Eine «Predator KAZ» Kampfdrohne im Einsatz © Flickr/KAZ Vorpal/CC-BY-SA 2.0

Eine «Predator KAZ» Kampfdrohne im Einsatz

Die anonymen Opfer des Drohnenkriegs

Jürg Müller-Muralt / 23. Sep 2017 - «Chirurgisch präzis» war der Drohnenkrieg in Afghanistan noch nie. Im Gegenteil: Er fordert immer mehr zivile Opfer.

Hajji Delay verdiente seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer, wie viele Afghanen, die sich ein Auto leisten können. Im Mai 2014 war der in Khost, im Osten Afghanistans, wohnhafte 45-Jährige mit vier Fahrgästen in die naheliegende Umgebung unterwegs, als der Wagen von einer US-Kampfdrohne unter Feuer genommen wurde. Alle fünf Insassen starben, alles Zivilisten. Seit diesem Ereignis muss der damals 22-jährige Sohn von Hajji Delay, Abdul Hadi, seine Familie ernähren.

Die unangenehmen Fragen von Abdul Hadi

Ein Reporter hat nun jüngst im Auftrag des Senders Deutschlandfunk Kultur Abdul Hadi in Khost aufgesucht, um wenigstens einmal einem Opfer der «Kollateralschäden» des amerikanischen «Kriegs gegen den Terror» ein Gesicht zu geben. In der Reportage sagt Abdul Hadi: «Mein Vater wurde ermordet. Doch meiner Familie half niemand. Weder die Regierung noch irgendeine Menschenrechtsorganisation zeigten Interesse an dem, was uns widerfahren ist. So etwas passiert hier oft. Bei solchen Drohnenangriffen werden regelmässig Zivilisten getötet.»

Abdul Hadi nahm allen Mut zusammen und wandte sich an eine Regierungsstelle in Khost, um zu erfahren, warum man seinen Vater getötet hatte. Denn man macht sich nicht beliebt mit solchen Fragen: «Viele Menschen haben Angst, sich nach derartigen Angriffen an die Regierung zu wenden. Sie befürchten, dass sie zusätzliche Probleme bekommen oder gar in eine missliche Lage geraten», sagte Abdul Hadi. Den Regierungsbeamten war der Fall offensichtlich bekannt, und als Abdul Hadi hartnäckig blieb, gab es eine kurze Entschuldigung und die Begründung: «Unseren Informationen zufolge befand sich im Auto deines Vaters ein Verdächtiger.» Punkt, Schluss. Der Verdacht reichte, ein Auto mit fünf Personen per Knopfdruck in die Luft zu jagen.

Die CIA will ihren eigenen Drohnenkrieg

Seit 2001 gehören Drohnenangriffe der USA zum Alltag in Afghanistan. Unter US-Präsident Barack Obama wurde diese Praxis – auch in Ländern wie Jemen, Somalia und Pakistan – massiv ausgeweitet. Jüngst hat sein Nachfolger Donald Trump angekündigt, die US-Truppen in Afghanistan um mehrere Tausend Soldaten aufzustocken. Seit Beginn von Trumps Präsidentschaft hat sich gemäss Uno-Angaben die Anzahl ziviler Opfer bereits drastisch erhöht, wie es in der Reportage heisst. Spiegel Online berichtete zudem kürzlich, der US-Auslandgeheimdienst CIA plane einen eigenen Drohnenkrieg in Afghanistan – zusätzlich zu jenem des US-Militärs.

Für die Zivilbevölkerung bedeutet das nichts Gutes. Der Drohnenkrieg würde wohl noch heftiger – und vor allem noch geheimer. Denn immerhin informiert das US-Verteidigungsministerium offiziell über Luftangriffe mit Drohnen und Flugzeugen. Um die zivilen Opfer dieses Drohnenkriegs und deren Angehörige kümmert sich aber ohnehin kaum jemand. Allerdings beobachtet das in London ansässige Bureau of Investigative Journalism seit Langem den Drohnenkrieg und führt eine laufende Statistik. Die Journalisten stützen sich dabei auf offizielle und inoffizielle Quellen. In Afghanistan sind gemäss dieser Statistik allein seit 2015 rund 4100 Menschen durch Drohnenangriffe ums Leben gekommen, davon gegen 270 Zivilisten und gegen 70 Kinder.

