kontertext: Bitte mehr Hemmungen!

Ariane Tanner © cc
Ariane Tanner / 15. Dez 2016 - Das täte auch dem «Tages-Anzeiger» gut, der sich mitunter politisch arg anbiedert. Eine Lektion in «Authentizität».

Was müssen wir aus dem amerikanischen Wahlkampf 2016 lernen? Wer sein Gehirn einschaltet, zählt automatisch zur Elite. Man kann auch «too popular to fail» sein. Das Kokettieren mit Mord wird nicht geahndet, aber bewundert. Sexuelle Übergriffe sind ein Kavaliersdelikt, ähnlich wie die Steuerhinterziehung. Drohende Anklagen oder Firmenbankrotte sind kein Grund zu Scham, sondern Beleg für eine risikobereite Gewieftheit gegenüber dem Staat. Die Kränkung des weissen Mannes durch das kopernikanische Weltbild oder die Evolutionstheorie sind Schnee von gestern, heute sind es der Klimawandel und die Frauen. Die politische Lüge ist nicht nur wieder salonfähig, sondern mehrzweckhallentauglich geworden.

Kurz: die Hemmungen sind gefallen. Und mit Wehmut denken wir an die letzte Zeile von Mani Matters Lied aus den frühen 1970er Jahren zurück, als man noch «hoffen» konnte, «dass sie Hemmige hei.»

Direkt aus den Eingeweiden …

Hemmungen zu haben, setzt voraus, dass man sich und sein Umfeld voneinander unterscheiden kann. Es ist ein meist in Kindesjahren antrainiertes Sozialverhalten, das physische und kommunikative Grenzen setzt. Damit sind sie in gewissem Sinne genau das Gegenteil von der aktuell viel beschworenen «Authentizität». Die authentische Äusserung schöpft vermeintlich nur aus sich selbst: Der Mensch ist ganz bei sich, stülpt sein Innerstes nach aussen und findet dort nur sich selber vor. Oder seinesgleichen.

Unter dem Motto der Authentizität darf neuerdings allerlei (privat Altbekanntes und nie ganz Verschwundenes) ungebrochen öffentlich geäussert werden. «Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen» wurde zur verbalen Carte blanche von so genannten Wutbürgern. Die aus tiefsten Tiefen des Gemüts stammende Herkunft ihrer Gedanken verkaufen sie als Garantie für Erfahrung und Echtheit. Was da in den Kellergewölben der Seele schlummerte, darf endlich ans Tageslicht! Die deutsche AfD (Alternative für Deutschland) setzt in diesem Sinne ihrem Parteinamen gleich den Slogan «Mut zur Wahrheit» hinzu. Am gleichen Ort hocken auch die viel beschworenen «Sorgen» der BürgerInnen oder des «Volks», die gerade wegen ihrer ungefilterten Äusserung «ernst genommen werden» müssten.

… ins Marketing

Dieses Verständnis von Authentizität ist völlig falsch. Denn das Reservoir des vermeintlich Echten, das Impulsive, die spontane Selbstoffenbarung kann gezielt bewirtschaftet werden. Meist unternehmen das Elite-Zughörige im Namen irgendeines «Volkes» und trainieren dessen Ressentiments nicht zuletzt mit Elite-Bashing. Einmal «in die Welt von PR und Marketing» getragen, hat Authentizität nichts mehr mit persönlicher Meinung zu tun, sondern wird «zum rein strategischen Kalkül» («Neue Zürcher Zeitung», 15.8.2016). Deshalb erstaunt es uns auch nicht zu erfahren, dass bei Donald Trumps Wahlsieg eine Big Data-Firma kräftig mitgemischt haben soll, auch wenn sich diese Manipulationsgeschichte nicht linear erzählen lässt («Das Magazin», 3.12.2016; «Die Wochenzeitung», 8.12.2016). Es überrascht auch nicht, dass sein Kabinett aus Milliardären und Generälen besteht, wobei sich der «Tages-Anzeiger» nicht zu schade ist, dies mit «Anlass zur Hoffnung» zu quittieren (9.12.2016).

Effekt oder Haltung

Trump hat den Medien permanent Futter des Unerhörten gegeben, seine Rolle als «Bad Guy» («Die Wochenzeitung», 8.12.2016) perfekt ausgefüllt und damit «Grobiane in aller Welt bestätigt» («Tages-Anzeiger», 19.11.2016). Es war seine Inszenierung zur Machtübernahme. «Das Volk» ist nicht dumm, aber es kann für dumm verkauft werden. Es ging nicht um Affekt, sondern Effekt. Eine «Haltung» wäre das Gegenteil von beidem. Haltung setzt eine gewisse unkorrumpierbare, reflexiv gewachsene Kohärenz zwischen Person, Wissen, Erfahrung und Aussage voraus. Deshalb lautet die Frage nach dem amerikanischen Wahlausgang auch kurz «Wer bist du?» (Constantin Seibt, der diese Zeitung bald verlässt, auf «Tages-Anzeiger» online, 11.11.2016).

