kontertext: Spiele wei(s)ser Männer

Silvia Henke © cc
Silvia Henke / 27. Sep 2018 - Zum Beispiel Köppel, zum Beispiel Kessler: Was könnte die Kategorie «weisser Mann» leisten im aktuellen politischen Diskurs?

Weisheit ist eine eher selten gewordene oder selten gewürdigte Tugend. Sie soll dennoch am Ende dieses Kommentars auftauchen. Die «Weissheit» von Männern jedoch ist eine neue Erkenntniskategorie, deren Nützlichkeit noch nicht genügend erprobt ist im aktuellen Diskurs. Denn die Wut schlägt der Bezeichnung entgegen, bevor die Männer zum Nachdenken kommen, wie Daniela Janser in der WoZ-Kolumne «Auf allen Kanälen» vom 13.9.2018 schön aufzeigt: «Weisser Mann, was nun?» Ich möchte den Ball aufnehmen, weniger mit Blick in die Geschichte als mit einer Momentaufnahme einer schweizerischen Diskursöffentlichkeit.

Roger Köppel

Roger Köppel ist ein weisser Mann, der überall vom Recht der freien Rede Gebrauch macht.

Dass er einflussreich und immer fanatischer am rechten Rand der Schweiz Journalismus und Politik verwechselt bzw. gezielt vermischt, macht ihn für die Welt der weissen Männer nicht nur verdächtig, sondern auch interessant. Er wird eingeladen, er wird befragt, man hält ihm das Mikrophon hin, baut ihm als Lieblingsfeind Sendegefässe (wie damals Radio 1: «Roger gegen Roger»); Roger Schawinski, trotz intensiver Bräunung auch ein weisser Mann, nahm ihn sich auch in seiner TV-Sendung immer wieder gerne zur Brust.

Jetzt hat ein anderer weisser Mann, einer aus dem linken Spektrum, sogar eine Biographie über ihn vorgelegt unter einem witzigen Titel. «In Badehosen nach Stalingrad. Der Weg von Roger Köppel.» Der ehemalige Tagesanzeiger- und WoZ-Journalist Daniel Ryser, der jetzt bei der Republik arbeitet, hat einiges an Lebenszeit investiert, um herauszufinden, wer Köppel «eigentlich» ist.

Dabei stehen im Zentrum des Buches nicht in erster Linie die Macht-Spiele der weissen Männer, mit welchen sie ihre Interessen durchsetzen. Nicht die Kapitalströme und Übertretungen, die Köppel vor den Presserat geführt haben. Nicht die Nähe zur AfD, deren faschistoide Gesinnung aktuell immer mehr zu Tage tritt und die im Spektrum deutscher Medien mit unermüdlichem Scharfsinn aufgedeckt wird. Nein, Daniel Ryser versuchte etwas anderes. Ihm ging es methodisch um eine Annäherung an die Person Köppel – und so steht im Zentrum seines Buches Köppels komplexe Persönlichkeit, seine schwere Jugend, die ihn zu seiner Selbstgerechtigkeit und seinem unbedingten Willen zur Macht geführt haben.

Vielleicht hat Ryser damit auch eine Identitätsmarke gefunden, wenn es um das Profil «weisser Männer» geht. Sie sind sich selber Mass aller Dinge. Und sie sind überzeugt, sie müssten niemandem zuhören, weil sie näher an der Wirklichkeit seien als andere. Das ist nicht die Eigenschaft einer benachteiligten Minderheit, sondern das Erfolgsrezept normaler männlicher Karrieren. Dennoch ernten sie damit auch im linken Spektrum durchaus Respekt und Sympathie. So hat sich auch in der WoZ-Rezension von Hanspeter Spoerri bei aller Kritik leise Bewunderung eingeschlichen für den seltsamen «Weltwochen»-Chef.

Sicher: Rysers Porträt ist feinfühlig und journalistisch einwandfrei. Es ist aus vielen Perspektiven und Stimmen zusammengefügt und versammelt viele Fakten. Dennoch erliegt es einem Missverständnis, welches Hannah Arendt als Beobachterin des Eichmann-Prozesses 1961 zugespitzt (und auch oft missverstanden) als die «Banalität des Bösen» bezeichnet hat. Gemeint ist damit ganz einfach, dass die Selbstverständlichkeit, mit welcher Menschen bereit sind, anderen Unrecht und Gewalt anzutun, nichts mit ihrem Charakter oder ihrer Kindheit zu tun haben muss – es geht um gesellschaftliche Mechanismen, die es ermöglichen, dass so etwas wie Faschismus möglich ist. Und diese gesellschaftlichen Mechanismen sind männlich. Transaktionen wie jene zwischen Tettamanti und Köppel, Filiationen wie jene zwischen Blocher und Köppel sind Teil eines männlichen Spiels, das sich nicht selber beobachten kann. Die mythische Schilderung, wonach Köppel nach der Begegnung mit Christoph Blocher ein anderer Mann war, ändert nichts daran, dass ihr gemeinsames Ziel einer Übernahme der politischen Mehrheit in der Schweiz grössenwahnsinnig ist.

