kontertext: Ideen totschreiben

Ariane Tanner © cc
Ariane Tanner / 05. Okt 2016 - Die Antwort auf die komplexe Ökologie ist nicht selten Populismus. Über das Totschreiben von guten Ideen und einer Abstimmung.

Red. kontertext greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Ob Analyse, Sprachkritik oder Statement – kontertexte sind undogmatische Einwürfe, die Publiziertes ernst nehmen, ohne selber dem Ernst ganz zu verfallen.

Wo Probleme komplex sind, ist der Populismus nicht weit. Und Ökologie ist komplex. Sie handelt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert «von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt». Diese Beziehungen finden sich auf allen möglichen räumlichen und zeitlichen Ebenen und sind wechselseitig, kurz: Ständig passiert in diesem Dazwischen unheimlich vieles, alles hat irgendwie mit allem zu tun.

Nennen wir diesen mit seiner Umwelt verbundenen «Organismus» der Einfachheit halber einmal Homo sapiens und schauen uns dessen im Weltmassstab selten vorkommende, aber doch (sub)alpin reichlich vorhandene Ausgabe an: den Schweizer Stimmberechtigten und die wie aus dem Nichts hervorgegangene, nun schon seit sagenhaften 45 Jahren unter uns weilende weibliche Variante davon, die Schweizer Stimmberechtigte. Als nicht nur metabolisierendes und über den Hunger hinaus konsumierendes, sondern gar mit politischen Rechten ausgestattetes Wesen hatte es am 25. September über die Volksinitiative «Für eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft (Grüne Wirtschaft)» abzustimmen.

Abstimmen, energetisch betrachtet

Wie fast immer waren über fünfzig Prozent dieser Spezies wochenlang zu faul oder am Abstimmungssonntag gerade in ihrem post-brunch-Verdauungsschlaf begriffen, um den Gang zum Briefkasten oder dem Wahllokal zu schaffen. (Oder aber sie waren von der zunehmenden Komplexität ihrer Lebenswelt derart erschlagen, dass sie sich selbst einen mehrwöchigen Zwangsurlaub auf den Malediven verschrieben hatten, ehe diese im steigenden Ozean versinken – wäre ja zu schade, sie nie gesehen zu haben.) Bedauerliche temporäre Abwesenheiten also dieser GattungsvertreterInnen, aber immerhin waren noch Exemplare übrig und willens, sich den Kopf über ein «Ja» oder ein «Nein» zur Volksinitiative für eine «Grüne Wirtschaft» zu zerbrechen. Zum am gleichen Tag vorliegenden «Bundesgesetz über den Nachrichtendienst» musste man sich durch 52 Seiten im Abstimmungsbüchlein durcharbeiten, für die Volksinitiative waren es eineinhalb Seiten. Nicht zuviel verlangt, so denkt man, für AbgängerInnen von Schweizer Schulen, für welche der energetische Aufwand für eine zehnminütige Lektüre in der Kategorie «sitzend lesen» durchschnittlich 13,5 Kilokalorien kostet, also zwei Löffel Joghurt.

Nachhaltig und ressourceneffizient, so der Initiativtext, sollte die Wirtschaft werden, die Akteure sich anstrengen, die Stoffkreisläufe zu schliessen, um die Umwelt möglichst wenig zu gefährden oder zu belasten. Weiter: Der Bund formuliere zur «Verwirklichung dieser Grundsätze» mittel- und langfristige Ziele und könne zur Beförderung derselben (steuerliche und innovatorische) Anreize schaffen. Klare Sache.

Was nachhaltig meint, lernen wir schon mit Artikel 2 der Bundesverfassung, seit einem Bundesratsbeschluss vom 13. Oktober 2010 erarbeiten verschiedene Institutionen mögliche Massnahmen für eine ressourcenschonende Schweizer Wirtschaft, die regelmässig rapportiert werden und sich in guter Gesellschaft befinden mit der Resolution des UNO-Gipfels Rio+20, der «Green Growth Strategy» der OECD und dem Weltklimavertrag von Paris Ende 2015. Dass zu einer «umfassenden Wohlfahrtsmessung» nicht nur ein BIP (Bruttoinlandprodukt) gehört, sondern dass diese Zahl durch «Indikatoren» über «soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen» ergänzt werden soll (siehe den Bericht an den Bundesrat betreffend «Grüne Wirtschaft» vom 8. März 2013), leuchtet unmittelbar ein; dass wir selber kein geschlossener Stoffkreislauf sind, ahnen wir jedesmal bei Betätigung der Klospülung (dass dies aber voll in Ordnung geht, lehren uns dystopische Science Fiction-Filme, deren Realwerdung wir aus guten Gründen nicht wünschen). Als internationale Vergleichsgrösse stützte sich die Initiative auf die Berechnung des «ökologischen Fussabdrucks», der mit einem zeitlichen Ziel verbunden wurde: Bis Mitte Jahrhundert sollte die Schweiz ihre Wirtschaft so gestalten, dass ihr Ressourcenverbrauch auf die Welt hochgerechnet die Kapazität der Erde nicht überschreitet.

