Terre des femmes, Prostitution, Sexarbeit, infosperber, Freier © pixabay

Wie können die Rechte von Frauen und Mächen geschützt werden? TdF ist an der Frage zerbrochen.

Prostitution und Kopftuch spalten Frauenrechts-Organisation

Tobias Tscherrig / 04. Aug 2018 - «Terre des Femmes» Schweiz und Deutschland gehen getrennte Wege. Schuld an der Spaltung sind unterschiedliche Ansichten.

«Terre des femmes Schweiz (TdF Schweiz) wendet sich gegen Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Mädchen. Wir setzen uns ein für ein selbstbestimmtes Leben aller Frauen und Mädchen – ungeachtet ihrer konfessionellen, politischen, ethnischen und nationalen Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung.» Mit diesen Worten beschreibt der Schweizer Ableger der Frauenrechtsorganisation ihren Auftrag.

Das Leitbild von «Terre des femmes Deutschland» (TdF Deutschland) kommt ähnlich daher: «Terre des femmes wendet sich gegen jede Form von Menschenrechtsverletzungen, die an Frauen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, ungeachtet ihrer konfesionellen, politischen, ethnischen und nationalen Zugehörigkeit sowie ihrer sexuellen Identität begangen werden. Terre des femmes macht sich stark für ein bestimmtes und freies Leben von Frauen und Mädchen weltweit.»

Streit über Sexarbeit und Kopftuch

Trotz der fast identischen Leitbilder ist zwischen TdF Schweiz und TdF Deutschland bereits vor Jahren ein Streit ausgebrochen, der nun dazu geführt hat, dass beide Vereine der Frauenrechtsorganisation ihre Kooperation beendet haben. Schuld daran sind unterschiedliche Positionen zu den Themen «Sexarbeit» und «Kopftuchverbot»: TdF Schweiz und Deutschland haben bei beiden Thematiken unterschiedliche Ansichten, wie die Rechte von Frauen und Mädchen am Besten geschützt werden sollen.

«Wir sind dabei, die Auflösungsvereinbarung zu verhandeln», sagte Christa Stolle, Geschäftsführerin von TdF Deutschland, gegenüber der «taz». Demnach gebe es mittlerweile zu viele Positionen, welche die beiden Vereine gegenseitig nicht mehr mittragen können.

«Sexarbeit ist Arbeit» wurde zum Problem

TdF Deutschland hat kürzlich die Trennung eingeläutet. Dies wegen der Kampagne «Sexarbeit ist Arbeit – für die Rechte von Sexarbeitenden», in der sich TdF Schweiz unter anderem zusammen mit Organisationen wie der «Aids-Hilfe Schweiz», der feministischen Friedensorganisation «cfd», der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (fiz) und mehreren Fachstellen für Sexarbeit engagiert.

Diese Organisationen wollen die Gleichberechtigung der Geschlechter – auch für diejenigen Menschen, die im Sexgewerbe arbeiten. «Die Entscheidung, sexuelle Dienstleistungen gegen Geld anzubieten, muss den Sexarbeitenden offenstehen», schreiben sie auf ihrer Internetseite. Konkret kämpfen sie damit auch gegen die aktuell laufende Kampagne «Für eine Schweiz ohne Freier. Stopp Prostitution». Diese Kampagne wolle die Kunden bestrafen, die eine sexuelle Dienstleistung kaufen wollen, argumentieren die Organisationen der Gegenkampagne – darunter TdF Schweiz. Das führe aber zu einer absurden Situation: Die Sexarbeitenden dürften zwar ihr Gewerbe betreiben, ihre Kunden würden sich aber strafbar machen.

Damit werde das Gewerbe in die Illegalität abgedrängt und im Verborgenen könnten sich die Sexarbeitenden schlecht gegen Ausbeutung und Gewalt wehren.

TdF Deutschland hingegen vertritt ganz andere Ansichten als der Schweizerische Schwesternverein. Man distanziere sich «klar und eindeutig» von dieser Position, schreibt TdF Deutschland in einer Stellungnahme, welche in der «taz» zitiert wird. Prostitution sei «frauenverachtend», «Ausbeutung» und kein «Beruf wie jeder andere».

TdF Deutschland fordert ein Sexkauf-Verbot nach nordischem Modell, das auch Geld- und Gefängnisstrafen für Freier vorsieht. Das ist nicht nur einfach eine andere Position, als sie TdF Schweiz vertritt – es ist das krasse Gegenteil davon.

Kopftuch löste inhaltliche Schwierigkeiten aus

Wie Nadine Brändli von TdF Schweiz der «taz» sagte, habe es bereits im Jahr 2010 inhaltliche Schwierigkeiten gegeben. Damals forderte die Schweizerische Volkspartei (SVP) zum ersten Mal ein gesetzliches Vollverschleierungsverbot. TdF Schweiz stellte sich damals auf den Standpunkt, dass ein Burkaverbot niemandem nütze. Die Betroffenen würden nur darunter leiden, stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, fasst die «taz» die damalige Position von TdF Schweiz zusammen. Für die Rechte von Frauen zu sein heisse aber, alle Frauen einzubeziehen.

