Dürfen wir den Medien vertrauen?

Christian Müller © aw
Christian Müller / 17. Jun 2019 - Nicht nur Polen und die Ukraine versuchen, die eigene Geschichte umzuschreiben. Auch Schweizer Medien tun es.

Als Journalist und ehemaliger Medien-Manager und -Consultant kann ich es noch immer nicht lassen, nach mehrwöchigem Auslandaufenthalt die zwischenzeitlich eingetrudelten abonnierten (gedruckten) Zeitungen nachzulesen. Viel Zeitaufwand, aber eben, ich kann's nicht ändern. Professionelle Neugier halt.

Manchmal lohnt es sich sogar, einiges nachzulesen. Am 1. Juni schrieb in der «Schweiz am Wochenende» von CH Media deren publizistischer Leiter aus dem Hause NZZ, Pascal Hollenstein, es gebe gute Nachrichten: Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die Medien wieder zugenommen. In seinem Kommentar wörtlich: «Das sind gute Nachrichten, und man möchte all jenen danken, welche – auch dieser Zeitung – tagtäglich ihr Vertrauen schenken. Wichtiger aber ist: Die Umfragen belegen, dass sich Lernfähigkeit auszahlt. Im Gefolge der Vertrauenskrise haben viele Medienhäuser Faktentreue und Unvoreingenommenheit gestärkt und mehr Energie darauf verwendet, ihre Arbeit zu erklären.»

Das war, wie erwähnt, am 1. Juni. Nur vier Tage später, am 5. Juni, schrieb Patrik Müller, seines Zeichens Chefredaktor der CH Media Zeitungen und Pascal Hollenstein direkt unterstellt, in einem mehr als halbseitigen Leitartikel wörtlich: «Heute und morgen werden wir wieder schöne Reden hören, denn gefeiert wird die Landung der alliierten Truppen in der Normandie vor 75 Jahren – der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg, der zur Befreiung Europas von Hitlers Nazi-Terror führte.» Und tags darauf, am 6. Juni, wurde in der gleichen, von Patrik Müller verantworteten Zeitung, dem gleichen Ereignis, dem sogenannten D-Day, eine Doppelseite gewidmet. Headline: «Heute vor 75 Jahren begann die Befreiung Europas von den Nazis.» Beide Aussagen sind, mit Verlaub, barer Unsinn – oder in Neudeutsch: Fake News. Unklar ist nur, ob sie auf mangelnder Allgemeinbildung der schreibenden Journalisten beruhen oder eine gewollte Fehlinformation zur politischen Meinungsbildung waren.

Die Tatsachen: Hitler hat den Krieg militärisch in Russland verloren. In der Schlacht um Stalingrad im Spätherbst 1942/Anfang 1943 wurden 330'000 Soldaten der deutschen Wehrmacht von der Roten Armee eingekesselt und kamen nicht mehr weiter. Die Schlacht forderte um die 700'000 Tote, die meisten auf Seite der Roten Armee, aber sie war das abrupte Ende des deutschen Vormarsches in Russland. In der Schlacht von Kursk Juli/August 1943, einer der grössten Schlachten der Militärgeschichte überhaupt, wurde die deutsche Wehrmacht ebenfalls besiegt und verlor, in der fünfzigtägigen Schlacht selbst und in den folgen Monaten, gegen eine Million Soldaten. Nach diesen zwei verlorenen Schlachten in Russland gab es für die deutsche Wehrmacht nur noch eines: den verlustreichen, langsamen Rückzug aus Russland.

Schon an der Konferenz in Teheran Ende November 1943, wo sich Stalin, Roosevelt und Churchill in der russischen Botschaft trafen, bat Stalin die beiden Alliierten, doch endlich eine Westfront zu eröffnen. Doch die westlichen Alliierten waren dazu noch nicht bereit. Aber selbst nach dem sogenannten D-Day, dem 6. Juni 1944, der Landung der Alliierten in der Normandie, nämlich Anfang Januar 1945, bat Churchill Stalin dringlichst, mit massiven Angriffen auf die deutschen Truppen an der Ostfront eben diese deutschen Truppen im Osten hinzuhalten, um Truppenverschiebungen von der Ostfront an die Westfront zu verhindern. Die an der neuen Westfront kämpfenden Alliierten gegen die deutschen Truppen sollten so eine grössere Chance erhalten, diese zu bezwingen. Stalin versprach Churchill, trotz schlechten Wetters spätestens in der zweiten Hälfte Januar 1944 weitere Angriffe auf die deutschen Truppen zu starten. Selbst Churchill und Eisenhower waren der Überzeugung, ihre Truppen hätten gegen die Deutschen nur eine Chance, wenn an der Ostfront auch Russland weiterkämpfte.

