Nur halb so gut wie wir gerne meinen: die Schweiz © cm

Nur halb so gut wie wir gerne meinen: die Schweiz

Das verklärte Selbstbild

Christof Moser / 27. Okt 2012 - Die 10 Schönheitsfehler der Schweiz (10/10): Die Schweiz, das Land, an dem sich die Welt ein Vorbild nehmen soll? Das ist Quatsch.

Dass die Neutralität einst ein Diktat der europäischen Grossmächte war, welche die Schweiz als souveränen Staat nur tolerierten, wenn sich das Land bei Kriegen auf dem europäischen Kontinent der Parteinahme enthielt und die wichtigen Alpenpässe für alle öffnete, wird gerne verdrängt. Dass die Sage von Wilhelm Tell, dem Gründungsmythos der Schweiz, eigentlich aus Dänemark kommt und Shakespeares Hamlet die gleiche Ursprungsquelle hat, ebenfalls.

Die Schweiz, ein Hort der Freiheit? Dass die alte Eidgenossenschaft 1798 auseinanderbrach und mit ihr das Herrschafts- und Unterdrückungssystem der Patrizier und Zünfte, die weite Bereiche der heutigen Schweiz mit Hilfe von Landvögten regierten, passt so gar nicht zur Geschichte des bösen Unterdrückers Gessler, der bis heute als Sinnbild herhalten muss für die fremden Vögte, die uns aus Brüssel regieren wollen. Die Schweiz, ein Ort des Friedens? Noch 1802 bombardierte der Chef der eidgenössischen Truppen, General Andermatt, mit Hilfe der Zürcher Landbevölkerung die Stadt Zürich.

Bis 1971 eine Oligarchie der Männer

Es dauerte ein halbes Jahrhundert lang und brauchte den Einmarsch von Napoleon, bis die Schweiz 1848 zum halbwegs modernen Staat geworden war. Eine Oligarchie der Männer, um genau zu sein: Erst 1971, als einer der letzten Länder der Welt, durften auch die Frauen in der Schweiz politisch mitbestimmen.

Wir verklären unsere Demokratie bis heute. Die Schweiz ist keine perfekte, sondern eine defekte Demokratie. Regelmässig werden wir gerügt für die intransparente Finanzierung der Parteien, die der verdeckten Korruption legal Tür und Tor öffnet. Und wir schliessen bis heute die über 20 Prozent Ausländer, die in der Schweiz leben, von der demokratischen Mitbestimmung aus. In gewissen Quartieren im ausländerreichen Kanton Basel-Stadt kann gerade mal noch ein Drittel der Bevölkerung an der Urne abstimmen, der Rest ist unter 18 Jahre alt oder als Ausländer nicht stimmberechtigt. Ihnen geht es wie den Frauen bis 1971: Paradoxerweise steht ihnen, um partizipieren zu können, die direkte Demokratie im Weg.

Das Unrecht der Mehrheit

Und wir haben kein Verfassungsgericht, das die Allmacht des Volkes beschränkt, dem in immer radikalerer Weise zugestanden wird, immer recht zu haben.

In seinem Buch «Das Kalb vor der Gotthardpost» schreibt der Schweizer Literaturprofessor Peter von Matt: «Das Volk, sagt man, habe in einer Demokratie immer recht. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Stimmberechtigten in einer Demokratie das Recht setzt. Tatsache ist, dass sie damit von Fall zu Fall auch Unrecht haben, ja sogar Unrecht begehen können. Dass der Wille der Mehrheit gilt und dieser Wille gleichwohl politisch und human falsch sein kann, ist die Zwickmühle der Demokratie.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Artikel-Serie «Die 10 Schönheitsfehler der Schweiz» entstand im Auftrag der Filmemacher von «Image Problem».

