Der «Tagi» als Auslaufmodell

Roger Anderegg © cc
Roger Anderegg / 09. Mai 2020 - Vor Zeiten mochte man das druckfrische Blatt kaum erwarten. Heute ist Entsetzen inbegriffen – über die Qualität der Zeitungsmache.

Schriftsetzer, Drucker, Journalisten und Redaktoren – sie erklärten uns einst die Welt. Heute beschleunigen steigende Kosten und sinkende Renditen den Niedergang der Branche; ihr glanzloses Ende ist absehbar. Der «Tages-Anzeiger», die auflagenstärkste Bezahlzeitung der Schweiz, geht entschlossen voran.

Einst sprach man von der «schwarzen Kunst». Ist vielleicht jemand da, der noch wüsste, wofür der Begriff stand? Er galt für Bleisatz und Buchdruck, und er meinte Schriftsetzer und Drucker, Lithografen und Typografen, die Menschen also, die ihren Tag vorwiegend mit Druckerschwärze verbrachten. Die schwarze Kunst – das stand damals für ein ehrenwertes Handwerk, aber auch für einen blühenden Wirtschaftszweig.

Daran erinnern sich heute bestenfalls noch Nostalgiker im fortgeschrittenen Alter. Sie starrten einst, als Kinder und Jugendliche, fasziniert durch die Fenster der lokalen Zeitungsdruckerei auf die Rotation mit der sich pausenlos drehenden mächtigen Papierrolle und auf die Linotypes, die legendären Zeilensetzmaschinen, in denen metallene Buchstabenmatrizen klirrend durch Glasschächte stürzten und sich in Textzeilen aus Blei niederschlugen. Diese ausgeklügelten Wunderwerke der Drucktechnik standen damals für die neue Zeit, und ihr Anblick – und gegebenenfalls auch die Lektüre des ausgespuckten Produkts – verhalf Generationen zu einer Vorstellung von der grossen weiten Welt.

Das also war die schwarze Kunst. Der Begriff ist in Vergessenheit geraten, gilt längst als antiquiert. Nicht von ungefähr: Die Branche hat sich inzwischen auch ziemlich weit von der Kunst entfernt – von jeder Kunst, nicht nur von der schwarzen. Ihr Niedergang ist, schauen wir uns auch nur ein bisschen um im aktuellen Zeitungswesen, recht eigentlich dramatisch.

Nicht nur häufen sich in unseren aktuellen Gazetten die klassischen «Druckfehler», wie wir die obligaten Flüchtigkeitsfehler schon als Kinder zu nennen pflegten und wie sie noch heute heissen, obwohl nicht die Druckmaschinen sie verursachen. Neu gibt es da aber auch regelmässig sogenannte Korrigenda, in denen uns erklärt wird, in welchem Belange die eine und auch die andere Meldung der letzten Tage nicht korrekt war. Längst empfiehlt es sich, nur mit Vorbehalt zur Kenntnis zu nehmen, was in der Zeitung steht, und das ganz unabhängig davon, ob wir Boulevard lesen oder jene Presse, die sich in diesem Lande zur gefälligen Unterscheidung vom billigen Revolverblatt (und heute bitte auch vom noch billigeren Gratiswisch «20 Minuten») über die Jahrzehnte selbst gerne für «seriös» hielt.

Nicht jedes Produkt wird von diesem offenkundigen Kulturwandel gleich stark heimgesucht, aber bestimmt bleibt keines davon verschont. Bei unserem Nachweis konzentrieren wir uns vor allem auf eine Schweizer Zeitung, wenn auch – mit ihrer noch immer respektablen Auflage und erst recht mit ihren momentan elf Filialblättern, denen sie den Mantel liefert – garantiert nicht auf die unbedeutendste. Ein augenfälligeres Beispiel für den dramatischen Niedergang des Gewerbes als der einst renommierte Zürcher «Tages-Anzeiger» lässt sich in der Schweizer Presselandschaft nicht finden. Wer den «Tagi», wie ihn seine treue Leserschaft noch immer verschwörerisch nennt, seit Jahrzehnten liest, verfolgt den zuerst schleichenden, inzwischen rasant fortschreitenden inhaltlichen und formalen Niedergang des Blattes mit steigendem Entsetzen. Allein in der Ausgabe vom Samstag, 25. Januar 2020, mussten vier Meldungen der laufenden Woche inhaltlich nachgebessert werden.

