Jakarta, die Hauptstadt der drittgrössten Demokratie der Welt © gk

Jakarta, die Hauptstadt der drittgrössten Demokratie der Welt

Wahlen in Indonesien: tiefsitzende Vorurteile

Peter G. Achten / 15. Apr 2019 - Asien im Wahlfieber. Seit Wochen wird in Indien gewählt. Am 17. April stehen aber auch in Indonesien wichtige Wahlen an.

Indonesiens Präsident Joko Widodo, kurz Jokowi genannt, gibt sich wenige Tage vor der Wahl siegesgewiss. Allerdings ist sein Vorsprung auf seinen Herausforderer Prabowo Subianto laut Umfragen beträchtlich geschwunden. Wie eng es werden wird, wagen selbst indonesische Experten nicht vorauszusagen. Bei den letzten Wahlen 2014 siegte Jokowi mit 53 Prozent der Stimmen klar vor Prabowo mit 47 Prozent. So komfortabel freilich wird es wohl am 17. April nicht mehr werden.

Wirtschaft hat zugelegt

Jokowis Beliebtheit in der Bevölkerung ist mit über 60 Prozent noch sehr hoch. Nicht von ungefähr. Die grösste Volkswirtschaft Südostasiens hat in den letzten fünf Jahren unter Jokowi ordentlich zugelegt, im Schnitt mit einem Zuwachs des Brutto-Inlandprodukts (BIP) von 5,5 Prozent pro Jahr, und das bei einer tiefen Inflation. Der Anteil der Armen ist unter zehn Prozent der Bevölkerung gefallen, die Arbeitslosenquote beträgt lediglich 3,4 Prozent. Die Infrastruktur ist stetig ausgebaut worden und der Konsumanteil der Wirtschaft stark angestiegen.

Epizentrum Java

Die Unterschiede im weiten Insel-Archipel jedoch sind zum Teil gewaltig. Während beispielsweise in der Region Jakarta die Wirtschaft im vergangenen Jahr um 6,4 Prozent zugelegt hat, erlitt die Region Papua einen Einbruch von minus 15 Prozent. Das Epizentrum der indonesischen Wirtschaft befindet sich – mit einem 60-Prozent-Anteil des BIP – auf der Hauptinsel Java mit einer Bevölkerung von 140 Millionen Einwohnern. Weitere 125 Millionen wohnen auf der zweitgrössten Insel Sumatra sowie auf Hunderten weiteren grösseren und kleineren Inseln.

Präsident Jokowi: Integer und beliebt

Der 57 Jahre alte Präsident Jokowi gilt als integer. Der ehemalige Forstingenieur und kleine Möbelunternehmer wurde bekannt und beliebt als innovativer und durchsetzungsfähiger Bürgermeister seiner Heimatstadt Surakarta. Danach wurde er mit einem Glanzresultat Gouverneur der Hauptstadt-Region Jakarta. Bei den Präsidentschaftswahlen 2014 erhielt er breite Unterstützung. Bei den jetzigen Wahlen steht Jokowi vor allem für Toleranz und Diversität und ist bei der schnell wachsenden urbanen Mittelklasse äusserst beliebt. Dank dem Ausbau der für Indonesien bitternötigen Infrastruktur und dank Subventionen für Dorfgemeinschaften wird er auch im ländlichen Umfeld Stimmen erhalten. Kommt dazu, dass Jokowi der erste Präsident der noch relativ jungen Demokratie Indonesien ist, der weder mit den Eliten des Militärs, der Politik noch der Religion verbandelt ist.

Gegenkandidat Prabowo: Ein streng gläubiger Muslim

Der 67 Jahre alte Herausforderer Prabowo dagegen ist ein ehemaliger Drei-Sterne-General, Kommandant der Elite-Truppe Kopassus und vor allem Schwiegersohn des einstigen Diktators Suharto (1966-1998). Obwohl seine Mutter Katholikin war und sein Bruder Protestant ist, profiliert er sich im Wahlkampf als streng gläubiger Muslim. In Indonesien, wo ein gemässigter sunnitischer Islam gelebt wird, haben sich in den letzten Jahren islamistische Tendenzen verstärkt. Eine breite Koalition konservativer islamischer Gruppen, propagiert offen ein zu errichtendes Kaliphat oder zumindest das Scharia-Gesetz, wie es beispielsweise schon in der Provinz Aceh auf Sumatra existiert. Das alles macht sich Prabowo zu Nutzen. Allerdings sagt er dann auf dem Wahlkampf im eher urbanen Milieu als geschmeidiger Politiker auch: «Sie nennen mich einen Radikalen. Doch ich glaube an den Islam als eine Religion des Friedens, die andere Religionen toleriert.»

