So macht sich Europa total unglaubwürdig

Christian Müller © aw
Christian Müller / 27. Mär 2018 - Der Westen weist über 130 russische Diplomaten aus – aufgrund von Vermutungen. Die Russophobie-Hysterie ist brandgefährlich.

Wer auch nur schon ein einziges Geschichtsbuch aufmerksam gelesen hat, kennt den Mechanismus: Hat ein Land ein internes politisches oder wirtschaftliches Problem, schafft ein externer Feind Abhilfe. Ein externer Feind lenkt von internen Problemen ab und, dies vor allem, erzeugt internen Zusammenhalt – Zusammenhalt gegen aussen.

Auch das Vereinigte Königreich (UK) kennt diesen Mechanismus sehr gut, die Engländer hatten ihn im Rahmen der weltweiten Entkolonisierung oft beobachten können. Warum diesen Mechanismus, im eigenen Interesse, nicht auch einmal selbst in Gang setzen?

Premierministerin Theresa May steckt seit Wochen mit ihrer konzeptlosen Brexit-Politik tief in der Krise, wird angefeindet von allen Seiten, auch von der eigenen Partei. Da kommt so ein Zwischenfall wie der Mordanschlag auf den Doppelagenten Sergei Skripal wie gewünscht.

Nur ein Zwischenfall? Ja, gewiss. Spione müssen, um ihre Ziele zu erreichen, Gesetze brechen. Das mag man mit dem Hinweis auf die Motivation dieses Berufsstandes, die «Vaterlandsliebe», entschuldigen. Doppelagenten sind, mit Verlaub, jedoch nichts anderes als Kriminelle. Und in dieser Branche gehört gekillt zu werden zum Berufsrisiko. Ausserdem sind zwischenstaatlich ausgetauschte Agenten reine Non-Valeurs. Und so einer war auch Sergei Skripal, schon seit etlichen Jahren. Wer jetzt noch Interesse an seiner Himmelfahrt haben konnte, ist reine Spekulation. Es kann auch noch eine persönliche Abrechnung gewesen sein, wie zum Beispiel auch unter Mafia-Bossen üblich. Es kann sein, dass er für die eine oder andere Seite immer noch zu viel wusste. Doch warum ihn umlegen, gerade jetzt? Der Zeitpunkt des Anschlags lässt keinen Schluss auf den Auftraggeber zu. Das Gift, mit dem er hätte umgebracht werden sollen, Novitschok, wurde zwar in der Sowjetunion entwickelt, ist aber mindestens auch in den USA, in Grossbritannien und in Tschechien ebenso bekannt und vorrätig. Und so wenig wie die Agenten am Ort ihrer Untaten ihre Visitenkarte liegen lassen (es sei denn aus Versehen), so wenig ist wahrscheinlich, dass ein hochprofessioneller Geheimdienst ein Gift einsetzt, das ihn als Täter gleich identifiziert.

Nichtsdestotrotz ist es «höchstwahrscheinlich» («highly likely»), dass Russland hinter dem Anschlag steckt, wie London, Brüssel und Washington es jetzt zu formulieren pflegen. Und aufgrund einer «höchstwahrscheinlichen» Täterschaft werden nun über 130 Diplomaten des Landes verwiesen: 23 in UK, 33 in 16 EU-Staaten, 60 in den USA, 4 in Kanada, 2 in Australien, 13 in der Ukraine. Und auch Norwegen, Albanien und Mazedonien machen mit.

Trotz Aufforderung von verschiedener Seite an Grossbritannien, doch bitte zuerst Beweise für Russlands Urheberschaft vorzulegen, hat Grossbritannien bisher nichts dergleichen zeigen können.

Falsche Signale

Dass die USA zurzeit alles tun, um den Weltfrieden zu gefährden, ist bekannt. Dass die Ukraine, Albanien und Mazedonien die Gelegenheit benützen, um sich beim Westen anzubiedern, ist nachvollziehbar. Dass Kanada – mit einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl Exil-Ukrainer – da mitzieht, ist zumindest keine Überraschung. Total enttäuschend aber ist die Beteiligung der EU-Staaten an dieser Russophobie-Hysterie (Es war nicht die Kommission, die das wollte, sondern eine Empfehlung des Rates, der Versammlung der Premierminister). Und die Begründung für die Ausweisungen – «Solidarität» mit dem Vereinigten Königreich, wie es der neue deutsche Aussenminister Heiko Maas formulierte – ist schizophren, um nicht zu sagen skandalös. Seit Jahren wird echte Solidarität – Solidarität mit Unterprivilegierten, mit Benachteiligten – mehr und mehr beiseite geschoben, jetzt aber, wo es gelegen kommt, mit dem Mechanismus eines äusseren Feindes mehr inneren Zusammenhalt zu erreichen, ist plötzlich von «Solidarität» die Rede.

