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Swissôtel in Mekka, Saudiarabien

Devisen für Terror: Die Schweiz in Saudi-Arabien

Bernhard C. Schär / 20. Okt 2017 - Verzicht auf Handel mit Saudi-Arabien. Die Schweiz aus muslimischer Sicht betrachten. Merci für muslimischen Integrationsbeitrag.

Red. Bernhard C. Schär ist Historiker. Er lehrt und forscht an der ETH Zürich und ist assoziiertes Mitglied am Zentrum Geschichte des Wissens der Universität und der ETH Zürich.

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Laut einer Umfrage neulich im Sonn­tags­blick fürch­ten sich fast 40% der Bevöl­ke­rung vor Musli­men in der Schweiz. Das Ergeb­nis ist die Folge einer wochen­lan­gen media­len Debatte über den «radi­ka­len Islam» und die Gefahr, die von soge­nann­ten Hass­pre­di­gern ausgehe. Sie bildete die Begleit­mu­sik für eine Volks­in­itia­tive zum Verbot der Burka, über die demnächst abge­stimmt wird. Völlig ausge­blen­det wird in dieser Diskus­sion, dass die Schweiz die Radi­ka­li­sie­rung des Islams zumin­dest indi­rekt selber mitfinanziert.

Saudi-Arabien – «einer der wichtigsten Partner der Schweiz»

Wie das? So etwas wie das Gehirn und der Bankier des radi­ka­len Islams ist die Isla­mi­sche Welt­liga. Über Able­ger ist sie in der ganzen isla­mi­schen Welt präsent. Über verschlun­gene Netz­werke und Kanäle gelan­gen ihre Ideen, Geld­mit­tel und Imame auch nach Europa. Ihren Haupt­sitz hat die Isla­mi­sche Welt­liga in Saudi-Arabien. Das ist just jene Dikta­tur ohne Menschen­rechte, die laut EDA «einer der wich­tigs­ten Part­ner der Schweiz» im Nahen Osten darstellt. Konkret heisst das, dass die Schweiz in abso­lu­ten Zahlen und erst recht gemes­sen an ihrer gerin­gen Bevöl­ke­rungs­grösse zu den welt­weit führen­den Direkt­in­ves­to­rin­nen, Expor­teu­rin­nen und Vermö­gens­ver­wal­te­rin­nen jenes Landes zählt, welches das finan­zi­elle, ideo­lo­gi­sche und stra­te­gi­sche Zentrum des globa­len Terrors behü­tet und nährt.

In Zahlen ausge­drückt: 2010 inves­tierte die Schweiz drei Milli­ar­den Fran­ken, während Schwei­zer Banken saudi-arabische Vermö­gen von vier Milli­ar­den Fran­ken verwal­te­ten. Diese Summen werden in naher Zukunft dras­tisch wach­sen. Das König­reich versucht gegen­wär­tig nämlich, seine Abhän­gig­keit vom Erdöl zu über­win­den und öffnet hierzu seinen Finanz­markt für den Westen. An vorders­ter Front betei­ligt sind auch die CS, die zu Teilen einem Staats­fonds aus Katar gehört, und die UBS. Die CS inves­tiert zum Aufbau ihres Saudi-Arabien-Geschäfts rund 300 Mio. Fran­ken, wie «Bloom­berg» kürz­lich meldete. Bereits jetzt verwal­tet sie im übri­gen Nahen Osten Kunden­gel­der von 70 Milli­ar­den Fran­ken. Saudi-Arabien ist frei­lich nicht nur für die Finanz-, sondern auch für die schwei­ze­ri­schen Uhren-, phar­ma­zeu­ti­schen und Maschi­nen­in­dus­trien ein enor­mer Wachs­tums­markt. Poin­tiert gesagt: Während die Schweiz daheim «die Muslime» als Gefahr stili­siert, bald über ein Verbot der «Burka» abstimmt und einzelne «Hass­pre­di­ger» bekämp­fen will, finan­ziert sie die isla­mis­ti­sche Schutz­macht des Terrors mit ungleich grös­se­ren Mitteln aktiv mit.

