kontertext: SRF - Von allen guten Geistern verlassen?

Mathias Knauer © Barbara Davatz
Mathias Knauer / 09. Sep 2020 - Die angekündigten Umwälzungen bei Radio und Fernsehen SRF rufen nach einer breiten und gründlichen medienpolitischen Diskussion.

Eine Meldung im «Blick» schlug im Juni Alarm: die werktägliche Kindersendung «Zambo» solle künftig nur noch am Wochenende und dazu per YouTube und Konsorten verbreitet werden. Die Leute des Teams seien «informiert worden und geschockt».

Eine Sprecherin der Firma am Leutschenbach versuchte zu verwedeln: es würden doch nur Kinderinhalte neu gebündelt, man müsse eben da hin gehen, «wo das Publikum ist und uns nutzen kann», man müsse sparen, man habe eben jetzt einen YouTube-Kanal «SRF Kids».

Ob tatsächlich, wie behauptet wird, Familien heute die Service-Public-Medien «vor allem zeitversetzt und im Internet» nutzen, ist wohl kaum belegbar. Denn beim desolaten Zustand unserer Publikumsforschung liefert diese der an Werten orientierten Medienpolitik kaum nützliche Erkenntnisse – sie kümmert sich einen Dreck um Rezeptionsqualitäten und Nachhaltigkeit, sondern will nur wissen, ob und was für Leute vor der Glotze sitzen, um ihnen gezielt Werbung einflössen zu können.

Den vom Radio weggeschickten Kindern wird Hilfe geboten:

    Ich vermisse unter der Woche «Zambo im Radio». Was kann ich tun?

    Wir sind jederzeit online für dich da! Am 3. September wird aus srfzambo.ch die Website srfkids.ch: Dort findest du alles für Kinder auf einer Website! Logge dich im «Treff» ein und schreibe einen Blog ... Oder chatte mit Freunden. Hör dir den neusten «Zambo»-Podcast an. Oder ein Hörspiel … Hast du eigentlich gewusst, dass auch auf YouTube Videos auf dich warten? Frag doch deine Eltern, ob du unseren Kanal «SRF Kids» abonnieren darfst … Bei Instagram findest du uns unter @srfzambo.

Aus der Corona-Debatte wissen wir, dass beim schulischen Online-Unterricht heute Unterschichtkinder mangels Geräte regelmässig ausgeschlossen sind: Sie haben zwar meist ein Radio, aber keinen Computer in der Wohnung. So etwas scheinen die eifrigen Digitalisierer nicht mitbekommen zu haben, wenn sie jetzt der Jugend das Radio abgewöhnen und sie ins Internet aussiedeln wollen.

Die Verfassung bestimmt als oberste Aufgaben von Radio und Fernsehen, sie hätten «zur Bildung und kulturellen Entfaltung» beizutragen. Beide Zwecke (Art. 93 Abs.2) verlangen demnach in erster Priorität, die künftigen Hörerinnen und Zuschauer heranzubilden. Das Einweihen der Kinder in einen aufmerksamen und kritischen Radio- und Fernsehkonsum gehört dazu – auch ohne einen ausdrücklichen Wink des Gesetzgebers geböte dies allein schon der Überlebenstrieb einer vitalen Institution.

Kulturabbau unterm Schutz der Corona-Starre

Die Episode erscheint heute als Vorbote der Eruptionen rund um die eben verkündeten radikalen Umbaupläne für die Deutschschweizer SRG-Aktivität.

Für solche, die lesen können, hat Robert Ruoff darüber an dieser Stelle das Nötige berichtet und uns ein Bild vom trostlosen Slang dieser Unternehmensberaterei verschafft. Genaues erfahren wir noch nicht, man reicht die Medizin tropfenweise. Dass aber die Sparwelle ohne jede öffentliche Debatte einen neuerlichen Abbau an Bildungs- und Kulturproduktionen bedeuten wird, ist offensichtlich. Und es deutet sich eine Verlagerung von Programmintelligenz und kreativität zu servilem Servicewesen ab, gesteuert von erspitzelten, beim Internetverkehr abgegriffen Daten.

Mit gutem Grund meint ein NZZ-Kommentar, die Politik müsse endlich juristische Leitplanken für die SRG-Aktivitäten im Internet aufstellen, denn es brauche keinen weiteren seichten Stoff für YouTube und die «sozialen» Kanäle, erst recht aber keinen gebührenfinanzierten. Auch wenn die Argumente aus jener Ecke der privaten Verleger kommen, die selber unter dem Vorwand, nicht staatshörig werden zu wollen, sich gegen Förderung und gemeinwohlorientierte Medienlösungen sträuben: Gefragt wäre heute vom Departement Sommaruga wieder die Neuerarbeitung der 1982 in einer Schublade verschollenen Medien-Gesamtkonzeption.