Wenn wir uns hier also einem besonders dramatischen Exempel des helvetischen Zeitungssterbens widmen, heisst das nicht, dass andere Gazetten im Lande nicht dasselbe Bild böten. Höchstens die noble NZZ, seit Menschengedenken im selbstkreierten Ruf eines «Weltblattes», bleibt da bisher vergleichsweise verschont. Noch im Jahre 1968 hatte ihr damaliger Chefkorrektor Walter Heuer, über Jahrzehnte das orthographische Gewissen des Blattes und Verfasser einschlägiger Fachliteratur, in einem ganzseitigen Aufsatz mit dem Titel «Der Druckfehlerteufel und seine Widersacher» die Leserinnen und Leser um Verständnis und Nachsicht bei der Beurteilung der Korrektoratsarbeit gebeten. Heute können wir nur ungläubig darüber staunen, wie viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt man zu Heuers Zeiten den Regeln von Orthographie und Interpunktion – jedenfalls bei der NZZ – angedeihen liess.

Falsches Datum, falscher Preis, falsche Auflage

Doch zurück zu unserem volksverbundeneren Mittelschichts-«Tagi», der – wie zur Bestätigung der These, dass Fehler bekanntlich vor gar nichts zurückschrecken – auf seiner Frontseite auch schon mal einen falschen Erscheinungstag nannte (so am Mittwoch, 23. August 2018, der ein Donnerstag war) und mehrmals einen falschen Preis (so zum Beispiel am Dienstag, 31. Juli 2018: Fr. 4.90 statt 4.20, oder am Samstag, 2. Mai 2020: Fr. 4.20 statt 4.90). Inzwischen weiss die Zeitung auch nicht mehr, wie hoch ihre «verkaufte Auflage» ist. Am 23. April 2020 nennt sie 122'849 Exemplare, am Tage drauf aber wunderlicherweise dann doch wieder 134'300. Das nicht etwa, weil es auf der Redaktion zwei Fraktionen gäbe, die sich da nicht einig sind. Es liegt, viel simpler, am Impressum, das es in zwei unterschiedlichen Ausführungen gibt, die eine davon nicht aktualisiert.

Ganz klar: Fehler passieren überall. Neu ist höchstens, dass wir simple Flüchtigkeitsfehler nicht nur im Text, sondern regelmässig auch in Titelzeilen und Leads finden, und das notfalls auch in der denkbar grössten Fett- oder Kursivschrift. Trotz derlei augenfälliger Fehlleistungen wähnt sich die Tamedia AG, heute Teil der TX Group, in ihrer Werbung unerschütterlich dem «Qualitätsjournalismus» verpflichtet.

Das heisst nun nicht, dass sich Verleger Pietro Supino nicht so seine Gedanken machen würde über die sinkende Qualität seiner Produkte und wie die eventuell aufzuhalten wäre. Am besten wohl durch einen beherzten Personalabbau, sagte er sich und strich, als VR-Präsident kaum im Amt, 2009 schon mal 52 redaktionelle Stellen, was als «Mai-Massaker» in die Geschichte des Hauses einging. 2018 dann kam er auf die verräterische Idee, die «Tagi»-Journalistinnen und -Journalisten in zwei Klassen aufzuteilen – «Teile und herrsche!», so viel klassische Bildung hatte sich der Dr. iur. schliesslich angeeignet –, in die «Experten» und das niedere Fussvolk, womit er gleich nochmals 31 Jobs bzw. 20 Vollzeitstellen einsparte. Und jüngst im März verordnete er – als Folge wohl der «Corana-Krise» (TA vom 8. April 2020), in der selbst die «SAC-Hütten geschossen» (TA vom 18. März 2020; beides in fetten Titelzeilen) werden mussten – die Zusammenlegung mehrerer bisher selbstständiger Ressorts sowie, vom einen Tag auf den anderen, Kurzarbeit samt einer Lohneinbusse von zehn Prozent. Letztere wenigstens nahm das Haus, nach massiven Protesten der Belegschaft, zurück – vorerst mal bis Ende Juni.

Da trotz all dieser Massnahmen im Erscheinungsbild des Produktes bis zur Stunde nicht nur keine sichtbare Besserung eintrat, sondern im Gegenteil eine augenfällige Verschlechterung, sollen jetzt neue Geldquellen angezapft werden. Seither plädiert Pietro Supino, in seinen vereinten Funktionen als Verwaltungsratspräsident der Tamedia AG und damit oberster «Tagi»-Boss, Präsident der Muttergesellschaft TX Group, Präsident des Verbands Schweizer Medien und neuerdings auch noch Verwaltungsrat der führenden italienischen Mediengruppe Gruppo Editoriale (GEDI) sozusagen ein Verleger im Quadrat, für «den Ausbau der indirekten Presseförderung» durch den Bund. Jetzt also soll der Steuerzahler das Budget retten. Ah ja? Und wohin, mit Verlaub, sind denn die fetten privaten Millionen-Gewinne über mehr als hundert Jahre geflossen, zuletzt auch die knapp 100 Millionen Franken, welche die TX Group auch noch im Geschäftsjahr 2019 generierte?

