Was sagt das ABC-Labor in Spiez?

Christian Müller © aw
Christian Müller / 15. Apr 2018 - Das «Labor Spiez», spezialisiert auf chemische Waffen, scheint interessante Analysen gemacht zu haben.

«Die Substanz, die gegen Sergej Skripal verwendet wurde, war nach Analysen eines Schweizer OPCW-Labors ein Giftstoff namens BZ.» Das sagte Russlands Aussenminister Sergei Lawrow gestern im Russischen Fernsehen. Zwischenzeitlich kann das auch auf der russischen Website RT in deutscher Sprache nachgelesen werden:

«Sergej Skripal, ein ehemaliger russischer Doppelagent, und seine Tochter Yulia wurden mit einem untauglichen Toxin namens 3-Quinuclidinylbenzilat oder BZ vergiftet, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow unter Berufung auf die Ergebnisse der Untersuchung eines Schweizer Chemielabors, das mit den Proben arbeitete, die London der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) übergeben hatte. Der russische Außenminister Sergej Lawrow führte aus:

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse wurden in den Proben Spuren der giftigen Chemikalie BZ und ihrer Vorläufer gefunden, die sich auf chemische Waffen der zweiten Kategorie gemäß dem Übereinkommen über das Verbot chemischer Waffen beziehen. BZ ist ein Nervengas, das eine Person vorübergehend außer Gefecht setzt. Die Wirkung wird innerhalb von 30 bis 50 Minuten erreicht und hält bis zu vier Tage an. (…) Skripal-Analyse durch OPCW abgeschlossen: Name und Struktur des Giftes werden geheim gehalten. Das Schweizer Zentrum schickte die Ergebnisse an die OPCW. Die UNO-Chemieaufsicht beschränkte sich jedoch darauf, in ihrem Schlussbericht nur die Formel der Substanz zu bestätigen, mit der die Skripals vergiftet wurden, ohne die anderen im Schweizer Dokument dargelegten Fakten zu erwähnen, fügte der russische Außenminister hinzu. Er fuhr fort, dass Moskau die OPCW nach den Beweggründen ihrer Entscheidung befragen wird, keine weiteren Informationen der Schweizer in ihren Bericht aufzunehmen.»

Zwischenzeitlich kann darüber auch in der Welt, auf Die Zeit online oder auch auf focus online gelesen werden.

So ganz aus den Fingern gesogen haben dürfte Sergei Lawrow das nicht. Warum wird alles geheimgehalten? Warum darf der Bericht des «Labor Spiez» nicht öffentlich gemacht und von jedermann eingesehen werden?

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9 Meinungen

kleine Anmerkung;
Dass Vorgehen, dass solch OPCW Berichte (zumindest der Fachteil) jeweils als geheim eingestuft und «nur» allen Vertrags-Mitgliedern zugesandt wird - macht durchaus Sinn:
- Wie bei vielen Papieren der IAEA gibt es die begründete Gefahr der «Proliferation» von (gefährlichem) Fachwissen.
- Man läuft sonst auch Gefahr; dass Mitgliedsstaaten und Labore sich in Zurückhaltung von Fachwissen üben...

> Im vorliegenden Fall ist zu hoffen, dass die betr. Staaten «aufrichtig» an den geheimen OPCW & UNO Sitzungen agieren...
...bzw wenn nicht; einer der Staaten solch Papiere der Presse durchstechen ;-)
Florian Frey, am 15. April 2018 um 13:49 Uhr
Lieber Christian Müller. Ihre Sympathien liegen ja ganz klar auf Seiten Russlands und Sie nehmen gerne jede gegen USA/NATO gerichtete Meldung auf. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen. Aber mit einer solchen, gegenüber RT unkritischen Meldung riskieren Sie, sich in der Echokammer der russischen Propanda zu verheddern.
Andreas Rüesch hat in der heutigen NZZ etwas weitere Recherchen angestellt und hat zu dieser Thematik eine ganz plausible (vorläufige) Erklärung. Wenn sich dies bewahrheiten sollte, würde es den Herrn Lawrow und seinen sehr selektiven Umgang mit Fakten entlarven. Man erinnert sich an den Fall Lisa.

https://www.nzz.ch/international/russland-greift-die-skripal-untersuchung-frontal-an-ld.1377578