Nach dieser Lektüre sollte nun also das Nachdenken einsetzen und somit die angestrengte Hirnarbeit, eine physiologisch und verbrennungstechnisch nicht zu unterschätzende Tätigkeit, was mindestens die doppelte Menge an Energiezufuhr erfordert, dementsprechend vier Löffel Joghurt.

Mein Metabolismus gehört mir!

Eine Initiative also, die in der Verfassung verankern wollte, dass wir nicht weiterhin über unser Ressourcenkapital auf Kosten anderer unserer Art oder der Umwelt leben wollen. Damit geht eine Akzeptanz einher, dass das politische Gebilde Schweiz Teil einer globalen Wirtschaft ist, dem es gerade als rohstoffarmem Land nicht egal sein kann, unter welchen Umständen es seine Materialien beschafft, wie Rohstofffirmen wirtschaften, wie Landschaften andernorts umgepflügt, Ozeane übersäuert, Menschen umgesiedelt und ihre Arbeitskraft billig ausgenutzt werden, um Profite für Firmen zu generieren, deren Briefkästen in Schweizer Ortschaften stehen, damit wir uns nach unserem Gusto ernähren und kleiden und darüberhinaus elektronische Gadgets kaufen und beliebig mobil sein können. Auf individueller Ebene hiess das, mit dem Stimmzettel Eigenverantwortung zu übernehmen, auf staatlicher Ebene bedeutete dies, die Hausaufgaben zu machen.

Und sofort!, wenn sich die Spezies Schweizer StimmbürgerIn als Teil der Welt sehen sollte, rollt sich dieses Wesen zusammen, pocht darauf, ein Landorganismus zu sein, der keine Ahnung vom Meer hat und nur bei regulierter 24° Celsius Zimmertemperatur in seiner Wohnung mit direktem Garagenzugang wirklich gut leben kann. My car ist my castle! Mein Metabolismus gehört mir! Meine Dinge sind mein Ding! Im Prinzip hatte es in diesem Moment begriffen, dass ökologische Fragen auch immer mit individuellen Handlungen zu tun haben, aber eigentlich war in diesem Initiativfall primär die Wirtschaft gemeint. Und diese schickte gleich ihre fixen Übersetzer vor, die ihrem Hirn eine Zwangsjacke überzogen, um eine populistische Verknappung des Initiativtextes anzubieten: Das Ende der Cervelat! Nie mehr warm duschen! Das Auto in die Vitrine!?

Reflexartig ebenso die allgemeine Abwehr gegen den Staat, der UNS (will heissen «MIR», die wir ja zu dritt sind, «me, myself, and I», die alle drei Konsumwünsche haben) vorschreiben will, was WIR (also ICH) zu wollen haben!? Und komplett war die Bühnenkulisse für die Aufführung des Horrorszenarios der totalen staatlichen Bevormundung. Ganz abgesehen davon, dass sich durch diese reisserischen Verkürzungen die Frage aufdrängt, wer denn nun die Warmduscher von heute sind, stehen diese Voten in krassem Kontrast zum weiteren Abstimmungsausgang: Dieselbe persönliche Freiheit, die wir mit Annahme des Nachrichtendienstgesetzes als Ausdruck von «Staatsvertrauen» bereitwillig dem Stichwort «Sicherheit» opferten, wurde in Bezug auf die «Grüne Wirtschaft» hochgehalten.

Das Ressort Komplexitätsreduktion

Die Volksinitiative erreichte an der Urne 36,4 Ja-Stimmen. Damit ist sie gescheitert. Aber während die Berichterstattung nach der ebenfalls abgelehnten Volksinitiative «AHVplus» nicht müde wurde zu betonen, dass die Debatte um die Altersvorsorge jetzt erst recht lanciert worden sei, verfuhr sie mit der «Grünen Wirtschaft» nicht zimperlich. So titelte der «Tages-Anzeiger» nach dem Abstimmungssonntag am 26. September: «Bundesrat soll seinen Aktionsplan für eine grünere Wirtschaft stoppen».

Damit wird nicht nur das Anliegen der Initiative am Tag danach bereits ad acta gelegt, sondern auch gleich die ganze erfolgte Arbeit seit dem Bunderatsbeschluss von 2010, der überhaupt erst die Idee der «Grünen Wirtschaft» mit Aktionsplan und regelmässiger Berichterstattung angeschoben hatte, ohne Not über Bord geworfen. So transferierte der «Tages-Anzeiger» ein Anliegen von weltweiter Bedeutung wieder in die kleinteiligen Sitzverteilungskämpfe im Schweizer Parlament. Selbst die «Freiwilligkeit» für nachhaltige wirtschaftliche Massnahmen, die Bundesrätin Doris Leuthard betont, wird damit vorzeitig beerdigt. Die Wirkung dieser grünen Volksinitiative primär darin sehen, dass sie den rechtskonservativen Kräften in die Hände spielt? Eine reife Leistung im Ressort Komplexitätsreduktion.

