Einschläge türkischer Artillerie in Tal Abyad an der syrisch-türkischen Grenze © Orhan Erkilic/Wikimedia Commons/cc

Einschläge türkischer Artillerie in Tal Abyad an der syrisch-türkischen Grenze

Erdogan spielt mit einer «ungesicherten Bombe»

Amalia van Gent / 13. Okt 2019 - Mit dem Vormarsch türkischer Truppen droht eine neue Welle von IS-Terroranschlägen – nicht nur in Syrien.

Die türkischen Truppen und ihre syrischen Söldner sollen laut türkischen Angaben bis vor die Tore der Grenzstadt Tal Abyad vorgerückt sein. Sollte diese hauptsächlich von syrischen Arabern besiedelte Stadt direkt an der syrisch-türkischen Grenze fallen, hätte dies neben dem militärischen vor allem einen symbolischen Wert. Tal Abyad steht nämlich für die im Juni 2015 geschmiedete, enge Allianz zwischen den USA und den syrisch-kurdischen Kämpfern des YPG im Kampf gegen den IS.

Ein freies Tor für Waffen und Kämpfer des IS

Diese Allianz zu brechen gilt der Regierung Erdogan heute mehr denn je als höchste Priorität. Erdogans Propagandisten sind deshalb bestrebt, die kurdischen Kämpfer der YPG als Terroristen darzustellen, gleich wie die Dschihadisten des sogenannten «Islamischen Staats» (IS). Die YPG stünden in enger Verbindung mit der «Arbeiterpartei Kurdistans» (PKK), dem Feind Nummer Eins der Türkei, so das Narrativ Ankaras. Und weil die PKK von den USA und der EU als Terrororganisation anerkannt sei, wolle die Türkei in Syrien gegen die IS-Dschihadisten und die YPG gnadenlos vorgehen.

Die türkische Propaganda kollidiert allerdings mit einem wichtigen Faktum: Die Niederlage des IS in Syrien geht vor allem auf die kurdische YPG zurück, die effektiv gegen die Dschihadisten gekämpft hatte. Ankara hatte zumindest bis 2015, mal insgeheim und dann wieder offen, die islamistischen Extremisten logistisch unterstützt. So hatte die regierungskritische Tageszeitung Cumhuriyet im Herbst 2015 Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an die Dschihadisten in Syrien aufgedeckt. Aufgrund dieses Berichts wurde der Chefredaktor Can Dündar der Spionage und des Verrats beschuldigt. Er musste ins Ausland fliehen.

Auch der damalige US-Sonderbeauftragte Brett McGurk hegt keinen Zweifel daran, dass die Türkei zumindest zeitweilig die Dschihadisten unterstützte: «Zwischen Juni 2014 und Juni 2015 war Tal Abyad die Hauptversorgungsroute für den IS. Durch dieses Tor verkehrten Waffen, Sprengstoffe und Kämpfer frei aus der Türkei nach Rakka (in Syrien) und den Irak. Unsere wiederholten Bitten, die Grenze auf der türkischen Seite mit Hilfe der USA zu schliessen, wies die Türkei zurück. Im Juni 2015 haben die kurdischen Kämpfer der YPG mit unserer Hilfe Tel Abyad eingenommen und die Grenze erstmals auf syrischer Seite geschlossen.» *

Dass die YPG in enger Beziehungen zur PKK stand, dürfte im Jahr 2015 auch dem US-Pentagon klar gewesen sein. Dennoch setzten die USA ihre Zusammenarbeit mit der YPG fort. Dazu McGurk: «Trotz der Erfahrung von Tel Abyad versuchten wir in den nächsten sechs Monaten, die Türkei und ihre syrischen Alliierten im Kampf gegen den IS einzubinden. Obwohl sie von uns mehr Hilfe als die Kurden erhielten, kamen sie nicht voran. Manche lieferten ihre Waffen gar den Kaida-Dschihadisten im Nordwesten Syriens ab [ ]. Im November 2016 hatten sich die Warnungen vor Angriffen des IS bewahrheitet: Ein Team von kampferprobten Dschihadisten reiste von Manbidsch durch die Türkei nach Paris, wo sie beim Anschlag 131 Menschen töteten. Erst nach dem Anschlag im Flughafen von Brüssel, der ebenfalls von einem Team ausgeführt wurde, das aus Syrien über die Türkei nach Europa gelangt war, haben wir gegen alle Bedenken der Türkei die Allianz mit den kurdischen Kämpfern besiegelt. Die YPG konnte darauf in einem mehrmonatigen, blutigen Kampf die Stadt Manbidsch einnehmen. Seither gab es auch keine weiteren Terror-Angriffe in Europa.» *

