Newsroom der «New York Times»: Weit weg von der Provinz © flickr/cc

Gefangen in den «Newsrooms»

Roman Berger / 19. Nov 2016 - Der Triumph von Donald Trump ist auch eine Folge einer schlecht informierten Bevölkerung. Was haben die US-Medien falsch gemacht?

In Europa herrscht Kopfzerbrechen: Wie war es möglich, dass ein Donald J. Trump Präsident eines Landes werden kann, einer, der notorisch lügt, die Frauen gering schätzt, den Klimawandel im besten Fall für eine Glaubensfrage hält und aussenpolitisch mit dem Feuer spielt. Offensichtlich ist die Hälfte der Amerikaner bereit, einen solchen Präsidenten zu akzeptieren. Nur selten wird die Frage gestellt, ob sich Trumps Wähler dessen auch wirklich bewusst waren? Oder anders formuliert: Hat hier nicht auch der Journalismus versagt, der das Trump-Amerika hätte informieren und warnen sollen?

Neben Hillary Clinton gehören Amerikas führende Medien zu den grossen Verlierern der Präsidentschaftswahl. Clinton wurde von 229 Tageszeitungen und 131 Wochenzeitungen offiziell zur Wahl empfohlen. Nicht, weil sie von Clinton begeistert waren, sondern, weil sie keinen Rassisten, Frauenfeind und Xenophoben als Präsidenten haben wollten. Für Trump hatten sich nur neun Tageszeitungen und vier Wochenzeitungen ausgesprochen. Die meisten Journalisten hielten einen Präsidenten Trump noch am Wahltag für unmöglich. In der grossen Mehrzahl der Newsrooms hatte man offensichtlich nicht mitbekommen, was draussen passierte.

Trumps Wähler leben im «Flyover Country»

Jim Rutenberg, der Medienkolumnist der New York Times, geht mit seiner Zunft streng ins Gericht: «Die meisten Journalisten sind gegenüber der ländlichen Bevölkerung oder gegenüber Themen wie Armut, Religion, Arbeiterklasse voreingenommen.» Es würde wenig nützen, so Rutenberg, jetzt scharenweise Reporter ins «Flyover Country» zu schicken, wo Trumps Wählerschaft lebt. «Flyover Country» ist in den USA ein stehender Begriff für die Landmasse zwischen den Küsten. Der Teil des Landes also, über den man immer nur hinwegfliegt und wo man selber noch nie war.

Die meisten klassischen Medien sind in New York, Washington und Los Angeles konzentriert. «Für einen Grossteil der amerikanischen Bevölkerung sind die Medien Repräsentanten eines elitären Systems, das mit Trumps Wahl eine krachende Niederlage erlebt hat», meint Jill Abramson, eine frühere Chefredaktorin der New York Times.

Fakt ist: Eine Mehrzahl der Amerikaner bezieht ihre Informationen von lokalen, ausschliesslich privaten TV-Stationen. Sie berichten von morgens bis abends über Verkehrsunfälle, Verbrechen und das Wetter. Im Radio sind hetzerische Talkshows zu hören und im Internet sind in der Fülle von Informationen Fakten und Lügen nicht mehr zu trennen.

«Newswüsten» breiten sich aus

Im «Flyover Country» ist die Medienlandschaft ausgetrocknet. Grössere regionale und lokale Zeitungen sind verschwunden. Ganze Städte und Regionen haben sich in sogenannte «Newswüsten» verwandelt. Wenn eine Stadt oder Region mehrheitlich von ethnischen Minderheiten oder armen Weissen bewohnt ist, werden sie für die Mainstreammedien uninteressant , weil sie auf das besser situierte Amerika ausgerichtet sind. Das heisst: Der Journalismus, der dazu da wäre, Fakten zu vermitteln und Zusammenhänge darzustellen, erreicht die Menschen im «Flyover Country» nicht mehr.

