Der Ararat – heute auf türkischem Staatsgebiet (siehe im Text unten) © Wikipedia

Der Ararat – heute auf türkischem Staatsgebiet (siehe im Text unten)

… und wieder sind sie die Opfer der Türkei: die Armenier …

Christian Müller / 23. Okt 2020 - Ein neues Buch von Amalia van Gent über Armenien gibt dem hierzulande wenig bekannten Land ein Gesicht – unvorhergesehen aktuell.

Armenien! Den Namen öfters gehört, aber kaum beachtet?

Armenien im Kaukasus ist ein Land mit einer langen und oft traurigen Geschichte: Es war das erste Land, das den christlichen Glauben zur Staatsreligion erklärte, im Jahr 301, also zwölf Jahre, bevor der Römische Kaiser Konstantin die christliche Religion zuliess, um sie 324 sogar zur Staatsreligion zu machen. Armenien, ein kleines Binnenland, mit heute rund drei Millionen Einwohnern, ohne Bodenschätze wie das muslimische Nachbarland Aserbaidschan, das über reiche Ölquellen verfügt. Armenien ist dafür reich an historischen Schätzen, reich an alten Klöstern, und auch reich an wachem Geist. Nicht zufällig gab es auch im Westen zur Zeit der Sowjetunion, zu der Armenien damals gehörte, die träfen Witze von «Radio Jerewan», wie sich ältere Semester auch heute noch erinnern können. Anfrage an Radio Jerewan: «Was ist der Kapitalismus?» – Antwort von Radio Jerewan: «Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen». Zusatzfrage: «Und was ist der Kommunismus?» – Antwort von Radio Jerewan: «Da ist es genau umgekehrt».

Die Armenier waren in ihrer Geschichte immer und immer wieder die Verfolgten. Am schlimmsten im Jahr 1915, als die damals erfolgreichen Jungtürken zur Ermordung und zur Vertreibung der Armenier aufriefen und über eine Million Armenier umgebracht wurden. Einer der schlimmsten Genozide der Weltgeschichte! Und bis heute für die Armenier ein kollektives Trauma, zumal die offizielle Türkei diesen Genozid immer noch bestreitet.

Und jetzt, seit Ende September, Krieg mit dem muslimischen Nachbarland Aserbaidschan, das nach den Worten Tayyip Erdoğans «in jeder möglichen Form und bedingungslos von der Türkei unterstützt» wird. Zwischenzeitlich erwiesenermassen sogar mit dem Einsatz von bezahlten dschihadistischen Kämpfern.

Amalia van Gents Buch «Aufbruch am Ararat» ist ein Glücksfall für alle kulturell und geopolitisch Interessierten. Die Autorin, die viele Jahre NZZ-Korrespondentin in Istanbul war, kennt den Kaukasus von unzähligen Aufenthalten sehr gut und hat zu allen Seiten enge Beziehungen. Sie beschreibt die phantastisch schönen Landschaften von Armenien, sie erzählt von persönlichen Begegnungen, sie berichtet über die politischen Auseinandersetzungen und Entwicklungen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wer das Buch gelesen hat, hat eine klare Vorstellung von diesem Land und seiner Bevölkerung, seinen Problemen – und nicht zuletzt auch davon, wie oft es leiden musste. Und jetzt in einen neuen Krieg verwickelt ist – mit einem Nachbarland, das von der Türkei, einem NATO-Mitglied, massiv unterstützt wird.

Der heutige Nationalismus ist neu

Was man aus dem Buch auch lernt: Zu Zeiten der Sowjetunion war Nationalismus ein Fremdwort. Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, war damals ein echtes Multi-Kulti-Zentrum. Sie lebten zusammen, die Muslime, die Christen, die Juden, keiner war dem anderen fremd. Zitat aus dem Buch: «Schach-Weltmeister Garry Kasparow antwortete Grenzbediensteten auf die Frage nach seiner nationalen Identität beispielsweise ausschliesslich mit: Bakuvianer. Als Sohn eines jüdischen Vaters und einer armenischen Mutter fühlte auch er sich in erster Linie seiner multikulturellen Stadt zugehörig. Baku galt bis 1990 als das multikulturelle Zentrum des Südkaukasus par excellence. Gemäss der letzten sowjetischen Volkszählung lebten 1979 in der Stadt 530'000 Aserbaidschaner:innen, fast 23'000 Russ:innen, 167'000 Armenier:innen, rund 23'000 jüdische Menschen und 63'000 Mitglieder anderer Nationalitäten.»