Heftige Kritik bleibt folgenlos

Die USA zeigen sich bisher unbeeindruckt von der internationalen Kritik am Drohnenkrieg. Infosperber hat mehrmals darüber berichtet (Links siehe unten). Bereits vor mehreren Jahren forderte die regierungsnahe deutsche Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Ächtung von Drohnen, und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) schlug Alarm, weil die «unsichtbaren» Kriege das humanitäre Völkerrecht vor völlig neue Probleme stellen. Auch in den USA setzte die Kritik an den gezielten Tötungen mit Drohnen schon vor Jahren ein. In einer Untersuchung der Universitäten Stanford und New York von 2013 heisst es: «In den USA werden die Drohneneinsätze als chirurgisch präzise und wirksame Anti-Terror-Massnahme wahrgenommen, die praktisch keine Kollateralschäden verursachen. Diese Wahrnehmung ist falsch.» Gemäss der Studie betrachtet die US-Regierung alle getöteten Männer routinemässig als Militante. Überhaupt gelten für die USA alle Männer im wehrfähigen Alter im Umfeld eines Drohnenangriffs als «feindliche Kombattanten».

Lafontaine fordert ein Ende

Auch Deutschland ist, zumindest am Rand, in den Drohnenkrieg involviert. In Stuttgart befindet sich ein militärisches Kommandozentrum der USA für Afrika; hier werden unter anderem Informationen bearbeitet und mögliche Ziele definiert. In der rheinland-pfälzischen US-Luftwaffenbasis Ramstein liegt zudem die Relaisstation für Datenleitungen, ohne die keine Drohnen gesteuert werden können. Anfang September hat dort eine Kundgebung stattgefunden, bei der Oskar Lafontaine die Schliessung der Basis und den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland forderte. Der ehemalige SPD-Vorsitzende, -Kanzlerkandidat und -Finanzminister und heutige Linken-Politiker sagte zudem: «Drohnenkriege sind völkerrechtswidrige Morde, und wir haben überhaupt kein Recht, für solche Morde deutsches Territorium zur Verfügung zu stellen.»

US-Sicherheitsexperte warnte schon 2012

Zur Einschätzung, dass der Drohnenkrieg einem völkerrechtswidrigen Morden gleichkommt, gelangte der amerikanische Sicherheitsexperte Armin Krishnan bereits 2012 in seinem Buch «Gezielte Tötung». Der Professor für Security Studies an der Universität Texas schreibt, das Kriegsrecht erlaube die Tötung von Soldaten im Kampf, «nicht jedoch den heimtückischen Mord eines Kombattanten abseits des Gefechtsfeldes durch einen gedungenen Mörder». Nun muss man zugestehen, dass moderne Konflikte und ihre teilweise unübersichtlichen Konfliktlinien mit den Instrumenten des klassischen Kriegsvölkerrechts nicht mehr zu erfassen sind. Hinter der Drohnenstrategie steht noch ein anderes Phänomen: Da Individuen und kleine Terrorgruppen dank moderner Technik über bisher nicht vorstellbare Zerstörungskraft verfügen, muss man diese Einzelpersonen auch ins Visier nehmen können, so lautet eine gängige These. Etwa nach dem Motto: Wer heimlich Übles im Schild führt, muss auch heimlich unschädlich gemacht werden. «Das gefährliche Individuum ist zum grossen Mythos unserer Zeit geworden.» Und Mythen muss man immer auch kritisch hinterfragen. Krishnan sieht vor allem zwei grosse Problemfelder der individualisierten Kriegführung: Der Missbrauch und die fragwürdige Wirksamkeit.

Keine Transparenz, keine Kontrolle

Der Missbrauch besteht in erster Linie darin, dass es sich bei den Drohnenangriffen um unerklärte Kriege handelt. Die Rolle des US-Geheimdienstes CIA sei «besorgniserregend», weil er selbstständig Zielpersonen auswählen und angreifen lasse. Das Zusammenspiel mit der Regierung sei undurchsichtig, die demokratische Rolle dieser Art von Kriegführung nicht gewährleistet. Bei gezielten Tötungen bleibt der Urheber häufig im Dunkeln. Das sind laut Krishnan «Methoden, die einem hinterhältigen Mord gleichkommen». Solange keine Transparenz bestehe und ein «Minimum an öffentlicher und demokratischer Kontrolle» fehle, sollten gezielte Tötungen ausbleiben. Der Autor warnt zudem vor der Gefahr des Missbrauchs, selektive Tötungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit für ganz andere Ziele einzusetzen als nur zur Terrorbekämpfung – etwa zur Beseitigung unliebsamer Kritiker und Regierungsgegner. Mit der absehbaren Entwicklung der Waffentechnik werde dieses Szenario immer wahrscheinlicher. Fragwürdig ist auch die Wirksamkeit des Drohnenkriegs. Gezielte Tötungen führen meist nicht zu einer Beruhigung der Lage, sondern zu einer Eskalation der Gewalt und zu einer Destabilisierung verbündeter Staaten, schreibt Krishnan. Gerade auch deshalb, weil immer auch unbeteiligte Zivilpersonen betroffen sind.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Der Mythos vom sauberen Drohnenkrieg (auf Infosperber)
Im Drohnenkrieg der USA gilt die Schuldvermutung (auf Infosperber)
Trumps Kehrtwende in Afghanistan (auf Infosperber)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

