Erdogan zu Besuch bei Putin in Moskau: Sichtlich gekränkt © ARD/Tagesschau

Erdogan zu Besuch bei Putin in Moskau: Sichtlich gekränkt

Endspiel für die Türkei vor den Toren Idlibs

Amalia van Gent / 05. Sep 2019 - Der Fall der strategisch wichtigen syrischen Ortschaft Chan Scheichun hat die türkische Armee und Politik tief verunsichert.

Die Bilder aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet, welche letztes Wochenende über soziale Medien verbreitet wurden, hätte die türkische Regierung am liebsten gleich aus dem Internet und vor allem aus dem Gedächtnis der türkischen Beobachter gelöscht: Nach dem Freitaggebet in Idlib zog eine wütende Menschenmenge zum Grenzübergang Bab al Hawa und skandierte immer wieder die Parole "Verräter Türkei".

Das Portrait des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wurde demonstrativ in Brand gesetzt und Erdogan selber als "Hund" beschimpft. Unzählige Privatwagen drängten sich auf den Strassen zum Grenzübergang und wer schon da angekommen war, forderte die türkischen Polizisten auf, die Grenze für die hilfsbedürftigen Flüchtlinge endlich zu öffnen.

Sotschi-Abkommen vor dem Aus

Erst jetzt beginnt die Regierung Erdogan allmählich zu realisieren, dass ihre Syrienpolitik zu einem dramatischen Abenteuer ausarten könnte. Noch Anfang August prahlte Erdogans Leibblatt Sabah: "Nur wer Stiefel (will heissen: Soldaten) vor Ort unterhält, kann die Zukunft dieses Landes mitbestimmen."

Den Einfluss der Türkei auf das riesige Gebiet im Nahen Osten auszudehnen, das ehemals Teil des Osmanischen Reichs war, und dessen Zukunft massgeblich mitzubestimmen, war eines der zentralen aussenpolitischen Ziele der AKP-Partei seit ihrer Machtübernahme im Jahr 2002. Die Islamisten der AKP glaubten beim Ausbruch des Arabischen Frühlings zehn Jahre später, die Zeit sei nun gekommen, um ihren langjährigen Traum verwirklichen zu können. Der enge Hof um Erdogan erklärte die Türkei zur Schutzherrin der Muslime sunnitischer Glaubensrichtung im Allgemeinen - und im Besonderen der syrischen sunnitischen Opposition.

Erdogan persönlich zählte den Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al Assad zu seinen höchsten Prioritäten. Es war das erste Mal nach der Gründung der Republik Türkei 1923, dass Ankara so massiv in den Angelegenheiten eines seiner arabischen Nachbarländer intervenierte.

Fortan verhandelte Erdogan in internationalen Foren im Namen von Syriens sunnitischer Opposition. Und als diese in den syrischen Grossstädten wie Aleppo, Hama und anderswo empfindliche Niederlagen erlitt, einigte er sich mit seinem russischen Amtskollegen Putin und damit indirekt auch mit Baschar al Assad darin, die Kämpfer der geschlagenen Dschihadistengruppen und ihre Familie sowie all jene sunnitischen Zivilisten, die sich von den Truppen Assads bedroht fühlten, nach Idlib im Nordwesten Syriens ziehen zu lassen. Neben den bewaffneten Dschihadisten und ihren Familien kamen rund 1,5 Millionen vertriebene Menschen in diese Provinz. Die Gesamtbevölkerung Idlibs stieg auf über 3 Millionen. Die Türkei sollte mitunter für deren Sicherheit garantieren.

Eigentlich hatte die syrische Armee vor genau einem Jahr ihren Vormarsch auf Idlib beschlossen. Damals konnte der türkische Präsident seinen russischen Amtskollegen im letzten Moment für eine Aufschiebung der Operation gewinnen. Seitdem Erdogan nach 2016 sein Land faktisch als Alleinherrscher regiert, zählt er auf seine persönlichen Beziehungen zu den starken Männern unseres Globus. Diplomatie und Institutionen sind ihm von zweitrangiger Bedeutung. Gemeinsam mit Putin haben sie beim sogenannten Sotschi-Abkommen die Errichtung einer Deeskalationszone vorgesehen, in der die türkische Armee 12 Beobachtungsposten errichten und mit den russischen Truppen für Sicherheit sorgen sollte.

War Erdogan "zu naiv oder zu optimistisch" zu glauben, dass sein Wort und das Wort Putins für eine Aufschiebung der Operation gegen Idlib ewig gelten würde?, fragte sich der ehemalige türkische Aussenminister Yasar Yakis. Bei seinem Treffen mit Putin in Sotschi versprach Erdogan jedenfalls, die Dschihadisten bald entweder in die oppositionelle Gruppierung der gemässigten Islamisten einzugliedern oder schlimmstenfalls zu entwaffnen. Es war faktisch eine "mission impossible" von Anbeginn an. Die al-Kaida-nahe dschihadistische Organisation Hayat al-Sham wurde im Laufe der letzten 12 Monate nicht nur nicht geschwächt, sondern konnte den Grossteil der Provinz Idlib unter ihrer Kontrolle bringen.

