Kommentar

kontertext: Service public mit Geschmäckle

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des AutorsMathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er ©

Mathias Knauer /  Ohne umfassende Medienkritik in den Medien fehlt auch die Debatte über die Rolle der Medien in der Ökonomie des Kulturschaffens.

Unsere einzige Radiosendung, die den Medienwandel regelmässig und kritisch begleitet, Médialogues bei RTS, hat bei der letzten Sparrunde Federn gelassen und an wissenschaftlicher Qualität eingebüsst. Die Doppelmoderation fiel; der Stil hat sich dem Biedersinn der tagauf tagab plätschernden Plauderstündchen angenähert. Mehr und mehr werden zentrale Konfliktzonen gemieden und stattdessen erscheinen ephemere Illustrierten-Stoffe von der Art «Wer-mit-wem».
Es ist ein altbekanntes Problem, dass der Journalist, sobald es um die eigenen Angelegenheiten geht – etwa um seine Urheberrechte oder Gewerkschaftsforderungen –, von Beisshemmung ergriffen wird, und dass es in den meisten Medien verpönt ist, innermediäre Differenzen und Skandale mit den eigenen Konsumenten oder Abonnenten freimütig und kritisch zu diskutieren. So wurden die Kämpfe um den Studiostandort Bern, die Auseinandersetzungen innerhalb (und dank) der streitbaren SRG-Genossenschaft Bern Freiburg Wallis oder die gerade das Trumpspektakel ablösenden Geschichten rund um Mobbing, übergriffige Leute und Karrierismus bei RTS hausintern mit Samthandschuhen angefasst und ihre grundsätzlichen Dimensionen kaum untersucht.
Erfreulich, dass mit «@mediasres» der Deutschlandfunk sich noch werktäglich ein Medienmagazin leistet. Es wird dort – auch wenn nur mit Kurzbeiträgen – in handwerklich solid gebauten Texten und Montagen kritisch über ein breites Spektrum von Entwicklungen gehandelt, die in ihrer Summe heute die Medienlandschaft verändern.
So hörte man vergangene Woche Beiträge zur Auslagerung der gesamten Informatik an Amazon und Microsoft durch die Deutsche Bahn AG (nicht weniger fraglich handeln auch unsere Post und die SBB) – aus medienpolitischer Sicht quasi landesverräterische Vorgänge. Oder zur kniffligen Frage, ob ein Bundesministerium mit Google kungeln darf, um das Ranking seiner Seiten zu manipulieren – um also auf den Suchresultatseiten zuoberst zu erscheinen –, womit die Behörde aber aufwendige Recherchen der ums Überleben kämpfenden einheimischen Presse auf Folgeseiten abdrängt, die bekanntlich vom grossen Publikum selten aufgesucht werden .
Einen Schweizer, der mit dem monopolistischen SRG-Radio aufgewachsen ist, verblüfft es, dass in Deutschland ein öffentlich-rechtlicher Sender einen anderen offen kritisieren kann. So geschehen in einem Beitrag von Claudia van Laak zu einer «spontanen» Corona-Kulturaktion des Berlin-Brandenburger Rundfunks unter dem Motto «Der rbb macht Kultur».
Schon die Pressemitteilung des Senders vor dieser Aktion hatte einen falschen Zungenschlag. Die Intendantin liess sich dort mit der frömmelnden Ankündigung zitieren: «Der rbb hat schon im Frühjahr und Sommer Kulturveranstaltungen zu den Menschen gebracht und so auch die Kulturschaffenden unterstützt. Das war uns wichtig und fand viel positive Resonanz. Daran schliessen wir nun an und freuen uns mit unserem Publikum auf die Kraft der Bühnen und Museen, die wir auf diese Weise auch in dieser erneut einschränkenden Zeit erleben können.»
Das biblisch turtelnde «zu den Menschen gebracht» verschleiert den Umstand, dass mit dieser Aktion nach den Fernsehspätnachrichten nicht «Kultur gemacht», sondern nur übertragen wird – und dies, wie der Beitrag des Deutschlandfunks uns bekanntmacht, ohne dass die Künstler dafür honoriert werden.
Mit ungenierter Dreistigkeit meint der zweifellos wohlbestallte Programmdirektor Schulte auf den Vorhalt der Autorin:
«Die kriegen keine Honorare, die machen das, weil sie sich freuen, dass sie statt zu Hause zu sitzen ’ne Gelegenheit haben, zumindest einem breiteren Publikum zu zeigen, wie ihr Auftritt ausgesehen hätte.» – «Was wir schaffen ist Aufmerksamkeit für die Kulturschaffenden… Weil die natürlich – und gerade die Soloselbständigen – unter der Corona-Situation jetzt besonders zu leiden haben. Und der rbb ist ja hier ein grosser Partner der Kultur in Berlin und Brandenburg. Und deshalb haben wir auch auf diese Notlage jetzt in Corona ein grosses Augenmerk.»

