Briten-Sehnsucht nach starkem Mann

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Jürg Müller-Muralt / 21. Apr 2019 - Das Vertrauen in die Politik ist in Grossbritannien am Boden. Autoritäre Tendenzen sind auf dem Vormarsch.

Das Brexit-Chaos hat zu einem massiven Verlust des Vertrauens in das politische System geführt. Seit 16 Jahren fühlt die britische Hansard-Society jährlich einmal den Puls der Bevölkerung – und noch nie haben die Politikerinnen und Politiker schlechtere Noten erhalten als im Jahr 2018, wie der kürzlich publizierte Bericht zeigt. Erstaunlich ist das nicht, beunruhigend aber schon. Denn die Umfrage bringt gleichzeitig einen fatalen Hang zum Autoritarismus an den Tag. Die desillusionierten Britinnen und Briten zeigen sich offen für einen autoritären Führer. Auf die Frage, ob «Grossbritannien einen starken Herrscher braucht, der auch bereit ist, die geltenden Regeln zu brechen», antworteten 54 Prozent der Befragten mit Ja und bloss 23 Prozent mit Nein.

«Potenziell toxisches Rezept»

Die grosse Skepsis gegenüber den Politikerinnen und Politikern, das Gefühl, dass diese nicht im öffentlichen Interesse handeln, und die Bereitschaft, radikale Lösungen in Betracht zu ziehen, sei «ein potenziell toxisches Rezept für die Zukunft der britischen Politik», sagte Ruth Fox, Direktorin der Hansard-Society, zur britischen Zeitung The Guardian. Und weiter: «Einen starken Führer zu wünschen, der bereit ist die Regeln zu brechen, oder zu denken, dass die Regierung in der Lage sein sollte, die Probleme des Landes ohne die Zustimmung des Parlaments anzugehen, würde die Kernprinzipien unserer Demokratie in Frage stellen.»

Referendums-Lust sinkt

Ironischerweise misstraut das Volk aber nicht nur den Parteien und Politikern, sondern in gewissem Sinne auch sich selbst. Jedenfalls ist die Lust der Briten auf Volksabstimmungen markant gesunken. Vor der Brexit-Abstimmung von 2016 befürworteten noch 76 Prozent der Befragten, dass dem Volk zentrale Fragen häufiger zur Abstimmung vorgelegt werden sollten. 2018 ist dieser Wert auf 55 Prozent gesunken.

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Eine Meinung

Nun man kann sich natürlich fragen, ist das UK-politische System überhaupt demokratisch? Das 'winner takes it all' Prinzip und die wechselnde Wahlkreisgeometrie (nicht so schlimm wie in den USA) entspricht nicht unserem Verständnis einer Demokratie. Meistens, fast immer, hat die Regierungspartei nie einen Gesamtstimmenanteil von 50,01 %, es sind %mässig immer weniger. Einzig die EU-Wahlen werden mit Verhältniswahlrecht durchgeführt.
Wenn dann, wie geschehen, noch Regierung/Parlament zu nichts verpflichtende Referenden abgehalten werden, dann ist die parlamentarische 'un-verhältnisswahlrechtsmässige' Demokratie im UK entlarvt. Dazu kommt noch, dass es im UK ja keine schriftliche Verfassung gibt.
Der sog. Brexitsalat ist wohl auch ein Grund um nach einer/m starken Frau/Mann zu rufen.
Mario Bernasconi, am 22. April 2019 um 21:01 Uhr

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