Auch wer die Massenmorde überlebte, blieb und ist noch immer traumatisiert. © Common

Auch wer die Massenmorde überlebte, blieb und ist noch immer traumatisiert.

Der schwarze Sumpf des Genozids von Ruanda

Jürg Müller-Muralt / 01. Nov 2019 - «Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben gezeichnet»: Der Roman zum Genozid von Ruanda.

Flüchtlings- und Migrationsfragen gehören zu den dominierenden Themen der internationalen Politik. Aber es gibt auch hier blinde Flecken, vergessene Katastrophen, die kaum in den Schlagzeilen auftauchen. Dazu zählen die derzeit grossen Flüchtlingsbewegungen im Osten Afrikas. Seit einigen Jahren fliehen vor allem Zehntausende aus Burundi, häufig ins Nachbarland Ruanda. Zwischen 1993 und 2005 fand in Burundi ein Bürgerkrieg statt, der rund 300 000 Menschenleben forderte. Ein Friedensabkommen beendete den Konflikt, doch die Instabilität und die Perspektivlosigkeit sind geblieben.

Zwei Flüchtlingsgesellschaften

Nun macht sich Ruanda auf eine weitere Flüchtlingswelle aus Burundi gefasst. Immer mehr junge Leute verlassen das Land, in welchem sie keine Zukunft mehr sehen. Die Tamedia-Zeitungen veröffentlichten Mitte Oktober 2019 eine eindrückliche Reportage aus dem ruandischen Flüchtlingslager in Mahama, wo es vor allem an Geld für die Kinder fehlt.

Ruanda und Burundi blicken auf eine dramatische Geschichte zurück – und in eine ungewisse Zukunft. «Beides sind Flüchtlingsgesellschaften, da die Menschen über Generationen hinweg auf der jeweils anderen Seite der Grenze auf Sicherheit und neue Perspektiven hofften», heisst es in der Tamedia-Reportage. Ende 2018 lebten gemäss Uno-Angaben eine Viertelmillion Ruander als Flüchtlinge in anderen Ländern. Gleichzeitig befinden sich in Ruanda rund 145 000 Flüchtlinge, vor allem aus Burundi.

Ethnische Bezeichnungen verboten

Die Offenheit Ruandas gegenüber Flüchtlingen hat mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Der Völkermord der radikalen Hutu-Mehrheit an den Tutsi und an gemässigten Hutu von 1994 hat die Gesellschaft schwer traumatisiert. Der Genozid vor einem Vierteljahrhundert hat innerhalb weniger Monate zwischen einer halben und einer Million Tote gefordert. Heute gilt das kleine ostafrikanische Land als Vorzeigebeispiel für Stabilität. Vor allem wirtschaftlich hat sich das Land in den vergangenen Jahren gut erholt. Diese Erfolge werden in erster Linie Präsident Paul Kagame zugeschrieben. Die Volksgruppen, im Grunde eher soziale Gruppen, werden nicht mehr unterschieden, ethnische Bezeichnungen sind verboten: «Die ruandische Regierung ist die stärkste Instanz, wenn es darum geht, die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den ethnischen Gruppen der Hutu und Tutsi abzuschaffen», heisst es in einem Beitrag der Deutschen Welle.

Ein Erbe des Kolonialismus

Die Konflikte zwischen Hutu und Tutsi sind auch eine Folge des Kolonialismus. In vorkolonialer Zeit lebten die beiden Gruppen weitgehend problemlos nebeneinander. Die Unterscheidung wurde von den Kolonialmächten Deutschland und nach dem Ersten Weltkrieg von Grossbritannien und Belgien verfestigt. «Kriterium für die Aufteilung der Ruander war bei der 1934/35 vorgenommenen Volkszählung beispielsweise der Umfang des Rinderbesitzes: Hierbei war Tutsi, wer mehr als zehn Rinder besass, und die anderen waren Hutu. Diese Massnahme ermöglichte es den Kolonialmächten, eine einheimische Elite zu bilden, welche die verbliebene Bevölkerung, auch im Sinne der Kolonialherren, regieren konnte. Diese ethnologisch fragwürdige Teilung der Bevölkerung führte zu starken Konflikten zwischen der Minderheit der Tutsi und den zahlenmässig überlegenen Hutu, die sich nach Abzug der Kolonialmächte schliesslich in lange anhaltenden gewaltsamen Auseinandersetzungen und mehreren Massentötungen der jeweils anderen Gruppe entluden», heisst es in Wikipedia. Der Völkermord von Ruanda im Jahr 1994 war der Höhepunkt dieser Konflikte.