IS-Dschihadisten spüren Aufwind

Doch mit dieser Ruhe dürfte es nun vorbei sein. Nach dem Einmarsch der türkischen Truppen im Nordirak spüren die IS-Dschihadisten wieder Aufwind. Am 11. Oktober explodierte in Kamisli, der Hauptstadt der selbstverwalteten kurdischen Region Rojava, eine Autobombe. Die Verantwortung für das Attentat, das vier Zivilisten tötete und neun weitere verletzte, übernahm der IS. Fünf Dschihadisten gelang die Flucht, nachdem bei einem Angriff der türkischen Artillerie die Gefängnismauern in Jirkin beschädigt wurden. Und im gigantischen Lager Al-Hol, in dem seit der Niederlage des IS letzten März rund 90'000 Frauen und Kinder von IS-Kämpfern festgehalten werden, soll es regelmässig zu Meutereien und Protesten der Inhaftierten kommen.

Fast 800 IS-Angehörige sind nach jüngsten Angaben der kurdischen Behörden aus einem Lager in Nordsyrien geflohen. 785 Frauen und Kinder seien aus der Einrichtung in Ain Issa entkommen, teilte die Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion am Sonntag mit. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verliessen die Wachen das Lager, nachdem es in der Nähe Gefechte der türkischen Armee mit kurdischen Kämpfern gegeben hatte. Laut der Beobachtungsstelle fliehen die Insassen des Lagers nun «nach und nach».

Rund 12'000 männliche IS-Terroristen sind in einem halben Dutzend Gefangenenlager im Kurdengebiet untergebracht. «Unsere Gefängnisse und unsere Lager sind wie ungesicherte Bomben», sagte Mustafa Bali, der Sprecher der kurdisch-dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am vergangenen Freitag. «Wir wissen nicht, in welchem Moment sie explodieren. Wir können uns aber nicht länger um die IS-Terroristen und ihre Frauen kümmern. Wir müssen unser Land verteidigen.»

Lage in Syrien «unsicherer und unstabiler»

Die Verantwortung für die IS-Dschihadisten werde fortan die Türkei tragen, erklärte US-Präsident Donald Trump, nachdem er den Abzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt hatte und der Türkei damit faktisch den Weg frei machte für einen Einmarsch. Die Lage in Syrien sei «nun unsicherer und unstabiler», sagte Donald Trump am vergangenen Samstag.

In der Tat: Ob die Türkei je in der Lage und willens sein wird, die Gefängnisse mit den Zehntausenden von IS-Häftlingen und ihren Familien zu kontrollieren, ist ungewiss. Erdogan spielt bewusst oder unbewusst mit dieser ungesicherten Bombe, wenn er die Zustimmung der EU für seinen Expansionskrieg mit der unmissverständlichen Drohung verbindet, andernfalls die Schleusen für Flüchtlinge zu öffnen. Die Terrororganisation des IS existiert nämlich sowohl im Irak wie in Syrien weiter, geschwächt zwar durch den Verlust ihres «Staates», dafür umso radikaler. Nicht umsonst haben IS-Dschihadisten laut Augenzeugen den Beginn der türkischen Invasion wie einen Befreiungsschlag gefeiert.

* Bericht des türkischen Politikwissenschaftlers Cengiz Aktar, der für das oppositionelle Internet-Portal «Aval» schreibt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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2 Meinungen

Und einmal mehr sind die USA, bzw. Donald Tromp schuld an diesem neuen Desaster. Hauptsache Waffenverkauf, egal gegen wen sie eingesetzt werden, Haupsache, nicht gegen die USA.
Josef Stark, am 13. Oktober 2019 um 20:46 Uhr
Wer ist Trump oder Merkel? Es sind Vertreter des mittlerweile internationalen Kapitals, der großen Monopole. Aufgrund der weit höheren Profite durch die Produktion und den Verkauf von Waffen, sind es insbesondere die Rüstungskonzerne und die im Geschäft involvierten Banken, die in den Staaten des Kapitals den Ton angeben. Sie sind es die die angeblichen Staatslenker beauftragen und denen ein brennendes Syrien immer am Herzen liegt.

Ist gerade kein Krieg, verwenden diese Finanz-, Rüstungskonzerne Teile ihrer exorbitanten Gewinne dazu, Völker gegeneinander zu hetzen ( Jugoslawien) oder sie suchen Piloten, die Flugzeuge in hohe Gebäude fliegen.

Erst die Entmachtung dieser Konzerne, sichert den Menschen Frieden!
Günther Wassenaar, am 15. Oktober 2019 um 11:47 Uhr

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