4 Meinungen

Barack Obama hatte sich am Deutschen Evangelischen Kirchentag am 25. Mai 2017 in Berlin auch über die Drohnenangriffe geäussert, die er jeweils abgesegnet hatte. Er rechtfertigte in Berlin die Ausweitung der Drohnenangriffe in seiner Amtszeit. Er meinte, der Einsatz von Drohnen im Kampf gegen den Terrorismus ei notwendig, „um sein Land und seine Bürger zu schützen“.

Schon im Dokumentarfilm „Die Wunden von Waziristan“ von Madiha Tahir wurde eine Stellungnahme von Obama zu diesem Thema eingespielt. Dieser Film zeigt eindrücklich den Terror den die US-Regierung mit ihren Killerdrohnen gegen die Bevölkerung dieser Region im Nordwesten Pakistans tagtäglich ausübt.

Der Journalist Karim Khan, der am 5. Februar 2014 von so genannten „Sicherheitskräften“ in Pakistan entführt wurde, wehrte sich gegen die Drohnenangriffe der USA in Pakistan. Karim Khan wurde von Madiha Tahir in ihrem Dokumentarfilm „Die Wunden von Waziristan“ interviewt.

http://www.youtube.com/watch?v=eDy4zqZ0pEo

Über Deutschland, über Ramstein in Rheinland-Pfalz, werden immer noch aussergerichtliche Hinrichtungen mit Kampfdrohnen der USA gesteuert, wie auch Info Sperber dokumentierte. Verdächtige in Afghanistan, Pakistan, dem Jemen, in Somalia, Libyen, Syrien und dem Irak werden auf Grund von Geheimdienstinformationen getötet.

Das EU Parlament, forderte am 27. Februar 2014 ihre Mitgliedstaaten auf, diese «Praxis gezielter aussergerichtlicher Tötungen zu verbieten» und auf keinen Fall zu «begünstigen».
Heinrich Frei, am 23. September 2017 um 19:41 Uhr
Die Bevölkerung der betroffenen Ländern nennen dies Terror und bezeichnen die Amerikaner als Besatzungstruppe.
Dieser US-Terror lautet offiziell 'Operation Enduring Freedom (OEF)' und ist ohne UN - Mandat.
Was wäre wenn in Europa jedes Jahr soviele Terroranschläge verübt würden ?????
Peter Herzog, am 23. September 2017 um 21:28 Uhr
Die USA verstehen nicht, dass sie die Ursache von Terror sind und nicht die unschuldigen Opfer. Im nahen und mittleren Osten hat das mit dem Sturz von Mossadeg begonnen und seither weitet sich der beidseitige Terror aus wie die Pest.
Es wird langsam bedenklich, wer so alles mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde: ausgerechnet Kissinger und Obama. Imponiert hat mir der Le Duc Tho (zusammen mit Kissinger): er hat ihn abgelehnt. Das Nobelkomitee hat bisher eine sehr unglückliche Hand bewiesen.
Armin Pieroth, am 24. September 2017 um 09:44 Uhr
Ausserhalb der USA ist ein Menschenleben einen Pfifferling wert. Ausserdem können die Drohnen, ohne Gerichtsentscheid, aus dem Moment heraus, willkürlich Menschen eliminieren. Das muss man sich einmal bewusst werden: Alle Gesetze scheinen hier einfach nicht zu gelten. Dass übrigens allein die ständige sichtbare Präsenz dieser Drohnen für die Bevölkerung bereits für Trauma und Schrecken sorgen, scheint die US-Regierung ebensowenig zu interessieren. Stellt Euch einmal vor, an unserem Himmel würden ständig Bomberdrohnen kreisen!
Jan-Martin Mächler, am 11. Oktober 2017 um 10:33 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.