War das nötig, Herr Steinmeier?

Christian Müller © aw
Christian Müller / 03. Sep 2019 - Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in Polen vor allem die USA hofiert. Aus welchem Anlass?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident

Ihr persönlicher Auftritt in Wieluń und Warschau vor zwei Tagen war zwar nicht so eindrücklich wie der spontane Kniefall von Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau. Es ehrt Sie aber sehr, dass Sie anlässlich der Erinnerungsfeiern an den Angriff Nazi-Deutschlands auf Polen vor 80 Jahren Klartext gesprochen und die grosse Schuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ungeschminkt eingestanden haben. Ihre Entschuldigung für die Kriegsverbrechen Hitler-Deutschlands wirkt glaubwürdig, Ihre wohlvorbereiteten Worte sind angekommen. Danke insbesondere auch für den einen Satz: «Dass auf diesem Platz, an diesem Tag ein deutscher Präsident vor Ihnen stehen und sprechen darf – das zeigt das lebendige Wunder der Versöhnung.»

Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, haben mit der stillschweigenden Akzeptanz, dass zu diesem Anlass, an dem gemäss Ihrer eigenen Ansprache Staatsvertreter aus 40 Ländern (!) anwesend waren, ausgerechnet Russland aber nicht eingeladen war, allerdings keinen Beitrag zu einem «Wunder der Versöhnung» geleistet.

Wörtlich haben Sie gesagt: «Unsere Verantwortung, sie gilt auch der transatlantischen Partnerschaft. Wir alle blicken an diesem Jahrestag mit Dankbarkeit auf Amerika. Die Macht seiner Armeen hat – gemeinsam mit den Verbündeten im Westen und im Osten – den Nationalsozialismus niedergerungen. Und die Macht von Amerikas Ideen und Werten, seine Weitsicht, seine Grosszügigkeit haben diesem Kontinent eine andere, eine bessere Zukunft eröffnet.»

Und weiter: «Herr Vizepräsident, das ist die Grösse Amerikas, die wir Europäer bewundern und der wir verbunden sind. Dieses Amerika hat der Welt die Augen geöffnet für die unbändige Kraft der Freiheit und der Demokratie – gerade auch uns Deutschen. Diesem Amerika war das vereinte Europa immer ein Anliegen. Dieses Amerika wollte echte Partnerschaft und Freundschaft in gegenseitigem Respekt.»

Und dann: «Vieles davon scheint heute nicht mehr selbstverständlich. Deshalb: Lasst uns nicht vergessen, was uns stark gemacht hat – diesseits und jenseits des Atlantiks! Lasst uns das Gemeinsame bewahren in dieser Welt voller Veränderung und schwindender Gewissheiten!»

Und schliesslich: «Wir wissen wohl: Europa muss stärker und selbstbewusster werden. Aber wir wissen auch: Europa soll nicht stark sein ohne Amerika – oder gar gegen Amerika. Sondern Europa braucht Partner. Und ich bin sicher, auch Amerika braucht Partner in dieser Welt. Also lasst uns diese Partnerschaft pflegen! Lasst uns den Anspruch bewahren, dass der ‹Westen› mehr ist als eine Himmelsrichtung!»

Was, sehr geehrter Herr Bundespräsident, gab Ihnen Anlass zu dieser einseitigen USA-Hofiererei an einem Gedenktag des deutschen Angriffs auf Polen? Haben Sie, heute Bundespräsident und vordem deutscher Aussenminister, vergessen, dass es – militärisch – die Sowjetarmee war, die Hitler in Stalingrad und Kursk in die Knie gezwungen hat und damit den Niedergang der deutschen Wehrmacht einleitete? Haben Sie vergessen, dass Churchill noch im Januar 1945 – also ein halbes Jahr nach der Landung in der Normandie – Stalin ausdrücklich darum gebeten hat, die Kämpfe gegen die deutschen Truppen an der Ostfront aufrecht zu erhalten oder sogar zu intensivieren, weil er wusste, dass die USA und Grossbritannien bei den bevorstehenden Schlachten an der neu eröffneten Westfront gegen die Hitler-Truppen kaum eine Chance hatten, wenn Hitler seine Truppen von der Ostfront abziehen und an die Westfront verschieben konnte? Haben Sie vergessen, dass der von Deutschland mit dem Abkommen von München und dem Angriff auf Polen eröffnete Zweite Weltkrieg in Russland um die 27 Millionen Opfer forderte, die Hälfte davon Zivilisten, während die USA 400'000 Soldaten verloren haben und null zivile Opfer zu beklagen hatten?