Weiterführende Informationen

Die defekte Demokratie
Informationen zum Film

5 Meinungen

Lieber Herr Christof Moser, ich bin froh, dass Sie mit ihrem CH-Bashing endlich durch sind. Wozu der Aufwand? Warum nicht einfach auswandern, in ein besseres Land? Natürlich ohne Pension und Krankenkasse. Und ohne Abstimmen dürfen etc. Kalte Füsse?

Die Schweiz ist das mit Abstand demokratischste Land der Welt. Ich habe über 80 Länder bereist und verbringe zwei Drittel des Monats auf allen anderen Kontinenten, mit Ausnahme des Südpols. Ich traue mir eine Meinung zu. Sie werden mir kein Land nennen können, welches auch nur annähernd halb so gut ist wie die Schweiz.

Zum Glück können Ausländer hier in der Schweiz nicht mitbestimmen! Deswegen nennt man sie ja Ausländer. Oder hab ich da was falsch verstanden? Es wird Ihnen nicht gelingen, die Schweiz zu demontieren, Herr Moser. Sie wollen die Allmacht der Bürger durch ein Verfassungsgericht beschränken? Was soll das denn, Herr Christof Moser?

Natürlich haben wir noch viele Dinge, welche einer Verbesserung bedürfen. Aber so vom hohen Ross daherzureden, ohne sich bewusst zu sein, wer den Gaul gefüttert hat, entbehrt jeder weiteren Beschreibung. Also lasse ich es.

Nur soviel; dass in einer Demokratie durch Manipulation der Elite auch Fehlentscheide gefällt werden können, ist faktisch richtig. Aber den gesunden Menschenverstand des Bürgers zu belächeln oder ihn gar zu verteufeln ist arrogant und dumm. Ich kenne Ihre Biografie nicht, und es ist auch unerheblich; Tatsache ist, dass man als moderner Mensch auch sozial sein kann, ohne sozialistisch zu sein! Die Schweiz ist nahezu PERFEKT ! Und ich bin sehr froh, Schweizer zu sein.

Schöne Grüsse aus Alaska.
Renato Stiefenhofer, am 29. Oktober 2012 um 04:02 Uhr
@) Renato Stiefenhofer, falls Sie tatsächlich «80 Länder» bereist haben, bewegt sich Ihr Horizont in bemerkenswert überschaubaren Grenzen.
Fred David, am 02. November 2012 um 07:56 Uhr
Herr Fred David, wo drückt der Schuh?
Renato Stiefenhofer, am 02. November 2012 um 08:10 Uhr
Bin auch froh ist diese «Nestbeschmutzer Serie» durch !
Obwohl ich nur in halb so viele Länder gereist bin, hat es mir gereicht um Herrn Stiefenhofer recht zu geben !
Vielleicht war es aber Herrn Moser gar nicht so ernst, oder er hat sich noch nicht genügend herumgeschaut ?
Also höchste Zeit mal in ein «wirklich Demokratisches Land zu verreisen", um vielleicht danach … auch für immer dort zu bleiben !? ... smile
Frau Carmey Bruderer, am 05. November 2012 um 18:04 Uhr
Herr Moser, das Volk hat immer recht oder was die Ossis sagten: «wir sind das Volk» und eben nicht irgendwelche Richter egal ob inländisch oder ausländisch. Dass das Volk in der Tendenz der Demokratie leider überdrüssig ist, ist schade aber kann man nicht verhindern. Auf jeden Fall ist mir eine DIREKTE Demokratie lieber als eine repräsentative, wie man es vor allem in Republiken kennt. Der Grund dazu ist einfach. Das Wort Bürger kommt ja von bürgen, d.h. wenn etwas schief läuft ist es immer der Bürger, der letztlich die Zeche zahlt. Von daher finde ich es einfach gerecht, dass dann auch das Volk das letzte Wort jeweils hat und nicht irgendeine gewählte Regierung, welche vom Bürger angestellt ist.
Raymond Frech, am 02. Dezember 2019 um 20:06 Uhr

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