Der Applaus der Rechtspopulisten Europas hallt lange nach. Wurde Roger Köppel, der neuerdings als «SVP-Europapolitiker» gehandelt wird («Tages-Anzeiger» vom 9.12.2016), nach dem amerikanischen Wahlausgang von «10 vor 10» um einen Kommentar gebeten, dann sprach er von einem «guten Tag für die Demokratie» und freute sich über die nun vermehrte «Vielfalt auf der Welt». Ich gehe mal davon aus, dass er mit Vielfalt nicht Multikulti meinte, aber den verbalen Freibrief: Endlich darf wieder ausgesprochen werden, was ihresgleichen denken. Die politische Hetze sowie rassistische, sexistische und diskriminierende Gedanken haben ein demokratisch gewähltes, amerikanisches Sprachrohr gefunden.

Politische Gefühlsdämmerung im Tagi

Die Grenzen des Sagbaren werden auch hierzulande seit Jahren strapaziert. Gezielte Diffamierung von Einzelpersonen sind an der Tages- und Wochenordnung («BaZ», «Weltwoche») und das permanente Schlechtreden der (staatlichen) Institutionen wird zum Volkssport. Ein jüngstes Beispiel? Der «Tages-Anzeiger» zitiert auf der Frontseite (3.12.2016) Ex-Bundesrat Christoph Blocher, der «das Gefühl» hat, «in Bern ist ein Club von Geistesgestörten». Es verwundert wohl kaum jemanden, dass er so denkt und das auf Teleblocher so geäussert hat, aber warum findet dieses «Gefühl» überhaupt in eine Zeitung?

Wie der «Tages-Anzeiger» über den Vorstoss des CVP-Nationalrats Daniel Fässler zur Wiedereinführung einer Bewilligungspflicht für ausländische RednerInnen in der Schweiz berichtete, passt ins Bild («Tages-Anzeiger», 4.10.2016). Den gross aufgemachten Artikel, ergänzt durch eine povere Liste von ausländischen RednerInnen in der Schweiz – beginnend mit Mussolini 1913 und fortgesetzt mit Sahra Wagenknecht, die im Jahre 2000 «die wirtschaftliche Macht, die eine Minderheit von Grossaktionären innehat» in der Schweiz «kritisiert» habe –, übertitelte diese Zeitung mit «Redefreiheit soll eingeschränkt werden». Damit übersetzte der «Tages-Anzeiger» die Motion, die gerade von der SVP prominent unterstützt wurde, in einen moralischen Imperativ und Fast-schon-Fakt. Die Ablehnung dieses Vorstosses, weil die bestehende Gesetzgebung ausreiche, war derselben Zeitung eine Kurzmeldung der Schweizerischen Depeschenagentur wert («Tages-Anzeiger», 18.11.2016). Was bitte «sollen» wir aus dieser Berichterstattung lesen? Hetzen also nur Ausländer? Garantieren im Umkehrschluss nur Inländer für … ja, was nun … kluge?, schöne?, konstruktive? Reden?

Echt schweizerisch geredet jetzt

Also ich bin Schweizerin und möchte jetzt auch einmal etwas sagen. Denn auch ich kann mich anstrengen, voll authentisch zu sein, also so 100%-ig echt, direkt halt. Auch ich habe meine Lektion in Authentismus gelernt (oder wie hiess es doch gleich? egal, eh nur elitäre Fremdworte). In diesem Modus, so wurde mir beigebracht, muss ich mich nicht darum kümmern, wo ich mich gerade mit wem aufhalte oder wer mir zuhören könnte. Dementsprechend fallen die so unglaublich trägen, weil so langlebigen, zivilisatorisch gewachsenen und so aufwändig eingeübten und unseren Kindern tagtäglich eingebläuten Regeln der Freundlichkeit, des Anstands, der Rücksichtnahme, der Gleichberechtigung, der Political Correctness bequemerweise weg, sondern ich sage einfach, was ich fühle, und dasselbe denke ich auch und das Gleiche sage ich dann laut oder schreibe es im Internet hin und das ist dann automatisch meine Meinung. Exakt meine Meinung, die mindestens eine halbe Stunde lang gültig ist, also eine so lange Halbwertszeit aufweist wie News. Und weil auch ich «das Volk» bin (mit einem schweizerischen und einem österreichischen Pass – in DER Reihenfolge!, sogar zweimal Volk), muss man mich nun ernst nehmen. Auf Details oder Fakten, geschweige Argumente oder Wissen (Pah!) muss ich dabei keine Rücksicht nehmen. Was ich sage, ist ungefiltert, unbeeinflusst, echt. Also wahr.

