kontertext: Kleistsche Medien-Meditation

Georg Geiger © cc
Georg Geiger / 09. Okt 2019 - Man liest viel und nimmt so wenig wahr, was das Gelesene mit einem macht. Heinrich von Kleist hätte da ein paar hilfreiche Tipps.

«Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund: mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstösst, darüber zu sprechen.» So beginnt der vor gut 200 Jahren verfasste Text Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden von Heinrich von Kleist. Den Kerngedanken dieses Aufsatzes fasst Kleist gleich zu Beginn in den knappen Satz: «L’idée vient en parlant».

Wenn wir 200 Jahre später unseren täglichen Medienfood in uns hineinstopfen, so haben wir nicht immer gleich jemanden am Frühstückstisch, mit dem wir über das Gelesene ins Gespräch kommen können, um besser zu verstehen, was wir eigentlich gerade gelesen haben und welche Abgründe oder Horizonte sich damit auftun. Da hilft es, mit sich selbst schreibend ins Gespräch zu kommen und neugierig zu sein, was dabei herauskommt. Denn wir konsumieren medial viel zu viel im Vergleich zu dem, was wir nicht nur intellektuell, sondern auch emotional zu verarbeiten in der Lage sind. Es lohnt sich, hin und wieder einige zufällig aufgeschnappte Medienhäppchen geduldig zu kauen. Kleist plädiert dabei für «eine gewisse Erregung des Gemüts» und eine «Leichtigkeit» im Umgang mit der Sprache. Dies sei hiermit versucht:

22. Mai 2019: Jan Böhmermann präsentiert in seinem Neo-Magazin Do They Know It's Europe. Dabei besingen Comedians for Worldpeace aus ganz Europa ihre Vaterländer und auch die Schweiz erhält ihr Ständchen. Leider ist dieses Lied kaum gewürdigt worden: Ein phantastisch trockener Song über das, was wir als SchweizerInnen im europäischen Konzert beizutragen bereit sind. Man braucht gar nicht viel dazu zu sagen. Einfach lesen oder auf Youtube mitsingen und sich freuen über so viel musikalische Satire. Bitte sehr, hier der Songtext zum Geniessen:

«Von den Franzosen das Welschland
Geld und Gold gabs aus Deutschland
Aus Schweden zog Ikea hierher
Aus Holland klauen wir Ärzte
Aus England die Scherze
Wir nehmen alles und wir danken Euch sehr

Die Schweiz ist genial
Europa ist uns egal
Allein und gemein
So wollen wir Schweizer sein
Allein und gemein
Die Schweiz bleibt ein Stachelschwein
Allein und gemein
So solls für immer sein

Ach lass uns in Ruh
Die Grenzen machen wir zu
Allein und gemein
So wollen wir Schweizer sein
Und auch bleiben»

Geboren im Jahr der Römer Verträge und aufgewachsen mit der Einer-wird-gewinnen-Show von Hans-Joachim Kulenkampff freut es mich ungemein, dass das heutige Europa fähig ist, sich so selbstkritisch und ironisch als ganzen Kontinent zu besingen. Das ist eines jener seltenen Medienhäppchen, bei dem man im Nachhinein nicht unterdrückten Ärger oder weggeschobene Wut, sondern zu wenig ausgelebte Freude und Stolz bei sich beobachten kann.

Weiter geht’s mit der Berichterstattung über den Angriff der SVP auf die Klimapolitik der Grünen und Linken. Die BaZ vom 26. Juni zitiert Albert Rösti, der die rot-grüne Umweltpolitik folgendermassen kommentiert: «Man würde fast sagen, es sei Ökoterrorismus.» Der schlaue und zugleich feige Parteipräsident wählt natürlich den Konjunktiv und schiebt noch das Wörtchen «fast» hinzu, um nicht für seine ungeheuerliche Unterstellung geradestehen zu müssen. «Ökoterrorismus» ist gemäss Wikipedia ein Begriff, den das FBI geprägt hat. Ein Propagandabegriff, der von den Strafverfolgungsbehörden zur Kriminalisierung der Umweltbewegungen genutzt wird. Der Terrorverdacht ist abgründig und weitsichtig zugleich. Denn wir wissen alle, dass der Krieg des Kapitalismus gegen Mensch und Natur zunehmend ein Krieg um knapper werdende Ressourcen sein wird. Diese Auseinandersetzungen werden sich weltweit sprunghaft verschärfen und gewalttätiger werden, das ist klar. In Vorahnung des zunehmenden Katastrophen-Managements im Zuge der Klimaerwärmung reserviert die Ökoterroristen-Truppe der SVP schon mal den Begriff für ihre eigenen Sprach-Bomben, denn trotz ihrer heutigen Leugnung der Klimakatastrophe wissen sie sehr genau um die Folgen, die da auf uns zukommen werden.

Der bekannteste Sprachterrorist ist zur Zeit noch Donald Trump. Am 28. Juni gibt es bei watson folgende Twitter-Meldung von ihm zu lesen:

«All Democrats just raised their hands for giving millions of illegal aliens unlimited healthcare. How about taking care of American Citizens first!? That’s the end oft that race!»

