Freysingers Sprachakrobatik

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 11. Jun 2013 - Für Oskar Freysinger erlaubt die Grammatik das Inserat «Kosovaren schlitzen Schweizer auf». Aber Herr Lehrer!

Auch als frischgebackener Walliser Bildungsdirektor bleibt Oskar Freysinger Sprachlehrer. Und Schlaumeier bleibt der SVP-Nationalrat ohnehin. Ja, er weiss diese beiden Eigenschaften neuerdings sogar zu verbinden, wie sein Interview in der letzten «SonntagsZeitung» beweist. Angesprochen auf das - von manchen Zeitungen abgelehnte - Inserat mit der Schlagzeile «Kosovaren schlitzen Schweizer auf», rechtfertigte er die Wortwahl seiner Partei so: «Es hiess 'Kosovaren', nicht 'die Kosovaren'. Ich bin da im Grammatischen sehr genau. Es gab damals einen Vorfall, bei dem zwei Kosovaren einen Schweizer mit einem Messer angriffen. Das ist nur eine Bestandesaufnahme der Realität.»

Einspruch!

Einspruch, Herr Lehrer! Von Ihrer Berufstätigkeit her müssten Sie eigentlich wissen - und Sie wissen es zweifellos auch -, dass es bei jeder sprachlichen Äusserung auf den Kontext ankommt. Hätte eine Zeitung auf ihrer Seite für Unglücksfälle und Verbrechen die Meldung über den Vorfall so betitelt, so hätte man zwar die Betonung der Staatsangehörigkeit und die verbale Brutalität in «aufschlitzen» kritisieren können, aber «Kosovaren» als Subjekt hätte die Täter grammatikalisch korrekt bezeichnet.

Taucht jedoch derselbe Titel in einem Inserat auf, so wird er nicht als Kurzfassung einer Meldung verstanden, sondern als allgemeingültige Aussage - egal, ob der bestimmte Artikel «die» davorsteht oder nicht. Natürlich wird niemand diese Aussage so begreifen, dass alle Kosovaren ständig damit beschäftigt seien, Schweizer aufzuschlitzen. Aber doch so, dass es Teil der kosovarischen Wesensart sei, dies bei Gelegenheit zu tun. Nur weil er zu dieser Unterstellung Anlass gab, war der Vorfall als Inserat-Sujet für die SVP überhaupt interessant.

Das ist nun freilich ebenfalls eine Unterstellung, und es wird für Oskar Freysinger ein Leichtes sein, eine andere Motivation für die Verwendung der Schlagzeile herbeizuzaubern.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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4 Meinungen

Die zur Zeit in den Räten zur Debatte stehende Initiative:
"Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen"
beinhaltet dasselbe Sprachproblem und diffamiert in derselben Weise (und zudem wohl nicht ganz ungewollt...) pauschal eine ganze Volksgruppe!

Egal, ob im erklärenden Untertext nur eine bestimmte Gruppe der «Pädophilen» gemeint ist oder nicht, werden natürlich (fast) alle, die diesen Ititiative-Titel lesen, ihn zuerst einmal so begreifen, dass allen Pädophilen verboten sein soll, mit Kindern zu arbeiten.

Ein solcher Text, der sogar bei der Kontrollstelle des Bundes unbeanstandet durchging, ist eine Diffamierung einer Minderheit, die nur deshalb scheinbar niemanden stört, weil den «Pädophilen» sowieso kein Existenzrecht eingeräumt wird und diese mit «Kinderschändern", also Kriminellen, gleichgesetzt werden...
Wäre da nicht auch Einspruch von kompetenter Stelle nötig...?
Joos Martin, am 11. Juni 2013 um 11:50 Uhr
"Nehmen Sie einfach zur Kenntnis, dass Eltern ihre Kinder nicht in Ihre Obhut geben wollen, wenn Sie pädophile Neigungen haben - egal wie genau Ihre eigene Definition davon ausfällt"
Herr Rothenbühler, Sie bringen es genau auf den Punkt: Ein Pädophiler wird sich hüten, irgend jemandem seine Neigung bekannt zu geben. Diese wird erst bekannt, wenn er sich etwas zuschulden kommen liess. Eltern wissen also nicht, wem sie ihr Kind in Obhut geben.
Es geht hier um eine Wort-Definition, die einerseits eine Menschengruppe meint, die Kinder besonders gerne hat und auch mehr als man glaubt zu wissen, mit solchen auch beruflich zu tun hat.
Gleichzeitig aber wird das Wort mit einem gesetzeswidrigen Verhalten gleichgesetzt, sodass es alle Betroffenen zum Schweigen zwingt.