«Wir wissen nicht mehr, was im übrigen Amerika vor sich geht,» meint Alec McGillis von Pro Publica, einer von privaten Spenden finanzierten Gruppe von Enthüllungsjournalisten mit Sitz in New York. Die grossen, an der Ost- und Westküste situierten Medien haben Korrespondenten, die über die Provinz berichteten, aus Spargründen aufgegeben. Gleichzeitig sind die meisten amerikanischen Städte zu «one voice cities» geworden: Die noch übrig gebliebene Zeitung, das lokale Radio und Fernsehen gehören einer einzigen Medienkette, die ihren Sitz im fernen Chicago oder New York hat. Die Hoffnung, das Internet werde als demokratisches Medium zu mehr Vielfalt beitragen, hat sich als Illusion erwiesen. Internetportale mit alternativen Informationen sind zu schwach, um Gegensteuer zu geben. Die Medien sind kein Watchdog mehr.

Wenn Journalismus zum Sprachrohr des Populismus wird

Auf dem Hintergrund der Trump-Wahl bietet der bekannte amerikanische Medienexperte Robert G. Picard eine vertiefte Analyse (Journalisten: Berichterstatter oder Sprachrohr des Populismus?). Picard macht auf Schwachstellen im heutigen Journalismus aufmerksam, die Populisten sowie ihren Anhängern erlauben, die Medien aktiv zu manipulieren und demokratische Prozesse zu unterwandern. Der Populismus basiert laut Picard «auf den individuellen und kollektiven Gefühlen der Unsicherheit, Entfremdung, Frustration, Feindseligkeit und Wut.» Trump habe diese Gefühle geschickt angesprochen.

Viele Medien seien in diese Falle gelaufen, weil sie sich zu stark auf die Personen und taktischen Manöver der Kandidaten eingelassen hätten. Die Medien stürzten sich auf das Unerwartete und Aussergewöhnliche. Die analytische Berichterstattung über Programme und politischen Ziele hingegen komme zu kurz, mit verhängnisvollen Konsequenzen, wie Picard meint: «Die stärkste populistische Unterstützung kommt von schlecht und falsch informierten Personen, die populistischen Anführern jedes Wort glauben.» Der Journalismus mache sich zum Sprachrohr von Populisten, «wenn Geschichten voller Behauptungen stecken, die auf Fehlinformationen und Unwahrheiten beruhen, und diese von den Journalisten nicht hinterfragt oder durch Entgegnungen anderer Parteien nicht entkräftet werden.»

Journalisten werden überflüssig

Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 könnte auch deshalb in die Geschichte eingehen, weil die Kandidaten kaum noch auf die klassischen Medien als Vermittler angewiesen waren. Sie benützten Twitter und Blogs, um ihre Botschaften (und Lügen) ungefiltert zu verbreiten. Trump zog dabei von den sozialen Netzwerken über Interviews bis zu Reden alle Register des digitalen Zeitalters.

Und noch eine Pointe mit historischem Hintergrund. Hillary Clinton hat eine knappe Mehrheit der Wählerstimmen bekommen und trotzdem verloren. Das hat folgenden Grund: Die Gründerväter der US-Demokratie haben das Elektorensystem eingeführt, weil sie Angst hatten vor dem, was sie als Masse oder Pöbel wahrnahmen. Mit diesem institutionellen Puffer wollten sie das Präsidentenamt vor dem Durchmarsch eines Demagogen schützen. Genau dieser Mechanismus hat nun dem Demagogen Trump zum Sieg verholfen.

Die gleichen Gründerväter der USA verstanden aber auch, dass die Demokratie nur dank dem Sauerstoff Information überleben kann. Sie sorgten dafür, dass Zeitungen mit stark reduzierten Posttaxen bis in die letzten Winkel der USA vertrieben werden konnten. Genau in solchen Regionen existieren heute «Newswüsten». Und als Folge der Pressekonzentration gehören die meisten Medien an der Börse kotierten Kapitalgesellschaften, für die Profitmaximierung wichtiger sind als Investitionen in die Qualität der Berichterstattung.

