Manche essen Kartoffeln am liebsten, wenn zuerst das Schwein sie gefressen hat ... © BR

Manche essen Kartoffeln am liebsten, wenn zuerst das Schwein sie gefressen hat ...

Wenig Schwein im (chinesischen) Jahr des Schweins

Peter G. Achten / 03. Mai 2019 - Das Schwein, auf dem chinesischen Speisezettel ein wichtiger Bestandteil, wird teurer und teurer: die Folgen der Schweinepest.

Den chinesischen Schweinen geht es an den Speck. Die afrikanische Schweinepest dezimiert die Bestände. Mit weitreichenden Folgen für Chinas Speiseplan und Wirtschaft.

Das afrikanische Schweinefieber, auch Schweinepest genannt, hat nach Europa jetzt auch das Reich der Mitte erreicht. Das afrikanische Schweinefieber ist eine hochansteckende fieberhafte Viruserkrankung und trifft alle Arten von Schweinen, also auch Wildschweine. Menschen werden davon nicht betroffen.

In allen 31 Provinzen

In Europa hat sich das Schweinefieber schnell verbreitet. Mittlerweile baut zum Beispiel Dänemark sogar Zäune, um deutsche Wildsauen abzuhalten. Erste Fälle wurden in China in der Nähe der nordkoreanisch-russisch-chinesischen Grenze im vergangenen August festgestellt. Von dort hat sich die Pest sehr schnell im Land verbreitet. Heute, nach nur neun Monaten, sind alle 31 Provinzen und Autonomen Gebiete Chinas betroffen.

«Lage sehr ernst»

Das Chinesische Landwirtschaftsministerium beurteilt die «Lage als sehr ernst». Nicht von ungefähr. China ist der weltweit grösste Produzent von Schweinefleisch und niemand auf der Welt isst so viel Schweinefleisch wie die Chinesinnen und Chinesen. Dass sich die Schweinepest derart schnell im Lande ausbreiten konnte, ist beim geltenden Meldesystem erstaunlich. Dennoch, vor allem grosse und mittlere Zuchtbetriebe auf dem lukrativen chinesischen Schweinefleischmarkt sollen bei der Meldepflicht tiefgestapelt haben.

«Die meisten Fälle wurden nicht gemeldet»

Die renommierte Hongkonger Tageszeitung «South China Morning Post» zitiert zur Stützung dieser These den Vorsitzenden der Hebei Dawu Landwirtschaftsgruppe Sun Dawu: «Die meisten Fälle wurden nicht gemeldet. Die Mehrheit der Schweinefarmen in der Provinz Hebei haben Fälle von Schweinepest gefunden, und die Situation ist ähnlich in den Nachbarprovinzen Henan und Liaoning.» Die chinesische Regierung hat unterdessen Gegensteuer gegeben. So zahlt sie Geldprämien für die Meldung erkrankter Tiere und richtet Entschädigungen aus für gekeulte Schweine, Muttersauen und Ferkel.

Auswirkungen weltweit

Die Schweinepest hat weitreichende wirtschaftliche Folgen. In der ersten April-Woche betrug die Preissteigerung gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr 36 Prozent. Chinesische Ökonomen prognostizieren bis Ende Jahr einen Preisanstieg von bis zu 70 Prozent. Das ist nicht nur eine schlechte Nachricht für Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch für die Wirtschaft insgesamt. Der Schweinepreis nämlich ist in China ein wichtiger Bestandteil zur Errechnung des Konsumentenpreis-Indexes. Da China über die Hälfte allen Schweinefleisches weltweit konsumiert, hat das Schweinefieber auch Auswirkungen weltweit. Es gibt nicht genug Schweinefleisch auf der ganzen Welt, um die Angebotslücke auf dem chinesischen Markt auszufüllen.

«Grosse wirtschaftliche Verluste»

Die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO rechnet mit «grossen wirtschaftlichen Verlusten» für die Schweinefleischindustrie. Bereits jetzt importiert China wieder im grossen Stil. Selbst aus den USA, wo wegen des Handelskrieges ein Importzoll von 62 Prozent fällig wird. Laut Angaben des amerikanischen Handelsministeriums sind Schweinefleischexporte nach China im laufenden Jahr um fast 40 Prozent auf zwei Millionen Tonnen gestiegen. Kletternde Schweinefleischpreise also nicht nur in China, sondern weltweit.

Kissinger verschlingt Hui Gou Rou

Schweinefleisch darf in dem zunehmend wohlhabenden China auf dem Speiseplan nicht fehlen. Schon gar nicht im laufenden Jahr des Schweines, das doch für Glück und Wohlstand steht. Die scharfe, doppelt gebratene Schweinespeise Hui Gou Rou aus dem Zentrum der chinesischen Schweinefleischindustrie Sichuan hat Mao Dsedong mit Gusto verspeist. Henry Kissinger soll bei seinem historischen China-Besuch Anfang der 1970er Jahre bei einem Staatsbankett gar zwei Teller davon verschlungen haben. Bei Westlern beliebt ist das Süss-Saure Schweinefleisch Koe Loe Yuk aus der Südprovinz Guangdong, das weltweit in praktisch sämtlichen China-Restaurants auf der Speisekarte steht.