Schrittweiser Rückzug aus der medialen Verantwortung

Als Anfang der 1990er Jahre – mit dem Radio- und Fernsehgesetz – beim Schweizer Fernsehen bei Spielfilmen die Unterbrecherwerbung eingeführt werden sollte, hatte sich der damalige Generaldirektor Riva zunächst gewehrt: Er war nicht nur ein Kulturmensch und mit dem Film verbunden, sondern auch ein Medienmann, der seine Führungsautorität nicht auf Managementkurse stützen musste.

Als es dann aber um die Wurst ging – die Filmschaffenden hatten das Kulturverbrechen in den Räten bekämpft und eine überraschend starke Minderheit stellte sich hinter sie – war er, wohl unter dem Druck der Werbelobby, eingeknickt; und unter Walpen war nach dem Umschwenken vom trägerschaftbasierten Gemeinwohlinstitut zur Unternehmerei auf keine Umkehr zu hoffen.

Bei einem ersten Treffen von Suisseculture mit Direktor Gilles Marchand, 2018 bei den Solothurner Filmtagen, hörten wir von ihm mit Freude, Werbung in Filmen werde es künftig nicht mehr geben. Wir interpretierten dies als einen Stimmungsumschwung auf dem Hintergrund der Billag-Volksabstimmung und hofften, die SRG werde sich künftig wieder als solidarischen Partner des Kulturschaffens profilieren und mit den Komponisten, Literaten und den Kreativen der anderen Künste gemeinsam für einen starken Service Public des Radios und Fernsehens kämpfen.

Die Umbauten, die nun angedroht sind, wurden indessen ganz ohne den Dialog mit dem Kulturleben ausgeheckt, wie er wenigstens rudimentär zuvor noch bestanden hatte, und auch von engagierten Debatten in den Trägerschaften zum Thema Prioritäten der Sparpolitik und zum weiteren Abbau der SRG-Kulturproduktion hat man bisher nichts gehört.

Es wird dieser Tage den Medien Radio und Fernsehen ein kaum mehr reparabler Schaden zugefügt. Dass die SRG ihre Produktionen auch im Internet-Bereich verbreiten muss, ist unbestritten und willkommen. Hier gibt es – neben dem weltweit zugänglichen IP-Streaming und dem zeitversetzten Genuss der Programme – noch vieles zu verbessern, ohne dass es mehr kosten muss: nämlich komplementäre Angebote wie die Manuskripte von Features und Gesprächen, Materialien aus den Recherchen zu einer Sendung, weiterführende Links und Literaturlisten, Partiturbeispiele, Bilder, Grafiken und Dokumentationen zu Hörfunkprogrammen.

Dass die SRG-Programme auf sich wandelnde Hörgewohnheiten reagieren müssen, versteht sich von selbst. Dass hingegen Radio und Fernsehen vom terrestrischen Rundfunk in die privaten, unregulierten Netze verzettelt werden, ergibt sich aus keinem Naturgesetz. Es ist eine von der Medienpolitik mitverschuldete Fehlentwicklung, die wir leider nicht aufhalten können. Das heisst aber nicht, dass wir vorauseilend den irreparablen Abbau genuiner Leistungen der Medien betreiben müssen – wie wir es bei der Liquidation der Radio-Orchester beobachten mussten –, und dass wir nichts mehr für die Reproduktion eines kunstverständigen Publikums tun. Man könne die Jugend nicht vor billigen Öldrucken zur Kunst erziehen, hatte Adorno einmal gesagt. Wer sein Publikum, statt es herauszufordern und mit ihm zu reden, nur mit Oma, Pipi, dada, Caca, Popo füttert und, anstatt Bindung und Orientierung anzubieten, es auf die Tummelwiesen der Zapper schickt; wer heute, statt etwas Nachhaltiges aufzubauen, Radio und Fernsehen den datenkapitalistischen Konzernen ausliefert, die unsere Medien aussaugen, wird dereinst zur Verantwortung gezogen werden.