«Die US-Medien sind vollkommen unvorbereitet, um über eine Trump-Präsidentschaft kritisch zu berichten,» befürchtet Joshua Roberts (The Atlantic 11. November 2016). Er erinnert an frühere Medien-Debakel, als Leitmedien wie die New York Times und die Washington Post den Lügen der Bush-Regierung aufgesessen waren und damit die Invasion des Iraks rechtfertigten. Trump und seine Kumpanen hätten bereits vor der Wahl ihre Fähigkeit gezeigt zu lügen – trotz anders lautenden Fakten. Bald werde ein Präsident Trump eine mächtige Bürokratie der Bundesregierung hinter sich haben, die ihm helfen werde, seine Lügen abzustützen und zu verbreiten. «Die amerikanische Bevölkerung und wahrscheinlich auch die übrige Welt wird dafür teuer bezahlen müssen,» glaubt Roberts.

Ein Warnsignal für Europa

Die amerikanische Medienlandschaft hat ihre Eigenheiten und ist nicht eins zu eins auf Europa übertragbar. Dennoch müssten die Wahl Trumps und die Rolle des Journalismus als Warnsignal dienen. Auch in Europa gelten Journalisten in der Bevölkerung als abgehoben und elitär. Auch bei uns gibt es «Flyover Countries», die plötzlich einen Demagogen zum Präsidenten oder zur Präsidentin wählen könnten. Auch in Europa sind Journalisten in Newsrooms gefangen, wo sie als Contentprovider am Fliessband Stories produzieren müssen. Ihnen fehlt die Zeit, um Fakten zu überprüfen und draussen mit den Menschen zu sprechen. Auch in Europa werden immer mehr Medien von Konzernen kontrolliert, die von Profitmaximierung getrieben sind und nicht mehr in den Journalismus investieren.

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12 Meinungen

Das mit der mangelnden Information war eine Katastrophe, das sieht Berger richtig. Paul Krugman, führender Oekonom an der Princeton University, und Joshua Cohen, Verfasser von 8 vermutlich surrealistischen Romanen (habe keinen gelesen), gestanden ein, dass sie keinen Trumpwähler kennen würden. Solche Experten kennen das Land schlechter als ein Metzgerbursche von Chicago. Ferner haben Analphabeten in den USA zwar Trumps Pussygate verstanden, aber sicher waren sie nicht über die E-Mail-Affäre von Hillary Clinton analytisch im Bilde, ob man das jetzt überbewertet oder nicht. Lange schien es, der Wahlkampf 2016 sei der primitivste nach 1964 gewesen, als ein Hetzspot von Lyndon B. Johnson eine gezündete Atombombe mit Hinweis auf den Gegenkandidaten Goldwater präsentierte. Die NZZ am Sonntag hat Ende Oktober eine Atombombe abgebildet mit Hinweis auf Trump, wirklich eine differenzierte und faire unprimitive unbösartige Berichterstattung für Anständige und Kultivierte. Es ist aber wohl richtig, dass jemand, der seine Mitbürgerinnen nicht kennt, auch als Autor und Professor politisch kaum urteilsfähig ist. Der Unterschied zwischen Trump und Goldwater war, dass T. es verstand, Unfairness jederzeit mit gleicher Münze zu toppen. Er hatte nicht unfähige Berater. Stephen Bannon, der «Rechtsextremist» und «Rechtspopulist», ist Jesuitenschüler, hat also ähnlichen Bildungshintergrund wie R. Berger, Ruoff und ich. Mit «Breitbart» hat Bannon die Newyork Times auf dem rechten Fuss erwischt.
Pirmin Meier, am 19. November 2016 um 12:50 Uhr
"Auch in Europa gelten Journalisten in der Bevölkerung als abgehoben und elitär."
Mich stört «elitäres» denken und schreiben überhaupt nicht.
Elitär im Sinne von «Auswahl der Besten» muss sich aber auf das Bemühen und Darstellen der Fakten und Zusammenhänge beziehen. Für die Indoktrination brauchen wir keine «Elite».
In diesem Sinne und ist Bergers Untertitel ».. Was haben US-Medien falsch gemacht», schon schrecklich unelitär!
Meines Wissens gehören «die Medien» eben diesen sehr einflussreichen ("verschworenen") Hinterleuten, die nun vielleicht die Kontrolle verloren haben. Also Herr Berger, wie meinen Sie das mit «Fehler"? - aus wessen Optik?
Es gibt ja auch eine plausible Theorie, dass auch Trump im Auftrag derselben Hinterleute engagiert sei, dann also kein Fehler??
Dass Sie uns hier im Sperber vorführen, was Sie selbst kritisieren, nämlich dieses pseudo-elitäre, herablassende Belehren... was soll denn diese Unverfrorenheit?
Faktenfrei suggerieren Sie, dass Clinton «objektiv» das kleinere Übel gewesen wäre. Beide Exponenten sind doch elende Kriegstreiber!!!
Urs Lachenmeier, am 19. November 2016 um 13:44 Uhr
Der Wahlsieg von Donald Trump ist kein gutes Beispiel für das Versagen der Medien im allgemeinen, sondern von denen, die auf der Seite Hillary Clintons standen. Sie schafften es offensichtlich nicht, ihre Kandidatin ins Weisse haus zu bringen.
Beide Kandidaten hatten allerdings denkbar wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Wenn schon, haben die Medien schon in den Vorwahlen versagt, nicht zuletzt, weil sie das undemokratische Wahlsystem nicht thematisierten, das die Gründer der USA zu ihrem Machterhalt eingerichtet hatten.

