Wenn Abessinien in der Schweiz liegt

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Erich Schmid / 11. Aug 2020 - Der Name eines Giftgas-Massakers in Abessinien für eine Metrostation in Rom? Ein Anlass für eine kleine historische Rückschau.

Eine Metrostation in Rom mit dem Namen eines Giftgas-Massakers in Abessinien: Die NZZ rügt die italienische Erinnerungskultur. Aber auch die schweizerische ist gefordert.

Um das Wichtigere den Details vorweg zu nehmen: Die schweizerische Verwicklung in die vernichtenden Giftgasangriffe in Abessinien im Jahr 1936 ist offenbar auch dem damaligen IKRK-Präsidenten Max Huber geschuldet, der finanziell am Montecatini-Konzern beteiligt war. Montecatini sei der Giftgaslieferant der italienischen Truppen gewesen, was damals allerdings bestritten wurde, als dies der legendäre Journalist Peter Surava in der antifaschistischen schweizerischen Wochenzeitung «Die Nation» publizierte. Surava schrieb zudem, IKRK-Präsident Huber habe es unterlassen, gegen die Giftgaseinsätze in Abessinien zu protestieren.

Dies überliess Huber dem Arzt John Melly, damals Leiter des britischen Roten Kreuzes im Kriegsgebiet, der so berichtete : «Das ist kein Krieg, es ist auch kein Blutbad, es ist eine Folterung von Zehntausenden wehrloser Männer, Frauen und Kinder mit Bomben und Giftgas.» (Quelle: Wikipedia)

Man dürfe so einen Mann wie Max Huber auf keinen Fall angreifen, der sich als Präsident des IKRK verdient gemacht und zahllose Auszeichnungen erhalten habe, u. a. in der gleichen Universität Lausanne die Doktorwürde wie zuvor Benito Mussolini. Peter Surava bekam diese Ausführungen als Journalist zu spüren, indem die Trägerschaft seiner Zeitung ihm «vermehrt auf die Finger schauen» wollte. Damals waren die meisten Journalisten über Surava hergefallen und haben ihn deswegen hart kritisiert, viele auch aus Eifersucht und Neid, weil er mit der Wochenzeitung «Die Nation» (Gestaltung Max Bill) gerade auch mit solch unbequemen Artikeln eine sagenhafte Auflagensteigerung erreicht hatte: von ursprünglich 8'000 auf über 120'000 Exemplare.

Nachdem sein Buch und der Film «Er nannte sich Surava» des hier Schreibenden 1995 erschienen waren, schrumpften Suravas Kritiker, die seinen biografischen Ausführungen aus unterschiedlichen Gründen und an unterschiedlichen Stellen keinen Glauben schenken wollten, auf nur noch drei zusammen: Roger Köppel, damals Kulturredaktor im Tages-Anzeiger, Stefan Keller in der WoZ und Peter Rippmann.

Nun aber zur NZZ, die in der Ausgabe vom Samstag, 8. August 2020, Seite 2, zum Begriff «Ambaradam» schrieb:«Ein ‹Ambaradam› ist in der italienischen Umgangssprache ein heilloses Durcheinander (…). Via Amba Aradam heisst in Rom eine wichtige Durchgangsstrasse hinter dem Kolosseum, einst von ‹Duce› Benito Mussolini persönlich so getauft. Der Ausdruck wie die Strasse erinnern an die Schlacht im Aradam-Gebirge in Äthiopien.»

Das in der NZZ erwähnte Massaker war 1936. Im Jahr zuvor stockte der italienische Vormarsch in jenem heillosen Durcheinander (das sich als Ambaradam bis heute halten konnte), und die Truppen liefen Gefahr, den Angriffskrieg gegen Abessinien zu verlieren. Deshalb setzten sie Senfgas und Arsen ein – mit den oben vom britischen Roten Kreuz erwähnten Folgen.

Der Streit um den Namen Amba Aradam entbrannte, nachdem in Rom eine neue Metrostation so heissen sollte, was «lange Zeit nur wenige» störte, wie Andres Wysling in der NZZ schreibt. Doch nun habe das Stadtparlament auf den Namen verzichtet, weil man nicht mehr «an ein Massaker der Faschisten in Afrika erinnern» wolle.

Eine einhergehende offizielle Umbennung der gleichnamigen Strasse hinter dem Kolosseum sei aber nicht geplant. «Sie ist auch nicht zwingend. Die Geschichte wird nicht ausgelöscht, wenn man Strassennamen ändert», schreibt Wysling, «zwingend wäre aber eine Hinweistafel, die (…) die Wörter ‹Giftgas› und ‹Massaker›» enthalte. Wysling: «Geschichte und der Umgang damit ist zuweilen ein ‹Ambadaram›, nicht nur in Italien.»

Richtig, auch in der Schweiz: Die Rolle des Topdiplomaten Max Huber ist noch nicht genau aufgearbeitet, weil hinreichende Hinweise auf seine wirtschaftlichen Verstrickungen, anscheinend bis hin zum Giftgas, noch fehlen, und es im Nachhinein unerklärlich ist, weshalb er als Schweizer wahrscheinlich der absolute Rekordempfänger von nationalen und internationalen Auszeichnungen im Namen der Menschlichkeit ist. Dieser Widerspruch sollte über den Bergier-Bericht hinaus reizen, der einer Äusserung Max Hubers in einem ähnlichen Zusammenhang immerhin schon den «schalen Beigeschmack» attestiert.

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