(Damit sollte ich jetzt genügend aufgeputscht sein, um das Folgende auch hinschreiben zu können, so hemmungslos im medial-öffentlichen Raum:)

Also, lieber Tagi

«Lieber Tages-Anzeiger, ich bin eine seit Jahren treue Leserin Ihrer Zeitung. Eigentlich schätzte ich Sie lange Zeit, bin jetzt aber in grosser Sorge, ob dem immer noch so ist. Denn nach der Wahl von Donald Trump las ich auf Ihrer Frontseite ‹Einmal tief durchatmen› als Haupttitel. Das fand ich nicht gut und missverständlich, weil man fast meinen könnte, Sie würden einen Seufzer der Erleichterung tun. Die ‹Neue Zürcher Zeitung› titelte am gleichen Tag ‹Amerika auf radikalem Kurs› und schrieb vom ‹unberechenbaren Volksaufhetzer›, der gewählt wurde, was der Realität wohl sehr viel näher kommt.»

(Gähhhhn…. Wir sind da nicht in einem Proseminar zur richtigen Setzung von Fussnoten. Viel zu faktisch. Das war noch nichts.)

Na gut, okay, zweiter Versuch: «Lieber Tagi, nach Trumps Wahl las ich als Haupttitel ‹Einmal tief durchatmen›, das finde ich daneben.»

(Komm auf den Punkt! Mehr Emotion! Wo bleibt die Diffamierung?!)

Jetzt aber: «Liebe Schreiberlinge des Tagi, was fällt Ihnen ein, nach Trumps Wahl zu titeln ‹Einmal tief durchatmen›?»

(Schon besser, mehr davon! Aber kürzer!)

Ich versuche es ja: «Du Blatt von Schreibtischtätern, deine Titelei nach Trumps Wahl war Scheisse!»

(Ja! Jaaaa! Und jetzt noch in eine Parole übersetzen!)

Nun gut… mit ein bisschen Anlauf: «Schult Eure Journalisten zu Grenzwächtern um!»

(Na also, geht doch. Das nächste Mal aber ein bisschen flotter.)

Was vernehme ich da gerade? Ich hätte mit meiner Medienkritik den Ton verfehlt, einen wilden Ritt durch diverse Themen unternommen, den Kontext zu wenig beachtet, Personen beleidigt, dem Format nicht wirklich Rechnung getragen, eher einen Poetry-Slam-Beitrag hingeschludert denn einen Artikel zur Meinungsbildung verfasst? Aha, da hat wohl doch noch jemand sein Gehirn eingeschaltet. Gottseidank.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ariane Tanner ist Historikerin und Texterin aus Zürich. Sie wandert aktuell zwischen Forschung, Unterricht und Kunst. Seit vielen Jahren begleitet sie schreibenderweise PerformancekünstlerInnen und performt eigene Texte.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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3 Meinungen

Habe Ihren Kontertext mit grossem Vergnügen gelesen!
Die politische Lüge ist mehrzweckhallentauglich geworden: superbe!
Denke das Albisgüetli ist auch eine Mehrzweckhalle...
Freue mich schon auf ihren nächsten Beitrag auf Infosperber!
H. Sigrist, am 16. Dezember 2016 um 10:05 Uhr
Also, was an der Gesamtaussage des Textes unklar ist, - das ist mir wiederum unklar. Ich meine darin die Sorge, die Wut und ja, auch die Ohnmacht zu spüren angesichts des scheinbar unaufhaltsamen politisch-menschenrechtlichen Rückwärtsgangs und dessen Reflektion in den Mainstream-Medien. Frau Tanner als wütende Bürgerin artikuliert sich hier, im Gegensatz zu Wutbürgerinnen und Wutbürgern, mittels einer Analyse, welche der Sache gemäss halt satirisch daherkommt.
Was den Aufhänger, den besagten Haupttitel im Tagi nach Trumps Wahl betrifft, den empfinde ich nicht als unpassend. «Einmal tief durchatmen» heisst für mich innehalten, sich fassen, um Entsetzen, Panik und Wut unter Kontrolle zu bringen.
Um ehrlich zu sein, ich muss das jedesmal tun, wenn wieder eine Aquisition ins Trumpkabinett vermeldet wird.
Barbara Mujagic-Ott, am 16. Dezember 2016 um 10:41 Uhr
"Die politische Lüge ist nicht nur wieder salonfähig, sondern mehrzweckhallentauglich geworden."
Die politische Lüge ist seit Menschengedenken salonfähig. Die WMD Lüge der USA 2003, die «Incubator» Lüge 1991, die Lügen H. Clintons, etc. Tonkin, etc.
Was wir mit Trump erlebten, war die Steigerung ins Absurde, von der Lüge zu inkohärenten und sich widersprechenden Äusserungen, die von Fakten losgelöst sind.
Zum TA und der interessanten Verwendung des Trump Schocks, neoliberale Positionen als links-liberal (anti-Trump = linksliberal) erscheinen zu lassen, habe ich hier geschrieben:
https://senfundpfeffer.wordpress.com/
Thierry Blanc, am 17. Dezember 2016 um 15:51 Uhr

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