Selbst der Geschichtsstudent Andriy Oryshchenko unterstützt das neue Gesetz «completely» © Kyiv Post
Der Wunsch, die russische Sprache als Amtssprache zu erhalten © Wikipedia

Absurder Nationalismus: Die Ukraine geht auf Distanz zu Europa

Christian Müller / 14. Okt 2018 - Das ukrainische Parlament hat in erster Lesung einem Gesetz zugestimmt, wonach nur noch ukrainisch publiziert werden darf.

Das Tessin ohne Italienisch? Die Kantone Genf, Waadt und Neuenburg ohne Französisch? Man stelle sich vor, National- und Ständerat würden in Bern ein Gesetz beschliessen, gemäss dem es im Tessin und in den französischsprachigen Kantonen verboten wäre, Zeitungen in italienischer oder französischer Sprache herauszugeben oder auch Online-Portale in italienischer oder französischer Sprache zu betreiben, es sei denn, es erscheine jeder einzelne publizierte Artikel gleichzeitig auch in deutscher Sprache! Eine absolut absurde Idee!

Nicht so in der Ukraine!

In Kiev hat die Verkhovna Rada, das ukrainische Ein-Kammer-Parlament, genau so ein Gesetz zur ukrainischen Sprache in erster Lesung am 4. Oktober genehmigt! Zur Durchsetzung der ukrainischen Sprache in der gesamten Ukraine – in der rund ein Drittel der Bevölkerung seit Jahrhunderten Russisch spricht – sollen 'fremdsprachige' Publikationen verboten werden, es sei denn, wie oben erwähnt, die Publikationen würden all ihre Artikel nicht nur in 'fremder' Sprache, sondern gleichzeitig auch in ukrainischer Sprache publizieren.

Das Ziel dieses Gesetzes ist klar: Die russische Sprache soll in der Ukraine ausgerottet werden! Die Ukraine soll, was sie geschichtlich eben nie war, sprachlich und kulturell nun halt eben mit Zwangsmassnahmen zu einer 'Nation' werden. Nationalismus der schlimmsten Sorte!

Ein absolut absurdes Theater!

«Ob eine Sprechweise eine eigenständige Sprache ist oder nur ein Dialekt, ist eine politische Entscheidung», sagt Prof. Dr. Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Das gilt nicht zuletzt auch für die Ukraine. Die ukrainische Sprache ist sehr nahe an der russischen Sprache, alle Ukrainer verstehen die russische Sprache. Es ist eigentlich nicht anders als zwischen der Schweiz und Deutschland: Die Schweiz versteht ihr Schweizer Deutsch als Dialekt der hochdeutschen Sprache, sie hat Schweizer Deutsch nie als eigenständige Sprache erklärt. Aber sie könnte das natürlich tun (warten wir's ab, auf welche kruden Ideen die SVP noch kommen kann). Die Ukraine, die sich 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als unabhängiger Staat konstituierte, betrachtet ihren russischen Dialekt als eigene Sprache. Das ist – politisch – ihr gutes Recht. Innerhalb ihrer Grenzen von 1991 hat sie aber Sprachminderheiten nur mit Widerwillen akzeptiert. Die ruthenische Sprache zum Beispiel wurde wo immer möglich unterdrückt. Der sich für die ruthenische Sprache engagierende Schriftsteller Ivan Petrovtsiy zum Beispiel wurde in Kiev aus dem Schriftsteller-Verband ausgeschlossen.

Im Jahr 2004 wurde eine grosse Umfrage durchgeführt, ob die ukrainischen Staatsbürger die russische Sprache als zweite Amtssprache aufrechterhalten wollen oder nicht. Das Resultat war klar: Der Osten der Ukraine und der Süden wollten ihre eigene Sprache, das Russisch, auch als Amtssprache behalten.

Je blauer die Provinz, umso grösser der Wunsch, Russisch als Amtssprache zu erhalten.

Aber jetzt soll, als Verdikt aus Kiev, die russische Sprache unterdrückt und ausgemerzt werden. Achtung: Diese Idee ist nicht neu. Der Konflikt in der Ostukraine, im Donbass, wo sich Separatisten von der Ukraine lossagen wollten, entstand nicht zuletzt aufgrund des Vorhabens von «Kiev», die russische Sprache dort zu verbieten.

Die Situation ist absurd: «Kiev» tut alles, um zu Russland auf Distanz zu gehen und sich der EU (und natürlich auch der NATO) zu nähern. Man behauptet, die «europäischen Wertvorstellungen» leben zu wollen. Was aber hat die totale Missachtung von Minderheiten, die Unterdrückung von Minderheits-Sprachen zum Beispiel, mit «europäischen Werten» zu tun?

