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William J. Perry, US-Verteidigungsminister von 1994-1997 © Christian Pease and Joseph Garappolo

«Interkontinental-Raketen kann man verschrotten»

Red. /  Der früherer US-Verteidigungsminister William J. Perry bezeichnet das geplante neue atomare Wettrüsten als «unnötig».

Red. Es ist aussergewöhnlich und brisant, dass ein früherer US-Verteidigungsminister der Waffenindustrie widerspricht und die geplante Erneuerung der Interkontinental-Raketen und der Cruise Missiles als überflüssig ablehnt. Deshalb haben wir seinen Beitrag in der «New York Times» mit seiner Genehmigung übersetzt.
«Die schlimmsten Waffen des Kalten Kriegs»
Russland und die USA bringen die Welt an die Schwelle eines gefährlichen neuen Rüstungswettlaufs. Denn sie haben in den letzten Jahren begonnen, ihr Nukleararsenal aus dem Kalten Krieg wieder auszubauen. Doch wir müssen dieses lebensgefährliche Drama des 20. Jahrhunderts nicht wiederholen. Wir können die Stärke und Sicherheit unseres Landes aufrecht erhalten und dennoch die schlimmsten Waffen des Kalten Krieges abschaffen.
Unsere Nuklearwaffen wieder aufzubauen und zu unterhalten, ist unnötig überdimensioniert und teuer, mit geschätzten Kosten von einer Billion US-Dollar über die nächsten drei Jahrzehnte. Dies ginge auf Kosten der konventionellen Streitkräfte und der Mittel, die wir im Kampf gegen den Terrorismus sowie gegen Cyberangriffe benötigen.
Fehlalarm vor 40 Jahren
Die gute Nachricht ist, dass die USA mit dem Verschrotten der Interkontinental-Raketen Milliarden sparen und dennoch ein robustes Arsenal von Nuklearwaffen unterhalten können.
Als Erstes und Dringlichstes können die USA ihre bodengestützten Interkontinental-Raketen ohne Risiko ausmustern. Diese hatten im Kalten Krieg der nuklearen Abschreckung eine Schlüsselrolle gespielt. Die Raketen auszumustern, spart erhebliche Kosten. Doch es wäre nicht nur das Budget, das profitieren würde. Diese Raketen gehören zu den gefährlichsten Waffen der Welt, denn sie können einen Atomkrieg auch aus Versehen auslösen.
Wenn unsere Radarschirme zeigen, dass feindliche Raketen auf dem Weg nach den USA sind, müsste sich der Präsident entscheiden, die Interkontinental-Raketen unumkehrbar abzuschiessen, bevor das Land durch die feindlichen Raketen zerstört würde. Der Präsident hat für diesen folgenschweren Entscheid weniger als 30 Minuten Zeit.
Dies ist keine akademische oder theoretische Sorge. Obwohl ein versehentlicher Abschuss wenig wahrscheinlich ist, machen Menschen und Maschinen Fehler. Ich habe einen solchen Fehlalarm vor knapp 40 Jahren miterlebt, als ich als Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium für Forschung und Technik zuständig war. Mitten in der Nacht hat mich ein Mitarbeiter geweckt: Die Computer würden 200 Interkontinental-Raketen zeigen, die aus Russland gegen die USA fliegen. Für einen Augenblick glaubte ich, das Ende der Zivilisation sei gekommen. Darauf meldete ein General, es handle sich um einen falschen Alarm. Er wollte meine Hilfe, um festzustellen, wo der Fehler im Computer lag.
Während des Kalten Krieges verliessen sich die USA auf die Interkontinental-Raketen, weil sie eine Genauigkeit erlaubten, die mit Raketen, die aus U-Booten oder von Flugzeugen abgefeuert wurden, nicht möglich war. Sie waren auch die Versicherungspolice, sollte die amerikanische U-Bootflotte kampfunfähig sein.
Genügend Atomwaffen auf U-Booten und mit Bombern
Diese Situation ist so heute nicht mehr gegeben. Heute sind die amerikanischen U-Boote und Bomber sehr präzise. Wir können auf sie zählen, so dass wir keine zusätzliche Versicherungspolice mehr benötigen – besonders, wenn diese so teuer und fehleranfällig ist wie die Interkontinental-Raketen.