Dazu ein paar Zahlen: Deutschland hatte im Zweiten Weltkrieg etwas über 6 Millionen Kriegsopfer zu verzeichnen, davon über 5 Millionen Soldaten und etwas über eine Million Zivilisten. Frankreich, das schon wenige Wochen nach dem Angriff der deutschen Truppen im Mai 1940 kapitulierte, hatte etwa 350'000 Kriegsopfer zu beklagen, darunter etwa 150'000 Zivilisten. Grossbritannien zählte ähnlich viele Tote, mehr Soldaten allerdings und weniger Zivilpersonen. Die USA verzeichneten gut 400'000 Tote – ausschliesslich Soldaten, keine Zivilisten. Russland aber kostete der Zweite Weltkrieg 27 Millionen (!) Opfer, gut die Hälfte davon Zivilisten. Die Russen haben – militärisch – Hitler besiegt, aber sie haben dafür mehr Menschenleben opfern müssen als alle anderen Kriegsteilnehmer zusammen.

Nochmals: Wer heute behauptet, mit der Landung in der Normandie habe die «Befreiung Europas von den Nazis begonnen», oder wer behauptet, die Landung der Alliierten in der Normandie sei der «Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg» gewesen, verbreitet, aus welchem Grunde auch immer, schlicht Unwahrheiten.

Vielleicht sollte der «Leiter Publizistik» der CH Media Zeitungen, Pascal Hollenstein, seinem Chefredaktor Patrik Müller wieder einmal auf die Schulter – oder noch besser auf die Finger – klopfen und ihn daran erinnern, was dringend notwendig ist: dass nämlich unsere Zeitungen Informationen verbreiten, die der Wahrheit möglichst nahe kommen. Patrik Müller mag persönlich die USA verehren, das sei ihm unbenommen. USA-verherrlichende Propaganda-Geschichten sollte er trotzdem nicht verbreiten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Es gibt keine Interessenkollisionen. Der Autor ist promovierter Historiker und war zuletzt (bis 2009) CEO der Vogt-Schild Medien Gruppe, die dann an die AZ Medien Gruppe ging, die ihrerseits jetzt Teil der CH Media ist.

Weiterführende Informationen

Der Krieg darüber, wer den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat (englisch)

