UC Global-CEO David Morales mit seiner Frau Noelia Páez Gutierrez. © Gerichtsakten Madrid
Assanges Treffen mit Rommy Vallejo wurde peinlich überwacht. Ein Mitarbeiter von UC Global informierte Morales umgehend, über was Assange mit dem Vallejo gesprochen hatte. © Nationaler Gerichtshof Madrid
UC Global versuchte alles über Assanges Team herauszufinden. Besonders im Fokus standen seine Anwälte, wie das Mail zeigt. © Nationaler Gerichtshof Madrid

«Von der Vergiftung bis zur Entführung ist alles möglich»

Rafael Lutz / 09. Jul 2020 - Zeugenaussage im Gerichtsverfahren in Spanien: So habe die US-Administration Assanges Flucht aus der Botschaft vereitelt. (3. Teil)

«Es gibt drei Zielscheiben von höchster Priorität, die jederzeit kontrolliert werden müssen», schrieb David Morales, CEO der UC Global, am 12. Dezember seinen Angestellten. Das war zwei Tage nachdem Morales ausgewählten Mitarbeitern eine Powerpoint-Präsentation zeigte, wie sie den «amerikanischen Freunden» einen direkten Streaming-Zugriff auf die ecuadorianische Botschaft gewähren konnten. Die ecuadorianische Botschaft sollte nichts davon erfahren (siehe 2. Teil: «Die Damentoilette wird verwanzt»).

EXKLUSIV: So brachte die CIA in London Assange unter Kontrolle (3. Teil)

Red. Julian Assange hat in Madrid gegen die spanische Sicherheitsfirma UC Global Strafanzeige erstattet. UC Global habe Räume der ecuadorianischen Botschaft in London verwanzt und der CIA Zugang verschafft. Unterdessen führt die spanische Justiz ein Untersuchungsverfahren. In einer dreiteiligen Folge informiert Infosperber aus dem Inhalt der Strafanzeige sowie über notariell beglaubigte Aussagen von geschützten Zeugen. Über die Stellungnahme von UC GLobal berichtet Infosperber, sobald diese zugänglich wird. Ein Anwalt von UC Global bestritt gegenüber NDR, dass UC Global innerhalb der Botschaft Audioaufnahmen machte und mit der CIA zusammenarbeitete. Für natürliche und juristische Personen gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.

Gemeint mit den Zielscheiben waren «Fix», ein deutscher Cyber-Sicherheitsexperte, und «Muller», ein deutscher Informatiker namens Andy Müller-Maguhn, der eng mit Assange befreundet war. Weiter machte Morales in dem Mail auch auf Ola Bini, einen schwedischen Softwareentwickler, und Felicity Ruby, eine Kollegin von Bini bei der Firma «ThoughtWorks» aufmerksam. Morales nannte die Firma «ein Team von Hackern». Auch sie galt es auszuspionieren. Als Müller-Maguhn Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London besuchte, fotografierten UC Global-Mitarbeiter den Inhalt seines Rucksacks sowie auch alle seine elektronischen Geräte. Das geht aus der Klageschrift hervor, welche Assanges Anwalt letzten Sommer einreichte und zu einer laufenden Untersuchung der spanischen Justiz führte (siehe 1. Teil: «US-Geheimdienste spähten Assange aus»).

Auch sollte ein besonderes Augenmerk auf alle russischen Bürger gelegt werden, die Assange besuchten. Gemäss den Gerichtsdokumenten ist dies ein Indiz dafür, dass Morales in Übereinstimmung mit der zum damaligen Zeitpunkt vorherrschenden Meinung der US-Geheimdienste gehandelt habe, die ihren Blick stets auf Russland gerichtet hatten. Zumindest ein Teil der US-Geheimdienste war wohl der Meinung, dass Russland Einfluss nahm auf die US-Politik und auch Assange ein russischer Agent gewesen sei. Besondere Beachtung schenkte UC Global auch dem «The Intercept»-Journalisten Glenn Greenwald, der Assange ebenfalls besucht hatte. Von ihm fotografierten sie den Reisepass.