Aber die Faszination ist nun einmal da. Und so hat die Republik Roger Köppel diese Woche nochmals vors Mikrophon geholt und ihn mit seinem Biographen befragt – zu einem Buch, das er notabene nicht gelesen, zu dem er aber durchaus eine «Meinung» hat. Nach einem sanften Dribbling des Moderators Urs Bruderer zur schweren Kindheit Köppels, ist es endlich dieser selbst, der die psychologische Verbindung zwischen seiner Jugend und seinem politischen Weg kappt: «Man darf mich nicht verharmlosen.» Damit hat er recht. Und damit war auch das Terrain offen für die schwierigen Fragen nach der Verstrickung mit Tettamanti, dem Verrat von Freunden und der Berichterstattung zu Chemnitz.

Ryser konnte dabei klar machen, wo das Problem eines Mannes ist, der meint, er sei in der medialen Landschaft ein einsamer Rufer im Mainstream linker Presse. Köppel ist im Gegenteil Treiber einer medialen Entwicklung nach rechts, die gemäss akribischen Medienbeobachtungen die ganze Schweizer Presselandschaft erfasst hat. Er ist Mainstream und hält sich für einzigartig – und das ist das Gefährliche. So hat er auf alles eine Antwort, und wenn nicht, lacht er die Frage weg. Denn er hört nicht gerne zu, hält lieber Reden. So erzählt er zum Schluss, dass er eben vor 500 Menschen eine Rede hielt und alle ihm frenetisch applaudierten. Das war seine Antwort auf die Frage nach dem Verlust von ehemaligen Weggefährten. Männerspiele haben eben auch ihren Preis. Eigentlich ist es ein trauriges Buch geworden, meint Bruderer am Schluss. Das kann man (Mann) so sehen.

Thomas Kessler

Auch Thomas Kessler ist einer der weissen Männer, die sich frei überall äussern können und die auch zu fast allem eine Meinung haben: Stadtentwicklung, Drogenpolitik, Integration, Fussball, Landwirtschaft, Unternehmens- und Medienpolitik. Er fühlt sich überall berufen – und wird berufen. Denn zieht er sich einmal auf seine Tessiner Alp zurück, dann wird er dort von Journalisten besucht, die ihm eine Home-Story bescheren. Der Versuchung, mächtige weisse Männer von Nahem zu betrachten, erliegen Journalisten gerne. Die Aufmerksamkeitsfalle, die Matthias Zehnder so treffend in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat, verlangt Personalisierung von Kultur und Politik – statt Analyse. Also erfahren wir in Carole Kochs Porträt viel Stimmungsvolles über den Mann, der (neben Guy Morin) für die FDP gegen die grüne Nationalrätin Sibel Arslan ins Rennen steigen wird. Von der Alp oben sieht er seine Kritiker als Neider und als das, was sie für ihn sind: «Gartenzwerge». Um es nun politisch aufs nationale Parkett zu schaffen, ist ihm jede «promotion» willkommen.

Wird er nicht gefragt, greift er selber zur Feder und äussert sich in der Basellandschaftlichen Zeitung, für welche er auch als Berater fungiert, in einem «Gastkommentar» zu Gott und der Welt. So letzte Woche. Am 11. September erklärt Kessler, was für einen weissen Mann «teure Courage und billige Bigotterie» ist: Mut ist demnach, komplexe Identitäts-Debatten zwischen Rassismus und Zugehörigkeit, wie sie in diesem Sommer geführt wurden, mit einem Wisch nicht nur für überflüssig, sondern auch für lächerlich zu erklären. Im Visier hatte er den Doppeladler der albanisch-stämmigen Schweizer Fussballspieler und das Negermädchen-Logo der Basler Guggenmusik «Negro-Rygass». Die Menschen in Afrika, die er kenne, hätten sich gewundert und amüsiert, so Kessler. Von hoch oben sieht das Problem winzig aus.