Für die Mehrheit der Medien waren die Schwachpunkte Hillary Clintons schlicht und einfach kein Thema, wie sie der ehemalige dtv. Finanzminister Paul Craig Roberts – ein zorniger alter Mann – in diesem Stück auf polemische Art auflistet:
http://www.paulcraigroberts.org/2016/11/14/donald-trump-and-hillary-clinton-walk-in-to-a-bar/
Ein Beispiel unter vielen: Die Clinton Foundation hat von mindestens drei Staaten insgesamt über 100 Mio. Dollar bekommen, die dafür Vorteile von Hillary Clinton als Aussenministerin erhielten. Auch die Frage, warum Hillary Clinton für ihre Kommunikation als Aussenministerin einen privaten e-Mail-Server verwendet hatte, der bei Bekanntwerden eilends teilweise gelöscht wurde, blieb unbeantwortet. Wie kann das FBI e-mails für unbedenklich erklären, die es nie hat prüfen können, weil sie vorzeitig gelöscht wurden? Da haben die Medien versagt und nicht dabei, Trump noch schlechter zu machen, als er ist.
Christoph Pfluger, am 19. November 2016 um 14:11 Uhr
Das, was Roman Berger hier zur Diskussion stellt, beschäftigt auch viele andere Medienleute, Denker_innen und Intellektuelle. «Das Magazin» Nr. 46 etwa, bringt dazu namhafte Beiträge
https://www.dasmagazin.ch/aktuelles_heft/n-46-3/?reduced=true
Daniel Binswanger: «(…) Zweitens ändert die Tatsache, dass Trump Erfolg hat, nicht das Geringste daran, dass er ein Sexist, Rassist und Lügner ist. Hinter dem vermeintlichen Medienversagen steht nichts als das ewige, jämmerliche Bedürfnis, dem Sieger recht zu geben. Noch nicht einmal eine Volksmehrheit hat Trump im Übrigen hinter sich scharen können. Er hat zwar gewonnen, aber nur dank des antiquierten Wahlmännersystems.»
Dem wäre noch beizufügen, dass Frau Clinton 300'000 Stimmen mehr machte als Trump. 90% der Student_innen der 200 renommiertesten Colleges und Unis, 90% der Schwarzen haben Trump nicht gewählt.
https://www.dasmagazin.ch/2016/11/18/welche-schuld-tragen-die-medien/
Unbedingt lesenswert ist das Gespräche mit Carolin Emcke, der eben in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde.
«Vielleicht wird – nachträglich betrachtet – der nachhaltigste Schaden dieser Wahl ihre vermeintliche Signalwirkung auf andere Parteien und Politiker sein: dass demokratische Normen keine Rolle spielen, dass sich mit Machismo und Menschenverachtung ein Land lustvoll spalten lässt – und damit Wahlen zu gewinnen sind. Das wäre fatal.»
https://www.dasmagazin.ch/2016/11/18/die-schwelle-des-sagbaren-hat-sich-verschoben/
Peter Beutler, am 19. November 2016 um 17:39 Uhr
„Meine große Sorge ist eher, dass Amerika und Russland jetzt anfangen könnten, sich weltpolitisch zu verständigen“ schrieb Wolfgang Kubicki, aussenpolitischer Sprecher der FDP Deutschland nun in der FAZ. Das sagt einer, der zur Partei Walter Scheels gehört, welcher mit Willy Brandt unter dem Stichwort Frieden 1969 mit der totalitären Sowjetunion eine neue Ostpolitik eröffnete, nach dem Motto Entspannung und Verständigung. Eine Entspannung mit der Macht, die 1968 soeben mit Panzern die Tschechoslowakei vergewaltigt hatte. Trotzdem wissen wir unterdessen, dass die Politik von Brandt u. Scheel keineswegs nur falsch war. Im Fall eines Sturzes v. Brandt durch Barzel (durch Stasi verhindert) wären nur kosmetische Änderungen gemacht worden. Mit einer solchen Aussage disqualifiziert sich die FDP Deutschland, sage ich als einer, der vor der Freiburger Jungen FDP 1978 Gastreferat über Liberalismus halten durfte.