Mit Verlaub: Auf einen Staatenbund, der nicht auf gleichen Wertvorstellungen basiert, sondern lediglich auf einem gemeinsamen, künstlich hochgezogenen Feind, kann man pfeifen. Weder die USA noch Russland noch China sind an einem starken, geeinten Europa interessiert. Alle lachen sich ins Fäustchen, wenn sich Europa entzweit oder gar «finnlandisiert» – in viele Teile zerlegt, wie es etwa mit dem früheren Jugoslawien geschehen ist. Jetzt aber ausgerechnet Russland zum offenbar notwendigen äusseren Feind zu machen, wo Russland geographisch, historisch und kulturell doch sehr wohl zu Europa gehört, ist politisch kontraproduktiv und verheerend.

Die jetzige Hysterie mit über 130 Ausweisungen von russischen Diplomaten aufgrund eines Mordanschlages auf einen Doppelagenten und seine Tochter – inszeniert von wem auch immer! – wird nicht als Glückstag in die Geschichte eingehen. Vielleicht erinnert man sich bei dieser Gelegenheit daran, dass auch der Erste Weltkrieg mit über 17 Millionen Kriegsopfern mit einem Mordanschlag angefangen hat – mit einem Mordanschlag auf einen Mann und eine Frau – am 28. Juni 1914 in Sarajewo.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Zum Autor. Es gibt keine Interessenkollisionen.

Weiterführende Informationen

Warum die Ausweisungen ein schwerer Fehler sind (Die Welt)
Stephen F. Cohen über die Massenausweisung von Diplomaten (in The Nation)

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14 Meinungen

Lieber Christian Müller,

Danke für diesen Artikel. Stimmt alles! Ausser dem Punkt «Hat ein Land ein internes politisches oder wirtschaftliches Problem, schafft ein externer Feind Abhilfe ...».
Das funktioniert nur so, wenn die internen Spaltungen nicht allzu zu gross sind. Sonst ist diese Strategie gerade dann extrem riskant, wenn sie sich aufdrängt.

Hier zum Beispiel:

- Während die Akzeptanzwerte eines Putin im Innern hoch sind, sind sie bei Trump auf historischem Tiefstand für einen Potus. Die Anti-Gewaltbewegung (gegen Schulmorde) etwa wird er damit nicht bluffen.
- Die Groko-Parteien sind nur noch halb so stark wie früher, weder links noch rechts von ihnen wird jemand beim Putin-bashing applaudieren.
- Deutsche würden zuerst sterben in einem Atomkrieg. Die Deutsche Bevölkerung ist weit weniger für die NATO-"Abschreckung» zu haben, als die Regierenden . Trump dagegen glaubt die USA würden überleben.
- Für die EU ist es halsbrecherisch, gerade in dieser Situation eine improvisierte «eigenständige» Globalstrategie zu improvisieren. Sie hat zu starke Spannungen, zwischen westlichen und östlichen, reichen und immer noch krisen- ruinierten Ländern. Sowohl Zu Russland als auch zu NATO/USA sind die Haltungen grotesk verschieden. Grossbritannien ist wiederum bezüglich USA noch auf einem anderen Trip.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 27. März 2018 um 15:18 Uhr
Natürlich wusste Boris schon vor dem Attentat, wer der Urheber der Sache war. Leider waren die Fingerabdrücke auf dem Gas etwas verwischt... aber es war sicher Putin.

So sicher wie auch Putin die Cambridge Analytica - wohl im Auftrage Trumps oder der UAE - beauftragt hatte, irgendwelche komischen Leute in Amerika zu wählen oder Brexit zu fördern, so sicher sind auch Tusk, Stoltenberg und Super-Macron dem effektiv vorkriegsähnlichen Szenario erlegen. 1914 haben sich doch alle «nur verteidigt». Wohl wie ein ehemaliger Nationalrat gefordert hatte, wollen sie sich «im taktisch strategischen Vorfeld» verteidigen (es ging damals um Raketen, welche Ziele bis zu 700 km Entfernung treffen könnten, im Prinzip Freundesland).