Der US-Präsident entpuppt sich hier als Verfechter eines Begriffs, der die BürgerInnen der USA zu einer eigenen Rasse hochstilisiert. Gemäss Wikipedia ist «die Einteilung der Spezies Mensch in Rassen oder Unterarten aus wissenschaftlicher Sicht heute obsolet». Trump pfeift bekanntlich auf die Wissenschaft, also holt er den Rassebegriff aus den Untiefen des 19.Jahrhunderts hervor und spricht stolz von der «Rasse der amerikanischen Bürger». Bisher wurde man AmerikanerIn, indem man auf die Verfassung schwor und sich auf Englisch verständigen konnte. Nun fliesst plötzlich nordamerikanisches Blut in den Adern der BewohnerInnen der USA, was es aber bekanntlich so wenig gibt wie menschliche Rassen. Trump ist ein Rassist, und für einen Rassisten gehört es sich, dass er möglichst oft von der eigenen Rasse in Abgrenzung zu den anderen spricht. Und das tut dieser Rassist nun Tag für Tag. Und wir gewöhnen uns an diesen Sprachterror und schweigen lieber dazu.

Nicht schweigen tut die Neue Zürcher Zeitung, was Greta Thunberg anbetrifft. Greta ist zur zentralen Hassfigur der noblen neoliberalen Herren aus Zürich geworden. In regelmässigen Abständen ziehen emeritierte Professoren oder weltbekannte Publizisten über dieses schwedische Mädchen her, als sei sie eine diabolische Verführerin der halben Menschheit. Am 30. August meldet sich etwa Norbert Bolz, emeritierter Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin, folgendermassen zu Wort: «Sie hat einen Medienhype ausgelöst, der jeden Versuch einer sachlichen politischen Argumentation im Keime erstickt.» Hat der kluge Akademiker die Rede von Greta Thunberg anlässlich des Klimagipfels 2018 im polnischen Kattowitz nicht gelesen? «Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie als eine Krise zu behandeln. Wir müssen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen. Wir müssen den Fokus auf Gerechtigkeit lenken.» Diese Worte von Greta Thunberg sollen jegliche sachliche politische Auseinandersetzung im Keime ersticken? Und der Herr Professor schreibt sich in einen richtigen Anti-Greta-Rausch: «Sie ist die Heilige der grünen Ersatzreligion, die Heldin unserer Zeit, die die Authentizität ihres Anliegens durch Weltfremdheit und Kindlichkeit beweist.» Das Reden über die Gefahren der Klimaerwärmung soll weltfremd sein. Diese Argumentation verschlägt mir die Sprache.

Am 3. September darf der bekannte schottische Historiker Niall Ferguson zum nächsten Angriff auf Greta blasen. Der kluge Wissenschaftler ist sich dabei nicht zu schade, die Fridays for Future-Bewegung als «massenhaftes Schuleschwänzen» lächerlich zu machen. Und auch er wirft Greta mit moralischem Zeigefinger vor, ein nicht ganz emissionsfreies Leben zu führen. Eben genau damit macht er Greta erst zu dem, was er ihr vorwirft: zu einer Heiligen. Und da kann man nur mit den Worten von Jesus im Johannes-Evangelium antworten: «Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.»

Ferguson beurteilt Thunbergs Aufforderung zum Mut zur Angst als die «Stimme der Anführerin einer Endzeit- und Erlösungsbewegung». Eigentlich müsste sich der belesene Historiker in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass man in Europa diese Angst-Diskussion im Kalten Krieg rund um das Thema des nuklearen Wettrüstens schon einmal geführt hat, und dass dabei deutlich wurde, dass es eben verschiedene Arten der Angst gibt. In seinen Thesen zum Atomzeitalter von 1981 hat der deutsch-österreichische Philosoph Günther Anders in der Argumentationslinie von Greta Thunberg schon vor 40 Jahren postuliert: «Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst. – Freilich muss diese unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein: 1. Eine furchtlose Angst, da sie jede Angst vor denen, die uns als Angsthasen verhöhnen könnten, ausschliesst. 2. Eine belebende Angst, da sie uns statt in die Stubenecken hinein in die Strassen hinaus treiben soll. 3. Eine liebende Angst, die sich um die Welt ängstigen soll, nicht nur vor dem, was uns zustossen könnte.»

Ferguson leugnet den Klimawandel nicht. Doch für ihn wendet sich märchenhaft alles auf einfachste Weise zum Guten: «Der Planet wird wärmer werden, wie er im 17. Jahrhundert kälter geworden ist. Und wir werden uns anpassen und von den technologischen Neuerungen profitieren, die allmählich verbessern werden, wie wir elektrischen Strom erzeugen und speichern und uns vor Überflutungen schützen.» So tönt die weltfremde Erlösungsphantasie der Klimaerwärmungs-Elite, die wir im Feuilleton der NZZ immer wieder antreffen.

Allmählich verflüchtigt sich die Leichtigkeit der Sprache und die Freude an neuen Gedanken, die durch das Schreiben und Reden auftauchen sollen. Das Gemüt ist zwar «erregt», aber es macht sich kaum eine «verwegene Begeisterung» breit und die Sprache wird zur Fessel, weil der Disput sich als sinnlos erweist und dem Schweigen Platz zu machen droht. Und doch geben wir den Satz «L’idée vient en parlant» nicht so schnell auf, denn Kleist hat visionär erkannt, dass sich menschliche Kommunikation nicht auf das Senden und Empfangen von Signalen von A nach B reduzieren lässt und dass erst im lebendigen Austausch, im Gespräch eben, Neues und Überraschendes entstehen kann. Diese Einsicht ist im Zustand der heutigen gesellschaftlichen Polarisierung von eminenter Bedeutung.

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    Georg Geiger, geb.1957, lebt im Oberbaselbiet und arbeitet als Gymlehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium Leonhard in Basel. Er ist promovierter Germanist, Historiker und ausgebildeter Gestalttherapeut. Mitglied der Bildungsgruppe vom Denknetz und Mitautor beim Bildungsblog Condorcet.

      Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Robert Ruoff, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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