US-Geheimdienste erstellten Personenliste

Auch machten sie auf die Existenz seines russischen Visums aufmerksam. Greenwald hatte 2013 als erster Journalist die Dokumente von Whistleblower Edward Snowden veröffentlicht, die enthüllten, wie der US-Geheimdienst NSA die weltweite digitale Kommunikation überwacht. Die Personenliste erstellte Morales laut den Gerichtsdokumenten auf Wunsch der US-Geheimdienste. Mit der systematischen Überwachung und Auswertung des Assange-Netzwerks begann die spanische Sicherheitsfirma einige Monate zuvor. Im Juni 2017 hatten einige Mitarbeiter der Firma begonnen, die Informationen über Assange und sein Team auszuwerten und zu dokumentieren. Dafür reisten sie einmal pro Monat extra nach London, um das Audio- und Videomaterial zu sammeln.

Bereits im September 2017 hatte Morales in einem Mail an seine Mitarbeiter mehrere Personen genannt, die es akribisch auszuspähen galt. Unter den «Zielen», wie der UC Global-CEO sie bezeichnete, waren vorwiegend Anwälte von Assange aufgelistet. Darunter: Renata Ávila, Jennifer Robinson, Carlos Poveda sowie Baltasar Garzón, der Assanges Rechtsteam leitete.

Auszug aus einer E-Mail von David Morales. UC Global versuchte alles über Assanges Team herauszufinden. Besonders im Fokus standen seine Anwälte, wie das Mail zeigt (Ganzes E-Mail und grösser hier).

Ebenfalls aufgelistet war WikiLeaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison. «Die Profile der folgenden regelmässigen Besucher müssen erstellt und aktualisiert werden», schrieb der UC Global-CEO und verlangte genaue Informationen bezüglich Personendaten, Beziehung mit dem Gast, Telefonnummern, E-Mails, Anzahl der Besuche und so weiter.

Ins Netz der Späher gelangten alle Besucher Assanges. Der US-Schauspielerin Pamela Anderson, die Assange in der Botschaft besucht hatte, stahlen sie die E-Mail- und Mobiltelefon-Passwörter. Der Diebstahl ereignete sich, als Anderson ihre Passwörter auf einen Notizblock schrieb, damit Assange die Sicherheit ihrer Konten überprüfen konnte.

Selbst der republikanische US-Politiker Dana Rohrbacher, der laut Assanges Anwältin Jennifer Robinson den WikiLeaks-Gründer als offizieller Abgesandter von Präsident Trump besuchte, wurde peinlich überwacht. Mitarbeiter von UC Global fotografierten auch die Identitäts- und SIM-Kartennummern von Handys. Das geschah beispielsweise mit der italienischen Journalistin Stefania Maurizi (Bild links. Quelle: Gerichtsakten Madrid). Dadurch konnten sie möglicherweise später die Handys hacken.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Morales Stella Morris. Sie war Mitglied des Rechtsteams Assanges und enthüllte kürzlich, dass sie eine Beziehung mit Assange eingegangen war und während seiner Zeit in der Botschaft zwei Kinder mit ihm gezeugt hat. Morales wies sogar einen Mitarbeiter an, eine Windel von einem von Morris' kleinen Söhnen zu stehlen, um DNA zu extrahieren. Die US-Geheimdienste suchten Beweise dafür, dass Morris die Mutter von Assanges Kindern war. Aufgebracht durch den bizarren Auftrag, fing aber ein Mitarbeiter von UC Global vor der Botschaft Morris noch ab, um sie über den geplanten Windeldiebstahl zu informieren. Derselbe Mitarbeiter gab später im Rahmen des juristischen Prozesses gegen UC Global zu Protokoll, dass «die Amerikaner» darauf bestanden hätten, die DNA-Ergebnisse zu erlangen. Dies zumindest habe ihm Morales zu verstehen gegeben.

UC Global-Mitarbeiter jagten unter anderem auch Baltasar Garzón, den ehemaligen spanischen Richter, der 1998 international bekannt wurde, nachdem er einen Haftbefehl gegen den chilenischen Diktator Augusto Pinochet erlassen hatte. Garzón verfolgten sie, als dieser den ehemaligen ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa am Barajas-Flughafen in Madrid abholte. Die beiden wurden fotografiert, während sie sich in Garzóns Haus befanden.

Am 18. Dezember 2017 brachen drei schwarz maskierte Männer in Garzóns Büro ein und wühlten sich durch seine Dokumente. Damalige Mitarbeiter von UC Global fragten sich sofort, ob möglicherweise Morales den Einbruch initiiert hatte. Ein ehemaliger Mitarbeiter von UC Global sagte als geschützter Zeuge vor Gericht dazu: «Morales schlug vor, in das Madrider Büro von Garzón einzubrechen, um an ‹relevante Informationen über Assange zu gelangen und sie den Amerikanern zu geben›.»