Adrian Plachesi

Damit wäre nochmals eine Spielmarke des weissen Mannes gefunden: Er ignoriert geflissentlich alles, was geschrieben, gesagt und gedacht wurde, um sich mit dem Weitblick auf die «Überflussgesellschaft» am eigenen Horizont wie aus dem Nichts aufzurichten. Überflüssig ist in diesem Fall allerdings einzig Kesslers Kommentar. Denn im Zuge der Debatten um das rassistische Logo von «Negro-Rygass» hat etwas stattgefunden, was man Aufklärung nennen muss – im besten Sinn. Zeuge davon konnte man an einem Podium sein, das die TagesWoche Ende August lanciert hat und an welchem neben Serena Dankwa und Jovita Pinto vom Netzwerk «Black She» und dem schwarzen Rapper Manuel Gagneux zwei weisse Männer sassen. Der eine von ihnen, Georg Kreis, brauchte keine Aufklärung, er wusste alles. Der andere jedoch hat mich beeindruckt – an ihm war gewissermassen in nuce an diesem Gespräch nachzuvollziehen, was es heisst, öffentlich nachzudenken – und seine Meinung zu ändern. Adrian Plachesi, Telebasel-Journalist und leidenschaftlicher Verteidiger der fasnächtlichen Freiheit, hörte den Frauen auf dem Podium wirklich zu – und schaffte es plötzlich, sich vorzustellen, warum die dunkelhäutige Mutter sich mit und vor ihrer ebenfalls dunkelhäutigen kleinen Tochter schämt, wenn sie sich als Sklavennegerli repräsentiert sieht an der Basler Fasnacht. Und warum das nicht gleich lustig ist wie der Anblick eines Waggis, eines Harlekin, Teufels oder einer alten Tante, die niemals wegen ihrer «Rasse» erniedrigt wurden.

Was Adrian Plachesi also völlig unspektakulär öffentlich kundtat, war ein kleines Ereignis von grosser Tragweite: Er bewies Zuhörfähigkeit. Das ist das rare Merkmal eines weisen Mannes, der es wagt, eine wirkliche Gesprächsbeziehung einzugehen. Es ist das, was heute so oft fehlt auf den Kanälen der «freien Rede» und den Meinungsbühnen grosser weisser Männer. Statt einer Meinung hatte Plachesi Fragen – und teilte so eine Erfahrung.

Adorno

Man hätte sich am 11. September statt Thomas Kessler auch einen Gastkommentar zu Adorno vorstellen können. Es war sein Geburtstag. Adorno erkannte die Gefahr des «pathischen» Meinungsäusserns schon früh: «Überhaupt eine Meinung haben, urteilen, dichtet sich schon in gewissem Mass gegen die Erfahrung ab und tendiert zum Wahn…»

Als Warnung gegen die Spiele meinungsstarker weisser Männer ein weises Wort.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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3 Meinungen

Also, eine weisse Frau, privilegiert, etabliert, mit überdurchschnittlichem symbolischen und kulturellen Kapital will offenbar mit zwei, drei weissen Männern exemplarisch die Struktur erklären. Nur: wie diese gesellschaftliche Struktur nun genau beschaffen sein soll, darüber wird quasi nix gesagt. Offenbar reden sie zu viel und hören zu wenig zu. Aber: sind diese Struktureigenschaften nicht austauschbar: beispielsweise Frau und gelb oder schwarz? Und hat das wirklich etwas mit dem Geschlecht und der Hautfarbe zu tun? Hat es nicht viel mehr mit Ressourcen, Positionen im sozialen Raum (beispielsweise nach Pierre Bourdieu), mit dem Besitz von unterschiedlichen Kapitalsorten zu tun? Weisser Mann als Strukturkategorien erklären so unvermittelt quasi nix, sondern es sind inhaltsleere Labels, die einer Identitätspolitik geschuldet sind, bei denen es weniger um Erklärung als vielmehr um Markierung, Etikettierung und ab und an Dämonisierung geht. Und zudem sind diese Labels sogar noch erheblich undifferenziert und ausserdem unterkomplex.
Mark Smith, am 27. September 2018 um 12:16 Uhr
Danke Silvia Henke, das ist hochintellektueller, satirischer Trost und Hoffnung für «weise» Männer. Allerdings einmal mehr nur Analyse einer weisen Frau, kein Rezept für die Domestizierung der Spezies «weisse Männer». Aber zum Glück hat eine andere weise Frau das Rezept dazu geschrieben: es ist Svenja Flasspöhler mit ihrer Streitschrift «Die potente Frau» (Ullstein Streitschrift, 2018). Flasspöhlers Rezept ist radikal: Potente Frauen, verweigert euch diesen «weissen» Wichtigtuern, damit sie sich nicht vermehren. Denn in die Psychiatrie lassen sie sich freiwillig nicht einliefern. Hilfe kann nur von Flasspöhlers «potenten Frauen» kommen, auf Männer, ob «weise» oder «weisse», ist kein Verlass.
Walter Schenk, am 27. September 2018 um 12:34 Uhr
Um eine „Momentaufnahme schweizerischer Diskursöffentlichkeit“ ging es Silvia Henke, und die ist scharf aber differenziert und respektvoll ausgeleuchtet. Ich finde darin weder Dämonisierung noch Etikettierung, wohl aber Anregung zum öffentlichen Zuhören und Nachdenken - und das können tatsächlich Männer auch (lernen), wie der Bericht aus dem Podium der TagesWoche zeigt.
Verena Labhardt, am 27. September 2018 um 22:53 Uhr

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