Nathalie Wapplers populistische Anbiederung

Kurt Marti © ktm
Kurt Marti / 14. Nov 2018 - Die neue SRF-Direktorin will Information statt «Meinungsjournalismus». Doch sie selbst polarisiert und frönt dem Populismus.

In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» erklärte die neue SRF-Chefin Nathalie Wappler:

«Wir müssen uns verändern, das hat das Abstimmungsergebnis zum Ausdruck gebracht. Und wir müssen ein Programm machen, das informiert, aber nicht polarisiert. Wir müssen keinen Meinungsjournalismus machen.»

Diese Aussage polarisiert. Einerseits herrscht Freude bei den SRF-Kritikerinnen und -Kritikern, insbesondere bei der SVP, andererseits reagieren SRF-JournalistInnen intern mit Verunsicherung. Wapplers Maxime: «Informieren, aber nicht polarisieren» gilt offenbar nicht für sie selber.

Zur Erinnerung: Die No-Billag-Initiative wurde vom Volk mit 71,6 Prozent hochkant abgelehnt. Das heisst natürlich nicht, dass die VerliererInnen zu ignorieren sind, aber dass die SRF-Direktorin sich höchstpersönlich bei ihnen mit solchen populistischen Aussagen anbiedert, ist wirklich nicht nötig.

Wie frau in den Wald hineinruft, tönt es zurück. Wapplers Botschaft kam nicht nur bei den No-Billag-BefürworterInnen an, sondern auch in der Meinungspalte von «20 Minuten». Dort herrscht mehrheitlich Freude über Wapplers Aussagen.

Wapplers Strategie ist offensichtlich: Lieber Zoff mit den kritischen JournalistInnen im eigenen Haus als mit den SRF-KritikerInnen. Wie die «Medienwoche» berichtet, haben Wapplers Aussagen «verschiedene Redaktionsleiterinnen und Redaktionsleiter von SRF verunsichert», so dass die Radio-Chefredaktorin Lis Borner mit einer internen Notiz reagieren musste.

Wie die «Medienwoche» weiter schreibt, hält Borner in der schriftlichen Notiz fest: «An unseren bisherigen Grundsätzen ändert sich nichts.» Die Äusserungen Wapplers seien nicht als Ankündigung eines publizistischen Kurswechsels zu verstehen. Das sei das Ergebnis eines Gesprächs mit Nathalie Wappler.

Diese Spitzkehre ist akrobatisch, wenn man bedenkt, dass Wappler gegenüber der «NZZ am Sonntag» noch von einer Veränderung aufgrund der No-Billag-Abstimmung gesprochen hatte und festhielt, was das konkret heisst: Information und keinen «Meinungsjournalismus». Zudem ist die Spitzkehre auch erstaunlich, weil nicht Wappler selbst sie ausführt, sondern stellvertretend die Radio-Chefredaktorin Lis Borner.

Doch damit nicht genug: Wapplers Aussagen stehen auch im Widerspruch zur publizistischen Leitlinie 9.3 von SRF, in der «Analysen und Kommentare» ausdrücklich als «Orientierungs- und Einordnungshilfe» genannt werden, und zwar sollen diese «über eine reine Zusammenfassung von Sachverhalten» hinausgehen:

«In der Bandbreite unterschiedlicher Analyse- und Kommentartypen steht für SRF die analysierende Einordnung (News Analysis) im Vordergrund, wie wir sie häufig in Duplexen oder Moderationsgesprächen verwenden. Die News Analysis geht über eine reine Zusammenfassung von Sachverhalten hinaus. Sie bietet Orientierungs- und Einordnungshilfe für komplexe Zusammenhänge. Sie beruht auf Fakten und nachvollziehbaren Argumenten und lässt sich nur gut begründet auf Spekulationen ein.»

Im Klartext: Analysen und Kommentare sind erwünscht, wenn sie faktenbasiert und gut begründet sind. Statt der populisischen Anbiederung bei den SRF-KritikerInnen hätte Wappler also diese publizistische Leitlinie vertreten und sich damit vor die SRF-JournalistInnen stellen müssen. Das wäre die adäquate, leitlinienkonforme und professionelle Antwort gewesen, die nicht nachträglich intern nachgebügelt werden muss.

Im selben Interview biedert sich Wappler auch bei den lokalen Verlegern an: Die Meinungsvielfalt sei «ein wichtiges Gut», erklärt sie. Und um dieses wichtige Gut zu fördern, empfiehlt sie allen Ernstes den Lokaljournalismus dadurch zu stärken, indem die SRF-Lokalredaktionen mit den privaten Regionalmedien ein «Netzwerk von Lokaljournalisten» bilden. Gerade in einem kleinen Land seien die Medien stärker, «wenn wir kooperieren, als wenn wir uns auseinanderdividieren lassen».

Statt die SRF-Regionalredaktionen im Sinne der Medien- und Meinungsvielfalt in Konkurrenz zu den lokalen Medienmonopolen mit Print, TV und Radio zu positionieren und sie auch entsprechend finanziell und personell auszubauen, propagiert Wappler die Kooperation mit den lokalen Monopolisten und folglich die Ausweitung des Einheitsbreis, also Medieneinfalt statt Medienvielfalt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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3 Meinungen

Nur schon die Imitation von Progammstruktur und Meinungsneutralität, wie sie die öffentlichen deutschen Sender pflegen, würde mir genügen.
Alex Schneider, am 15. November 2018 um 16:57 Uhr
a) es ist bitter nötig, dass die SRF sich besinnt wie sie informieren will !
b) den Ausdruck populistisch ist so was von verächtlich, hört mit diesem Ausdruck auf !
c) SRF hat ja 1,2 Milliarden Zuschuss, warum braucht es dann noch Werbung ?
d) Werbung bei SRF 95% ist nur Schrott, sind die Anfertiger eigentlich Berufsleute ?
e) Sendung «mini beiz Dini beiz» bei der Gewinnansage von 3'000.-- wird so locker von einem üppigen Essen «neuem uf dr Wält» gesprochen, muss sofort gestrichen werden, das ist doch purer Blödsinn, ich habe gedacht dass gespart werden muss !!!
Albert Schorno-Weber, am 16. November 2018 um 20:43 Uhr
Die SRF-News-Analysis «bietet Orientierungs- und Einordnungshilfe für komplexe Zusammenhänge. Sie beruht auf Fakten und nachvollziehbaren Argumenten und lässt sich nur gut begründet auf Spekulationen ein."

Also bzgl. 9/11-Anschläge zieht SRF (gemäss Ombudsmann Roger Blum scheinbar zurecht) die offiziellen Regierungs-Behauptungen, die stabil begründet sind, wie ein Gebäudefundament auf Treibsand, allen gut recherchierten Kritiken und Alternativ-Theorien vor.

So ist das halt in den meisten Fällen mit den schönen Grundsätzen und Sonntagsreden...
Michael Schwyzer, am 16. November 2018 um 22:01 Uhr

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