Solidarische Nothilfe oder Sparprogramm?
Die Berliner Koalition der freien Kulturschaffenden moniert darüber hinaus, dass die ausgewählten Künstlerinnen, Akteure und Institutionen gerade zu jenen gehören, die am wenigsten zu leiden haben, weil sie – wie der Intendant der Schaubühne Thomas Ostermeier – mit gesicherten Etats rechnen können, oder weil sie zu den schon arrivierten Artisten zählen. Zwar fehle in der freien Szene häufig das Geld, Öffentlichkeitsarbeit, Pressearbeit zu machen. Doch die Musikwissenschaftlerin und Gräzistin Bettina Bohle lenkt – wenn auch in sordinierter Rede – den Blick auf den wunden Punkt.
«Und trotzdem ist es natürlich so, dass der rbb als öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Fernsehen einen verfassungsgemässen Programmauftrag hat, die Vielfalt des kulturellen Lebens auch abzubilden: und da könnte man schon etwas mehr tun.»
Die rbb-Aktion dürfte, wie unsere Kulturmanager sagen würden: «kostenneutral» sein – gesendet zu nachtschlafener Zeit (es geht keine Werbekundschaft verloren), ohne zusätzliche Mittel für das notleidende Kulturschaffen, ohne Investition in dessen Vielfalt, die ja nicht erst von Corona bedroht ist.
Der Fall reiht sich ein in die derzeit generelle Diskussion über die Ökonomie der Kulturfinanzierung. «Die Politik muss sich mit der Frage beschäftigen, ob die wünschenswerte, verbesserte Absicherung der freiberuflichen Klassik-Profis durch Kürzungen bei den festangestellten Musikerinnen und Musiker querfinanziert werden soll», schreibt etwa der Musikkritiker Frederik Hanssen im Tagesspiegel zum Thema des Zweiklassen-Systems bei der Orchesterfinanzierung, das freie Ensembles derzeit in den Ruin führt.

Und in der Schweiz?
Als das Schweizer Fernsehen SRF im April verkündete, ausser Plan eine Reihe von Schweizer Filmen auszustrahlen, um die seuchenbedingten Folgen der Kinoschliessungen und die vielen anderen Verluste der «Filmbranche» abmildern zu helfen, wirkte das auf uns Filmschaffende, von denen dazu die Anregung kam, zunächst generös. Dann aber zwiespältig, als man las, dass die handverlesenen Filme nicht etwa zu kinoüblichen Zeiten, sondern am Programmrand ausgestrahlt werden sollten, nicht zu reden davon, dass nur ältere Filme «berücksichtigt» wurden, deren Rechte SRF längst erworben hatte. Eine engagierte Solidaritätsaktion unseres «grossen Partners der Kultur» konnte man dies nicht nennen.
Jetzt kündigt SRF in einer Pressemitteilung vom Wochenende «Unterstützungsprojekte für Kulturschaffende» an. So wolle Radio SRF2 ein zusätzliches «Programmfenster für Lesungen und Diskussionen im Rahmen eines zweiwöchigen Literaturfensters» anbieten. Schon der Begriff Fenster macht einen stutzig, er lässt einen nicht an ein neues gestalterisches Engagement einer Redaktion denken. Über die Finanzierung dieser Unterstützungen, für die es bei einem solchen Nothilfeprogramm ankäme, will SRF auf Anfrage nur soviel bekanntgeben: Die Kulturschaffenden sollen nicht honoriert, sondern «für den Aufwand entschädigt» werden; für die Künstlerinnen und Künstler stellt der Sender demnach, wie das Communiqué schon vermuten liess, in dieser Krise keine Sondermittel bereit. Die plakatierte Unterstützung zeigt sich als blosses Rearrangement bestehender Aktivitäten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

Zum Infosperber-Dossier:

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