Die wurden natürlich stets flugs verteilt. Neben den familiären Grossaktionären profitierte auch das oberste Management kräftig mit. So garnierte etwa Tamedia-CEO (und heute Vorsitzender der Unternehmensleitung der TX Group AG, des reichsten Medienkonzerns der Schweiz) Christoph Tonini allein für das Geschäftsjahr 2015 runde sechs Millionen Franken Bonus.

Allerdings fällt dem leutseligen CEO, mit sämtlichen Tamedia-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern auf eigenen Wunsch per du, auf die Frage «Sag mal, Christoph, was hast du denn mit den sechs Millionen gemacht?» höchstens ein verlegener Hinweis auf die bedenklich hohen Steuern und Abgaben ein, die er damals zu entrichten hatte, aber nicht ein einziges interessantes Investment, schon gar nicht ein bahnbrechendes journalistisches oder verlegerisches Projekt, das er mit seinem Gewinn aus der Medienbranche unterstützt hätte. Und da der Fragesteller seine Enttäuschung über diese doch eher schlichte Antwort nicht verbergen mag, fragt Christoph zurück: «Ja sag mal, bist du etwa neidisch?» Schau an: Da denkt und argumentiert der grosse CEO dann plötzlich wie ein kleiner Junge.

Der Verleger liest sein Blatt nicht

Nun gut, der Humor wurde im Hause Tamedia schon immer liebevoll gepflegt, wenn in jüngerer Zeit auch mehr und mehr der unfreiwillige. Pietro Supino, am Jahrestreffen 2019 der Tamedia-Pensionierten mit zwei gravierenden Orthographiefehlern in Titelzeilen auf derselben «Kehrseite» seiner Zeitung konfrontiert, lacht: «Ach, die ,Kehrseite’! Die lese ich sowieso nicht!» Womit sich dann für ihn das Problem der sich eklatant häufenden Flüchtigkeitsfehler in seinem Blatt von selbst erledigt hat.

Wer Dr. Supino in diesem Moment trotzdem noch schnell bittet, künftig der Einhaltung wenigstens elementarer Grundregeln der Rechtschreibung mehr Aufmerksamkeit zu schenken, den erklärt er flugs für «rechthaberisch». Spätestens da wird klar: Worte und Wörter sind Verleger Pietro Supinos Sache nicht. Er hält es mehr mit den Zahlen. So hat er in der TX Group die einzelnen Geschäftsbereiche rechtzeitig sauber voneinander getrennt, die hochprofitablen von den weniger profitablen, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, der eine Bereich könnte den anderen notfalls querfinanzieren.

Die Spötter im Hause behaupten übrigens schon heute, Pietro Supino werde seinen gebührenden Platz dereinst eher in der helvetischen Gastronomie finden als im Verlagswesen. Als er vor zwei Jahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum 125-Jahr-Jubiläum von Tamedia in die Samsung Hall nach Dübendorf lud, trafen sich mehrere Hundert von ihnen mit Hinweis auf das unfrohe Arbeitsklima demonstrativ zu Gegenveranstaltungen. In Bern wurden zu diesem Anlass Suppe und Wienerli geschöpft – unter der in der Gastronomie inzwischen beliebten Marke «Supinerli».

Der Niedergang des «Tagis» beschränkt sich beileibe nicht auf Titel und Texte. Die Karikatur etwa, einst von Zeichnern wie H. U. Steger, Hans Sigg und Nico Cadsky als origineller, hintergründiger bis frecher Kommentar zum Zeitgeschehen liebevoll gepflegt, ist zur biederen Witzzeichnung verkommen, dafür, zur Vereinfachung der Honorarbuchhaltung, gerne gleich im Akkord, mit mehreren Sujets aus derselben Hand in der gleichen Ausgabe. Die Fotografie, einst wichtiges gestalterisches Element, verliert derweil zusehends an Präsenz und bleibt, von einigen verdankenswerten Ausnahmen abgesehen, immer häufiger ohne erkennbare Handschrift.

Auch das Layout, in der schwarzen Kunst einst von den besonders Berufenen, den Metteuren, sachkundig und liebevoll betrieben, wirkt heute im «Tagi» oft nur noch beliebig. Da stösst man regelmässig auf früher undenkbare handwerkliche Sündenfälle, zum Beispiel auf die einsame Ausgangszeile eines Abschnitts zuoberst in einer neuen Spalte – im Metier einst als «Hurenkind» gebrandmarkt – oder auf einen am unteren Ende einer Spalte platzierten Zwischentitel. Einmal ist die Titelzeile optisch viel zu kurz für einen Vierspalter, dafür der Vorspann viel zu lang, ein andermal der Titel zu knapp gedacht, dafür das Lead geschwätzig. Das beigestellte Bild darf auch mal erklärungsbedürftig bleiben, und wenn die Schreibweise der Namen in der Legende mit der im Text übereinstimmt, haben wir Glück gehabt. Du lieber Himmel: Da geht eine ganze Branche vor die Hunde! Für solche Fahrlässigkeiten hätte ein Lehrling seinerzeit einen scharfen Verweis bekommen und ein Ausgelernter die Androhung der Versetzung in die Spedition.