Haben die USA oder die Transatlantische Partnerschaft, die NATO, in letzter Zeit etwas von sich gegeben, das nach Versöhnungspolitik getönt hat? Haben Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, vergessen, dass es die USA und die NATO waren – unter Beteiligung der deutschen Luftwaffe –, die im Rahmen der «Operation Allied Force» im Jugoslawienkrieg im Frühling 1999 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen militärischen Angriff auf einen anderen Staat starteten und dabei mit schweren Bombardierungen beileibe nicht etwa gespart haben? Haben Sie vergessen, dass die NATO seit nunmehr 18 Jahren in Afghanistan einen Krieg führt, der bisher über 150’000 Menschen das Leben kostete, darunter vielen Zivilisten? Haben Sie vergessen, dass die NATO ihrem Bündnispartner Türkei erlaubt, kurdische Gebiete in Nordsyrien gegen den Willen der dortigen Bevölkerung zu annektieren?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, es ist nachvollziehbar, dass Sie an diesem Gedenktag des deutschen Angriffs auf Polen die Polen nicht daran erinnern wollten, dass Polen nach dem Abkommen von München 1938 im Schatten des deutschen Einmarsches in die Tschechoslowakei diesem Land – unter Einsatz von Dutzenden von Panzern – noch schnell die Stadt Těšín weggenommen hat. Eine solche Bemerkung hätte Polens Gastfreundschaft zweifellos verletzt. Aber war es nötig, Amerika zu hofieren, nur weil Sie wissen, dass viele Polen die USA deutlich mehr lieben als die EU (Auch Donald Tusk, den Präsidenten des Europäischen Rates, hat Polen ja nicht eingeladen)? Und weil Sie wissen, dass Polen bei der US-Rüstungsindustrie in den letzten Monaten für 3,8 Milliarden Euro Patriot-Raketenabwehr-Systeme und für 365 Millionen Euro 20 mobile Raketenabschuss-Systeme bestellt haben? Oder war es einfach nur ein peinlicher Kotau vor dem anwesenden US-Vizepräsidenten Mike Pence?

War Ihre Lobesrede an die Adressen der USA und der NATO ausgerechnet bei diesem Anlass, wo Sie «das Wunder der Versöhnung» thematisieren wollten, wirklich nötig?

Eine Antwort würde mich freuen.

Hochachtungsvoll

Christian Müller

ein für einmal nicht ganz stiller Beobachter aus dem Ausland

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Keine.

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9 Meinungen

Danke für die Sichtweise von einer anderen Seite.
Albert Deucher, am 03. September 2019 um 13:49 Uhr
Chapeau Herr Müller - ein ganz starke Reaktion auf das Ereignis. Wir dürfen nur hoffen, dass Herr Steinmeier diesen Brief erhält und sich auch die Zeit nimmt ihn zu lesen. Was ich aufgrund der immer wieder gezeigten Arroganz des Westen sehr bezweifle.
Hans Rudolf Knecht, am 04. September 2019 um 13:08 Uhr
Grossartig, geschätzter Christian Müller,
dieser detaillierte Verriss der Rede des Deutschen Bundespräsidenten,
der sich, ausgerechnet in Polen, als Deutscher Spitzen-Vasall der USA geouted und gleichzeitig den wichtigsten Nachbarn sowohl Polens als auch der BRD öffentlich herabgesetzt und beleidigt hat!
Das bringt nur ein moralisch tief gefallener Vasall fertig, der es nur damit bis in das höchste politische Amt der - nicht von Russland, sondern von den USA noch immer besetzten - Bundesrepublik Deutschland geschafft hat!

Zum eigentlichen Anlass des Gedenktags erlaube ich mir, auf den folgenden Artikel, abgedruckt am 15. January 2019 in The Unz Review: An Alternative Media Selection
aufmerksam zu machen: «Why Germany Invaded Poland» by JOHN WEAR
Rolf Schmid, am 04. September 2019 um 13:49 Uhr
Etwas gar viel Antiamerikanismus und NATO-Bashing.
Ohne die USA würde Europa heute von den Deutschen oder von den Sowjets beherrscht.
Müller hat vergessen zu erwähnen, dass die Sowjets die gesamte polnische Elite exekutierte, die Deutschen auch am Hindukusch mitmachen, dass die EU in Jugoslawien gar nichts hinkriegte und die Drecksarbeit den USA überliessen, die Polen und baltischen Staaten sich militärisch lieber auf die USA als auf die EU verlassen usw.
Tim Meier, am 04. September 2019 um 14:26 Uhr
Vielen Dank, Herr Müller, für Ihren offenen Brief an den Bundespräsidenten.

Bereits dessen andauernder Gebrauch des Begriffs «Amerika», bei dem ein ganzer Doppelkontinent auf die USA reduziert und dutzende Länder kommentarlos unterschlagen werden, zeugt von weltanschaulicher Ignoranz. Allein dieser Sprachgebrauch spricht Bände.
Doch auch die erwähnten historischen Gesichtspunkte machen die einseitige Ausrichtung des deutschen Staatsoberhauptes deutlich. So wird nicht nur die Geschichte verklärt; eine solche Rede hat auch Signalwirkung von verheerendem Ausmaß.