@Beutler. Lügen. Klar waren Wahlkampfphrasen von Trump, wie einst die von Adenauer, zu 50% nicht ernst zu nehmen. Am schlimmsten war Trump, wenn er auswendig ploderte. So sexistisch wie Kennedy u. Clinton ist biologisch nicht mehr möglich. Was indes der Bundesrat über Schengen und die Einwanderung betr. Personenfreizügigkeit gesagt hat, war leider keine Lüge, sondern schlimmer: eine voraussehbare Dummheit. Und was C. Emcke über «demokratisch gemachte Geschichte» in Frankfurt absonderte, verdient logisch-philosophisch kaum die Note genügend, Cohn-Bendit sprach dort klüger.
Pirmin Meier, am 19. November 2016 um 20:50 Uhr
@Möller.Der Journalist ist heute Teil des Systems, nur noch ganz selten gewinnt er wirklich Eigenprofil, im besten Fall noch durch den nicht zu unterschätzenden Stil. Roman Berger gehört(e) meines Erachtens zu den Besseren in seinem Fach. Wenn ich oben schrieb, dass Herr Ruoss (nicht Ruoff), Herr Berger und noch andere wie Stephen Bannon, eine der Gehirnkammern Trumps, dank Jesuiten- bzw. Benediktinergymnasium (Engelberg, mit Niederlassung in USA) über eine solide humanistische Bildung verfügten bzw. verfügen, heisst das lange nicht, sie in den gleichen Topf zu werfen. Aus einem durchaus ähnlichen Bildungshintergrund haben zum Beispiel ein Niklaus Meienberg und ein Stephen Bannon etwas radikal Unterschiedliches gemacht. Sokrates nannte Gelehrte der zweiten Sorte Sophisten. Zu deren Kunst gehörte es, aus dem schlechteren Argument dank professioneller Präsentation das bessere zu machen. Selbstverständlich kommt es nur partiell auf Trump an, eher schon auf seine bezahlten Gehirnkammern. Steht der Präsident wohl für das, was man den amerikanischen Nihilismus nennen könnte, das Nichts für das Nichts, ist z.B. Reince Priebus vergleichsweise stark griechisch-orthodox geprägt, Vizepräsident Peince wiederum gehört u.a. ins Lager der Abtreibungsgegner, was bei der Ernennung des nächsten obersten Richters ins Gewicht fallen kann. Interessant ist, dass vor 50 Jahren der angeblich rechtsextreme Goldwater bei Abtreibung, u, Homosexualität «liberal» war. US-Rechte haben sich radikalisiert.
Pirmin Meier, am 20. November 2016 um 06:09 Uhr
Donald J. Trump, einer, der notorisch lügt, die Frauen gering schätzt, den Klimawandel im besten Fall für eine Glaubensfrage hält und aussenpolitisch mit dem Feuer spielt.