Zur Modernisierung unseres militärischen Arsenals plant die Regierung, auch atomar bestückte U-Boote und Bomber zu ersetzen. Wenn wir davon ausgehen, dass das Verteidigungsministerium die Anzahl an benötigten Waffensystemen kritisch analysiert, so macht dies wesentlich mehr Sinn als Interkontinental-Raketen zu ersetzen. Die U-Boot-Flotte alleine genügt, um unsere Feinde abzuschrecken, und so wird es in der nächsten Zukunft auch bleiben. Aber so wie sich die Technologie weiterentwickelt, müssen wir uns klar machen, dass es mögliche neue Bedrohungen für unsere U-Boote gibt, wie etwa Cyberattacken und die Entdeckung durch Drohnenschwärme. Das neue U-Boot-Programm sollte deshalb bei der Verbesserung ein spezielles Augenmerk auf diese möglichen Bedrohungen legen, um den Schutz der Flotte über Jahrzehnte zu sichern.
Die neuen Tarnkappenbomber werden die U-Boote absichern. Wahrscheinlich ist das nicht einmal nötig, aber dennoch eine gute Rückversicherung. Die neuen Bomber werden im Stande sein, sowohl konventionelle, wie auch nukleare Missionen zu erfüllen.
Unnötige Cruise Missiles
Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von neuen nuklearen Cruise Missiles, die auch vorgeschlagen wurde, unnötig und destabilisierend (Cruise Missiles = unbemannte Marschflugkörper). Wir können eine effiziente Bomberflotte aufrecht erhalten ohne atomare Cruise Missiles.*
Statt übermässig in atomare Waffen zu investieren und zu einem neuen Wettrüsten aufzumuntern, sollten die USA nur so viel unternehmen, wie zur Abschreckung erforderlich. Wir sollten Russland ermutigen, dasselbe zu tun. Und selbst wenn Russland nicht folgen sollte, müsste unser Nukleararsenal nur so ausgebaut werden, wie wir es heute tatsächlich benötigen. Wir sollten uns nicht durch den Wunsch fehlleiten lassen, die Anzahl von Moskaus Raketen eins zu eins zu erhalten. Wenn sich Russland dazu entscheidet, mehr Raketen zu bauen als es benötigt, wird seine Wirtschaft leiden, so wie sie es schon im Kalten Krieg tat.
Die Regierung Obama sagt, sie suche nach Möglichkeiten, die nukleare Gefahr zu verringern. Wenn dies wirklich zu einer Verringerung des nuklearen Programms und dessen Kosten führt, wäre sie konsistent mit der neuen Plattform der demokratischen Partei, die festhält, die Partei werde «daran arbeiten, die exzessiven Kosten für ein Atomwaffenprogramm über einer Höhe von prognostizierten einer Billion Dollar über die nächsten 30 Jahre zu reduzieren». [Red. Im Wahlkampf allerdings spricht sich Hillary Clinton für eine weitere atomare Aufrüstung aus].
Zudem schrieben kürzlich zehn Senatoren dem Präsidenten und riefen dazu auf, die Regierung solle «das geplante Ausmass der Herstellung von neuen, unnötigen Atomwaffen und Trägersystemen verkleinern». Ein ähnlicher Brief verschiedener Abgeordneter warnt davor, der atomare Plan sei «weder bezahlbar, durchführbar, noch ratsam».
Russland und die USA haben einen nuklearen Rüstungswettlauf bereits hinter sich. Wir gaben Billionen von Dollars aus und nahmen unglaubliche Risiken auf uns in einer fehlgeleiteten Suche nach Sicherheit. Ich war dabei an vorderster Front. Einmal ist genug. Dieses Mal müssen wir Weisheit und Zurückhaltung zeigen. Washington und Moskau müssen die grossen Vorteile einer Minimierung von neuen Rüstungsprogrammen erkennen, bevor es zu spät ist. Es gibt nur einen Weg, einen Rüstungswettlauf zu gewinnen: Weigere dich zu rennen (There is only one way to win an arms race: Refuse to run).

——
Diesen Gastbeitrag aus der «New York Times International» vom 1.10.2016 veröffentlichen wir mit der Genehmigung von William J. Perry. Übersetzung von Stephan Klee. Grosse Medien in der Schweiz haben nicht darüber berichtet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

William J. Perry war von 1994 bis 1997 US-Verteidigungsminister. Seine aktuellen Memoiren sind unter dem Titel «My Journey at the Nuclear Brink» erschienen.

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3 Meinungen

  • am 1.11.2016 um 12:06 Uhr
    Permalink

    Interessant ist ja, dass das, was er als positiven «Ersatz» vorschlägt (uboote, Bomber) alles Systeme sind, die auch nichtnuklear genutzt werden können. Und trotz dem verheerenden Potential muss man doch sagen, dass konventionelle Waffen, insbesondere auch von Atomwaffenstaaten) immer wieder massiv genutzt werden. Seit dem zweiten Weltkrieg sind Millionen Menschen durch konventionelle Waffen ermordet, aber keine durch Kernwaffen….

  • am 1.11.2016 um 12:34 Uhr
    Permalink

    Bevor die Kontinentalraketen verschrottet werden, verschrottet die Schweiz Armee ihre Armee, welch klägliches Vorgehen! Der SP und der GSoA sei Dank…..

  • am 2.11.2016 um 10:18 Uhr
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    "Wir sollten uns nicht durch den Wunsch fehlleiten lassen, die Anzahl von Moskaus Raketen eins zu eins zu erhalten. Wenn sich Russland dazu entscheidet, mehr Raketen zu bauen als es benötigt, wird seine Wirtschaft leiden, so wie sie es schon im Kalten Krieg tat."
    Welch eine perfide Formulierung. Auch wenn Moskau möglicherweise zahlenmässig mehr Atomraketen besitzt, so ist die militärische Überlegenheit der USA massiv und das Atom-Programm der USA ist nicht rein defensiv, sondern auf Erstschlag ausgerichtet (‹first strike›). Das Raketenabwehr-System, das in Osteuropa angeblich gegen den Iran aufgestellt werden soll, dient lediglich dem Zweck, einen Gegenschlag abzuwehren. Dadurch werden die USA zu absoluten Herrschern der Welt.

    Auch wenn der Artikel als Ganzes kritisch daherkommt, sollten diese subtilen Verzerrungen nicht übersehen werden. Die USA strebt nach «Erstschlagfähigkeit», i.e. Erstschlag ohne Zweitschlag des Gegners. Dadurch verfällt die Abschreckung!
    (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Erstschlag)

    Es wäre noch anzufügen, dass nicht nur eine Reduktion der Atomwaffen notwendig ist, sondern dass die USA von ihrer derzeitigen Aggressionspolitik absehen, internationales Recht anerkennen und eine Politik der gegenseitigen Anerkennung verfolgen sollten. Von «regime change» und «military aggression» für die Durchsetzung ihrer Interessen ist abzusehen.

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