Aber damals gab man halt noch etwas auf die «schwarze Kunst», und alle Schreiberinnen und Schreiber wussten: Mindestens so wichtig wie ein smarter Chefredaktor oder eine souveräne Chefredaktorin (die es zwar damals noch kaum gab), wie kompetente Redaktorinnen und Redaktoren sind für die Zeitung Chefproduzent oder Chefproduzentin. Denn er oder sie bestimmt wesentlich den optischen und sprachlichen Auftritt mit und damit den im Blatt vorherrschenden Ton. Soll der nun kühl distanziert sein, streng und sachlich – oder hintergründig und frech, witzig bis böse? Da erst zeigt sich, wer die Zeitungsmache beherrscht, wo ein Team wirkt, das sich einig ist über Stil, Ton und Stossrichtung. Fällt Ihnen vielleicht auf Anhieb ein Titel ein, der diesem Anspruch heute auch nur annähernd gerecht würde? Er wäre die erfreuliche Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Die Wetterprognose für gestern

Auf der Suche nach Hintergründigem stösst man im «Tagi» immerhin mal auf die Wetterseite in einer Samstagsausgabe (23. Februar 2019), die in Wort und Bild ausführlich die Prognose für den Vortag mitführt. Das ist nun wirklich überraschend und originell – und erst recht ein Aufsteller, wenn der betreffende Freitag tatsächlich gar nicht so sonnig war und man folglich nichts verpasst hat.

Die regressive Wetterprognose war immerhin noch eine Eigenleistung. Heute, wo man sich ständig vollmundig der Kooperation mit der angesehenen «Süddeutschen Zeitung» rühmt, kann es durchaus passieren, dass sämtliche drei Kommentare auf der «Meinungs»-Seite des Zürcher «Tagis» aus der Münchner «Süddeutschen» stammen (so z.B. am 30. September 2019). Als Folge dieser Zusammenarbeit lernen wir Eidgenossen und Eidgenossinnen dann ganz nebenbei, dass die Leute, die unsere Zeitung füllen, «Redakteure» heissen und unsere Kondukteurinnen «Schaffnerinnen».

Wo chronisch unsorgfältig gearbeitet wird, haben Fehler und Nachlässigkeiten die verhängnisvolle Eigenschaft, sich zu vermehren. Inzwischen bleiben selbst Todesanzeigen von Druckfehlern der peinlichsten Art – in dem in Fettschrift wiedergegebenen Namen des Verstorbenen – nicht verschont. Die Leserschaft sieht das Inserat dann am nächsten Tag noch einmal, diesmal mit korrekt geschriebenem Namen und vermutlich ohne Rechnungsstellung. Wie die Trauernden mit Ärger und Schmach fertigwerden, ist ja dann ihr Problem.

Gegen Bezahlung aber ist beim «Tages-Anzeiger» unter seiner gegenwärtigen Führung schlicht alles zu haben. Wie wär’s mit einem Werbekleber auf der Frontseite, den dann viele Abonnenten und Abonnentinnen, schon weil er sich in seiner Konsistenz so unangenehm feucht-glatt anfühlt wie ein Pickel, mühsam wegklauben (und sich dabei höchstens schnell das beworbene Produkt merken, um es auch ja nicht versehentlich zu kaufen)? Oder hätten Sie lieber eine Seite oder auch eine Doppelseite im ersten Bund, angerichtet von «Tamedia Commercial Publishing», in unveränderter Schrift und vertrautem Layout und mit dem diskreten Hinweis «Sponsored»? Oder gleich einen oder zwei beigelegte Werbebünde der Firma Smart Media, die nachgewiesenermassen kaum Beachtung finden, obwohl sie die eigentliche Zeitung inzwischen an Seitenumfang nicht selten übertreffen und den immer schlankeren «Tages-Anzeiger» schwer und unhandlich machen? Oder vielleicht, etwas diskreter, die Titelseite von «Züritipp» oder «Magazin»? Alles nur eine Frage des Preises.

Eine Frage der Kosten aber bleibt schlussendlich auch die Kunst der Zeitungsmache. Dass man die auch mit Sorgfalt und Kompetenz, mit Aufmerksamkeit und Liebe betreiben kann, lässt das beim «Tagi» verordnete Arbeitstempo mit der weitgehend weggesparten Korrektur und der ersatzlos gestrichenen Seitenrevision kaum mehr zu. Und so geht es eben fröhlich weiterhin den Berg runter.