Der «Tages-Anzeiger» bot im vergangenen Sommer eine Serie zur Debatte rund um Nahrung an, überschrieben mit dem Bonmot «Der Mensch ist, was er isst». Dieselbe Zeitung wirbt auch mit dem Slogan «Du bist, was du liest.» Denk mal drüber nach! (Zuerst aber weitere vier Löffel Joghurt, mindestens!)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Ariane Tanner ist Historikerin und Texterin aus Zürich. Sie promovierte an der ETH Zürich, in wenigen Monaten erscheint ihr Buch zur Geschichte der Mathematisierung der Ökologie. Aktuell wandert sie zwischen Forschung, Unterricht und Kunst.

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3 Meinungen


Es gibt in der Natur seltene Beispiele von Populationen, die nicht nachhaltig sind. So sind Hirschpopulationen in räumlich abgeschlossenen Biotopen dokumentiert, die sich so stark vermehrten, dass sie ihre eigene Nahrungsgrundlage zerstörten. Solche Populationen mussten anschliessend herbe Rückschläge einstecken. Wir Menschen sollten sie aus eigenem Interesse nicht zum Vorbild nehmen.

Es gibt zugegebenermassen auf der «grünen Seite» durchaus auch Aktivisten, die diese Zusammenhänge nicht richtig verstehen. Eine klassische Argumentation solcher Leute ist die, dass die Grösse der menschlichen Bevölkerung ökologisch irrelevant sei. Wir müssten bloss einen Lebensstil annehmen, der die Umwelt nicht belaste, dann sei auch mit 10, 15 oder noch mehr Milliarden Erdbewohnern alles im Butter. Den Lebensstil, der die Umwelt nicht belastet, gibt es dummerweise nicht.

Die Behauptung, solange die Population des Homo Sapiens wachse, sei die Grenze nicht erreicht, ist abstrus. Die Grenze werden wir ziemlich sicher dank Wachstum (verschiedenster Art) erreichen. Danach wird das Wachstum erzwungenermassen aufhören. Eine kluge Menschheit sollte aber lieber nicht diese Option wählen.
Daniel Heierli, am 05. Oktober 2016 um 23:09 Uhr
Guten Morgen,

besten Dank für den kritischen Artikel. Ich denke, der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist im Zusammenhang mit dem neoliberalen Wirtschaftmodell tatsächlich zur Worthülse verkommen. Besitzstandswahrung scheint der Schweizerin – des Schweizers – oberste Pflicht. Das Totschlagargument Arbeitsplätze, gepaart mit dem (gekauften) Medieneinheitsbrei, verhindert seit Jahren erfolgreich, die Schnittmenge Homo Sapiens/ Homo Oeconomicus
etwas nachhaltiger zu gestalten. Positiv zu vermerken: immerhin ein Drittel der Stimmenden ist sich der Problematik bewusst und möchte eine Veränderung.
Guido Besmer, am 06. Oktober 2016 um 07:21 Uhr
Hirsche schreiben keine Blogbeiträge, und das Ökosystem Erde ist komplexer als eine Petrischale. Die Menschheit rühmt sich bei verschiedensten Gelegenheiten schon fast penetrant, viel klüger als alle anderen Tiere zu sein. Wieso müssen wir in Bezug auf das Wachstum dümmer sein?
Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass die ungebremste Ausbreitung der Menschheit sich verlangsamt:
- In allen reichen Ländern geht das Wachstum der Bevölkerung deutlich zurück. Nur einige Profi-Demographen sind dümmer als die grosse Masse und halten diese segensreiche Entwicklung für eine gefährliche Überalterung.
- Ein Wirtschaftswachstum von gut 3%, wie es sich die Mainstream-Ökonomie wünscht, war in der Geschichte der Menschheit nur während ca. 30 Jahren nach dem 2. Weltkrieg Realität. Einige Länder, z.B. in Asien, erleben diese Phase etwas verspätet, aber auch dort wird sie nicht ewig dauern. Thomas Piketty nannte sie eine Anomalie. Nur der akademische Mainstream meint, sie könne ewig dauern.
Niemand kann garantieren, dass wir die freiwillige Wende vor dem unfreiwilligen Crash tatsächlich schaffen. Aber warum sollten wir es nicht wenigstens versuchen?
Daniel Heierli, am 06. Oktober 2016 um 11:07 Uhr

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