Was den Anthroposophen das Goetheanum in Dornach, ist den Libertären der Modelhof in Müllheim © nk

Was den Anthroposophen das Goetheanum in Dornach, ist den Libertären der Modelhof in Müllheim

«Die Zeit»: zweimal minus, einmal plus

Christian Müller / 07. Mär 2018 - Was müssen sich Abonnenten von Zeitungen eigentlich alles gefallen lassen? Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» liefert Beispiele.

«Die größten Helden der neuen alten Linken, die sich übrigens in der Regel überhaupt nicht für links halten, sondern für wahnsinnig liberal und freiheitsliebend und sich darum gern hinter dem Etikett Mitte-Links verstecken, heißen Slavoj Žižek, Yanis Varoufakis, Sahra Wagenknecht, Jakob Augstein und – als Special Guest aus Yankee-Land – Bernie Sanders, der 1985 mit Daniel Ortega die nicaraguanische Revolutionsparade abnahm, danach vergeblich versuchte, in Kuba Fidel Castro kennenzulernen, und, weil das nicht klappte, in die Sowjetunion reiste, um dort wenigstens ganz linientreu seine Frau zu heiraten. Was für eine Galerie des kaum verhüllten neobolschewistischen Grauens! Žižek, reden wir jetzt kurz über ihn, ist der slowenische ADHS-Philosoph, von dem alle wissen, dass er einmal mit einem Model verheiratet war, während es sich offenbar noch immer nicht herumgesprochen hat, dass er hinter seinen scheinbar aufklärerischen Ideen und Volten wie ein guter Tschekist seine wahre Absicht verbirgt: die Wiederherstellung des Stalinismus-Leninismus in den ideologischen Grenzen von circa 1929. 'Der Westen', schrieb Wladimir Iljitsch Žižek gerade erst in bester jesuitisch-marxistischer Manier im Spiegel, 'praktiziert nicht nur Ausbeutung und Gewalt, sondern er ist in der Lage, diese brutale Wirklichkeit auch noch als das komplette Gegenteil zu präsentieren: als Freiheit, Gleichheit und Demokratie.' Wirklich, verehrte Spiegel-Redakteure, das haben Sie gedruckt? Und wenn das Erschießungskommando des neuen NKWD kommt, werden Sie sich dann auch noch selbst Ihre Augenbinden umlegen?»

Der das schrieb, ist der 1960 geborene Maxim Biller, zehnjährig mit Eltern und Geschwistern aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland ausgewandert und nach eigenen Angaben der damals einzige in der Schule und an der Uni in Deutschland, der wusste, dass es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dieser Welt nur einen Feind gab: den Kommunismus.

Billers Rundumschlag in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» Nr. 30 vom 14. Juli 2016 auf fast zwei vollen Seiten gegen alles und jedes, das politisch nicht dezidiert rechts, russophob und Israel-freundlich daherkommt, löste unter den Lesern und Leserinnen der «Zeit» – verständlicherweise – einige Empörung aus. Einige der eingegangenen Leserbriefe musste die Zeit auch in der gedruckten Ausgabe wiedergeben. Der träfste war nur einen Satz lang: «War das wirklich nötig, liebe Zeit-Redaktion?», fragte ein Friedhelm Horn aus Rotenburg.

Doch der höchst undifferenzierte Linken-Fresser Maxim Biller hat auch seither etliche Male in der «Zeit» publizieren dürfen. In der Ausgabe Nr. 5 vom 25. Januar 2018 nun in einer Art, die bisherige Grenzen nochmals überschreitet.

Da schreibt er doch, dieser selbstverliebte Agent Provocateur, alles in der Form eines Briefes an die Leserinnen und Leser: das Wort «Sie» ist immer gross geschrieben.

Einfach lustig zum Lesen?

Da ist vom «ersten antisemitischen Essay des Oberarschlochs Richard Wagner» die Rede. Oder vom «ewigen Wort-Onanist Peter Handke». Oder vom «romantischen Ex-Kommunist und Dauer-Einfaltspinsel Wolf Biermann». Und eben, «Sie» gross geschrieben, vom «Hass gegen Ihre eigene moralische und akademische Trägheit, gegen Ihren so harmlos daherkommenden Provinzialismus».