Hillary Clinton, eine, die notorisch lügt, Menschen gering schätzt, den Klimawandel für ein Big Business hält und aussenpolitisch völkerrechtswidrige Kriege (Arabischer Frühling) angezettelt hat.

Bei dieser Auswahl sind die Amerikaner bereit, Donald Trump als Präsidenten zu akzeptieren. Nur selten wird die Frage gestellt, warum sich die Medien so vehement und manipulativ auf Clintons Seite geschlagen haben? Oder anders formuliert: Hat hier der Journalismus versagt? Nur hier oder bereits seit längerem? Weshalb wird die Presse Lügenpresse genannt? Ist dieser Vertrauensverlust noch zu retten?
This Bürge, am 20. November 2016 um 14:18 Uhr
Pirmin Meier pflegt etwa noch Zensuren zu erteilen. Gute und schlechte. Das berührt einen dann säuerlich, wenn die Benoteten ganz anders bewertet werden, als man es selber täte. So war es (Eintrag oben) mit Carolin Emcke, Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Frau Emcke setzte sich im dritten Teil ihrer Dankesrede mit dem Klima des Fanatismus und der Gewalt, das derzeit Europa heimsucht, auseinander.
Diese Passage beginnt so: «Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht…»
Die Rede ist eine zum Nachdenken anregende Antwort auf das, was derzeit in Europa und den USA geschieht. Insbesondere auf die unsägliche Wahl von Trump. Ungläubig reibe ich mir die Augen, wenn man Carolin Ehmckes Worte als «Absondern» verunglimpft.
http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/1244997/
Peter Beutler, am 20. November 2016 um 15:03 Uhr
@Mit dir glaube ich, dass Auseinandersetzung geführt werden muss, z.B. mit der Ideologie des Identitären. Aber selbst ein Schweizer Altbr. deutet an, dass heute Leute ausgezeichnet werden, die ehrlich gesagt keine bedeutenden politischen Denker sind. Wenn nun also Frau Emcke von «demokratisch gemachter» Geschichte schwätzt, fehlen elementarste methodische Grundlagen, das war ja die Basis-Diskussion seit den Siebziger Jahren von Popper, Lübbe, Habermas. Von einer ernst zu nehmenden Analyse kann man bei Emke nicht sprechen, es ist äusserst ungenau, mit Wohlmeinen aber auch mit «mutiger» Feindbeschimpfung kommen wir nirgends hin. Wohingegen bei Cohn-Bendit am 3. Oktober immerhin ein Ansatz zu einer Analyse gegeben war, zum Beispiel mit seiner These von der «neuen europäischen Bevölkerung», womit wir uns auseinanderzusetzen hätten. Das ist wohl die zu führende Debatte. Sie muss beidseits auf intellektuellem Niveau geführt werden, nicht auf Beschimpfungsbasis. Wie unsäglich die Wahl von Trump ist, sehen wir noch. Leute, die so intelligent sind wie du und ich, haben in ihm das kleinere Übel gesehen. Kennedy machte betr. Atombombe nicht nur Scherze, Nixon war charakterlich bis zum Beweis des Gegenteils charakterlich schlimmer als T., Reagan brachte die Reaganomics, Clinton benahm sich wie Johnson im Oval Office wie ein Schwein und Bush fehlte jeglicher politische Instinkt. Am besten nimmt man es, wie es derzeit die Russen machen.