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7 Meinungen

Vielen Dank, Herr Müller, für die längst wieder mal fällige Klarstellung. Es ist einfach nur mühsam, wie falsch die Medien hierzulande und in allen andern amerikanischen Klientelstaaten über die wahren Gewinner des 2. Weltkriegs berichten.
Andreas Mathys, am 17. Juni 2019 um 12:24 Uhr
Merci pour avoir rétablit la vérité. Les USA ont largement profité de l'industrialisation de l'après-guerre. Il suffit de constater leur dominance aujourd'hui dans l'informatique, les produits liés à l'internet, le système bancaire. La diplomatie n'existe plus. La loi du plus fort règne et est du côté des USA aujourd'hui. N'oublions pas que les USA ont besoin de guerre pour alimenter leur industrie ce qui peut se constater depuis la fin de la seconde guerre mondiale. Comment les médias peuvent-elles accuser la Russie d'influencer des élections en Europe et de l'autre côté, s'abstenir lorsque le Président Trump supporte ouvertement son ami le clown Boris! La guerre froide amenait au moins à un certain équilibre. Aujourd'hui il est piétiné.
Alfred Horlent, am 17. Juni 2019 um 14:24 Uhr
In diesem Zusammenhang wäre da übrigens auch noch die sogenannte «Operation Bagration» an der Ostfront erwähnenswert, die Grossoffensive der Roten Armee in Weissrussland, welche vom 22. Juni bis zum 20. August 1944 dauerte und mit dem völligen Zusammenbruch der gesamten deutschen Heeresgruppe Mitte (des stärksten auf dem Gebiet der Sowjetunion stehenden Grossverbands der Wehrmacht) endete. Der sowjetische Sieg in diesem Blitzkrieg, verbunden mit dem Totalverlust von 28 Divisionen der Wehrmacht, gilt als die verlustreichste und folgenschwerste Niederlage der deutschen Militärgeschichte. Die deutsche Katastrophe in Weissrussland spielte sich präzis zu derselben Zeit wie der Vormarsch der Westalliierten in Frankreich ab, wurde aber in ihrem Ausmass im Westen kaum wahrgenommen. Die Vernichtung der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 in Weissrussland kann mit Fug und Recht, mehr noch als die Niederlage in Stalingrad, als der eigentlich entscheidende Wendepunkt des zweiten Weltkriegs in Europa betrachtet werden. – Dem historisch offenkundig nicht sattelfesten Herrn Patrik Müller, Chefredaktor der CH Media Zeitungen, sei dringend empfohlen, sich vor dem Verfassen eines Artikels zum einschlägigen Thema etwas détaillierter kundig zu machen.
René Edward Knupfer-Müller, am 17. Juni 2019 um 15:00 Uhr
herr müller, bitte lesen und schreiben sie anschliessend weiter. wir (die schweigende, bequeme mehrheit) sind ihnen dankbar.
seit ich ahv-positiv bin und den ausstieg aus dem hamsterrad geschafft habe, bröckelt leider auch mein glaube an die heere, saubere, gerechte, nie korrupte schweiz.
was wir mit a. dorin, den rüstungsprojekten, mit der eu, mit den banken ect. so alles machen (lassen) verführt schon zum «wegschauen». danke das sie helfen «hinzuschauen"
freddy ringier, am 17. Juni 2019 um 15:53 Uhr
"Dürfen wir den Medien vertrauen» - das ist für mich mittlerweile eine rein Rhetorische Frage. Könnten wir Vertrauen, bräuchte es keine alternative Medien. Und darum ist es gut und wichtig, dass es InfoSperber andere seriöse Informationskanäle gibt. Es liegt an uns kritischen Zeitgeister dafür zu sorgen, dass diese Medien eine grosse Verbreitung erfahren. Es gab mal den Slogan, «mach' mit, mach' de zwöiti Schritt» Also, just do it!
Hans Rudolf Knecht, am 17. Juni 2019 um 17:45 Uhr
"Unklar ist nur, ob sie auf mangelnder Allgemeinbildung der schreibenden Journalisten beruhen oder eine gewollte Fehlinformation zur politischen Meinungsbildung waren.» Diese Frage muss klar mit mangelnder Allgemeinbildung beantwortet werden, denn es gäbe noch viele andere zum Teil tragische Beispiele von Nichtwissen so genannter Journalisten. Oder liegt es an deren Intelligenz, richtig zu recherchieren? Was da alles dem Publikum vorgesetzt wird macht traurig.
Bruno Heuberger, am 17. Juni 2019 um 23:52 Uhr
Historische Wahrheiten sind generell vielschichtig und für mediale Zuspitzungen ungeeignet. Zum Thema gehört wohl auch ein Blick auf den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der Hitler den Angriff auf Polen erlaubte. Stalin verliess sich auf diesen Vertrag, der zur Aufteilung Polens führte. Auf den deutschen Überfall im Juni 1942 war die Rote Armee kaum vorbereitet – trotz mehrfacher Warnungen von britischer Seite. Grosse Teile der Führung der Roten Armee waren den stalinschen Säuberungen zum Opfer gefallen.
Der D-Day kam tatsächlich spät. Aber hätten die USA und Grossbritannien Stalins Drängen nach einer zweiten Front nachgegeben, bevor Landungsboote in ausreichender Zahl beschafft waren und eine ausreichend trainierte und ausgerüstete Streitmacht aufgebaut war, wäre es mit grosser Wahrscheinlichkeit in Frankreich zu einem militärischen Desaster gekommen.
Der D-Day war ein entscheidender Tag für Westeuropa. Viel wichtiger aber war, dass Grossbritannien unter Churchill nicht kapituliert hatte, obwohl es zwei Jahre alleine gegen Hitler stand, dessen Armeen fast ganz Europa unter ihre Kontrolle brachten. Alle Welt glaubte damals, dass Hitler und Stalin Europa unter sich aufteilen würden. Die USA verfolgten bis zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour gegenüber Europa eine isolationistische Politik und waren ebenfalls nicht auf den Krieg vorbereitet.
Hanspeter Spörri, am 18. Juni 2019 um 13:19 Uhr

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