Um einen ganzen Abschnitt zu zitieren, ebenfalls immer «Sie» grossgeschrieben: «Sie wollen, anders gesagt, jeden Abend Ihre beruhigende Luhmann-, Lilla-, Eribon- oder Heidegger-Pille nehmen und dann die Nacht und vielleicht sogar noch den halben Tag ungestört durchschlafen. Und dann wollen Sie eine temperamentlose, geistlos abwägende Buchkritik lesen, dort eine Sozialreportage oder einen Flüchtlingsbericht, deren Hauptmerkmale billiges Moralisieren und zeitgenössische Journalistenschulen-'Beschreibungsimpotenz' sind, und wenn Sie einen Leitartikel lesen, dann gefällt er Ihnen nur, wenn Sie hinterher genauso denken wie davor.»

Titel des ganzen Artikels: «Wer ist hier das Arschloch?»

Muss ich mir, als Leser, das gefallen lassen?

«Wenn ich Sie jetzt aber daran erinnere, dass zum großen Denken, dass also zum prinzipiellen Infragestellen des Bestehenden nicht pseudogelehrtes Nachplappern gehört, sondern oft auch das große Beleidigen à la 'Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!' oder 'Und sie dreht sich doch, ihr katholischen Vollidioten!', wenn ich Ihnen sage, dass am Ende jeder wirklich neue Gedanke für die folgsamen Anhänger eines alten Gedankens eine Beleidigung bedeutet, ein unangenehmes, aber oft heilsames Denk-Attentat, dann sind Sie natürlich wahnsinnig genervt, denn erstens dachten Sie, Sie hätten endlich für ein paar Jahre Ruhe von Hasskolumnisten wie mir und wären auf dem Friedhof Ihrer kleinen Germanen- und Gelehrtenrepublik ganz unter sich – und zweitens wissen Sie ganz genau, dass ich recht habe.»

Klar, Maxim Biller hat immer recht

Ja, natürlich, Maxim Biller darf schreiben, was er will. Er darf mir auch einen Brief schreiben, ich gebe ihm gerne meine postalische Adresse. Aber soll ich für ein Blatt – ich bin seit Jahrzehnten Abonnent der «Zeit» – noch Geld ausgeben, wenn diese Zeitung einen Brief an mich abdruckt, in dem ich persönlich «Heuchler» genannt und des «Provinzialismus» beschuldigt werde? Muss ich mich wirklich von der «Zeit» unter die Arschlöcher einreihen lassen?

Und dann das

Kürzlich hat mich die «Zeit» per Mail ermuntert, in meinem Freundeskreis weitere Abonnenten zu werben. Als Preis winkte ein Gutschein von Amazon. Ich erlaubte mir, der Werbeabteilung der «Zeit» zurückzuschreiben, dass ich, so ich denn die «Zeit» wirklich weiterempfehlen würde, 1. dies sicher nicht wegen eines Gutscheins täte, und 2. dass ich insbesondere auf Amazon-Gutscheine gerne verzichte, weil ich bei internationalen Konzernen, die für die Ausbeutung ihrer Arbeitnehmer mittlerweile weltweit bekannt sind, aus Prinzip nichts kaufe, nicht einmal Bücher.

Natürlich hat mir die Abo-Werbeabteilung der «Zeit» nicht geantwortet. Die Werbung eines neuen Abonnenten wird zwar mit einem Amazon-Gutschein verdankt, die Erhaltung eines bestehenden Abonnenten aber ist ja nicht so wichtig. Zugänge sind das Verdienst des Marketings. Abgänge sind das Verdienst der Redaktion. Diese Arbeitsteilung ist in den Zeitungsverlagen die Regel.

Aber immerhin die Schweizer Seiten

Warum dann aber Abonnent einer solchen Wochenzeitung bleiben? Nein, es wäre unfair zu behaupten, es gebe da nicht auch echt gute Artikel. Meistens sind auch die drei Seiten «Schweiz» echt lesenswert, auch wenn man daneben natürlich ein paar andere Schweizer Zeitungen abonniert hat. Im Vorfeld der No-Billag-Abstimmung zum Beispiel brachte die Schweizer Redaktion der «Zeit» in der Ausgabe 6 am 1. Februar 2018 einen anschaulichen Bericht mit eingebautem Interview über die libertäre Schweiz – über jene Schweiz, die von der Eid-Genossenschaft zur Ego-Genossenschaft zu verkommen droht. Die beiden Autoren, Matthias Daum und Aline Wanner, scheuten sich nicht, auch in die Höhle des Löwen zu steigen – in dem Fall in den Wallfahrtsort der Schweizer Libertären, in den Modelhof in Müllheim im Kanton Thurgau. Hier herrscht Daniel Model, der Verpackungsunternehmer, und missioniert die libertären Ideen von Hayek und Co., angereichert mit viel Musik zur 'eindrücklichen' Kultur. Der Werbe-Claim der Firma Model sagt es: «we dress to impress», wir kleiden, um zu imponieren. Genau so sieht denn auch der Modelhof aus, wo Hof gehalten wird (siehe Bild oben). Ein Ort, den es politisch im Auge zu behalten gilt. Lobenswert also, dass sich nicht nur die WOZ, sondern nun auch die «Zeit» diesem Thema einmal ausführlich angenommen hat. Schade nur, dass die Schweizer Seiten in der Deutschland-Ausgabe der «Zeit» nicht zu lesen sind. Die deutschen Leserinnen und Leser könnten ihr Wissen über die Schweiz da ebenfalls etwas aufbessern.