wird nicht so schlimm wie Kennedy, Nixon, Cli
Pirmin Meier, am 21. November 2016 um 07:41 Uhr
PS. unten gehört nicht dazu, natürlich kann Trump schlimmer werden als Kennedy, Nixon, Clinton; ein Vorteil könnte noch werden, dass sich die europäischen Länder stärker auf ihre eigene Mündigkeit besinnen müssen. Dann könnte Trump sogar ein Segen werden.
Pirmin Meier, am 21. November 2016 um 07:47 Uhr
Danke, Pirmin. Nur noch zwei Kleinigkeit: Bill Clinton, «das Schwein in Oval Office"? Das war die Affäre mit Monica Lewinsky, die ja wohl keine war. Clinton benahm sich wie ein pubertierender Jüngling, der es nicht mal wagte, aufs Ganze zu gehen. Die Welt lachte über ihn. Bei Kennedy war es wohl anders. Aber er, wie übrigens Clinton auch, äusserten sich nie sexistisch. Kennedy tat genau das, was die gekrönten Häupter in Europa bis zur Belle Epoque sich meist auch leisteten. Er «unterhielt» Mätressen. Und mit Sicherheit viele Spitzenpolitiker nach ihm auch, Giscard d`Estain etwa. Das hat aber nichts mit Sexismuszu tun.
Trump das kleinere Übel? Das dürften wenige, nachdem nun die Zusammensetzung seiner Regierung bekannt ist, so sehen. Leute wie Trump gab es immer schon, auch solche wie Hitler. Das Problem kommt dann, wenn sie bei weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stossen.
Es ist nun an den Anständigen, Mutigen und Bildungsnahen, sich dieser fatalen Entwicklung entgegenzustellen. Carolin Emcke ist da ein toller Einstieg gelungen. Sie wird Nachahmer und Nachahmerinnen finden. Ich bin nicht pessimistisch. Die aus Stümpern, Klimawandelleugnern, Grossmäulern, Rassisten, Antisemiten, Verschwörungstheoretikern, Abtreibungsgegnern bestehende Entourage Trumps, dürfte nicht einmal das Ende der vierjährigen Legislatur überstehen.
Peter Beutler, am 21. November 2016 um 12:01 Uhr
@Wir sollten hier, das verdient Roman Berger, nicht einfach Biertisch machen. Alles, was man nur über das Netz weiss, kann für sich allein nicht als Aufklärung gelten. Um einen Politiker zu kennen, sollte man sich ungefähr so über ihn informieren, wie ich das über Th. M. von Schaffhausen versuchte, von dem man im Internet eine Biographie bestellen kann, die nie gedruckt wurde. Hatte bei dieser Arbeit auch Blocherakten in der Hand. Das ist nun mal der Unterschied zu blossem Tagesgerücht. Und Hitler gab es nicht mehrere, sondern einen, erst recht Lenin, von dem du als Sozialist und ich als Bildungsforscher noch Respekt habe, er war wirklich ein strategischer Denker, aber mit einer kriminellen Phantasie, für die der Geist von Trump wohl zu schwach ist. Wie Mao ein zu anerkennender Weltverändererer, wobei Millionen Tote nach Eric Voegelin dann keine Rolle spielen, wenn es um die politische Erlösung geht. Das gilt für die innerweltlichen Erlöser. Solche sind in Trumps Entourage vorläufig nicht auszumachen und wenn schon, werden sie vorher stolpern. Nicht die Menschen, das System in Amerika oder in England oder in der Schweiz verhindert letztlich, dass es zum Schlimmsten kommt. Es ist richtig, dass Hitler diese Systembremsen in Deutschland ausmanövierte. Einer meiner linken väterlichen Freunde bekannte mal: «Meine erste Hoffnung war bis 1934 Hitler, dann Stalin, dann Mao, zuletzt Gorbatschow, immer wurde ich enttäuscht.» Von Trump aber erwartet wohl niemand politische Erlösung.
Pirmin Meier, am 21. November 2016 um 12:41 Uhr

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