Zeuge: «Vergiftung als mögliches Szenario»

Der Grund des zuletzt immer aggressiveren Vorgehens gegenüber dem Umfeld des WikiLeaks-Gründer war folgender: Gemeinsam mit Ecuador hatte Assanges Team einen Plan ausgeheckt. Dieser sah vor, Assange, der unter Correa die ecuadorianische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, künftig als Diplomaten für eine befreundete Regierung wie beispielsweise Bolivien einzusetzen und ihm damit diplomatische Immunität zu gewähren. Dadurch wäre er unter dem Schutz des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen gestanden und hätte die Botschaft in London verlassen können.

Die Umsetzung des Vorhabens schien beinahe perfekt, Assanges Team stand kurz vor dem Ziel. Am 20. Dezember 2017 sollte der Chef des ecuadorianischen Geheimdienstes SENAIN, Rommy Vallejo, mit Assange die letzten Details besprechen.

Doch die USA bekamen Wind von diesem Plan und beschlossen ein noch aggressiveres Vorgehen gegen Assange und sein Umfeld. Die US-Administration versuchte die Aktion mit allen Mitteln zu vereiteln. Morales soll seinen Leuten die Anweisung gegeben haben, beim Besuch des ecuadorianischen Geheimdienstchefs Vallejo alles aufzuzeichnen, alle Kameras laufen zu lassen und alle Daten aller Telefonhandys mitzunehmen. Nach dem Besuch Vallejos sendete ein Mitarbeiter von UC Global sofort eine Nachricht an David Morales und informierte ihn über den Inhalt des Gesprächs.

Am 21. Dezember, einen Tag nach Assanges Treffen mit dem SENAIN-Chef, reichten US-Staatsanwälte beim Bundesgericht in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia heimlich die Anklage gegen Assange ein. Als der US-Botschafter in Ecuador, Todd Chapman, vom Befreiungsplan für Assange erfuhr, warnte er die ecuadorianischen Behörden, diesen umzusetzen. Der Befreiungsplan Assanges scheiterte daraufhin.

Laut einem Ex-Mitarbeiter von UC Global wollten die USA in der Folge Assanges Anwesenheit in der Botschaft unbedingt beenden. Ein Ex-Mitarbeiter, der vor Gericht als geschützter Zeuge aussagte, erklärte: «Ich erinnere mich, wie mir David Morales im Dezember 2017 mitteilte, wie verzweifelt die Amerikaner waren.» Aus diesem Grund hätten sie zum damaligen Zeitpunkt extremere Massnahmen gegen Assange vorgeschlagen. «Morales sprach von der Möglichkeit, eine Tür in der Botschaft offen zu lassen, um den Eintritt und die Entführung Assanges zuzulassen. Auch habe er von der Möglichkeit gesprochen, Assange zu vergiften.» Schockiert von den Absichten der US-Geheimdienste, hätten darauf mehrere Mitarbeiter dagegen protestiert.

Julian Assange ist nicht vergiftet worden. Er sitzt dafür im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London. Während bisherigen Anhörungen zur Auslieferung des WikiLeaks-Gründers in die USA, die diesen Februar in London begannen, war auch eine britische Rechtsanwältin anwesend, die Las Vegas Sands vertrat. Das bestätigte Assanges Anwalt Aitor Martinez gegenüber Infosperber. Die Las Vegas Sands-Gruppe betreibt Hotels und Casinos und ist im Besitz des ultrakonservativen US-Milliardärs Sheldon Adelson. Sie arbeitete mit David Morales und dessen Firma UC Global zusammen, welche die Verwanzung in der ecuadorianischen Botschaft in London organisierte und mit der CIA zusammenarbeitete. Offensichtlich ist Adelson am Ausgang des Justizverfahrens in Spanien sehr interessiert.

«Assanges Verbrechen ist Journalismus»

John Pilger, australischer Journalist und Filmemacher

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QUELLEN:

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Rafael Lutz arbeitet als Redaktor bei der Regionalzeitung «Der Tössthaler» und schliesst gerade ein Studium der Soziologie an der Universität Freiburg mit dem Master ab.

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