Für TdF Deutschland ist das Kopftuch dagegen vor allem Symbol von einer patriarchalisch fundierten Geschlechterhirarchie – oder anders ausgedrückt, das Symbol der Vormundschaft des Mannes über die Frau. Deshalb sei das Kopftuch für TdF Deutschland kein religiöses Symbol, schreibt der Verein in seinem «Positionspapier zum Kopftuch». Das Kopftuch sei nicht mit Werten wie Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung vereinbar, so TdF Deutschland weiter. Deshalb fordert der Verein, dass Frauen im Staatsdienst in Ausübung ihres Amtes kein Kopftuch tragen dürfen. An Orten der staatlichen Erziehung soll das Kopftuchverbot auch für Mädchen, Schülerinnen und Studenten gelten.

Weiter will TdF Deutschland vor allem die «islamistisch bedingten» Vollschleier wie Burka und Nikab in der Öffentlichkeit verbieten. Eine Position, die auch innerhalb von TdF Deutschland für Spannungen gesorgt hatte. Gemäss der «taz» haben sich vor einem Jahr rund 30 Mitglieder vom Beschluss des Vorstands distanziert, ein Kopftuchverbot für Mädchen zu fordern. Dies wegen der Befürchtung, dass solche Beschlüsse «rassistische Ressentiments reproduzieren und rechtspopulistische Tendenzen in der Gesellschaft legitimieren.»

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5 Meinungen

Achtung vor der Haltung von TdF Schweiz. Etwas nicht verbieten zu wollen, heisst ja noch lange nicht, dass man dafür ist. Aber in beiden Fällen ist ein Verbot Augenwischerei. Denn das Problem ist damit nicht gelöst, nur nicht mehr sichtbar. Man muss an den Strukturen arbeiten, die zur Unterdrückung von Frauen führen und nicht einfach Symptome bekämpfen. Paradebeispiel Schweden; das Gesetz das Freier bestrafen will, existiert zwar seit langem. Der Effekt ist aber lediglich, dass Prostitution im öffentlichen Raum nicht mehr sichtbar ist. Verschwunden ist sie nicht. Wirklich verschwunden sind nur die Institutionen die den betroffenen Frauen helfen sollten. Die Frauen arbeiten jetzt völlig ungeschützt «im Untergrund». Pflästerlipolitik. Verschleierungsverbot führt auch nicht weiter, als dass den betroffenen Frauen der öffentliche Raum fortan völlig verwehrt ist.
Martin Schoch, am 04. August 2018 um 12:01 Uhr
... wenn Frauen anderen Frauen vorschreiben, was diese zu tun und zu unterlassen haben ...
Peter Herzog, am 04. August 2018 um 12:25 Uhr
Hallo Martin Schoch
Ist ja noch gar nicht lange her, dass man das Gewerbe aus dem Verborgenen holte (wollte holen), da es dadurch weniger Missbrauch und Unterdrückung gäbe. In Basel will man momentan die Männer strafen, die zu einer Prostituierten gehen.
Lieber Mann, lässt Du Dir das wirklich verbieten??
Wir haben leider eine weibliche Generation, die nicht wahrhaben will, dass gewisse Kleidung, Bewegung, Reden beim Mann NATURGEMÄSS etwas auslöst. Und genau die
wollen anderen Verhalten vorschreiben. Verbot führt nur wieder zu Unterdrückung von
den Frauen, die man angeblich «schützen» will.
Und dann gibt es nicht wenige Frauen, die nach der Hochzeit - oder nach dem 1. oder 2. Kind finden sie seien versorgt und ihr Mann soll sie blos nicht «anlangen» und gleichzeitig wollen diese Frauen den Männern Sex gegen Lohn verbieten. Angeblich
gibt es bereits Spermen im Internet im «Säckli». Da könnten wir es doch wie bei den Hühnern machen, die männlichen eliminieren. Damit würde Prostitution wahrscheinlich
verschwinden und dieses Problem gelöst.
Aber gestattet die Frage, warum wurden dann MANN UND FRAU geschaffen?
Ob so oder so, geniesst das Leben!
Lasst den Kopftuchträgerinnen Zeit. Nur der Nachwuchs, also wirklich die Kinder sollten das Kopftuch als etwas empfinden, was zu ihrer Geschichte gehört, aber in die Gegenwart. Sie wachsen in unserer Kultur auf, sie dürfen sich nicht ausgrenzen.
Elisabeth Schmidlin, am 05. August 2018 um 15:07 Uhr
KORREKTUR zu Lasst den Kopftuchträgerinnen Zeit. Nur der Nachwuchs, also wirklich die Kinder sollten das Kopftuch als etwas empfinden, was zu ihrer Geschichte gehört, aber in die Gegenwart. Sie wachsen in unserer Kultur auf, sie dürfen sich nicht ausgrenzen.
SOLL HEISSEN: ....was zu ihrer Geschichte gehört, aber NICHT in die Gegenwart.
Elisabeth Schmidlin, am 06. August 2018 um 15:02 Uhr
@Schmidlin
sehe nicht ganz wieso Sie mich direkt ansprechen. In meinem Beitrag äussere ich mich lediglich dazu, dass ein Verbot ohne andere Massnahmen nichts bringt. Dass unsere Gesellschaft ein Problem mit Sexualität hat, streite ich nicht ab. Sehe aber kaum, dass die Lösung dafür die Prostitution ist. Mein Bild der Sexualität deckt sich nur sehr marginal mit dem Ihrigen.
Martin Schoch, am 09. August 2018 um 16:45 Uhr

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