Dummheit ist leider kein Monopol Europas. Immerhin hatte die Schweiz einmal gegen den Besitz von Atombomben gestimmt. Die hätte man wohl auch nur in Innsbruck taktisch sinnvoll einsetzen können. Könnte man von dieser historischen Besonnenheit etwas abschneiden und nach Europa senden ? Für die Nato ist wohl jede Hoffnung verloren.

Beim Besuch Putins in Versailles hat mich eine Frage interessiert. Hat Macron dem Herr Putin auch das Gemälde der Schlacht an der Beresina gezeigt ? Wohl kaum. Dafür müsste es wohl erste gemalt werden.

In der Zentralschweiz hat wohl Suwarov bessere Erinnerungen hinterlassen als Napoleon. Selbst wenn einzelne Walliser das offenbar anders sehen. Der Kulturkampf lässt grüssen. Hoffentlich geht der Schatten von Sarajewo an uns vorüber.
Josef Hunkeler, am 27. März 2018 um 20:42 Uhr
Auch für Putin ist das Ganze doch ein Geschenk. Seit Jahren pflegen die russischen Medien ein antiwestliches Bild. Das ist jetzt eine Gelegenheit mehr, um von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten abzulenken und weiter die Opferrolle zu kultivieren.
Thomas Oberhänsli, am 28. März 2018 um 02:57 Uhr
Nur Gewaltlosigkeit ist alternativlos.
Wir können uns am Friedensmarsch in Bern am Ostermontag solidarisieren mit der Non-Violence-Bewegung der marchforourlives.com in USA und anderen Menschen, die auf Selbstbestimmung pochen. Dafür braucht es auch ein gerechteres und friedlicheres Vollgeld-System, denn im Geldsystem schlummert die globale Ungerechtigkeit und die Dominanz der Geld-Eliten.
Die herrschende Geld-Politik-Elite will weder Demokratie noch Selbstbestimmung.
Es ist an uns, uns diese Grundrechte gewaltlos zu holen.
Paul Steinmann, am 28. März 2018 um 08:12 Uhr
Die ganze Giftgasgeschichte in Salisbury ist ein Narrativ, dem jede Beweisgrundlage fehlt und mit dem der Westen mit immer neuen Varianten unterhalten wird. Entsprechend verreissen sich die Menschen im Westen alltäglich das Maul darüber, während viel Wichtigeres unsere Wirtschaft künftig markant beeinflussen wird.

Skripal wurde von britischen Geheimdiensten vergiftet
https://www.fit4russland.com/kriege/1889-skripal-wurde-von-britischen-geheimdiensten-vergiftet

Im globalen Finanzbereich heulten die letzten Tage die Alarmsirenen schrill auf, was im Mainstream im Hintergrund geblieben ist. Die Ent-Dollarisierung schreitet mit grossen Schritten voran. In China an der Shanghaier Öl-Börse wurde der Petro-Yuan geboren. Für die USA Grund genug, wild um sich herum zu schlagen. Während ihre Schulden in rasendem Tempo weiter steigen, macht sich auf dem eurasischen Weltgelände plangemäss die Wirtschaft auf den Weg zu einer neuen Weltwährung, die den Dollar ablösen wird. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Man kann höchstens noch vor Wut Atombomben werfen und alles Lebende vernichten. Hoffentlich geschieht das nie!

„Der Schlüssel zum kommenden Petro-Yuan liegt in Moskau. Und sollte es der chinesischen Währung schließlich tatsächlich gelingen, die Funktion des langjährigen Petrodollars an sich zu reißen, wird Washington selbst daran schuld sein.“

Putins Rache: Petro-Yuan beendet die Ära des Petrodollars
https://deutsch.rt.com/meinung/59859-putins-rache-yuan-statt-petrodollar-/
Elisabeth Krail, am 28. März 2018 um 10:33 Uhr
Danke Werner
Du schreibst was ich auch denke. Warum ist Europa in diese Falle geraten? Schade. Hoffentlich wird es nicht noch schlimmer.
Fritz Berger, am 28. März 2018 um 12:20 Uhr
Das ist wieder eine der typischen Seifenopern, die zur Ablenkung der Weltbevölkerung aufgeführt wird.