Die Schweiz spielt mit

Nur fünf Tage, nachdem das ukrainische Parlament das neue – extrem nationalistische – Sprachengesetz in erster Lesung genehmigt hatte, war eine hochrangige Schweizer Delegation zu Gast in Kiev. Unter Führung von Nationalrätin Christa Markwalder, die im Jahr 2016 dem Nationalrat als Präsidentin vorgestanden hatte, besuchte die Verkhovna Rada, das ukrainische Parlament. Thema der Begegnung: Wie erhält ein Parlament von der Bevölkerung das notwendige Vertrauen. Da kann man doch von der Schweiz viel lernen … (Zur offiziellen Information der Verkhovna Rada hier anklicken.)

Krokodilstränen bei der Kyiv Post

Zugeschlagen hat einmal mehr die Ironie des Schicksals: Die Kyiv Post, die einzige englischsprachige Zeitung in der Ukraine, deren politischer Kurs genauso russophob ist wie Hunderte von anderen ukrainischen Publikationen, hat nun aber ein Problem. In einem chefredaktionellen «Editorial» vom 12. Oktober macht sie darauf aufmerksam, dass das neue, in erster Lesung bereits gutgeheissene Sprachengesetz auch ihre Zeitung treffen würde – und zwar tödlich. Denn auch sie müsste, sollte das Gesetz wirklich in Rechtskraft treten, alle ihre englischsprachigen Artikel gleichzeitig in ukrainischer Sprache publizieren. Und dazu fehlten ihr, wie in diesem Editorial ausgeführt wird, die wirtschaftlichen Ressourcen. Auch die englischsprachige Kyiv Post würde also im Kampf gegen die russische Sprache – gewissermassen als Kollateralschaden – vom Markt verschwinden …

Die Kyiv Post hat zum Thema neues Sprachengesetz auch ein paar Leute auf der Strasse befragt (hier in englischer Sprache nachzulesen). Von den sechs Befragten bzw. mit Bild gezeigten Befragten hat nur die Tourismus-Frau das neue Gesetz klar abgelehnt. Selbst der Student hat gesagt, er unterstütze das Gesetz «completely». Und selbst der Professor hat nur die Aussage gewagt, man könne so etwas ja empfehlen, statt es per Gesetz vorzuschreiben.

Die Schweiz als Vorbild

Als der Autor dieser Zeilen im Jahr 2006 im Rahmen einer Studienreise zum Thema «Medien» die Ukraine bereiste und etliche wertvolle Kontakte zu Medien-Verantwortlichen wahrnehmen konnte, hatte er sich gründlich eingelesen, geschichtlich, soziologisch, politisch. Und er kam zur Überzeugung, dass gerade die Ukraine von der Schweiz einiges lernen könnte – zum Beispiel, wie man mit sprachlichen und kulturellen Minderheiten umgeht. Er hat dazu, nein, nicht in Ukrainisch, wohl aber in russischer und englischer Sprache, eine kleine Präsentation über die Schweiz gemacht, wie sie funktioniert.

Diese kleine Präsentation – russisch und englisch – soll auch den Leserinnen und Lesern von Infosperber zur Verfügung stehen. Der Titel (in der Präsentation nur russisch): Herzliche Grüsse aus der Schweiz. Die Präsentation kann unten am Artikel als PDF heruntergeladen werden.

Und ich, Christian Müller, bin der Ansicht, Christa Markwalder und Co. sollten als Schweizer Polit-Delegierte einem Parlament wie der Verkhovna Rada, dem ukrainischen Parlament, das so unsäglich nationalistische Gesetze gutheisst wie das neue ukrainische Sprachengesetz, nicht erklären, wie ein Parlament mehr Vertrauen der Bevölkerung erhält, sondern wie ein Staat wie die Ukraine, die weder sprachlich noch konfessionell noch kulturell eine Einheit, eine 'Nation', ist, mit seinen Minderheiten umgehen sollte. In diesem Punkt hat die Schweiz als Vorbild ja tatsächlich etwas zu bieten.

Wer immer diesen Artikel liest und Freunde oder Bekannte in der Ukraine hat: bitte weiterleiten. Und bitte erklären, dass die Unterdrückung kultureller Minderheiten nichts, aber auch gar nichts mit «europäischen Werten» zu tun hat. Im Gegenteil.