Wie hoch im Glaspalast des japanischen Stararchitekten Shigeru Ban an Zürichs Stauffacher Verunsicherung und Verzweiflung inzwischen sein müssen, signalisiert am besten eine halbseitige Abonnementwerbung der Tamedia für «Das massgeschneiderte Firmenabo», die im Blatt immer wieder mal erscheint – unter der grotesken Oberzeile «Publireportage».

Offenbar hat sich an dieser schmucken, aber doch sehr verräterischen Fehlleistung noch keine und keiner der über zweihundert zeichnenden Redaktorinnen und Redaktoren, die bei der grössten Bezahlzeitung der Schweiz hauptberuflich mit der Sprache arbeiten, nachhaltig gestört. Und falls doch, wussten sie nur allzu gut, dass es sich unter einer solchen Führung wohl empfiehlt, den Mund zu halten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Roger Anderegg dankt dem Haus Tamedia AG bzw. heute TX Group AG für die tollen 20 Jahre, die er als Reporter der «SonntagsZeitung» arbeiten durfte – und für den scharfen Blick für Unstimmigkeiten, den man ihm dort beigebracht hat.

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31 Meinungen

Dass Infosperber praktisch fehlerfrei schreibt finde ich erholsam, vor allem, weil es sonst immer seltener vorkommt. Auch SRF News sind voller Fehler und müssen regelmässig von den LeserInnen korrigiert werden. So spart man wohl auch LektorInnen....
Auch EMMA schreibt angenehm fehlerarm.
Leider muss ich feststellen, dass die gleiche Effizienzwut auch im Bereich der Medizin herrscht, wo dank DRG die Austrittsberichte fast nur aus Copy-Paste-Orgien bestehen, zwischen denen die Hausärztin die wichtigen Informationen herausklauben muss (in ihrer vom Bundesrat verordnet beschränkten Zeit).
Wir sollten dringend davon wegkommen, Qualität in Tempo und Geld messen zu wollen.
Barbara Lampérth, am 09. Mai 2020 um 11:35 Uhr
Traurig, aber wahr. Es tut wohl, eine so treffende Analyse zu lesen. Und es tut weh, dass es leider genau so ist.
Ueli Custer, am 09. Mai 2020 um 12:13 Uhr
Ihr Niedergang ist, schauen wir uns auch nur ein bisschen um im aktuellen Zeitungswesen, recht eigentlich dramatisch.
Oder:
Ihr Niedergang ist, schauen wir uns auch nur ein bisschen um im aktuellen Zeitungswesen, eigentlich recht dramatisch?
Peinlich, wenn man einen Artikel über die Korrekturfehler anderer Schreibt.
Aber ich gebe Ihnen recht, ich selber liess mich durch ein Billigst Abo für 1 Jahr binden.
Die Onlinezeitung vom Tagi erlaubt es nicht einmal zurück zu surfen - man landet zufällig irgendwo weit unten in der Hauptseite.
Nach meiner Reklamation schrieb mir der Tagi, der Fehler sei ihnen bekannt - mein Abo kann ich trotzdem nicht mehr kündigen!
Christian Solèr, am 09. Mai 2020 um 12:19 Uhr
Als (noch)regelmässige Leserin des Tag stimme ich mit Roger Anderegg nicht nür überein - nein es ist inhaltlich viel schlimmer. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, letztes Jahr von einer (fest angestellten) Redaktorin betr. meines letzten Buches interviewt zu werden. Nicht nur musste ich den Text dreimal wegen eklatanten Fehlern zurückschicken, obwohl ich eigentlich eine sehr tolerante Gegenleserin bin. Das allerschlimmste war dann der Aufmacher. Der Tagi erlaubte sich tatsächlich, auf der Titelseite Fotos von vier Protagonistinnen zu veröffentlichen, ohne ihre Namen zu nennen. Als eheamaliger MAZ-Dozentin tat mir auch nachher alles weh beim Lesen.
Die Sonntagszeitung habe ich vor einem Jahr schon gekündigt. Den Tagi behielt ich aus pressepolitischen Gründen. Aber damit ist es jetzt auch vorbei, ich werde mich wohl oder übel nur noch digital mit den letzten verbliebenen Qualitätszeitungen behelfen müssen.
Marianne Pletscher, am 09. Mai 2020 um 12:43 Uhr
