungefähr des 2. Rangs in Wimbledon, ausser dass es weniger Geld und Publizität dafür gibt. Ein Kind, das nicht allen Wünschen entspricht, als Katastrophe zu bezeichnen, ist meines Erachtens schon der Gipfel der Inhumanität. Solche Eltern sind fürwahr eine Katastrophe.

Nach der Legende war der Vater der heiligen Ottilie, ein Fürst aus dem Elsass, total ausser sich, weil ihm erstens «nur» ein Mädchen und zweitens eine Blinde geboren worden war. Nach Legende wurde Ottilie dann bei der Taufe sehend. Sie wird angerufen in prekären familiären Situationen, bei Familienstreitigkeiten, und ebenfalls, wenn Verblendung vorliegt. Wie alle schönen mythischen Geschichten ist diese wohl sogar dann lehrreich, wenn man nicht aus dem religiös-kulturellen Umfeld des katholischen Elsass entstammt.

Ottilie war Lieblingsfrauenname für Goethe, der sich als «dezidierten Nichtchristen» bezeichnet hat. Wie kaum ein Mann konnte er sich in Frauenrollen einfühlen, so im von ihm geschriebenen Tagebuch von Ottilie in den «Wahlverwandtschaften». Auch ein Stück Geschlechtergeschichte. Es gibt hier Freiheitsspielraum.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2015 um 17:29 Uhr
Ich denke nicht dass ich die Aussagen von Frau Rey missgedeutet habe. Die Aussagen bedeuten einen absoluten Anspruch der Frauen auf Entscheidungsautonomie über ihren Nachwuchs, und zwar nicht nur ob sie ein Kind austragen will, sondern auch über weitere Qualitäten wie Geschlecht und vielleicht in Zukunft noch anderes mehr. Dieser absolute Anspruch ist im diametralen Gegensatz zur effektiven Gleichstellung von Mann und Frau, denn der Mann der das Kind mitgezeugt hat hat ja möglicherweise auch eine Meinung welche berücksichtigt werden sollte. Dieser absolute Anspruch den Frau Rey postuliert ist Feminismus der alten Schule des letzten Jahrhunderts und führt dann leider zu solch absurden Aussagen dass Frauen über das Geschlecht eines Kindes entscheiden sollen. Abtreibungen lassen sich sicher gesetzlich verbieten, leider aber nicht durchsetzen, wenn die Frauen die Haltung von Frau Rey einnehmen. Dies ist aber kein Grund kein Verbot auszusprechen.
Stephan Nellen, am 31. Juli 2015 um 23:22 Uhr
Es geht eben nicht um das Abtreibungsverbot, sondern um eine Regel betreffend Informationsverpflichtung.
Pirmin Meier, am 01. August 2015 um 00:54 Uhr

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