Menschenrechte und Unterstützung des Terrors
– kein Thema im Geschäft mit Saudi-Arabien

Die Frage, ob die Unter­stüt­zung des Terrors in den gegen­wär­tig laufen­den Verhand­lun­gen mit Saudi-Arabien über ein Doppel­be­steue­rungs­ab­kom­men ein Thema sind, wird in hiesi­gen Medien prak­tisch nicht gestellt. Die Wirt­schafts­presse blen­det solche demo­kra­tie­po­li­ti­schen Kontexte meis­tens aus. Die Inland- und Lokal­re­dak­tio­nen blen­den ihrer­seits die wirt­schafts­po­li­ti­schen Kontexte aus. Die Folge davon ist, dass die schwei­ze­ri­schen Inves­to­ren, Expor­teure und Vermö­gens­ver­wal­ter, die mit dem Saudi-Arabien-Geschäft reich werden, weit­ge­hend anonym blei­ben. Dasselbe gilt für Arbeit­neh­mende, die ihren Lebens­un­ter­halt mit der Herstel­lung von Gütern für den Export nach Nahost verdie­nen. Wie sehen sie den Zusam­men­hang zwischen ihrem Tages­ge­schäft, das auf verschlun­ge­nen Pfaden zur Finan­zie­rung von «Hass­pre­di­gern» in ihrer Nach­bar­schaft beiträgt, und ihrer Rolle als Bürge­rin­nen und Bürger einer Gesell­schaft, die sich vor «den Musli­men» fürch­tet? Wir wissen es nicht.

Empörung über Burka, verweigerten
Schwimmunterricht und Handschlag

Dafür wissen wir detail­liert Bescheid über das Innen­le­ben von Moscheen sowie über die feinen Unter­schiede zwischen Burkas, Hidsch­abs und Niqabs. Auch wenn ein paar Halb­wüch­sige in irgend­ei­ner Gemeinde den Schwimm­un­ter­richt oder den Hand­schlag mit der Lehre­rin verwei­gern, sind wir sofort infor­miert. Redak­tio­nen, die sich fast ausnahms­los aus Nicht-Muslimen zusam­men­set­zen, berich­ten obses­siv, konti­nu­ier­lich und in epischer Breite für ein Publi­kum, das eben­falls zu nahezu 100% aus Nicht-Muslimen besteht. Bedau­er­li­cher­weise tun sie das meist in einer Art, welche ihre Schweiz – also die christ­lich sozia­li­sierte Mehr­heits­schweiz – fein säuber­lich von der musli­mi­schen Welt abtrennt. Beispiel­haft ist die eingangs erwähnte Umfrage im Sonn­tags­blick. Er wollte wissen, wer «die 400'000 Muslime in der Schweiz als Bedro­hung» empfinde. Die Frage­stel­lung impli­ziert, dass Muslime keine Schwei­ze­rin­nen oder Schwei­zer sind. Oder wie soll eine musli­mi­sche Schwei­ze­rin auf diese Frage antwor­ten – «ja, ich fürchte mich vor mir selbst»? Tatsa­che ist, dass ein erheb­li­cher Teil der 400'000 «Muslime» hier­zu­lande de jure oder de facto (zweite oder dritte Gene­ra­tion) Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer sind. Fakt ist ferner, dass Isla­mis­mus und Terror in der Schweiz weni­ger für Altein­ge­ses­sene eine Bedro­hung sind. Bedroh­lich ist der Isla­mis­mus viel eher für jene fried­lie­ben­den Muslime, deren Foto­gra­fien der Sonn­tags­blick und andere Medien als «Symbol­bil­der» zur Illus­tra­tion ihrer pauscha­li­sie­ren­den Arti­kel über «musli­mi­sche Bedro­hung» benut­zen. Etli­che Menschen auf diesen Fotos sind womög­lich selber vom Terror in ihren Herkunfts­län­dern geflo­hen, den die Schweiz indi­rekt mitfi­nan­ziert. Oder aber sie haben Verwandte und Bekannte in solchen Ländern.