Zurück zu Maxim Biller

Maxim Biller, in der «Zeit» vom Juli 2016, wie oben zitiert: «Wirklich, verehrte Spiegel-Redakteure, das haben Sie gedruckt?» Man darf die Frage auch umkehren: «Wirklich, verehrte 'Zeit'-Redakteure, das – von Maxim Biller – haben Sie gedruckt?»

Maxim Biller, ein Abo-Killer. Zum Glück gibt's in der «Zeit» noch die Schweizer Seiten, exklusiv, von Schweizern – leider – nur für Schweizer …

  • Zum ersten hier erwähnten Artikel von Maxim Biller: Die 'neue' Linke. («Die Zeit» Nr. 30; 14. Juli 2016)

  • Zum zweiten hier erwähnten Artikel von Maxim Biller: Wer ist hier das Arschloch? («Die Zeit» Nr. 5; 25. Januar 2018)

  • Zum dritten hier erwähnten Artikel, auf den Schweizer «Zeit»-Seiten, von Matthias Daum und Aline Wanner: Ich zahle nur, was ich brauche («Die Zeit» Nr. 6; 1. Februar 2018)

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PS: Dass Aline Wanner in der «Zeit» vom 22. Februar 2018, ebenfalls auf den Schweizer Seiten, das Hochschul-System «Bologna» in den Himmel lobt, buchen wir als Jugendsünde ab und bleiben nachsichtig. Als Studentin hat sie davon profitiert, ihr Studium war planbar, sie hat auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen. Dass mit «Bologna» die interdisziplinäre Bildung zur marktgängigen Ausbildung degenerierte, wird auch sie in ein paar Jahren erkennen – erkennen müssen, falls sie dem kritischen Journalismus treu bleibt. Wenn wir die Welt in eine gute Zukunft führen wollen, brauchen wir nicht nur Spezialisten, sondern – gerade auch bei den Medien! – Leute, die über die Fachgrenzen hinauszuschauen vermögen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor studierte an der Uni Zürich nach zwei Semestern Naturwissenschaften im Hinblick auf Journalismus Allgemeine Geschichte, Schweizer Geschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kunstgeschichte, Allgemeines Staatsrecht, Germanistik und Psychologie (mit Abschluss als Dr.phil.I) und anschliessend an der damaligen Handelshochschule St. Gallen Betriebswirtschaft (ohne Abschluss). Das alles dauerte etwas länger als ein heutiges Bologna-Studium, war für sein berufliches Leben als Journalist und später Medien-Manager aber immer eine gute Basis.

Weiterführende Informationen

Zum Thema «Amazon»
Amazon und die Ausbeutung der Postboten in den USA (The Nation, englisch)

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2 Meinungen

Die Beiträge von Christian Müller sind (fast) immer sehr lesenswert. In diesem Fall warte ich drauf, bis René Scheu vom NZZ-Feuilleton Maxim Biller abdruckt (oder hat er es schon getan?). Nun aber doch eine zu beanstandende Kleinigkeit: WOZ und ein Fallfehler in einem einzigen Satz prädestiniert für die letzte Spalte in der WOZ. Bitte also nicht: «Lobenswert also, dass sich nicht nur die WOZ, sondern nun auch die «Zeit» diesem Thema einmal ausführlich angenommen hat.» - sondern »... dieses Themas ... ». Wie gesagt: der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Aber vor lauter Angst vor diesem Fehler gehen mehr und mehr Journalisten dazu über, an allen möglichen und unmöglichen Orten den Genitiv zu setzen, z.B. entlang des Flusses ...
Matthias Wiesmann, am 07. März 2018 um 12:40 Uhr
Sehr gut dieser Artikel. Vor allem auch was den Unterschied zwischen Studium und Bologna-Käse betrifft.
Josef Schumacher, am 07. März 2018 um 21:45 Uhr

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