"Kosovaren» - wie im obigen Artikel können zwar erkannt werden, wenn man genauer nachforscht - und man wird sie dann nach ihrem persönlichen Verhalten beurteilen. Würde man einen solchen - trotz untadeligem Verhalten - immer noch als «potentiellen Kriminellen» hinstellen, käme man mit dem Rassendiskriminierungsgesetz in Konflikt.

Es ist heute mit den Pädophilen ähnlich wie einst mit den Juden: sie müssen generell für Dinge hinhalten, die Einzelnen von ihnen in nur sehr seltenen Fällen (im Vergleich zu ihrer wirklichen Anzahl) zur Last gelegt werden kann.

Juden konnte man identifizieren, auch wenn sie sich nichts zu Schulden kommen liessen. Pädophile zum Glück nicht. Das ist ihr Vorteil.

Aber ist es richtig, dass sie von der Gesellschaft generell kriminalisiert werden, obwohl - würden die sich alle offen dazu bekennen - sich die gleiche Gesellschaft wundern würde, wieviele von ihnen es gibt und wie unbescholten und gut sie ihre Arbeit -vor allem mit Kindern - verrichten...?

Letztlich ist es so, dass hier wegen einem missbräuchlich verwendeten Wort der Unsicherheit auf allen Ebenen Vorschub geleistet wird.
Joos Martin, am 12. Juni 2013 um 10:53 Uhr
@Martin Joos: Jemand, «der Kinder sehr gerne hat», ist (wie Globi) ein Kinderfreund. Vom griechischen Wortsinn her bedeutet zwar «Pädophiler» dasselbe, aber als Fremdwort im Deutschen (und weiteren Sprachen) ist es anders geprägt. Laut Duden ist Pädophilie «auf Kinder gerichteter Sexualtrieb Erwachsener»; das Wörterbuch behandelt «Pädophiler» und «Pädosexueller» als gleichbedeutend. Menschen, die sich wegen ihrer Pädophilie strafbar gemacht haben, werden auch «pädokriminell» genannt.
Ein Pädophiler, der seine Neigung nicht auslebt, wird nicht als solcher erkannt – es sei denn, er habe das Bedürfnis, sich als platonischer Pädophiler zu outen. Ob er zu einer vor Diskriminierung zu schützenden Minderheit angehört, ist eine gesellschaftliche Frage, die sich nicht mit Sprachregelungen entscheiden lässt. Mir scheint, eine sexuelle Orientierung, die jemanden zu gesetzwidrigem Verhalten drängt, unterscheide sich grundsätzlich von allen andern.
Ich habe auch nie gehört, dass Pädophilen die Schuld für andere Missstände als praktizierte Pädophilie gegeben wird. Dies ganz im Unterschied zu den Juden, die oft zu Sündenböcken gemacht wurden (und zuweilen noch werden) für Dinge, die keiner von ihnen getan hat, oder für solche, die (auch) von Juden getan wurden, ohne aber ihren Grund im Judentum zu haben.
Daniel Goldstein, am 14. Juni 2013 um 16:45 Uhr
"Ein Pädophiler, der seine Neigung nicht auslebt, wird nicht als solcher erkannt."
Er hat also Vor- und Nachteile in seinem «norm"alen Verhalten wie jeder andere Mensch auch. Trotzdem wird er mit einem solchen Werbetext für eine Intitiative generell verdächtigt und wird ihm nahegelegt, dass er bei Kindern nicht zu suchen habe. Geben Sie mir Beispiele, von einer an sich unbescholtenen Menschengruppe, die sich als solche nicht zu erkennen geben darf, weil Medien und Gesellschaft ihr so generell misstraut...! Und wenn Sie schon anerkennen, dass ein «Pädophiler, der seine Neigung nicht auslebt,» auch «nicht als solcher erkannt» wird, dann hätte er doch Anerkennung verdient und nicht solche generelle Ächtung in der Gesellschaft. Er muss doch auf etwas verzichten, auf das kaum ein «normaler» Mensch verzichten will!
Joos Martin, am 14. Juni 2013 um 22:30 Uhr

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