USA vs Russia: The Show must go on

Helmut Scheben © hs
Helmut Scheben / 12. Jun 2017 - Selten konnte die Erregungsmaschine der Massenmedien aus warmer Luft so starken Stoff machen wie Trumps «Russland-Verstrickung».

Die Super-Show der Anhörung des ehemaligen FBI-Chefs Comey hatte wahrscheinlich mehr Zuschauer als jedes Spiel der National Football League. Was dabei herauskam, war gestern im Zürcher Tagesanzeiger in zwei sehr kleinen, unscheinbaren Sätzen zu lesen:

«Es gibt Leute im Washingtoner Geheimdienstapparat, die an eine Kollusion glauben. Aber es gibt keine Beweise dafür.» (Zürcher Tages-Anzeiger, 9.6.2017)

Das FBI hat nun etwa seit einem Jahr ermittelt (offiziell erst seit Herbst 2016), um etwas strafrechtlich Relevantes in der mutmasslichen Zusammenarbeit zwischen Trump und Moskau zu entdecken. Ausser «schweren Besorgnissen» über «mögliche Verstrickungen» ist dabei nichts herausgekommen.

Die Angst vor Putin, die Angst vor dem Russen. Das ist die superstarke Pille auf der grossen Polit-Party, die mit Public Viewing abgeht. Der Russe bedroht die Demokratie in den USA. Und überhaupt überall.

Die Kalten Krieger kennen diese Droge seit 1945, die amerikanischen Neoncons haben sie im Sommer vor einem Jahr in starker Dosierung erneut unters Volk gebracht. Und es hat besser gewirkt, als man sich träumen liess. Der Stoff ist einfach super-hip.

Wie hat diese Soap Opera eigentlich angefangen? Donald Trump, in Aussenpolitik ein Hornochse, welcher seine Unsicherheit unter lautem Brüllen verbirgt, hatte sich von einigen seiner Berater sagen lassen, eine Zusammenarbeit mit Russland sei nicht der dümmste Weg, um den Krieg in Syrien zu beenden und den drohenden Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten unter Kontrolle zu bringen.

Und überhaupt, erklärte man ihm wohl, diese Sanktionen gegen Russland. Sie bringen nichts, denn Putins Umfragewerte steigen offensichtlich nicht trotz, sondern wegen der Sanktionen. Und die westliche Exportwirtschaft wäre froh, es würden endlich die Bremsklötze im Russlandgeschäft weggenommen. Die Autoindustrie zum Beispiel kann ein Lied davon singen.

Trumps zaghafte Andeutungen im Wahlkampf, man könne sich mit den Russen an einen Tisch setzen: Das war der Ton, der bei den Hardlinern in Washington alle Warnsysteme auf die Stufe dunkelrot trieb. Wie soll ein Lobbyist der Rüstungsindustrie die geplante 1 Billion Dollar für «Modernisierung» der US-Atomwaffen im Kongress vertreten, wenn plötzlich Deeskalation ausbräche und der Russe friedlich mit am Tisch sässe? Die Neokons in den Vorständen von Northrop Grumman, Lockheed Martin, Raytheon u.s.w. fürchteten, es könnte ihnen der russische Feind abhanden kommen. Denn um aufzurüsten, braucht es Feinde und Bedrohungen.

Die Hauptdramaturgen in der Seifenoper mit dem genialen Titel «Die Russland-Verstrickung» sind aber die Clinton-Demokraten. Die Behauptung, Hillary habe die Wahlen nicht gegen Donald Trump, sondern recht eigentlich gegen Putin verloren, ist Balsam für ihre traumatisierte Selbstachtung und erspart eine Menge Beruhigungsmittel und die Aufarbeitung eigener Fehler.

Die Dramaturgie ist perfekt. Fast täglich ein neues Leck aus den Geheimdiensten, fast täglich eine neue Pille aus dem Russland-Labor. Das geht jetzt so seit vielen Monaten. 320 Millionen Amerikaner und Amerikanerinnen und der Rest der Welt werden Tag für Tag von der Themenmaschine der Massenmedien neu animiert, synchronisiert und eingeschworen auf die russische Gefahr.

Wer aus Trumps Team hat mit welchem Russen geredet? Und wenn ja, was wurde gesprochen? Wurde gar von Aufhebung der Sanktionen oder von dem Krieg in Syrien gesprochen? Wurde «Sicherheitsrelevantes» gesagt? Wurde gar über die Möglichkeit von Entspannung und Kooperation gesprochen? Dann war es – kein Zweifel – Landesverrat.

Denn wenn ein US-Politiker mit einem Russen spricht, dann ist das Landesverrat. Oder zumindest besteht die «begründete Sorge» unter den «Sicherheitsexperten». Das ist der Stoff, den die Erregungsmedien uns liefern.

Kein einziger Journalist der grossen Medien, kein einziger unter den vielen sorgenschweren Kommentaren stellt die nüchterne Frage: Sitzen die wirklichen Verschwörer in diesem Verschwörungstheater nicht im amerikanischen Establishment? Es scheint, dass die Droge, welche Halluzinationen vom russischen Teufel produziert, so stark ist, dass niemand mehr in der Lage ist, solche Fragen zu stellen.

Jeder Versuch der Ernüchterung durch Fakten und Argumente ist zum Scheitern veruteilt ist. Julian Assange sagte, Wikileaks habe seine Informationen «nicht von einem staatlichen Akteur» bekommen. Assange sei aber ein Freund Putins, vermuten unsere Leitmedien.

