Einmalige Aktion von Lokalblättern in Grossbritannien zur Corona-Krise. © PR

Einmalige Aktion von Lokalblättern in Grossbritannien zur Corona-Krise.

Corona lässt gedruckte Lokalzeitungen verschwinden

Monique Ryser / 27. Mär 2020 - In Grossbritannien und den USA gehen lokale Blätter wegen der Krise ein. Genau jetzt wären lokale Informationen aber wichtig.

«Wenn Sie auf sich gestellt sind, sind wir für Sie da.» In grossen Lettern prangte dieser Satz auf unzähligen lokalen Zeitungen in ganz Grossbritannien. Diese einmalige Aktion zur Corona-Krise vereinte Lokalblätter der verschiedensten Verlage, auch aus sonst rivalisierender Häuser. «Wir wissen, dass Sie gerade jetzt regelmässige und vertrauenswürdige Informationen benötigen, und wir verpflichten uns dazu. Was immer kommen mag, wir werden hier sein für Sie. Um zu erklären, was Sache ist. Ihnen zu helfen, Hilfe zu finden. Ihnen mit ruhiger Hand Zuversicht und Ruhe zu vermitteln.» Diese schon fast pathetische Ansage begründeten die Verlage mit ihrer Verpflichtung den Abonnentinnen und Abonnenten gegenüber: «Sie waren für uns da, auch in den schwierigsten Zeiten. Wir wollen, dass Sie wissen, dass Ihre lokale Zeitung auch für Sie da ist.»

Keine Anzeigen mehr, kein Geld, keine Reserven

So schön das tönt und so gut das gemeint ist – die meisten dieser kleinen Blätter stehen am Rand des finanziellen Abgrunds. Und einige sind der Corona-Krise schon zum Opfer gefallen, wie der «Guardian» schreibt. Inserate der lokalen Geschäfte oder von Veranstaltern sind seit dem Lockdown in Grossbritannien auf null gesunken. Finanzielle Reserven haben sie schon lange nicht mehr. Dazu kommt ein weiteres Problem: Wegen der Gesundheitsmassnahmen können die Zeitungen den vor allem älteren Abonnenten nicht mehr zugestellt werden, die Verträger können oder dürfen nicht mehr auf ihre Touren. Zwar haben auch die lokalen Zeitungstitel Onlineportale, doch die Einnahmen, die sie dort generieren, machen nur einen Bruchteil der früheren Anzeigeneinnahmen im Print aus. Und wird die Belegschaft entlassen, schreibt auch niemand mehr für die Online-Ausgabe. Aber vor allem: Die älteren Menschen, die nun auch in Grossbritannien zu Hause bleiben sollen, verlieren ihre vertraute Informationsquelle. Und das in einer Gesundheitskrise, in der lokale Berichterstattung noch wichtiger ist als sonst.

TX Group kürzt Pensen – Protest per Petition

Auch in der Schweiz trifft die Corona-Krise die Medien hart: Aktuell werden fast 80 Prozent der Anzeigen-Reservationen storniert, schreibt der Verlegerverband «Schweizer Medien». Je nach Länge der Krise sei für das Werbejahr 2020 ein Werberückgang im Print von gegen 400 Millionen Franken zu befürchten. Dazu kommt, dass auch in der Schweiz die Verträger ausfallen und die Zeitungen ihre Abonnenten auf die e-Paper-Ausgaben verweisen. Bereits hat der Verlag der Tamedia-Zeitungen, die TX Group, Kurzarbeit angemeldet und kürzt das Pensum aller Angestellten der Bezahlmedien um zehn Prozent, wie Keystone-sda meldete. Mit einem offenen Brief und einer Petition wehren sich nun Journalistinnen und Journalisten und Politgrössen gegen den Abbau: «Der Abbau erfolgt in einer extremen Krise, in der die Bevölkerung ganz besonders auf vertrauenswürdige, unabhängige Informationen und Einschätzungen angewiesen ist. Wir fordern Tamedia auf, staats- und demokratische Verantwortung zu zeigen und anderen Unternehmen ein Zeichen zu setzen, wie die Corona-Krise solidarisch bewältigt werden kann», fordert die Petition. TX Group sei schweizweit der mächtigste und finanzkräftigste Medienkonzern und müsse staatspolitisch Verantwortung übernehmen – Link zur Petition.

Auch in den USA gehen lokale Blätter ein

Dasselbe Bild an der US-Westküste: Die Zeitung «Guardian» zitiert Jeff vonKanael, den Präsidenten von drei kleinen, alternativen Zeitungen in Kalifornien und Nevada (Sacramento, Chico and Reno News & Reviews). Letzte Woche hatte er auf der Website seiner Produkte angekündigt, dass er fast die ganze Belegschaft entlassen müsse und dass die Printausgabe eingestellt werde. Auch hier gab die Corona-Krise mit der Schliessung der Geschäfte und dem Verbot von Veranstaltungen den Blättern den Rest. Dass ausgerechnet jetzt Zeitungen ihr Erscheinen einstellen müssten, sei sehr beunruhigend, sagte Mike Rispoli, Direktor der «News Voices», einer Non-Profitgruppe, die sich für lokale Informationen einsetzt, gegenüber dem «Guardian»: «Dass nun Zeitungen schliessen, ist extrem beunruhigend, da wir in der Corona-Krise unbedingt auf die Informationen auf lokaler und Gemeindeebene angewiesen sind.» Zwar gebe es viele Medien auf nationaler Ebene, aber die würden nicht über das berichten, was vor der Haustüre der Menschen passiere und eben sehr wichtig sei. «Der Corona-Virus hat nicht nur unsere Probleme im Gesundheitswesen brutal offengelegt, sondern auch die Krise im News-Angebot», sagte er.

Zwischen 2004 und 2019 sind in Kalifornien bereits ein Viertel der lokalen Titel eingegangen. Jeff vonKanael macht eine düstere Prognose: «Der Verlust der lokalen Medien vollzieht sich nach und nach, ohne dass die Menschen es stark merken. Es ist wie der Klimawandel: Die Menschen spüren den Verlust, aber nicht so stark, wie sie sollten.»

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2 Meinungen

Ich erwarte eine Tendenz, die dahingehend verläuft, dass viele Klein- und Kleinstunternehmen verschwinden werden. Ersetzt durch multinationale, digital organisierte Grosskonzerne. Man kann dies als eine Art Volksenteignung betrachten.

Im übrigen sind die vom Bundesrat getroffenen, wirtschaftlichen Massnahemen, die ersten versteckten Bankenrettungen. Heute für viele wohl eine Verschwörungstheorie. Und ich wäre glücklich, wenn sie das rückblickend auch in drei Jahren noch ist.
Stöckli Marc, am 27. März 2020 um 11:00 Uhr
Eine tragische Entwicklung. Schon jetzt lässt die Medienvielfältigkeit sehr stark zu wünschen übrig. Wenn aber bald nur noch die grossen Leidmedien (Leitmedien) und Sensationsblätter die Zeitungslandschaft küren, ist es endgültig vorbei mit einer ausgewogenen Berichterstattung. Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass die Menschen vielleicht anfangen die Zeitung und eine vielfältige Berichterstattung zu vermissen, und es so Chancen für neue, tatsächliche alternative Zeitungen gibt, welche dann den Wissensdurst der Mainstream- kritischen Leser befriedigt.
Thomas Huber, am 29. April 2020 um 11:44 Uhr

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