Präsident Paul Kagame regiert mit harter Hand, dies explizit mit dem Hinweis, die Spannungen zwischen den beiden Kasten der Hutu und Tutsi einzudämmen; demokratische Standards haben in Ruanda einen geringen Stellenwert. Viele Beobachter fürchten, dass sich die Spannungen in der Region, vor allem zwischen Ruanda und Burundi, wieder verschärfen könnten – und möglicherweise auch wieder die ethnisch grundierten Konflikte.

Ein Roman als Mahnung

Als Mahnung, es nicht wieder soweit kommen zu lassen, könnte ein Roman dienen. Denn die schrecklichen Monate des Jahres 1994 bilden den Rahmen eines eindrücklichen Buchs des französisch-ruandischen Schriftstellers Gaël Faye mit dem Titel Kleines Land (Angaben dazu unten). Der 1982 in Burundi geborene Faye ist der Sohn einer ruandischen Mutter und eines Franzosen. Er flüchtete 1994 nach Frankreich, studierte Wirtschaft, arbeitete dann als Investmentbanker in London und kehrte später nach Frankreich zurück, wo er fortan als Autor, Musiker und Sänger arbeitete. Das stark autobiographisch geprägte Buch erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen und wurde auch für den renommierten Prix Goncourt nominiert.

Die Risse im Alltag

Im Zentrum des Geschehens steht der Ich-Erzähler Gabriel, Kind eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter – exakt so wie der Autor. Gabriel lebt in privilegierten Verhältnissen und verlebt eine durchaus unbeschwerte Kindheit zusammen mit seinen Freunden aus dem Quartier in der Stadt Bujumbura in Burundi. Die Eltern versuchen, Gabriel und seine jüngere Schwester Ana aus der Politik und dem immer wieder aufflammenden Konflikt zwischen den beiden Volksgruppen in Ruanda und Burundi herauszuhalten. Doch die «heile Welt» bekommt Risse. Man hört Schüsse in der Ferne, das Personal in Gabriels Elternhaus erscheint nicht zur Arbeit, eines Tages wird die Schule geschlossen. Die Angst schleicht sich in den Alltag ein.

Hass zerstört Freundschaften

Der Antagonismus zwischen Hutu und Tutsi machte sich immer stärker bemerkbar, so stark, dass Schulfreundschaften in offene, aggressive Feindschaften umschlugen. Man konnte nicht einmal wählen, zu welchem Lager man gehörte: «Das Lager war wie ein Vorname, den man sich auch nicht aussuchen kann. (…) Wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird, begann ich damals Gesten und Blicke zu begreifen, Ungesagtes und Verhaltensweisen, die mir schon immer ein Rätsel waren.» Und dann fallen die entscheidenden Sätze: «Der Krieg findet für uns Feinde, ohne dass wir darum gebeten haben. Obwohl ich eigentlich neutral bleiben wollte, gelang es mir nicht. Ich war mit dieser Geschichte geboren. Sie lag mir im Blut. Ich gehörte ihr.» Und an anderer Stelle: «Vielleicht ist das Krieg: Wenn man nichts versteht.»

Dem Wahnsinn verfallen

Zu den schwer erträglichen Szenen im Buch zählen die Erlebnisse von Gabriels Mutter, einer Tutsi. Sie machte sich von Burundi nach Ruanda auf, um ihrer in Bedrängnis geratenen Schwester und ihren Kindern zu helfen. Die Frau hatte «unter Einsatz ihres Lebens im Vorhof der Hölle nach ihren Verwandten gesucht.» Lebend gefunden hatte sie sie nicht. Im Haus ihrer Schwester stiess sie bloss noch auf die übel zugerichteten Leichen ihrer Nichten und Neffen.