Die anbiedernde Huldigung und das Beschwören transatlantischer Bündnisstärke ist wohl im Sinne eines strategischen Opportunismus erklärbar. Es gilt, eine Rolle zu erfüllen. Mit Mut, Größe, Freiheit oder gar Würde hat dies indes nichts zu tun.

Doch dürfen wir uns sicher sein: In Washington wird die diplomatische Schmiere angekommen und mit einigem Wohlwollen aufgenommen worden sein.
Ingo Rückauer, am 04. September 2019 um 23:10 Uhr
Die Deutschen haben unendliches Leid dem russischen Volk angetan: 27 Millionen Tote! Die russische Armee hat Nazi-Deutschland besiegt, Gorbatschow hat 1989 die Wiedervereinigung ermöglicht. Sicher ist das heutige Deutschland kein «freies Land» (Zitat Schäuble). Aber man sollte doch den «Mut» haben, sich für die Gräueltaten während des 2. WK bei dem russischen Volk zu entschuldigen. Und sich nicht den polnischen Russland-Hassern anbiedern.
Gerhard Hampel, am 05. September 2019 um 09:47 Uhr
Sehr geehrter Herr Müller,
ich schätze eigentlich unseren Bundespräsidenten sehr, doch hier hat er sich nicht als unser Präsident gezeigt, hier war er wieder Politiker. Mit anderen Worten, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!
Dass Russland nicht eingeladen und in der Rede nicht erwähnt wurde, lässt einem sehr nachdenklich werden. Und wer Amerika in den Mund nimmt und die aggressive USA meint, dabei alle Staaten in Amerikas verunglimpft, hat meines Erachtens Diplomatie nicht verstanden. Die USA hat sicher mit dem Marshall-Plan gutes geleistet, wobei auch hier bei genauem hinsehen, nur der eigene Profit im Vordergrund stand. Dass die oberen Herren in USA immer noch glauben, sie müssten die Welt alleine kontrollieren, zeugt von einem Machtstatus der schwer nachzuvollziehen ist von uns normalen Bürgern. Und das alles wird durch Kriege erreicht, die weltweit angezettelt werden, nur um Einflussnahme und Bodenschätze zu erreichen. Damit will ich aber nicht aussprechen, dass unsere Politiker hier in Europa besser sind, auch Diese denken nur im 2 Jahre Rythmus.
Fazit: ich wünsche mir ein aufeinander Zugehen der Weltmächte: USA-Russland-China-Europa ohne materialistisches Denken zum Wohle des einzelnen Bürgers.
Klartext wäre und ist immer noch das Beste, die Wahrheit kommt immer an`s Licht.
Bernhard Thönnes, am 05. September 2019 um 12:11 Uhr
Ich schliesse mich den vielen Gratulationen gerne an.

Heute hat die wichtigste deutsche Medienkritikseite Denkseiten daran angeschlossen und Albrecht Müller, der auf «seine» Führer*innen keine diplomatische Rücksichten nehmen muss, fragt Steinmeier und Merkel direkt, ob sie noch für Deutschland arbeiten würden oder für andere:

"Zur Diskussion gestellt: Arbeitet das Spitzenpersonal Steinmeier und Merkel für uns oder für fremde Interessen?"

MfG
Werner T. Meyer

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=54616 (+ viel Material dazu)
Werner Meyer, am 06. September 2019 um 18:27 Uhr
Solange die Polarisierung West gegen Ost weiter betrieben wird, kann es keinen wirklichen Frieden geben. Zum anderen basieren die so hochgelobten westlichen, amerikanischen und europäischen Werte auf dem Genozid, der Entrechtung, Enteignung und Versklavung von Urbevölkerungen durch, hauptsächlich, europäische Kolonisatoren. Die amerikanischen und jetzt auch die chinesischen Kolonisationsinteressen tragen ihr Übriges zur Vernichtung von Urbevölkerungen und zum Raubbau an Natur und Ressourcen bei.

Jedenfalls ist bei dieser Rede, die eindeutige patriarchale Gesinnung zu erkennen. Man möchte zur Riege der Mächtigen und Beherrschenden gehören, die sich die Freiheit, das Land und den Reichtum von genuinen Bevölkerungen aneignen. Um eine echte Versöhnung herbeizuführen, müsste man bei den Anfängen der patriarchalen Kriegsgeschichte beginnen und die negativen und grausamen Auswirkungen der patriarchalen Eroberungs- und Herrschaftsmentalität, endlich, beim Namen nennen. Diese jetzige «Friedens-Flickschusterei», die nicht ohne Polarisierung zustande kommt, schafft nur neue Missverhältnisse.
Gisela Weber, am 07. September 2019 um 10:19 Uhr

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