Und heute? Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien. Selbst die beiden von Moskau vermittelten Waffenstillstände haben bisher nicht gehalten (Stand 19. Oktober).

«Aufbruch am Ararat: Das neue Armenien». Ein Buch, das man interessiert und mit Gewinn liest. Ein Land, das man anschliessend besser versteht und das einem auch aus der Ferne fast ein bisschen ans Herz wachsen kann.

Ein einziger, kleiner, in meinen Augen negativer Punkt: Das ganze Buch wurde für uns «Leser:innen» geschrieben: also mit dem Doppelpunkt in der Mitte vieler Wörter, um gendergerecht zu sein. Wenn dann allerdings die «Jungtürken» den «Bürger:innen» «Brüderlichkeit» in Aussicht stellen (Seiten 26/27) oder aus «reichen Armenier:innen» «Oligarchen» werden (S.154), oder wenn sich die «Osmanen, Perser und Araber» blutige Kämpfe liefern (S.23) und ein «armenischer Atheist» als «Widerspruch in sich selbst» empfunden wird (S.143), die «Armenier:innen» aber ärmer als ihre «Nachbar:innen» sind (S.160), dann ist man schon etwas irritiert. Die Jungtürken, die Osmanen, die Araber, die Oligarchen, die Atheisten, also alle «Bösen» nur in der männlichen Form? Nein, wer die fachlich äusserst kompetente und menschlich liebenswerte Amalia van Gent als journalistische Kollegin persönlich kennt, der geht davon aus, dass die sogenannt gendergerechte Schreibweise nicht aus ihrem Herz kommt, sondern ihr aufgeschwatzt wurde – von wem auch immer. Schade.

Man sollte das Buch trotzdem lesen!

Zum Aufmacherbild oben:

Ansicht des armenischen Klosters Chor Virap. Das Kloster ist eine der am meisten besuchten Pilgerstätten in Armenien und liegt am Fusse des im Hintergrund sichtbaren Berges Ararat. Der Legende nach wurde hier Gregor der Erleuchter, durch dessen Wirken Armenien im Jahr 301 als erstes Land der Welt das Christentum als offizielle Religion annahm, für 13 Jahre durch König Trdat (Tiridates) III. von Armenien gefangengehalten. Durch Katholikos Nerses III., «den Erbauer», wurde im Jahr 642 eine Kapelle zur Verehrung des heiligen Gregor erbaut. Über die Jahrhunderte wurde das Bauwerk wiederholt erneuert. Die heutige Form stammt aus dem Jahr 1662. Kloster Chor Virap spielt eine bedeutende Rolle im armenischen Nationalbewusstsein. Dies ist die zum Berg Ararat nächstgelegene Stelle auf armenischem Gebiet. Der Ararat, der Nationalberg der Armenier, der auch im Wappen Armeniens abgebildet ist, liegt seit 1921 auf türkischem Staatsgebiet. (Wikipedia)

Es ist unendlich tragisch, was sich jetzt im Kaukasus abspielt. Und es ist eine Schande für Deutschland und für ganz Europa, dass sich selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel der Flüchtlinge und der NATO-Mitgliedschaft wegen nicht mehr getraut, dem türkischen Staatschef Erdoğan «Halt!» zuzurufen.

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Das neue Buch von Amalia van Gent «Aufbruch am Ararat; Das neue Armenien», in dem die Geschichte Armeniens bis ins Jahr 2020 hinein detailreich und spannend erzählt wird, kann im Buchhandel jetzt bestellt werden. Es wird in den nächsten Tagen ausgeliefert.

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Zur aktuellen Situation in Armenien siehe auch

«Warum Neutralität Parteinahme ist» (Die Analyse des Kaukasus-Spezialisten Leo Ensel)

«Aserbaidschan und Armenien am Rande des Abgrunds» (Amalia van Gent am 29. September auf Infosperber)

«Moskau vermittelt Waffenruhe im Berg-Karabach-Konflikt» (Amalia van Gent am 10. Oktober auf Infosperber)