China ist Thema im Wahlkampf

Die Gegner des Präsidenten thematisierten im Wahlkampf immer wieder China. Jokowi verkaufe Indonesien an China, heisst der Vorwurf. In den sozialen Medien werden wüste Gerüchte und gefälschte Nachrichten – Neusprech: Fake News – verbreitet, etwa dass zehn Millionen chinesische Arbeiter sich illegal im Land aufhielten. Tatsache ist allerdings, dass 2018 insgesamt 95'000 Ausländer in Indonesien gearbeitet haben, davon ein Drittel Chinesen. Weil das ehrgeizige Infrastrukturprogramm des Präsidenten auch einen chinesischen Hochgeschwindigkeitszug von Jakarta nach Bandung im Wert von sechs Milliarden Dollar sowie die neu eröffnete U- und S-Bahn in der Hauptstadt enthält, sprechen Jokowis Gegner von gewaltigen Investitionen Chinas. Tatsache ist, dass wie schon zuvor auch 2018 Singapur mit 9,4 Milliarden Dollar Investor Nummer 1 ist, gefolgt von Japan mit 4,9 Milliarden und China mit 2,4 Milliarden.

Dunkles Kapitel in der Geschichte Indonesiens

Jenseits aller Aktualität freilich leidet Indonesiens Bevölkerung unter tiefsitzenden Vorurteilen gegenüber China und an einer bis heute nicht aufgearbeiteten Geschichte. 1966 kam es nach einem angeblichen Putschversuch zu einem Pogrom. Über eine halbe Million Chinesen kamen dabei ums Leben. Der Vorwurf: Maos Kommunisten unterstützten aktiv Indonesiens KP. Schon vor dieser Zeit, aber auch heute spielen die völlig assimilierten Chinesen – alle tragen indonesische Namen und sprechen Bahasa Indonesia – in der Wirtschaft des Inselstaates eine herausragende Rolle. Das Misstrauen in der Bevölkerung ist deshalb immer noch so gross wie vor Jahrzehnten. Dabei liegt der Anteil der Chinesen an der Gesamtbevölkerung Indonesiens von 265 Millionen Einwohnern bei nicht einmal zwei Prozent. Die Ereignisse Mitte der 1960er Jahre wurden bisher nie thematisiert und verarbeitet.

«Strategische Partnerschaft»

Die Beziehungen zwischen Jakarta und Peking haben sich erst 2013 wieder total normalisiert mit dem Abschluss einer «Strategischen Partnerschaft». Allerdings gibt es im Südchinesischen Meer ernsthafte Reibungspunkte. Immer wieder bringt die indonesische Marine bei den Natuna-Inseln chinesische Fischerboote auf. Ende des letzten Jahres liess Jokowi zum Ärger Pekings dort sogar ein Bataillon Soldaten stationieren. Dagegen hielt sich Jokowi als Präsident des grössten islamischen Staates der Welt mit Kommentaren zu den Vorkommnissen um die moslemischen Uiguren im chinesischen Xinjiang zurück.

193 Millionen Wähler und Wählerinnen

Präsident Jokowi wird von Gegnern und immer mehr auf den (un)sozialen Medien als Kommunist, Abkömmling von Chinesen und als Anti-Islamist verunglimpft. Doch der beim Volk populäre Präsident wird das, falls die repräsentativen Wahlumfragen korrekt sind, schwerlich tangieren. 193 Millionen Wähler und Wählerinnen werden entscheiden – zum ersten Mal in der noch jungen Demokratie gleichzeitig– über den Präsidenten sowie national, regional und lokal über die Volksvertretungen.

Am Wahltag sind alle Blicke auf das nach China, Indien und den USA bevölkerungsmässig viertgrösste Land der Erde und die nach Indien und den USA weltweit drittgrösste Demokratie gerichtet. Auf der Hauptinsel Java sind rund 100 Millionen Wähler registriert. Jokowis Pressesprecher Zuhairi Misrawi hoffnungsvoll: «Wer Java gewinnt, gewinnt die Wahlen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Vielen Dank für Ihren Artikel, lieber Peter G. Achten. Bei Ihnen
hört man immer gerne hin!

Rolf Leemann, am 15. April 2019 um 12:14 Uhr

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