Kleiner Nachtrag:

NR Christa Markwalder macht den Autor dieses Artikels nach dessen Lektüre in einer Email darauf aufmerksam, dass sie «in meinen Gesprächen und Roundtables gerade auf die Sensitivität der Sprachenpolitik hingewiesen und das schweizerische Modell (jeder spricht seine Sprache) gepriesen» habe. Ich, Autor des obenstehenden Artikels, nehme das noch so gerne zur Kenntnis. Dass in der offiziellen Information der Verkhovna Rada über diesen Besuch – siehe oben – davon nichts steht, zeigt, wie «Kiev» die ukrainischen Staatsbürger informiert. Was nicht genehm ist, wird einfach verschwiegen. (cm)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Die Schweiz – wie sie funktioniert

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5 Meinungen

Guten Tag meine Damen und Herren,
meine Empfehlung wäre,führen wir die Ukrainische Sprache als Weltsprache ein.
Somit wäre dem allen Genüge getan. Man kann sehr gut erkennen wie viele Irren
auf dem Planeten herum rennen. MfG
Werner Kämtner, am 14. Oktober 2018 um 12:56 Uhr
Deutschland verursachte Russland etwa 27 Millionen Tote im 2WK, betrauerte aber nur die Juden, unterstützt die US-Ukraine, während US-George Friedman (CIA) sagt, Deutschland und Russland dürften sich nicht verbünden laut USA, deswegen nun «Cordon Sanitaire», die USA und Ukraine brauchen Deutschland nicht mehr unbedingt, um Russland zu «grounden» wie die «Native Americans», so die Historiemotivforschungslogik (es war noch für jedermann von Nachteil, sich mit den Amis einzulassen):
https://www.youtube.com/watch?v=HaPWJ1sajuU
Wolfgang Reuss, am 14. Oktober 2018 um 14:25 Uhr
Das einzige nationalistische und diskriminierende hier, ist die Behauptung ukrainisch sein ein «russischer» Dialekt!
Hier wird ganz offensichtlich gegen einen Souveränen Staat und eigenständige Sprache
(die übrigens erst im Moskauer und später im russischen Zarenreih) insgesamt 137 mal verboten wurde Welle gemacht.
Das wäre so, als ob man spanisch als einen Dialekt vom italienischen, oder norwegisch einen Dialekt von schwedisch bezeichnen.
Entweder hat der Autor oder die Autoren einfach keine Ahnung oder wollen gezielt eine «Informations» Kampagne gegen die Ukraine starten und russische, nationalistische, antiukrainische Propaganda betreiben!
Eine Frechheit!
Und die Gesetze die ein Staat innerhalb seiner Grenzen beschließt, das bleibt wohl dem jeweiligem Staat überlassen.
Die Ukraine hat eine ganz andere Geschichte und Konstellation als die Schweiz und somit kann man hier nicht alles über einen Kamm scheren und Äpfel mit Birnen vergleichen.
Auch wir kein einziger Kanton der Schweiz seit 4 Jahren von einem großen Nachbarn besetzt.
Und womit sohl sich die Ukraine durch dieses Gesetz von Europa entfernen?
Man kann nach wie vor sämtliche Zeitungen in der Ukraine kaufen, man kann nach wie vor Internetportale sowohl auf ukrainisch als auch auf russisch lesen.
Man sollte sich evtl. besser über ein Thema informieren bevor man dazu einen Artikel verfasst. Alles andere ist Populismus und lässt sämtliche Objektivität vermissen!
Viktor Marzo, am 14. Oktober 2018 um 18:16 Uhr
Das neue Gesetz mag schlecht, vielleicht schlimm sein. Aber der Autor sei gebeten den Leser in Zukinft nicht kehr gezielt, reisserisch irrezuführen wie hier im Untertitel & zu Beginn des Artikels. Es wird dort stark stark insenuiert, wenn nicht gar behauptet, andere Sprachen würden einfach verboten, während erst danach klar wird, dass es stattdessen einfach ein Gebot ist, anderssprachige Texte auch in ukrainisch zu veröffentlichen. Offensichtlich einiges weniger schlimm, auch wenn hier vielleicht nicht einfach Google Translate helfen kann.
Florian Habermacher, am 16. Oktober 2018 um 20:09 Uhr
Viktor Marzo finde ich falsch!
Meine Meinung von extraterrestrisch betrachtet: Die USA haben die Ukraine (und Georgien) besetzt (trickreich, stellvertreterreich, regimechangend x-fach routiniert) - insbesondere durch die modernsten US-Waffentechnologien in Rumänien etc. eine ultimative Bedrohung gegen Russland (deswegen machens die Amis ja, what else, wiehert George Clooney hinter seiner Kaffeetasse).
"Annexion» und «Besetzung» eines Kantons? Unvergleichbar! «Man sollte sich evtl. besser über ein Thema informieren bevor man dazu einen Artikel verfasst. Alles andere ist Populismus und lässt sämtliche Objektivität vermissen!» (Zitat Viktor Marzo)
Wolfgang Reuss, am 17. Oktober 2018 um 00:59 Uhr

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