Lieber Thomas Oberhänsli, ausnahmsweise muss ich mich wehren. Ich weiss natürlich, dass RT eine Russland-finanzierte Plattform ist, so wie Radio Free Europe und Radio Liberty zwei USA-finanzierte Plattformen sind. Ich habe RT nur zitiert, weil ich damit eine deutschsprachige Quelle zeigen konnte; erfahren habe ich die Geschichte zuerst aus dem Russischen Fernsehen. Und jetzt bitte Achtung: Ich denke nicht daran, alles zu glauben, was Lawrow sagt, ich bin kein Naivling. Spätestens seit dem Angriff auf den Irak durch die USA und einige Verbündete wissen wir alle, wie auf diesen hohen politischen Etagen gelogen wird. Aber gerade DESHALB finde ich es wichtig, zu erfahren, was das Labor Spiez wirklich herausgefunden hat! Nachdem irgendwelche 20 Staaten über 150 russische Diplomaten des Landes verwiesen haben, ohne dass Beweise für die These vorlagen, Russland stehe hinter dieser Mordattacke, darf es doch wundernehmen, was die diversen Laboruntersuchungen ergeben haben. Und wenn eines dieser Labors ein Schweizer Labor ist – im Eigentum eines neutralen Staates –, warum sollen wir dann nicht wissen dürfen, was da wirklich gefunden wurde? Mein Sperberauge ist eine Frage und eine Aufforderung zu mehr Transparenz, keine Parteinahme. Aber ich weiss natürlich: Wer nicht im transatlantischen Mainstream mitschwimmt, hat schnell das Image eines Putin-Freundes. Aber als Journalist im Ruhestand, ohne jede finanzielle Abhängigkeit, kann ich mir leisten, unbequeme Fragen zu stellen. – Danke für Ihr Interesse und mit freundlichem Gruss, Christian Müller.
Thomas Oberhänsli, am 15. April 2018 um 19:33 Uhr
Das ist in der Tat sehr interessant, denn das Labor Spiez ist das Prunkstück der Schweizer Armee und somit der Schweiz in Sachen A-B-C-Kampf-Stoffe, soviel ich weiss.
Es wäre zu wünschen, dass das Labor Spiez selber diesen Sachverhalt direkt bestätigen könnte und damit auch seine Unabhängigkeit und Neutralität.
Paul Steinmann, am 15. April 2018 um 21:45 Uhr
Der Bericht der OPCW soll in dieser Woche veröffentlicht werden und bis dahin ist es den beteiligten Labors untersagt, irgendwelche Aussagen zu machen. Seltsam, dass Russland den Bericht offenbar schon kennt.
Nicht seltsam, aber schade ist es, dass Christian Müller darauf verzichtet, das Prozedere einer OPCW-Untersuchung zu schildern, wodurch die Meldung erst richtig eingeordnet werden kann. Gemäss Bericht in der NZZ erhalten die Referenzlabors bei derartigen Untersuchungen jeweils drei Proben, von denen eine den gefundenen Stoff, eine zweite einen anderen Stoffe und eine dritte keinen Stoff enthält. Die Labors wissen aber nicht, welche Probe sie vor sich haben. So soll sichergestellt werden, dass sie sauber arbeiten. Wenn nun also das fragliche Labor in einer Probe einen anderen Stoff als eine Novichok-Verbindung aufweist, so ist das wohl richtig. Russland wäre aber nur entlastet, wenn es sich dabei um die «richtige» Probe handelt, die am Tatort aufgefunden wurde. Warten wir doch einfach den OPCW-Bericht ab, bevor wir irgendwelche Schuldzuweisungen vornehmen.
Titus Meier, am 16. April 2018 um 14:12 Uhr
Wem dient es? Diese einfache Frage kann ein wertvolles Werkzeug sein, der wahrscheinlichsten Wahrheit näher zu kommen. Wem dient es, wenn ein russischer Ex-Spion mit einem angeblich tödlich wirkenden Stoff vergiftet wird. Dient es Russland, oder dient es Grossbritannien? Wem dient es, wenn in Syrien ein Gasangriff ausgeführt wird? Glauben angeblich intelligente Menschen, dass Assad und Russland so dumm sind, einen Gasangriff zuzulassen bzw. vorzunehmen angesichts der westlichen Drohung, damit eine rote Linie zu überschreiten. Wem dient es denn am ehesten?