Da haben Sie ja völlig recht mit all dem. Was ich aber noch viel schlimmer finde, sind die Folgen der Sparmassnahmen und der Medienkonzentration bezüglich journalistischem Niveau und Meinungsvielfalt. Auch dies exemplarisch an der TX Group ersichtlich: kaum noch eigene Recherchen, besonders im internationalen Teil, wo zunehmend nur noch im Ausland eingekaufte Beiträge veröffentlicht werden (von der Süddeutschen, die selber auch immer fremdbestimmter wird). Statt breiter Themenabdeckung, Nachfragen, Gegendarstellungen, Einbettung in grössere Zusammenhänge, immer häufiger nur zentralisierte Meinungseinfalt, innerhalb der TX Group, wie sie in fast allen Mainstreammedien meist völlig identisch auch zu finden ist. Das Grundproblem der Printmedien sind die weggebrochenen Werbeeinnahmen, die früher die Existenz einer Zeitung sichern konnten. Etwas überspitzt gesagt, sind Zeitungen heute nur noch Anhängsel der wenigen grossen, profitorientierten Medienkonzerne. Kein Wunder nimmt die Glaubwürdigkeit der Presse in Umfragen stets weiter ab. Auch kein Wunder, kann die Presse ihre eminent wichtige Rolle als 4. Macht im Staat immer weniger wahrnehmen. Ich beschreibe hier generelle Tendenzen, natürlich gibt es doch immer wieder mal auch Ausnahmen.
Beni Rüesch , am 09. Mai 2020 um 12:46 Uhr
Neben der Qualität ist auch die Quantität zu bemängeln. Die Berner Zeitung (Tagi-Kopie mit Berner Teil) wird dünner und dünner. Zur Tarnung liegen Reklamen bei. Und die Lücken werden mir überdimensionalen Fotos gefüllt. Heute 2 volle Seiten mit Luftaufnahmen von leeren Plätzen!
H. Sigrist, am 09. Mai 2020 um 12:57 Uhr
Es geht den Bach runter! Leider nicht nur beim Tagi !
Willi Fetzer, am 09. Mai 2020 um 13:35 Uhr
schade, dass das geld so unerbittlich regiert. aber der tagi war schon zu meinem zeiten (1976-86) profitorientiert und vor allem die allerradikalste zeitung in mehreren hinsichten: radikal angepasst, radikal ausgewogen, radikal neutral, wobei jeweils die mächtigen und das geld bestimmten, wo sich der tagi anpassen, wo er ausgewogen und wo er neutral sein musste. die journalistinnen und journalisten selbst sind nicht schlechter geworden, aber ihre arbeitsbedingungen durch eine führungsetage, die sich vom staat kurzarbeit bezahlen lässt, fördergelder fordert und boni und dividenden auszahlt. der tagi ist nur der spiegel eines gesamtgesellschaftlichen kulturellen niedergangs, der meines erachtens ende der 70er jahre (mit dem autolobby-artikel von beat schweingruber) und den 80er unruhen begonnen hat und nicht einmal mehr durch die fichenaffäre aufzuhalten war, die im gegenteil den neoliberalen und konservativen bis hin zum extrem rechtsgerichteten backlash noch verstärkt hat und mit dem gehuldigten aufstieg der svp abwärts durchgestartet ist. Ich bin im rückblick froh, dass ich es darauf ankommen liess, diese talfahrt nicht mitzumachen, die einem ehemaligen, wahrscheinlich nicht nur mir, die tränen in die augen treibt.
Erich Schmid, am 09. Mai 2020 um 14:03 Uhr
Ihr Wort, Herr Anderegg, in Supinos Ohr! Doch befürchte ich, dieser hört nicht zu und wenn, versteht er es wohl nicht: Die Zahlen stimmen, die Gewinne und nachfolgenden Dividenden schenken doch ein! Was war die Frage, was der Vorwurf?
Diese Liederlichkeit, die sich in Satz und Schreibe schon seit einiger Zeit bemerkbar macht, die gibt es auch im Inhalt. «Vor Zeiten mochte man das druckfrische Blatt kaum erwarten», wie recht haben Sie! Aber das hat uns TA-Media, Verzeihung, TX-Group, über die Zeit gründlich ausgetrieben. Persönlich hatte ich darum zur NZZ gewechselt, nur um nach einer Dekade auch hier den Stecker zu ziehen: Jornod und Guyer sein Dank! Die gute alte(!) Weltwoche der 80er hat das selbe Schicksal erlitten: Von Kaum-warten-können auf angewiderte Missachtung. War da noch etwas? Ach ja, die Sonntagszeitungen! Liest die noch jemand?
Danke für den wunderbaren Artikel, Herr Anderegg.
Jan Holler, am 09. Mai 2020 um 14:50 Uhr
Geht nun der Flüchtigkeitsfehler «SAC-Hütten geschossen» im folgenden Satz nun auf Ihr Versehen oder war der Satz so im TA zu lesen:

Und jüngst im März verordnete er – als Folge wohl der «Corana-Krise» (TA vom 8. April 2020), in der selbst die «SAC-Hütten geschossen» (TA vom 18. März 2020; beides in fetten Titelzeilen) werden mussten – die Zusammenlegung mehrerer bisher selbstständiger Ressorts sowie, vom einen Tag auf den anderen, Kurzarbeit samt einer Lohneinbusse von zehn Prozent.
Jürg Sommer, am 09. Mai 2020 um 15:14 Uhr
Ein bisschen oberlehrerhaft und das Gleiche x-mal wiederholend. In der Sache richtig. Was nicht erwähnt wird, sind die verschiedenen Aktionen der TA-Journalistinnen und Journalisten gegen die aufgezählten Missstände. Nur sind sie, wie wir wissen, bei den Kornchefs weder auf offene Ohren noch auf Verständnis gestossen. Dem monetären Erfolg wird alles untergeordnet. Deshalb ist der letzte Satz: «Und falls doch, wussten sie nur allzu gut, dass es sich unter einer solchen Führung wohl empfiehlt, den Mund zu halten.» 08.15-Haltung der Angestellten ist die unausweichliche Folge einer solchen Geschäftspolitik.
harry sivec, am 09. Mai 2020 um 15:54 Uhr
Statt ellenlanges Herum mäkeln an Orthographie-Fehlern beim Tagi würde mich unendlich viel mehr eine sachkundige Analyse des Inhalts interessieren, sowie allenfalls des Stils.
Werner Furrer, am 09. Mai 2020 um 17:35 Uhr
Sehr geeehrter Herr Anderegg
Ich kann Ihnen für Ihren ausgezeichneten Artikel nur gratulieren, den ich mit Hochgenuss gelesen habe. Jedes Wort darin kann ich unterschreiben, denn auch ich, der ich mal kurze Zeit Ende der Siebziger- Anfang der Achtzigerjahre beim Tagi als Korrektor gearbeitet habe, machte im Verlauf der Jahre diese Feststellungen.
Auch bei meiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer für Deutsche Sprachlehre und Typografie für Polygrafen an der Schule für Gestaltung Zürich wurde ich nicht müde, meine Lernenden und vor allem auch die Absolventen höherer Berufsprüfungen vor allem auf den sprachlichen, aber auch den typografsichen Zerfall nicht nur in den Zeitungen, sondern auch im ganzen grafischen Gewerbe hinzuweisen, ganz zu schweigen natürlich auch vom schleichenden inhaltlichen Abbau.
Wenn ich jetzt zurückschaue, muss ich leider feststellen, dass mein Kampf für die Sprache und die gute Form doch eher demjenigen von Don Quichotte gegen die Windmühlen gleicht, obwohl es doch hie und da mal wieder löbliche Ausnahmen gibt, die mich manchmal zur – nicht ganz ernst gemeinten – Aussage hinreissen lassen, der oder die, die das gemacht haben, sind sicher ehemalige Lernende oder Weiterbildungs-Studentinnen oder -Studenten von mir.
Gott grüss die Kunst, Herr Anderegg !
Werner Meier, Aeugst am Albis
ehemals Setzer, Korrektor, Druckvorstufenleiter und Berufsschullehrer
Werner Meier, am 09. Mai 2020 um 20:13 Uhr
Der freie Markt erledigt uns noch alle.

Der gleiche hier beschriebene Niedergang wurde doch mit dem öffentlichen Eigentum Radio und TV auch verbrochen. Marktfähig wie auch Demokratie sein muss und nicht zu Unterschätzen alle anderen Bereiche unserer aller Zusammenleben, von Organsiationen und Genossenschaften bis hin zu den öffentlichen Räumen die Marktfähig gestaltet und asphaltiert und mit Werbung voll alles erschlagen was nicht effizient profitabel verwertet werden kann.

