Hongkong ist auch ein Spielball der US-Eindämmung von China

Georges Hallermayer © cc
Georges Hallermayer / 03. Sep 2019 - Die Demonstrationen gefährden ein wichtiges wirtschaftliches Eingangstor zu China. Der Schaden zeichnet sich bereits ab.

Die Demonstrationen in Hongkong geniessen im Westen grosse Sympathie und Unterstützung. Der politisch-oppositionelle Charakter wird herausgestrichen und wenig darüber informiert, dass gewalttätige Kräfte das Parlamentsgebäude verwüsteten und – bei uns undenkbar – wichtige Teile der Stadtinfrastruktur zerstörten. Sie beschädigten unter anderem die Smart-Ampeln, welche die Verkehrsströme lenken, und legten den Flughafen zeitweise still. Einige Kräfte möchten Hongkong aus China herauslösen.

In Chinas TV-Sender CGTN kommen in letzter Zeit Taxifahrer, Bankmanager und Geschäftsleute zu Wort, die über grosse finanzielle Einbussen klagen.

Präsident Trumps Administration hat China zum Feind Nummer eins der USA erklärt. Im geopolitischen Kampf um Einfluss haben die USA ein grosses Interesse daran, die äusserst engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland zu torpedieren. Nach Angaben des chinesischen Finanzportals Caixin vom 22. August stammten im Jahr 2018 die meisten Direktinvestitionen in China aus Hongkong: 90 Milliarden Dollar. Umgekehrt hatte China im gleichen Jahr in Hongkong 91 Milliarden Dollar investiert. Hongkong dient als Einfallstor für internationales Kapital und ist gleichzeitig das erfolgreiche Ausfallstor für chinesisches Kapital und chinesische Unternehmen in die globalisierte Ökonomie.

Wie «Finanz und Wirtschaft» am 29. Juli schrieb, blieben grössere Kapitalabflüsse oder eine Verlegung von Arbeitsplätzen zwar bisher aus. Doch Bankiers und Personalvermittler hätten berichtet, dass immer mehr Investoren, Asset-Manager und Kundenberater Ausweichmöglichkeiten suchen für den Fall, dass sich die Lage in Hongkong weiter verschärfen sollte. Singapur, noch auf Rang 4 der internationalen Finanzplätze, könnte Hongkong den dritten Rang wegschnappen.

Laut Mitte August veröffentlichten Daten des Secretary for Commerce and Economic Development Bureau of Hong Kong, der inoffiziellen Zentralbank Hongkongs, ist das Bruttosozialprodukt im zweiten Quartal nur noch um 0,5 Prozent gewachsen, der niedrigste Wert seit mehr als sieben Jahren. Und die Tendenz sei sinkend, es drohe eine Rezession.

Auch der Logistik-Sektor zeigt sich vom Handelskrieg beeinträchtigt: In der ersten Hälfte 2019 fiel der Warenexport verglichen mit dem Vorjahr insgesamt um 3,6 Prozent und der Import ging um 4,5 Prozent zurück. Der Export ins Festland fiel um 6 Prozent.

Der Tourismus musste in den letzten zwei Monaten einen schweren Rückschlag erleben. Die meisten Besucher stammen vom Festland: Kamen im Januar noch 51 Millionen, waren es im Juni mit 27,6 Millionen Reisenden nur noch etwa die Hälfte.

Auch bei der Einwanderung hat die Attraktivität nachgelassen: Haben sich im Jahr 2017 noch rund 47'000 Zuwanderer vom Festland in Hongkong niedergelassen, sind im Jahr 2018 nur 13'768 Festlandchinesen dem attraktiven «Admission Scheme for Mainland Talents und Professionals» gefolgt, mit dem Hongkong gefragte Spezialisten anwirbt. Für 2019 liegen noch keine Zahlen vor, aber es ist davon auszugehen, dass gesuchte Fachkräfte vermehrt das benachbarte Shenzhen vorziehen, das zur ökologisch-technologischen Vorzeigeregion ausgebaut werden soll.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Georges Hallermayer, Jahrgang 1946, studierte in München Verwaltungswissenschaft, danach Geschichte, Germanistik und Sozialwissenschaft und erhielt schliesslich Berufsverbot anlässlich des Radikalenerlasses im Jahre 1972. Er lebt seit 30 Jahren in Frankreich und arbeitete als Dozent und stellvertretender Centrumsleiter bei den Carl-Duisberg-Centren. Weitere Informationen unter weltsolidaritaet.blogspot.com.

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2 Meinungen

Was will uns dieser «Hongkong-Experte» sagen? Vielleicht: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.Wenn die Demokratiebewegung in Hongkong auch mit britischen Kolonialflaggen und Stars & Stripes herimwedelt, ist dies für mich kein Grund, ihre demokratischen Rechte nicht zu verteidigen. Die beklagte ausbleibende Migration aus dem Festland bringt doch einen positiven Seiteneffekt hervor: So braucht die schleichende Migration von freiheitsscheuen FestlandchinesInnen länger. Teile einer Jugend, die in 25 Jahren im chinesischen Staatsgefängnis sitzt, als «gewalttätige Kräfte» zu denunzieren, ist schlechter Stil. Aber der Autor setzt die wirtschaftlichen Interessen über die Freiheitsrechte von Millionen von Menschen in HK. Und dies entspricht durchaus der Haltung der USA und von Grossbritannien, die Hongkongs Knüppelgarden mit Gummingeschossen und Tränengas ausrüsten.
Delf Bucher , am 03. September 2019 um 13:50 Uhr
Dass sich die Proteste bzw. die Polizeigewalt früher oder später wirtschaftlich auf Hong Kong auswirken werden, steht ausser Frage. Die hier ausgeführten Beispiele steuern zur Belegung dieser Entwicklung aber herzlich wenig bei. Denn dazu müsste man die Zeiten vor den Protesten mit denen nach den Protesten vergleichen. Da die Proteste aber erst am 9. Juni (im grossen Stil) begonnen haben, sind das 2. Quartal 2019 sowie das 1. Halbjahr 2019 aus wirtschaftlicher Sicht nur am Rande betroffen. Keine Relevanz haben die Aussage zu den Kapitalflüssen im Jahre 2018 (da kein Vergleich) sowie der letzte Abschnitt über die Zuwanderung (auch hier werden nur Zahlen von vor den Protesten verglichen). Immerhin zeigen die Zahlen, dass für Hong Kong UND China viel auf dem Spiel steht, es aber wohl auch ohne die Proteste abwärts geht, da sich neue Zentren (wie das erwähnte Shenzhen) aufschwingen.
Raphaël Surber, am 03. September 2019 um 16:52 Uhr

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