Wer nur der Tagesschau und den westlich gesteuerten Medien folgt, ist mit Sicherheit im besten Fall einseitig informiert. Stellungnahmen aus der Gegenseite werden praktisch generell unterschlagen oder so zurecht formuliert, dass sie kein objektives Bild wiedergeben.

Nebst Infosperber gibt es durchaus weitere Informationsquellen, die wesentlich zu einem klareren Bild beizutragen vermögen, wie zum Beispiel Prof. Günter Meyer vom Zentrum Orientforschung Uni Mainz (siehe zB. ein Beitrag unter https://www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=bLmISaxcGoc
Wer sich wirklich informieren will, findet im Internet genügend Quellen, um sich ein objektiveres Bild zu machen, als es die Massenmedien vermitteln. Natürlich gibt es auch im Internet einseitige Informationen und auch Fake News. Die Frage lautet einfach: Wem dient es?
Karl Widmer, am 17. April 2018 um 15:54 Uhr
Das Niveau gegenüber Russland birgt in der Tat einen beabsichtigt ungleichen Umgang, der Russe wird wieder zum weniger Wert-Menschen deklariert. Absolut faschistoid, das kann jedem auffallen, der neutral und unpolitisch ist. Das in Russland vieles passiert, was hier nicht möglich oder sinnvoll wäre ist ganz normal. Das nennt man staatliche Souveränität-
Keiner will oder kann Russland verstehen. Es besteht nicht mal ein Interesse an der jüngeren Geschichte, geschweige denn der Geschichte über die letzten 1000 Jahre seit Gründung dieses jungen, gigantisch großen Staates.
Wie dem auch sei, ich bin nicht zum Belehren und da, Meinungen, wer was besser machen soll, überlasse ich anderen.
Ich frage mich bloß auch, was in einem neutralen Staat das Problem sein soll, dass ein öffentlich unterstelltes Labor Redeverbot von einer internationalen Organisiation erhält. Man möge sich nur die Größe des moralischen Stinkefingers vorstellen, wenn es ein ganz ganz böses Land täte, also genau das GLEICHE.
Wenn das Labor nicht öffentlich Stellung nimmt, ist es grundlos befangen und somit keine glaubhafte Quelle. Könnt ihr auch dicht machen.
Übrigens kann JEDER in 30 Sekunden eine Mail mit der Aufforderung einer öffentlichen Stellungnahme an das Labor senden! Eventuell ist das der Unterschied zu einem Schurkenstaat, dass man dann nicht verschleppt oder ausspioniert oder als Spinner gebranntmarkt wird. :)
Victor Müller, am 17. April 2018 um 19:35 Uhr
Würde Spiez etwas dazu sagen würde es jeden Vertrag brechen und das Gegenteil von Unabhängigkeit und Neutralität beweisen. Nur die OPCW darf sprechen.

Man sollte eher Lawrow beim Wort nehmen, wenn er sagt, dass er der OPCW vertraut. Das hat er der BBC gesagt. Die BBC wäre übrigens die bessere Quelle als die russische Staatspropaganda, die hier einen bedenkliche Echokammer erhält. Vielleicht wäre ja ein bisschen Recherche vor dem Veröffentlichen von Russischen Behauptungen noch ganz journalistisch...