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4 Meinungen

Es ist wirklich tragisch, was sich im Kaukasus abspielt. Natürlich ist jeder normal denkende Mensch auf der Seite derer, die das Gebiet bewohnen und die, wie wir alle, in Frieden leben wollen. Ich denke aber, dass der von Soros per Farbrevolution vor zwei Jahren an die Macht gebrachte Paschinjan ein US-Werkzeug ist wie Saakaschwili 2004 in Georgien oder Poroschenko u.a. in der Ukraine. Die USA wollen alle ehemaligen Sowjetrepubliken gegen Russland positionieren und US-Stützpunkte dort einrichten, sie finden auch willige oder käufliche Mitspieler, die zu diesem Zweck Konflikte auf Kosten der Bevölkerung schüren. Daran ebenso wie an so peinlichen Unternehmungen wie mit Tichanowskaja in Belarus oder mit Guaido in dem mit Russland befreundeten Venezuela beteiligen sich die Politikdarsteller der EU ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Sie lassen auch die Türkei ihre völkerrechtswidrigen Kriegsaktionen in der Region völlig ungeschoren durchführen, dienen sie doch letzten Endes damit westlichen Interessen, selbst wenn Erdogan glaubt, er könne so das Osmanische Reiche wieder entstehen lassen, das er, wenn, dann nur als Vasall der NATO würde halten können.
Brigitta Küster-Sartori, am 23. Oktober 2020 um 12:09 Uhr
Wenn man bei Aserbaidschan die gleichen moralischen Masstäbe ansetzen würde wie bei Weissrussland und Russland, müsste Aserbaidschan längst ein boykottiertes Land sein. Der muslimische Ditktator Ilham Alijew hat gute Bezeihungen zum Westen, auch zur Schweiz, und er hat die gleichen Interessen wie Erdogan: nämlich die Vertreibung (Eliminierung?) der christlichen Mindeheiten im Kaukasus. Sie haben einen langen Atem dabei und es kann ihnen nichts passieren, die Türkei ist NATO-Mitglied und die guten Geschäfte mit Aserbaidschan sind den westlichen Politikern wichtiger als Menschenrechte.
Bernhard Ramp, am 23. Oktober 2020 um 15:46 Uhr
Die „armen verfolgten“ Armenier sind unverschämt. Anscheinend träumen sie von einem Großarmenien, das sie in der Antike hatten, wie eine Karte in einer U-Bahnstation in Jerewan zeigt. Die Region Bergkarabach gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan und wurde 1993 von armenischen Streitkräften und Freischärlern besetzt, wobei eine Million Aserbaidschaner vertrieben wurde. Damals war Aserbaidschan richtig funktionierender Staat und konnte diesen Teil seines Staatsgebietes nicht verteidigen oder zurückerobern. Bis zur jüngsten Provokation durch die Regierung Paschinjan hielt Aserbaidschan diesem Unrecht gegenüber still. Es ist der jetzigen aserbaidschanischen Führung gutes Recht, ihre militärischen Aktivitäten solange fortzusetzen, bis Bergkarabach und die umliegenden ebenfalls besetzten Gebiete wieder zurückerobert sind. Armenien wird von Frankreich unterstützt, warum sollte Aserbaidschan da nicht das Recht haben, sich von der Türkei unterstützen zu lassen?
Von einem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs kann nicht Rede sein, da es dieses Volk ja heute noch gibt und der jungtürkischen Regierung kein Vorsatz nachgewiesen werden konnte, die Armenier ausrotten zu wollen. Vielmehr wurden sie als mögliche fünfte Kolonne der vorrückenden russischen Armee gesehen und deshalb zwangsweise umgesiedelt, wobei wegen der widrigen Umstände sehr viele die Deportation nicht überlebten. Aus Istanbul bspw. wurden keine Armenier deportiert, da sie dort keine Gefahr darstellten.
Frank Bubenheim, am 24. Oktober 2020 um 02:56 Uhr
Geschätzte Redaktion Danke für diese Buchbesprechung – ich werde es auf jeden Fall lesen! Was ich nicht verstehe, ist, warum Sie den Beitrag von Frank Bubenheim freigeschaltet haben. Man kann sehr verschiedene Ansichten zu den Vorfällen haben und soll diese auch äussern dürfen. Bei der Leugnung von Völkermord hört es aber auf. Mit seiner abstrusen Argumentation käme Herr Bubenheim wohl auch zum Schluss, dass es keinen Völkermord an den Juden gegeben habe, da es ja heute noch Juden gebe und sogar noch einen Staat Israel. Bitte (zumindest den letzten Absatz) löschen!
Carsten Schmidt, Bern
Carsten Schmidt, am 24. Oktober 2020 um 23:03 Uhr

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