Was die vermutlich unberechtigte Kritik an Russland anbelangt, würde ich allen das Buch von Guy Mettan «Russie-Occident, une guerre de mille ans : La russophobie de Charlemagne à la crise ukrainienne» empfehlen, das es in Französisch, Englisch und Italienisch gibt. Warum wohl nicht in Deutsch? Sollen deutschsprachige Menschen nichts über diese über Jahrhunderte andauernden Missstände erfahren und wem nützt das?
Elisabeth Heer, am 28. März 2018 um 14:16 Uhr
Hat jemand von Euch kapiert, wieso sie alle auf Russland losgehen? Also ich immer noch nicht. NZZ-Zitat:
"
Zwar bleibt Aussenstehenden weiterhin verborgen, über welche Indizien London verfügt. Aber was Premierministerin May am EU-Gipfel von vergangener Woche ihren Amtskollegen vorgelegt hat, kann nicht völlig an den Haaren herbeigezogen gewirkt haben.
"
Genügen diese May-Behauptungen zum Gift-Anschlag, um Russland als gemeinsamen Feind hochzustilisieren + ein solches PR-Trommelfeuer ingang zu setzen?
- Was will die NATO erreichen? Wovon will sie ablenken? Wohin treibt sie die öffentliche Meinung hier im Westen + wozu?
- Ich schaffe es einfach nicht zu kapieren, was das Alles soll.

Aus irgendeinem (mir verborgenen) Grund geben sich alle NATO-Gläubigen hier im Westen furchtbar zornig auf Putins Russland.
- War Putin zu Erfolg-reich in den letzten Jahren, sodass sie 'ihm Eins aufs Dach geben wollen', Stichworte: Krim - Syrien - Nord-Korea - Einmischung in Wahlen?
- Erwiesen sich die internen Probleme hier im Westen als zu deftig?
-- 'Facebook-Analytica'-Skandale
-- Ost-Ghouta-Schlappe
-- Krim
-- Nord-Korea
- Bei diesen Übeltaten scheint mir Putin nur einfach den Westen zu kopieren. Denn: Einmischung in fremde Staaten, kriegerische, wirtschaftliche, geheimdienstliche, das betrieben wir im Westen 'schon immer', das ist nicht Putins Spezialität ...
Konrad Staudacher, am 28. März 2018 um 14:24 Uhr
Danke, Christian Müller!

Das Dringendste ist meines Erachtens derzeit die Aufklärung über den immer noch grösser werdenden Wahnsinn des Lebens im immer noch absurder werdenden (US-)imperialen / neoliberalen Schwindel. Wenn wir dieses nicht bald kontrolliert sprengen, wird es uns alle unter seinen Trümmern begraben.

Nach 70 Jahren Indoktrination war unsere Verblendung (durch den [US-]Imperialismus / Neoliberalismus) respektive unsere Ignoranz noch nie grösser als heute. In einer Zeit maximaler Wissenschaftsgläubigkeit und im Median minimalen naturwissenschaftlichen Wissens weiss kaum jemand in seiner Illusion (fast) alles zu wissen, dass er (die wichtigen Dinge) nicht weiss, beispielsweise dass der Neoliberalismus einer Verschwörung der 1947 gegründeten Mont Pèlerin Society mit Superreichen entsprungen und zuerst ab 1973 in Chile (Pinochet, CIA) getestet worden war bevor er der gesamten westlichen Hemisphäre übergestülpt wurde.

Thomas Binder, am 28. März 2018 um 21:06 Uhr
Es ist unerhört, wie Westeuropa von den anglo-amerikanischen Mächten - ohne irgendwelche Beweise - gegen Russland und Putin aufgehetzt wird. Das ist gezielt irreführendes Polit-Hollywood.

Tatsächlich müsste uns die hoffnungslos verschuldete Finanzlage Europas samt USA und die weiteren diesbezüglichen Vorhaben viel mehr interessieren. Die im Hintergrund laufenden Währungs-Manipulationen und die Schuldenwirtschaft beeinflusst Europa zunehmend negativ.