Den radikalen Islam bekämpfen, aber mit der Mehrheit der Muslime

Gewiss: Wenn Nicht-Muslime den radi­ka­len Islam bekämp­fen wollen, ist dies sicher löblich. Sie müss­ten es aber nicht gegen, sondern mit der über­wie­gen­den Mehr­heit der fried­lie­ben­den musli­mi­schen Welt tun. Dazu braucht es einen Perspek­ti­ven­wech­sel. Nicht-Muslime müssten lernen, sich selber aus musli­mi­scher Perspek­tive zu betrach­ten und zu verste­hen, dass sie mit ihrer Isla­mo­pho­bie und Kompli­zen­schaft mit der isla­mis­ti­schen Schutz­macht selber eine Bedro­hung für die isla­mi­sche Welt darstellen.

Für Redak­tio­nen hiesse dies, zu fragen und zu recher­chie­ren, wer die Profiteure und wer die Opfer der schwei­ze­ri­schen Kompli­zen­schaft mit Saudi-Arabien sind. Für den Bundes­rat hiesse dies, dem Beispiel ande­rer west­li­cher Regie­run­gen zu folgen, und seinen musli­mi­schen Bürge­rin­nen und Bürger ein «Merci» auszu­spre­chen. Merci für den riesi­gen Inte­gra­ti­ons­ef­fort trotz struk­tu­rel­ler Diskri­mi­nie­rung und Rassis­mus im Alltag. Und merci für die jahr­zehn­te­lan­gen Beiträge zu Wohl­stand und Sicher­heit im Land. Für Bürge­rin­nen und Bürger eines hoch­glo­ba­li­sier­ten Klein­staats hiesse dies, ihr tägli­ches Brot nicht auf Kosten der Opfer von Dikta­tu­ren und Gewalt­re­gi­men zu verdie­nen. – Inschallah.

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Dieser Text ist erstmals auf «Geschichte der Gegenwart» publiziert worden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Danke für diesen erhellenden Klartext, der eine grosse Verbreitung verdient.
Noch haben Frauen in Saudiarabien - auch wenn sie jetzt ab nächstem Jahr Autos fahren dürfen - einen männlichen Vorsteher (z.T. sogar einen eigenen Sohn), der über wichtige Belange ihres Lebens bestimmt (gerade heute morgen auf DRS2 in der Sendung Kontext gehört).
Wie verlogen doch unsere Politik angesichts solcher Tatsachen ist, wenn sie das Burkaverbot als Frauenbefreiung erklärt und Millionengeschäfte macht mit einem Land, wo für Frauen bodenlange Gewänder Vorschrift sind und wo ihre öffentlichen Amtsreden von Schauspielern vorgetragen werden, weil Frauen sich nicht öffentlich an Männer wenden dürfen (ebenfalls in der erwähnten Kontextsendung gehört).
Die CH-Waffenlieferungen an Saudiarabien sind allein auch schon ein Riesenskandal, der einen grossen Aufschrei verdiente.
Gertrud Bernoulli, am 20. Oktober 2017 um 13:23 Uhr
Das ist ein ausgezeichneter Artikel, der Zusammenhänge aufzeigt, die in der offiziellen Politik und in mainstream-Medien kaum angesprochen werden. Ein Grund ist sicher, dass zu viele einflussreiche Leute finanziell und politisch von diesem Verschweigen profitieren.
In diesem Zusammenhang ist das Buch «Résitance» von Antoine Peillon, Éditions du Seuil 2016, sehr empfehlenswert. Es zeigt aus französischer Sicht genau diese verheerenden wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Verknüpfungen auf, stellt diese Problematik dann aber in einen grösseren Kontext der Geschichte der Résistance und den Möglichkeiten des Widerstandes heute.
Heinrich Kienholz, am 21. Oktober 2017 um 17:44 Uhr
Ja, ausgezeichneter Artikel! Danke! Dazu zwei Bemerkungen: Welcher «Volkswille» ist eigentlich verantwortlich für den Waffenhandel der Schweiz mit Saudi-Arabien?
Ob Moslem oder Christ, wenn Islamisten euch in der Schweiz beschiessen werden, sie werden es mit Waffen tun, die im christlichen Abendland produziert und verkauft wurden, bis hin zur Atombombe. Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Metzger selber...
Walter Schenk, am 25. Oktober 2017 um 13:18 Uhr

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