Interessant wird, was Lawrow nach seiner eigenen Aussage zum Vertrauen in die OPCW zum Bericht der OPCW sagen wird. Daran wird sich Lawrow messen lassen müssen, nicht an der Verbreitung von Gerüchten, von denen er genau wusste, dass niemand sie beantworten wird.
konrad keller, am 18. April 2018 um 09:43 Uhr
Lieber Ch. Müller
ich nehme zur Kenntnis, dass Sie von der redaktionellen Arbeit Eric Guyers enttäuscht sind. Ich habe von unschönen Machtkämpfen in den CH-Medienhäusern gehört, von denen Sie als Journalist direkt oder indirekt eventuell betroffen waren. Trotzdem finde ich, dass die NZZ einen guten Beitrag zu einer faktentreuen Berichterstattung leistet, gerade auch in dieser Sache, wo Lawrow und die russischen Staatsmedien faustdick Lügen verbreiteten, wie man seit heute nach der Stellungnahme der OPCW weiss. Und rückblickend kann man auch sagen, dass Andreas Rüesch zumindest in diesem Beitrag journalistisch sauber recherchiert hat.
Bedenklich finde ich auch die abwertende Kampagnen gegen sogenannte westliche Mainstream-Medien. Klar gibt es auch im Westen populistische Propanda-Organe und jeder Journalist folgt einem Narrativ das manchmal zu Fehlern führt. Aber Journalisten der NZZ (mehrheitlich), WoZ, Monde Diplomatique, Tagesanzeiger (zB Kurt Pelda) machen in meinen Augen grossmehrheitlich einen super Job und hinterfragen ihr Narrativ gelegentlich auch mal - ganz im Gegensatz zur russischen Propaganda, welche nach allen Regeln der Kunst mehr oder weniger subtil desinformiert.
Ich empfehle Ihnen mal in unten verlinkten Beitrag von ARTE reinzuschauen, vielleicht sind Sie dann das nächste Mal etwas vorsichtiger im Zitieren von RT oder des russischen Staatsfernsehens als alleinige Quelle

https://www.arte.tv/de/videos/075222-000-A/propaganda-3-0-putin-und-der-westen/

Lieber Thomas Oberhänsli
Ihre Kritik freut mich. Ich habe ein Leben lang aus Kritik gelernt – zu meinem Vorteil. Deshalb gilt auch Ihnen mein Dank! Zu dem «unschönen Machtkampf», in den auch ich «eventuell involviert» war, gibt es eine wissenschaftliche Untersuchung der Uni Bern: Hansruedi Kunz: Der Luzerner Presse-Eintopf. Kann in Bern oder im Staatsarchiv Luzern eingesehen werden. – Sie als Biologe wissen, dass die Natur aus Gründen der Balance überlebt; kein Baum wächst in den Himmel. Eric Gujer aber schreibt sich die Finger wund zugunsten einer unipolaren Weltordnung. Das halte ich für brandgefährlich und falsch. Auch auf der Welt brauchen wir die Balance, politisch und auch wirtschaftlich, keinen einzelnen Baum, der in den Himmel wächst. – Zu Ihrer Kritik nur eine kleine Anmerkung: Gerade weil ich weiss, dass eine einzelne Quelle allein nie zuverlässig ist, habe ich die Aussage Lawrows nicht als Fakt genommen, sondern die Frage (!) dazu gestellt, ob sie wahr ist, schon im Titel des Sperberauges. – Mit herzlichem Dank für Ihr Interesse für Infosperber und mit freundlichem Gruss, Ihr Christian Müller.
Thomas Oberhänsli, am 19. April 2018 um 00:37 Uhr
Lieber Christian Müller
vielen Dank für Ihre Antwort und auch ein Kompliment für Ihren Einsatz, die Berichterstattung über die unipolare, transatlantische Machtpolitik (wenn sie denn tatsächlich in solch besorgniserregendem Ausmass existiert, und nicht auch vom Gegenpol dazu aufgebauscht wird) kritisch zu hinterfragen (zB mit Ihrem heutigen Beitrag). Dies ist quellenmässig jedoch eine grosse Herausforderung, und Voreingenommenheit verzerrt manchmal die Optik, das geschieht auch in der wissenschaftlichen Forschung immer wieder, und man muss vermeintlich richtige Schlüsse auf eine Fragestellung immer wieder selbst hinterfragen oder durch andere möglichst unvoreingenommen beurteilen lassen.
Am Donnerstag wurde übrigens in meiner Lieblingssendung «Echo der Zeit» ein gutes Interview mit Gernot Erler (sicher kein anti-russischer Scharfmacher) über das Thema, wie der Westen mit der Desinformationskampagne Russland umgehen soll.

https://www.srf.ch/play/radio/echo-der-zeit/audio/wie-soll-der-westen-mit-russland-umgehen?id=c49351b5-df47-440a-96cb-5add4c0fdc98

Ich denke, es braucht in unserer polarisiert aufgeladenen Berichterstattung viel mehr besonnene Stimmen, welche dem Leser mit gut recherchierten Beiträgen helfen, die jeweiligen Echokammern zu verlassen und Lösungmöglichkeiten in Konflikten aufzeigen.
Thomas Oberhänsli, am 21. April 2018 um 13:33 Uhr

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