Brief des ukrainischen Parlamentspräsidenten an die US-Botschaft in Oslo © GlobalResearch

Friedensnobelpreis für Petro Poroschenko?

Christian Müller / 04. Jun 2015 - Globalresearch meldet, von ukrainischer Seite werde Petro Poroschenko als Kandidat für den Friedensnobelpreis lanciert.

Das USA-kritische Center for Research on Globalization in Kanada mit der Website globalresearch.org berichtete vor einigen Tagen über einen mehr als nur merkwürdigen Brief des Präsidenten der Werchowna Rada, des Parlamentes in Kiew, Volodymyr Groysman, an die Geschäftsträgerin der US-Botschaft in Oslo, Julie Furuta-Toy. Danach soll der ukrainische Staatspräsident Petro Poroschenko für den Friedensnobelpreis 2015 lanciert werden. Ob es nach der Verleihung dieses Preises an US-Präsident Barak Obama überhaupt noch eine Auszeichnung für besondere Friedfertigkeit ist, diesen Preis zugesprochen zu erhalten, ist die eine Frage. Ob Petro Poroschenko der geeignete Kandidat wäre, die andere – die allerdings jetzt schon beantwortet werden kann: sicher nicht!

Petro Poroschenko, der in Aussicht gestellt hatte, als Friedenspräsident agieren zu wollen, hat sich bisher vor allem als Kriegstreiber profiliert. Und dies mit System, bis in die letzten Tage. Denn, die Medien haben das – einige sogar kritisch – vermeldet: am 30. Mai 2015 hat Petro Poroschenko Micheil Saakaschwili einen ukrainischen Pass überreicht und ihn gleichentags zum neuen Gouverneur der Region Odessa ernannt.

Ausgerechnet Saakaschwili!

Noch ist es keine zehn Jahre her: Im August 2008 kam es zum sogenannten Kaukasuskrieg. Im Nachgang des Zusammenbruchs der Sowjetunion um 1989 war auch Georgien unabhängig geworden, wobei, ähnlich wie jetzt in der Ukraine, einige an Russland grenzende Regionen Georgiens sich mit der Zugehörigkeit zu Georgien schwertaten und sich ihrerseits unabhängig machen wollten, insbesondere auch die Region Südossetien. Der Konflikt wurde von der Uno erkannt und kontrolliert, es wurden dort internationale Friedenstruppen stationiert, nicht zuletzt russische.

Doch am 8. August 2008 glaubte Micheil Saakaschwili, damals Georgiens Staatspräsident, wegen der Reise des russischen Staatspräsidenten Putin nach Beijing an die Eröffnung der Olympischen Spiele sei der günstige Zeitpunkt gekommen, in Südossetien mit militärischer Gewalt Fakten zu schaffen – und gab seinen Truppen den Schiessbefehl. Den Schiessbefehl! Den Befehl zum Angriff! Daraus entstand ein fünftägiger Krieg mit geschätzten 700 Toten und rund 200'000 Flüchtlingen. Dass Russland mit noch mehr militärischer Gewalt reagieren würde, wäre vorauszusehen gewesen.

Der Kaukasuskrieg wurde hinterher eingehend untersucht. Der eine Bericht, in Englisch, stammt von einer Untersuchungskommission der EU unter Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini. Der andere, ebenfalls sehr differenzierte Bericht, in Deutsch, stammt vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. Beide Berichte können unten als pdf heruntergeladen werden. Der Bericht der Uni Hamburg, 16 Seiten lang, ist für Interessierte besonders aufschlussreich und auch leicht leserlich.

Vom Georgier zum Ukrainer

Und jetzt? Micheil Saakaschwili wird von Georgien, dem Staat, dem er noch vor wenigen Jahren als Präsident vorstand, wegen Amtsmissbrauchs per Haftbefehl polizeilich gesucht. Gleichzeitig aber war und ist er ständiger Gast in der Primetime Talkshow Shuster Live mit dem im ukrainischen Fernsehen wohl bekanntesten TV-Moderator Savik Shuster. Und jetzt also hat dieser Saakaschwili vom ukrainischen Staatspräsidenten Poroschenko die ukrainische Staatsbürgerschaft erhalten und ist, wie erwähnt, zum neuen Gouverneur der Region Odessa ernannt worden. Von Odessa, jener Hafenstadt am Schwarzen Meer, wo vor etwas mehr als einem Jahr Dutzende von Anti-Kiew-Demonstranten, die aus ihrem in Brand gesteckten Gebäude flüchten wollten, von Kiew-treuen Milizen brutal abgeknallt wurden. Und wo es bis heute keine Untersuchung dieser Vorfälle gibt.

Das ist Poroschenkos Handschrift

Man kann nicht nur Politik machen mit Sachentscheidungen. Man kann Politik machen auch mit Personalentscheidungen. Petro Poroschenko, der ukrainische «Friedenspräsident», ist darin ein Meister. Schon im Dezember 2014 hat er an einem Tag eine US-Amerikanerin, einen Georgier und einen Littauer eingebürgert und gleichentags zu Ministern ernannt. Einen Politiker aber wie Micheil Saakaschwili zum Gouverneur einer der wichtigsten ukrainischen Regionen zu machen, kann nur etwas heissen: Ich will Leute in meinem Machtgefüge, die bereit sind, Schiessbefehle zu erteilen – sprich: mit Schiessen zu beginnen!

Poroschenko, ein Kandidat für den Friedensnobelpreis 2015?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Der Kaukasuskrieg 2008 (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg)
Der Kaukasuskrieg (Bericht der IIFFMCG/EU/Tagliavini, in Englisch)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

3 Meinungen

Petro Poroschenkos Rede an der Universität Zürich war aber nicht «friedensnobelpreisträchtig».........
Beda Düggelin, am 04. Juni 2015 um 14:06 Uhr
Das hat doch System. Politische PR für die EU/USA/NATO um jeden Preis. Dass dabei der Friedensnobelpreis zur völligen Farce verkommen ist, stört die Akteure nicht. Moralische Bedenken gibt es keine. Auszeichnung bleibt Auszeichnung. Und wenn sie anschliessend zig-mal in den Medien erwähnt und verbreitet wird, bleibt doch etwas davon in den Köpfen der Leser hängen und steuert die Meinungen. Das ist wichtig! Leider!
Elisabeth Krail, am 05. Juni 2015 um 10:20 Uhr
Wenn ihn Henry Kissinger erhalten hat - was spricht denn noch gegen Petro Poroschenko ?
Der Preis ist lange schon diskreditiert durch Träger, die seiner nicht würdig sind. Viele weitere verdienen zwar irgend einen Preis, aber nicht den FRIEDENSpreis.
Der richtige Friedenspreis ist unterdessen der ALTERNATIVE Friedenspreis oder Right Livelihood Award. Letzthin hat ihn Edward Snowden gewonnen.
Über weitere taugliche PreisträgerInnen: https://www.transcend.org/tms/2014/09/right-livelihood-awards-
2014-alternative-nobel-goes-to-edward-snowden/

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 07. Juni 2015 um 11:01 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.