Würden wir das realisieren, gälte unsere Wut nicht Russland, sondern den anglo-amerikanischen Befehlshabern, die den Europäern bei jeder Gelegenheit Bedingungen setzen und sie unter Sanktionsdruck (Russland-Sanktionen treffen vor allem Europa) stellen. Zudem wird den Europäern mit gelieferten US-Atombomben und Panzern gedroht. Diese monströse und Vernichtung ankündigende Drohkulisse gilt nicht allein Russland, sondern West-und Mittel-Europa, das unübersehbar einmal mehr zum Kriegsschauplatz vorbereitet wird.

Russland hat nie derart gedroht. Nie würde Putin – wie das May macht - Europa zu einem nuklearen Ödland machen wollen. Dabei geben sich die Anglo-Amerikaner ohne Skrupel als unsere Freunde aus. Dass solche Falschheiten noch geglaubt werden, ist unbegreiflich.

http://uncut-news.ch/2018/03/29/kriegsvorbereitungen-sind-auf-hochturen/

https://npr.news.eulu.info/2016/07/21/theresa-may-die-britische-pfarrerstochter-und-die-atombombe/

https://de.sputniknews.com/wirtschaft/20180328320100723-iwf-euro-zone-waehrungsfond/
Elisabeth Krail, am 29. März 2018 um 09:58 Uhr
Angesichts der ganzen Affäre habe ich mir die Frage gestellt, ob nicht die Verwendung eines seltenen Nervengiftes, so etwa die dümmste Methode ist jemanden - zudem in einem fremden Land - umzubringen. Ein simples Gift im Becher hätte sicher weniger Spuren hinterlassen und hätte das Tamtam um den Fall wohl verkürzt. Zudem werden auch in Grossbritannien unzählige Morde mit Schusswaffen nie aufgedeckt und sind somit verhältnismässig perfekt.
Hanspeter Gysin, am 29. März 2018 um 12:47 Uhr
Das mit dem Aufrechnen der Toten ist mir widerwärtig, wobei mir Christian Müller wie Thomas Ferber als glaubwürdige Publizisten wie auch als Kollegen einiges bedeuten; übrigens musste sogar die Opferzahl von Auschwitz nach unten korrigiert werden, natürlich längst nicht im Sinne der «Holocaust"-Leugner. Der erste Völkermord, mit dem ich mich als Historiker schon im Studium beschäftigt habe, ist aufgrund des Berichtes des Dominikanermönchs Bartolomé de Las Casas derjenige an den Indios zumal in den Westindischen Ländern. Mit dieser Geschichte wird indes weit weniger Politik gemacht als mit der gegenseitigen Aufrechnung der Opfer von Kommunismus und Faschismus, wobei aber für Karl Heinz Deschner, mit dem ich ebenfalls kollegial verbunden war, die Opfer des Christentums und des Katholizismus noch stärker ins Gewicht fallen, so wie K. Marti im Wallis lieber den Katholizismus kritisiert als den Islam, was man dort etwas nachvollziehen kann, wiewohl es immer wieder dieselbe und eben nicht völlig unbegründete Feindbildleier ist. Für Jean Ziegler schliesslich scheint schon fast jeder, der früher stirbt als an definitiver Altersschwäche, ein Opfer des Kapitalismus zu sein. Dabei sollte, wie Reinhold Schneider schon vor Jahrzehnten schrieb es «Goethe abermals auffallen, dass man vom moralischen Standpunkt aus keine Weltgeschichte schreiben kann». Die vermeintliche Suche nach Gerechtigkeit manifestiert sich beim Moralisten im unausgesprochenen Grundsatz: «Ich bin gerächt!» (Nietzsche)
Pirmin Meier, am 07. April 2018 um 12:11 Uhr
Herr Ferber, ich finde ihr Argument, dass kein Land auf der Welt habe so viel eigene Leute umgebracht habe wie Russland irritierend. Wäre es besser, wenn fremde Leute umgebracht werden, wie das die Deutschen vor nicht allzu langer Zeit mit Elan getan haben und die Amerikaner immer noch tun? Auch mit dem Rest ihres Beitrags habe ich Mühe, nicht nur weil die Zahlen ungenau sind. Sie wissen auch, dass der grosse Abstieg Russlands in der Zeit stattgefunden hat, als westliche Berater die Regierung beeinflussen konnten. Was soll der geneigte Leser aus Ihrem Erguss schliessen?
Matthias Vogelsanger, am 08. April 2018 um 10:30 Uhr
@Pirmin Meier. Besten Dank für diese Perspektive.
Josef Hunkeler, am 08. April 2018 um 20:55 Uhr

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