Einige IT-Experten kommen zu der Einschätzung, die Publikation von Hillarys Mailverkehr stamme von einem internen Leck in der Demokratischen Partei. Das FBI weiss es besser, sonst würde es nicht ermitteln, vermuten unsere Leitmedien.

Putin sagt, die Behauptung, Moskau habe sich in die Wahlen in USA eingemischt, sei eine billige Ausrede des Clinton-Lagers für seine Wahlniederlage. Das hat uns noch gefehlt, ist der Tenor in unseren Leitmedien: Der Teufel persönlich sagt, er sei ein Unschuldslamm!

Mich erstaunt, dass die Journalisten nicht langsam den Mut verlieren. Mit jedem neuen «Leck» von nicht genannt sein wollenden Insidern malen sie den Teufel an die Wand. Und dieser Teufel erweist sich jeweils als eine weitere Seifenblase. Mittlerweile ist klar, dass Trump nichts strafrechtlich Relevantes nachzuweisen sein wird und dass es kein Impeachment geben wird, denn die republikanische Mehrheit im Kongress wird nicht ihren eigenen Präsidenten abschiessen.

Man muss bei all dem die Hoffnung behalten, dass die meisten Journalisten mit eigenem Kopf denken können. So kommt es hier und da wohl – sehr zaghaft zwar, aber immerhin – zu nüchternen Bemerkungen wie die von NZZ-Redaktor Andreas Rüesch, es gehe «allzu oft vergessen, dass die anonymen Informanten ihr eigenes Süppchen kochen und im Sicherheitsapparat der Wunsch gross ist, an Trumps Stuhl zu sägen.» (Neue Zürcher Zeitung, 17. Mai 2017)

Der deutsche Bundesnachrichtendienst BND hat ein Jahr lang versucht, eine Einmischung der Russen in die demokratischen Prozesse in Deutschland nachzuweisen. Man fand nichts und wollte das Dossier klammheimlich schubladisieren. Dann ist aber wohl einem der Geheimdienst-Analysten der Kragen geplatzt, und er hat den Bericht der «Süddeutschen» geliefert. (Süddeutsche Zeitung, 6.2.2017) Ein sehr unangenehmes Leck! Da war keine «smoking gun» entdeckt worden. Und das passte wohl überhaupt nicht in die sorgfältig konstruierte Mainstream Opinion. Deshalb wurde über diese Affäre – soweit ich es überblicke – in keinem der grossen Medien in den USA berichtet.

Die naheliegende Prognose lautet: Die Seifenoper wird weiter gehen. Die Erregungsmedien werden Fortsetzungen bringen. Man hat eine Sau geschlachtet, aus der noch viel Wurst gemacht werden kann. Vielleicht rettet das Thema «Russland-Verstrickung» die Redaktionen sogar vor dem Sommerloch.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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3 Meinungen

Ausgezeichneter Artikel.
Es wäre noch anzufügen, dass sich der Russland-Hype -- abgesehen als Ausrede für das Hillary-Debakel -- sehr gut für die Demokraten als Kampf-Thema eignet, da ihre Politik sich von der Trump/Republikanischen nicht wesentlich unterschiede: Goldmann-Sachs Kabinett, Aufrüstung, 'tax-exemption for the rich', etc. wären unter den Demokraten weitgehend gleich, nur die «Vermarktung» wäre anders. (E.g. Friedensnobelpreisträger und Visionär einer «Welt ohne Atomwaffen» Obama investierte 1'000 Milliarden in die Modernisierung der Atomwaffen und boykottierte den UN Vorstoss zur Abschaffung von Atomwaffen weltweit.)

Mit dem Russland-Hype können die Demokraten Trump kritisieren aber gleichzeitig vermeiden, die tatsächliche, de facto neoliberale Politik Trumps anzugreifen. So dient der Russland-Hype als Politspektakel, das von den tatsächlichen Problemen des Landes und den neoliberalen Entscheiden der Trump-Republikaner ablenkt und die weitere Ausweitung der Privilegien des Establishments kaschiert.
Sollte Trump abgesetzt werden, kann die Überwindung des «Grundübels» zelebriert werden, ohne eine Kurskorrektur vornehmen zu müssen.
Thierry Blanc, am 12. Juni 2017 um 13:03 Uhr
Dumme Frage vielleicht: Dürfen denn Amis nicht mit Russen reden? Worüber hätten sie denn geredet, wenn sie es überhaupt getan haben? Darüber, dass «Terrorismus» - zum Teil selber hervorgerufen - bekämpft werden muss? Oder worüber sonst?
Ruth Obrist, am 12. Juni 2017 um 13:47 Uhr
Ist das wirklich so eine gute Taktik? Im Prinzip nimmt doch kaum jemand dieses Hyperventilieren noch ernst. Siehe zum Beispiel auch diesen Postillon-Artikel: http://www.der-postillon.com/2017/06/russische-hacker.html

Ich frage mich nur, was die Redakteure der Qualitätsmedien davon haben, ihren eigenen Ruf immer weiter zu zerstören. Sie sind ja nicht dumm, also werden sie eine Kosten/Nutzen-Rechnung angestellt haben und zum Schluss gekommen sein, dass es für sie günstig ist, weiter zu hyperventilieren. Bekommen sie eine Menge Geld? Von wem? Oder gibt es halt doch noch genug Leser, die ihnen Glauben schenken?

Ich finde, die Motivation der Medien, dieses üble Spiel mitzumachen, das ist die zu lösende Frage.
Stefan Werner, am 12. Juni 2017 um 13:50 Uhr

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