Nur indem die öffentlich finanzierten Radios und Fernsehen mächtige Qualitäten vorlegen, erhalten sie sich ihr Publikum, ihre Reputation und ihre politische Legitimation.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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5 Meinungen

Vielen Dank für den Artikel, Herr Knauer.
Es gibt wenig hinzuzufügen. Bezweifelt werden dürfte vielleicht, was man «spart», wenn stetig wachsende IT-Abteilungen immer mehr Ressourcen aufwenden müssen, um der technischen Fehlentwicklung weg vom freien Internet nachzurennen, die uns gewisse Datenkonzerne aufzwingen. Was ist eigentlich die Gesetzesgrundlage, um mit SRG-Gebühren das Geschäft von Youtube & Co. zu fördern?
Manuel Buser, am 09. September 2020 um 18:20 Uhr
Wahre Worte.
Was passiert wohl mit der SRG bei der nächsten Runde im Billag/Serafe Abschaffungskampf?
Das „Konzernmanagement“ läuft Gefahr meine Unterstützung als Kulturschaffender zu verlieren. Wie du mir, so ich dir? Oder glaubt Frau Wappler, Uns braucht es nicht, oder dass die SVP ihr dann zu Hilfe eilen wird?
Steven Hayes, am 09. September 2020 um 19:08 Uhr
Ich stimme dem oben stehenden, engagierten Artikel in allen Punkten zu. Vielen Dank dafür! Dennoch: Mir fehlt, wie in allen Debatten der letzten Wochen, die explizite Erwähnung des Radios, sprich SRF 2 Kultur. Ich (als NICHT-TV-Konsumentin) und weitere zig-Tausend begeisterte RadiohörerInnen erfahren seit Jahren, dass bei diesen weitaus kostengünstigeren «Service-Public"-Leistungen das tolle Angebot immer wieder gekürzt wird. Das gilt selbst für die qualitativ hochstehenden Wort-Sendungen, die zum Teil auf SRF 1 und 2 ausgestrahlt werden, z.B. Das Echo der Zeit, Trend, Kontext, Reflexe, das Wissenschaftsmagazin, Perspektiven und einige mehr. Ich wünsche mir, dass das Radio endlich vor sinnlosen Sparrunden verschont bleibt, schliesslich lässt sich da nicht annähernd soviel einsparen wie bei gewissen sehr teuren TV-Übertragungen. Und klar ist, dass die letzte angekündigte Sparrunde bei SRF zwingend in einem breiteren Rahmen überdacht werden muss.
Helena Neuhaus, am 10. September 2020 um 11:09 Uhr
Blocher möchte wohl die SRG günstig erwerben, so wie die Alusuisse? Danach teuer an die CIA verticken. damit die Propagandakasse automatisch gefüllt bleibt? Alte Geschäftsideen sterben halt nicht aus. lol
Claude Fontana, am 10. September 2020 um 11:50 Uhr
Herr Knauer bringt die Sache auf den Punkt - auch wenn die Fakten nicht neu sind, wie Frau Neuhaus das gut beschreibt: seit Jahren wird - z.B. auf SRF2 Kultur klammheimlich reduziert, gekappt, gekürzt, weggeschwiegen! WO ist - als erstes aktuelles Beispiel - der HÖRPUNKT geblieben? Warum wird er nicht mehr produziert? Wer genau hat über seine Abschaffung, sein Weglassen entschieden? Warum werden solche Entscheide nicht offengelegt und kommuniziert?
Zweites Beispiel: Es begann schon vor Corona, während des Lockdowns ein kurzes Aufbäumen - und jetzt, was ist jetzt mit dem HÖRSPIEL? Innert weniger Monate wurde der Hörspielbereich bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt: Jahrzehntelang gültige und vertraute Sendetermine verschwanden ohne jede Vorankündigung - einfach weg. Neue Hörspiele werden kaum mehr produziert, und wenn, häufig in schlechter Qualität: Begleit- und Hintergrund"musik» sind dann so laut und so konfus, dass das gesprochene Wort nur noch in Bruchstücken hörbar ist. Und sowas soll ich gut finden, wenn ich auf eine über 40-jährige, qualitativ zumeist hochstehende Produktionszeit zurückblicke?
Auch bei der Verlegung von Kindersendungen ins Netz ist Herr Knauers Analyse brillant und sehr bedenkenswert: Ist es nicht äusserst fragwürdig, Sendeinhalte für Kinder auf youtube anzubieten, im vollen Wissen darum, wie viel Schrott und Schund auf diesen Kanälen jeden Tag (neu) zu sehen ist? Wer schützt unsere Kinder vor dieser (gesteuerten?) Verrohung und Verblödung?
Hansjürg Feuz, am 18. September 2020 um 22:59 Uhr

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