Folgenschwerer Fall von Chan Scheichun

Die syrische Armee und die russische Luftwaffe haben in den letzten Wochen ihre Angriffe auf Idlib intensiviert und diese mit der Unfähigkeit der Türkei begründet, der Vorherrschaft Hayat al-Shams in der Provinz Einhalt zu bieten. Die schweren Bombardements signalisierten aber in erster Linie, dass Damaskus und Moskau nicht mehr bereit sind, eine Hochburg der sunnitischen Opposition in Idlib weiterhin hinzunehmen. Am 20. August konnte die syrische Armee in die strategisch wichtige Stadt Chan Scheichun einmarschieren. Sollte ihr ein Vormarsch auf die Städte Maaret Al-Numan und Serakib gelingen, stünde sie faktisch vor den Toren der Stadt Idlib.

Der Fall von Chan Scheichun hat die Stimmung in der Türkei grundlegend verändert. Seit dem 20. August ist der türkische Beobachtungsposten "Morek" von der syrischen Armee eingekreist. Schon die Tatsache, dass die türkischen Soldaten von Morek nun auf das Wohlwollen der syrischen Regimetruppen angewiesen sind, dürfte für sie demütigend sein. Ende August reiste Erdogan eilig nach Moskau und liess sich bei einer Show der modernsten russischen Kampfflugzeuge Su-57 neben Putin fotographieren. Erdogan sah dabei sichtlich bleich und gekränkt aus. Putin habe die Sicherheit der 200 türkischen Soldaten in Morek zwar vorerst garantiert, habe aber zugleich Erdogan aufgefordert, Morek und einen weiteren türkischen Beobachtungsposten zu räumen, berichtete der renommierte Journalist Serkan Demirtas.

Eine Räumung der türkischen Beobachtungsposten würde "von der türkischen Öffentlichkeit allerdings als Indiz für das totale Scheitern der Syrien-Politik der Regierung empfunden", kommentiert Murat Yetkin. Yetkin, ehemals Chefredakteur der einflussreichen konservativen Tageszeitung Hürriyet und immer noch sehr gut informiert, ist davon überzeugt, dass der Vormarsch der syrischen Armee auf Idlib lediglich eine Frage der Zeit sei. Die "wahre Frage für die Türkei" sei nun, "wohin die Dschihadisten und die Flüchtlinge gehen können".

Idlib schien bis vor kurzem, eine Art Endziel für Dschihadisten sowie für Binnenflüchtlinge zu sein. Nach den Bombardements der letzten Wochen haben laut Angaben der UNO aber mehr als 350’000 Menschen die Provinz panikartig verlassen. Nun hausen sie entlang der türkisch-syrischen Grenze unter katastrophalen Bedingungen und fordern Ankara wie am Freitag vor einer Woche auf, die türkische Grenze endlich zu öffnen.

Die Türkei beheimatet aber bereits 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Noch mehr Flüchtlinge könnte sie schon aufgrund der anti-syrischen Stimmung im Land nicht ertragen. "Sie sind Mörder, Dschihadisten", schrieb aufgeregt Mine Kirikkanat, eine Kolumnistin der oppositionellen Zeitung Cumhuriyet. "Die türkische Armee soll die Landesgrenze verteidigen, noch bevor sie die Türkei zu einem neuen Irak, Syrien, Afghanistan verwandeln".

Nach dem Fall von Chan Scheichun ist die Armee aber zumindest genauso verwirrt wie die Politik. Berichte machen in der türkischen Presse die Runde, wonach es in Kreisen der Armee rumoren soll. Fünf türkische Generäle haben gerade ihren Rücktritt eingereicht - was beispiellos ist. Wie es hiess, wollten sie damit gegen die Idlib-Politik ihrer Regierung und gegen die Entscheidungen des Verteidigungsminister Hulusi Akar in Bezug auf Syrien protestieren. Auch dies ist ein Novum.

Idlib werde "in Trümmern begraben, wie zuvor auch Aleppo", sagte am Dienstag Erdogan, sichtbar desillusioniert. Offenbar realisiert auch der türkische Präsident allmählich wie klein sein Handlungsspielraum in Syrien nun ist. Noch versucht er, die Probleme unter den Teppich zu wischen. Er hofft offensichtlich, er könnte beim Gipfeltreffen zwischen Russland, der Türkei und Iran in Ankara am 16. September das Sotschi-Abkommen und damit den Waffenstillstand in Idlib retten. Nicht viele teilen in Ankara allerdings diesen Optimismus.

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keine

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Eine Meinung

Ich feiere immer noch das Gedicht von Böhmermann. Ja klar es ist unterm Niveau aber gerade das macht es in Kombination mit Erdogan so lustig. Denn dieser starke Mann kann es sich nicht leisten über sich selber zu lachen, was ihn zu einem kümmerlichen Mann macht.

Bleibt zu hoffen dass die Syrer bald möglichst Ruhe bekommen um ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen.

Und noch etwas. Hört endlich auf mit diesen Interventionskriegen. Sie bringen überhaupt nichts, im Gegenteil es wird alles schlimmer. Assad ist sicherlich nicht der heiligste aber sicher auch nicht der teuflischste mit denen der Westen Geschäfte macht (Siehe Saudi Arabien).
Philipp Schüpbach, am 06. September 2019 um 18:18 Uhr

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