Maos Leibspeise

Der Klassiker jedoch ist Mao Dsedongs Leibspeise, der rot geschmorte Schweinebauch Hong Shao Rou aus der Provinz Hunan. In Maos Heimatdorf Shaoshan wird – wie Ihr Korrespondent aus eigener Erfahrung bestätigen kann – jedem Touristen folgendes, für Westler freilich politisch «Inkorrekte» erzählt: «Die Männer essen Hong Shao Rou, um ihre Geisteskräfte zu stärken, die Frauen essen es, um schöner zu werden.»

Weniger auf dem Teller

Doch wegen der Afrikanischen Schweinpest geht im laufenden Jahr die Produktion von Schweinefleisch in China rasant zurück und die Preise ziehen steil nach oben. Weniger Schwein also auf dem Teller. Vielleicht kommt das der Regierung in Peking gar nicht so ungelegen. In einer Kampagne nämlich wird zur Reduktion des Fleischkonsums aufgerufen. Für den Klimaschutz einerseits und zum Wohle der öffentlichen Gesundheit andrerseits. Empfohlen zum Verzehr werden pro Person und Tag 40 bis maximal 75 Gramm Fleisch. Zahlen mögen verdeutlichen, worum es geht: Chinesinnen und Chinesen vertilgen rund 30 Prozent der weltweiten Fleischproduktion und gut 50 Prozent des Schweinefleisches. Zu Beginn der Wirtschaftsreform und der Öffnung nach Aussen Anfang der 1980er Jahre betrug der Fleischverbrauch in China pro Jahr per capita erst 13 Kilogramm. Heute sind es 60 Kilogramm (Indien 5 kg, Schweiz 53 kg, Österreich 65 kg, Deutschland 87 kg, Brasilien 90 kg, Argentinien 102 kg, USA 118 kg).

Klimaschutz

Dass China bei dieser Kampagne für weniger Fleisch für den Klimaschutz nicht ganz falsch liegt, zeigt folgende Statistik: Anfang des 19. Jahrhunderts, kurz nach Beginn der Industriellen Revolution, stand der Fleischverbrauch weltweit pro Kopf und Jahr im Durchschnitt bei 10 Kilogramm, und das bei nur einer Milliarde Menschen. Bis in die 1960er Jahre verdoppelte sich der Verbrauch bei einer Bevölkerung von drei Milliarden auf 20 Kilogramm. Heute, bei 7,5 Milliarden Menschen, sind es 40 Kilogramm.

Nach Verbrennung von Öl, Gas und Kohle ist Viehzucht weltweit der zweitgrösste Verursacher von Treibhausgasen. Für einmal könnten sich also auch dezidierte China-Kritiker dem Trend, will sagen dem «Wind» aus dem Osten anschliessen und sich für weniger Schwein im Jahr des Schweines einsetzen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Der Artikel insgesamt ist zutreffend und informativ zu einer wirklich massiven und gefährlich werden könnenden Sache für die Welternährung.

Der letzte Absatz zu China und «Klimaschutz» ist aber dafür wieder mal pures Wunschdenken und Betrachtungen Chinas, wie einen westlichen demokratischen Staat.

Bezüglich «Klimaschutz» fährt China mehrgleisig! Von künftiger Erwärmung der Erde bis hin zum baldigen Beginn einer «Neuen Kleinen Eiszeit» als Folge der derzeit quasi unexistenten Sonnenflecken, wir damals beim «Maunder-Minimum» der die Kleine Eiszeit im Dreissigjährigen Krieg einleitete. Chinesische und russische Wissenschaftler halten Beides für möglich und berichten auch immer wieder darüber. Doch in den deutschsprachigen Medien, kommt dazu allenfalls mal ein winziger Vierzeiler, wie in der BILDamSonntag 2017.

Die geniale Pekinger Parteiführung ist für das «Pariser Klimaabkommen» gewesen, weil sich damit die westlichen Konkurrenten faktisch verpflichten, ihre Industrie und Energieversorgung total zu demontieren. Dagegen dürfen China, Indien & Co. noch bis mindestens 2030 so weiterbauen wie derzeit (allein in China sind über 1000 neue Kohlekraftwerke im Bau und in Planung).

Wer Chinas kommunistische Langzeitplanungen kennt, wird sich im Jahr 2030 auch nicht wundern, wenn die Pekinger Führung dann «überraschend» verkünden wird, daß «neue Erkenntnisse zum Klima» und die Sonnenflecken, eine globale Abkühlung ergeben hätten. Somit Chinas «Adieu» zu «Paris» und das wars dann...
Werner Eisenkopf, am 03. Mai 2019 um 14:14 Uhr

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