Mit der Hoffnung einer Verzweifelten wartete sie eine Woche lang im Haus auf die Rückkehr ihrer Schwester – vergebens. Dann beerdigte sie die Kinderleichen eigenhändig. Und sie versuchte, mit Wasser die Flecken zu beseitigen, die die Leichen am Fussboden hinterlassen hatten – ebenfalls vergebens. «Ich kratzte mit den Fingernägeln am Boden, aber ihre Haut und ihr Blut hatten sich im Zement festgesetzt. Und ihr Geruch an mir. Den werde ich nie wieder los. Da kann ich mich waschen, so viel ich will, ich bleibe schmutzig und stinke nach Tod – für immer», erzählte sie. Gabriels Mutter verfiel dem Wahnsinn und dem Alkohol. Posttraumatische Belastungsstörung, so lautet dafür wohl der nüchterne Fachausdruck. Im Roman heisst es nur: «Sie war weniger verrückt, als die Welt um uns herum». Und: «Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben gezeichnet.»

Leichtigkeit und Schrecken nahe beieinander

So drastisch diese Schilderung auch ist – sie gibt nicht annähernd das Grauen des Gemetzels wieder. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte Gaël Faye, er habe die Erzählung der Mutter über die Ereignisse in Ruanda abgemildert, «denn wenn ich die Realität, wie sie stattgefunden hat, tatsächlich in allen ihren Details so beschrieben hätte, dann wären die Leser mit Sicherheit abgeschreckt gewesen. Das hätte man überhaupt nicht verkraften können, das hätte man nicht schreiben und auch nicht lesen können.» Der Autor hat die schrecklichen Szenen denn auch bis gegen Ende des Buches aufgespart; der lange, erste Teil des Romans wirkt geradezu beschaulich, manchmal fast poetisch, selbst wenn die sich anbahnende Katastrophe immer häufiger auch im Alltag bemerkbar wurde.

Gaël Fayes Roman ist ein beeindruckendes Stück Literatur mit starker sprachlicher Ausdruckskraft. Leichtigkeit und Schrecken liegen häufig nahe beieinander, der Blick auf die Ereignisse, auf das eigene Erleben ist nüchtern, präzis, manchmal schmerzerfüllt und immer von grosser Authentizität. Denn wer könnte, hätte er es nicht selbst erlebt, eine Nacht in Bujumbura so schildern: «Von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen hörte man es im Viertel knallen. Die Nacht errötete im Schein der Brände, deren dichter Rauch über den Hügeln aufstieg. Wir waren an die knatternden Salven der Maschinengewehre gewöhnt. (…) Stille fand ich viel beängstigender als Schüsse. Stille verhiess gezückte Messer und nächtliche Überfälle, die man nicht kommen sah.»

Gaël Faye: «Kleines Land», Piper-Taschenbuch, München 2019, 223 Seiten, CHF 16.90

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Keine

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Eine Meinung

Ruandas Geschichte bleibt mit kolonialen Einschätzungen belastet, an denen auch Schweizer Missionare und Belgische Gewerkschaften mitgewirkt haben.

Paul Kagame hat in seinem Exil in Uganda zweifellos gelernt, dass Zukunftsperspektiven nur in einem geregelten und gesicherten Umfeld möglich werden und selbst unter diesen Bedingungen viel Zeit benötigen, um in die Realität umgesetzt werden zu können.

Burundi hatte diverse «Kagames» und hatte das koloniale Erbe nach dem Krieg 1972 gewissermassen überwunden. Der Demokratie-Fimmel nach westlichem Vorbild hat aber einiges zur Relativierung dieser Bemühungen beigetragen und schliesslich die «ruandische Revolution» der 60er Jahre auch in Burundi ermöglicht. Koloniale Interessen dürften dabei eine gewichtige Rolle gespielt haben, sei dies französischer Hegomoniewunsch oder US-amerikanisches Unverständnis geschichtlich gewachsener Prozesse. Präsident Buyoya war wohl das tragische Opfer dieser Kombination ex-kolonialer Überheblichkeit. Selbst die DEZA hat an diesem Unverstand teilgehabt.

Wenn sich Leute gegenseitig hassen, weil irgend ein Uhrahne des Nachbarn gegen den eigenen Uhrahnen etwas böses gemacht hat... Solche Gedanken wachsen nicht nur auf lokalem Mist, sondern werden zweifellos auch instrumentalisiert. Man kann nur hoffen, dass in Burundi kein Petrol gefunden wird. Man munkelt zwar von Reserven in der Rusizi-Ebene oder unter dem Tanganyikasee...
Josef Hunkeler, am 02. November 2019 um 13:02 Uhr

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