So wird Gorbatschow «vergessen»!

Christian Müller © aw
Christian Müller / 11. Nov 2019 - Anlässlich der Feierlichkeiten zum ersten Schritt der Wiedervereinigung Deutschlands wird «Gorbi» totgeschwiegen

30 Jahre Mauerfall in Berlin, der erste Schritt zur Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Grosse Feierlichkeiten, etliche Reden. Und wem wird diese erste Öffnung verdankt?

Deutschland – nein, nicht Deutschland, aber seine politische Elite und seine Medienleute – sie machen einen grossen Bogen um die Person herum, mit der das Ganze begonnen hat: Michail Sergejewitsch Gorbatschow, damals Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Moskau. In der ARD-Tagesschau vom 8. November behauptet die Sprecherin, es seien allein die Menschen in der damaligen DDR gewesen, die das erreicht hätten. Siehe hier, ab Minute 3.45. Der Name Gorbatschow kommt bei ihr nicht vor. Und sogar Angela Merkel brachte es fertig, in ihrer sechsminütigen Rede zu diesem historischen Anlass, den Namen Gorbatschow nicht zu erwähnen. Zum Abhören der Rede hier anklicken.

Das allerdings war nun so krass, dass es nicht zuletzt jenen aufgefallen ist, die damals auch zum sogenannten Ostblock gehörten. Erik Best, seit 1991 in Prag lebend und einer der aufmerksamsten Beobachter der osteuropäischen Politik, schreibt heute dazu Folgendes:

The exaggerated power of the people

«German public TV, ARD, emphasized to viewers on Fri. that it wasn't the Americans or the Soviets who brought down the Berlin Wall, or even Helmut Kohl; it was the brave people of the German Democratic Republic alone who did it. Likewise, U.S. Secretary of State Mike Pompeo said in Berlin on Fri. that the real heroes of this story are the ‹brave and noble› citizens of East Germany who refused to ‹remain chained inside a Communist system›. Yet Mikhail Gorbachev said in Der Spiegel last week that he considered the reunification of Germany to be his biggest achievement. When he won the Nobel Peace Prize in 1990, the New York Times wrote that he ‹allowed popular revolutions to topple hard-line Communist governments in Eastern Europe, paving the way for German unity.› He allowed it to happen. The further we get from the actual event, the greater the effort to convince the people that they were exercising free will. This is how history is rewritten.»

So wird heute auch in Deutschland die Geschichte umgeschrieben: Es darf heute in Zeiten der westlichen Russophobie einfach nicht sein, dass ein Politiker der Sowjetunion, ein Russe, einmal etwas Gutes getan hat. Michail Gorbatschow muss deshalb aus der Geschichte gestrichen werden.

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4 Meinungen

Revisionisten hier wie da. Geschichtliche Wahrheit interessiert die Vertreter der (hirntoten) Nato nicht.

Dabei waren es doch deutsche Militärs, welche in Namibien die Reihe der Völkermorde im letzten Jahrhundert eingeleutet haben.

Jetzt verteidirgt man die Freiheit Europa's am Hindukusch.

Die Jahrfeier der Niederlage der westlichen Mächte bei Gallipoli wurde vergessen. Zum Glück gibt es noch den «Armistice Day».

Bald kommt die Erinnerung an die Seeschlacht bei Lepanto, dem Vorgängerereignis zum Sykes-Piccot Agreement, welches die Grundlage für die meisten aktuellen Probleme im Mittleren Osten begründete.

Ich möchte ja nicht unbedingt unbedarfte Westler kritsieren. Schliesslich feiern ja auch wir immer noch das Gedenken an Morgarten, Sempach... immerhin war unser «unbekannter» Soldat Winkelried bekannt.

Historische Perspektiven ändern schneller als der Wind. Warum müssen unsere Politiker zu Windfahnen werden und unsere Presse deren Geplauder übernehmen ? Nachhaltigkeit ist anders.
Josef Hunkeler, am 11. November 2019 um 14:10 Uhr
So ist das mit Verrätern - sie sind ungeliebt - auf beiden Seiten

Er hat nicht nur selbst Verrat begangen - er hat mit dem Satz «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben», Andere zum Verrat aufgefordert.

Auch wenn dieser Vorgang immer als «friedliche Revolution» bezeichnet wird, sind viele gestorben, haben sich das Leben genommen. Allein in Russland sank das Durchschnittsalter um mehr als 10 Jahre - wie viele Tote das bei einer solch großen Bevölkerung sind, können Sie selbst errechnen.

Dabei wurden die Bürger der DDR nicht nur eine Gesellschaftsordnung zurück gestuft. Es waren 2. Wir sind z.T. wieder im Feudalismus gelandet, den der Kapitalismus in den vielen Hundert Jahren seiner Macht bis heute nicht besiegt hat.

Bei uns waren Grafen, Könige und Keiser nur noch Märchenfiguren - heute sind es wieder einflußreiche Figuren in Politik und Wirtschaft
Günther Wassenaar, am 12. November 2019 um 06:02 Uhr
@Günther Wassenaar

Man wird nie herausfinden können, ob Gorbatschow den Zerfall der Sowjetunion hätte verhindern können. Ich vermute, er hätte ihn höchstens ein wenig herauszögern können.

Der Zerfall verlief den Umständen entsprechend sehr friedlich. Schauen Sie sich einmal an, wieviel Blutvergiessen beim Zerfall des viel kleineren Jugoslawien entstand. Dies ist ein sehr grosser Verdienst von Michail Gorbatschow.

Der Übergang von einer Militärdiktatur in eine offenere Gesellschaftsform ist nie einfach. Das ist meines Erachtens aber ein schlechtes Argument, um die Militärdiktatur ewig weiterzuführen.
Daniel Heierli, am 12. November 2019 um 22:30 Uhr
@Daniel Heierli «Der Zerfall verlief den Umständen entsprechend sehr friedlich. Schauen Sie sich einmal an, wieviel Blutvergiessen beim Zerfall des viel kleineren Jugoslawien entstand. Dies ist ein sehr grosser Verdienst von Michail Gorbatschow."

Könnte es sein, dass Sie dabei den Beitrag der NATO bei diesem Blutvergießen ausblenden? Könnte es sein, dass Sie das Wirken eines gewissen Genschers - seines Zeichens Außenminister der BRD - nicht kennen, der maßgeblich am Schüren von Feindschaften unter den verschiedenen Völkerschaften in Jugoslawien beteiligt war, dafür sorgte dass da einige auch umfassend Waffen bekamen. Das Kapital ist an Kriegen interessiert - nie die Menschen - denn für die Rüstung ist jeder Krieg eine hervorragende Verkaufsmesse.

Was ansonsten den «Zerfall» der SU betrifft - zugegeben, da haben auch einige Vorgänger ihren Anteil daran. Etwa 1980 informierte der Breschenjew Herrn Honecker, dass das Wirtschaftspotential der SU auf dem Stand von 1925 sei - diese Bande hat also den Stand von 1939 unter einem Herrn Stalin, dem Stand der vorderen Wirtschaftsstaaten etwa gleich - verschludert. Wer war also gegenüber seinem Volk der Tyrann?
Günther Wassenaar, am 13. November 2019 um 12:18 Uhr

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