Der marktfähige Niedergang von allem was einst als zivilisatorischer intelektueller humanistischer Fortschritt betrachtet wurde.
Uwe Borck, am 10. Mai 2020 um 09:32 Uhr
Herrlicher Beitrag - typisch Roger Anderegg!
Freue mich schon auf Weiteres!
Urs Simmen, am 10. Mai 2020 um 11:27 Uhr
Es musste einmal gesagt sein. Danke Roger Anderegg. Es tut auch gut, daran erinnert zu werden, wie seinerzeit Zeitung gemacht wurde. Als Journalistin habe ich die guten Zeiten meines Berufes gelebt und das Verludern der jüngsten Jahre erlebt. Ja, die Tage vom «Tagi» sind gezählt. Aber nicht nur jene vom Tagi. Mit dem Deal der CH-Media haben die Regionalzeitungen verloren. Die NZZ hat die Regionalzeitungen vor die Schweine geworfen. Nun müssen engagierte Regionalzeitungen unter deren Ägide tun, was der Obrigkeit der CH-Media gefällt. Wie soll das funktionieren? Dass es Zeitungsmogule schaffen, die Bevölkerung im Auftrag der Wirtschaft mit einem Einheitsbrei zu manipulieren, ist bedauernswert. Nicht zuletzt in einer schwierigen Situation in der wir uns gerade befinden. Sie werden schliesslich die Verlierer sein. Augenscheinlich haben die Zeitungsmacher vergessen, dass es ihr Job sein sollte, die Öffentlichkeit neutral, und nicht bezahlt, über recherchierte Aktualitäten neutral zu berichten.
Heidy Beyeler, am 10. Mai 2020 um 12:41 Uhr
Herzlichen Dank,
Herr Anderegg, eigentlich ist das ein Nachruf auf die klassische Tageszeitung.
Wage eine Ergänzung: Als Kollege Hansheri Coninx, der «Jean Frey» AG, 20 Mio für den Züri-Leu zahlte und als er 99 Mio Roger Schawinski in die Hand drückte,war für mich schon klar,wohin die Reise geht.
Was für ein Zufall,das ein Banquier namens Supino, das Geld für Dr. Schawinski anlegte!
Andreas Willy Rothenbühler, am 10. Mai 2020 um 17:47 Uhr
Es sei die Bemerkung erlaubt, dass diese Schludrigkeit sich auvh aufs Inhaltliche bezieht. Von Qualitätsjournalismus sind wir Äonen entfernt
Michel Ebinger, am 10. Mai 2020 um 18:39 Uhr
Nun ja, den gröbsten Lapsus hat Roger Anderegg sogar noch übersehen - im Tagi-Filialblatt «Bund». Da lautete am 28.4. der Titel des Frontseiten-Kommentars: «Swiss-Rettung ist ein ökologisches Projekt». Anderntags las man dann im Korrigendum, es hätte «kein» heissen müssen ...
Allerdings ist es etwas gar kleinlich, den Tagi in solcher Ausführlichkeit wegen einem verkehrten Wetterbericht, falschem Kioskverkaufspreis, unkorrekter Auflagezahl oder manchmal nicht lupenreiner Typografie zu bemäkeln. Meiner Beobachtung nach erbringt die Redaktion nämlich - unter unverschuldet erschwerten Bedingungen - nach wie vor eine respektable publizistische Leistung (nicht zu reden vom meist ausgezeichneten «Magazin"). An der Form hapert's hie und da - der Inhalt aber lässt sich sehen. Sollte ich da irren, so würde ich lieber darüber aufgeklärt als über ein paar Schusseligkeiten.
Toni Koller, am 11. Mai 2020 um 00:14 Uhr
@ Werner Furrer: Die von Ihnen gewünschte Analyse des Tagis habe ich 2011 im Aufrag des Tamedia-CEOs Pietro Supino erstellt. Meine Analyse über drei Monate wurde der Konzernleitung vorgelegt und mit der damals dreiköpfigen Chefredaktion diskutiert.
Als Fazit meiner Untersuchung ergaben sich folgende, anhand konkreter Beispiele belegbaren Kritikpunkte (Auswahl):
- Inadäquate und/oder realitätsverzerrende Titelsetzungen
- Tendenziös oder gar manipulativ eingesetzte Bilder
- Vorspiegelung von Fakten und offensichtlich erfundenen Zitaten, was gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstösst
- Fehlende nachträgliche Korrekturen falscher Informationen
- Unvollständige, Tatsachen unterschlagende Berichte
- Nachweislich unrichtige Zahlenangaben
- Instrumentalisierungen durch Einzelpersonen und Parteien.
- Fehlende Ausgewogenheit in den Darstellungen von Sachverhalten mit einer gesellschaftspolitischen Dimension
- Fehlende Offenlegung von Interessenbindungen
- Das Ressort Kultur vertritt einen Kulturbegriff, der die Leistungen der autochthonen Kultur nicht selten zugunsten eher ferner elitärer Kultur-Events geringschätzt.
- In seinen Kommentaren und Analysen vertreten der TAGES-ANZEIGER und vor allem DAS MAGAZIN im allgemeinen und über Einzelfälle hinausgehend die Politik der Linken.

Und heute wäre noch nachzutragen:
Die seit damals (2011) erfolgte dramatische Ausdünnung auf der Redaktion ist nicht nur eine personelle. sondern nicht weniger auch eine intellektuelle.
Arnold Fröhlich, am 11. Mai 2020 um 15:38 Uhr
Gute Analyse, Herr Anderegg. Als Insider der Schwarzen Kunst, der fast sein ganzes Berufsleben in der Branche verbracht hat, kann ich seine Ausführungen zu 100 % bestätigen und unterschreiben.
Früher gab es ein hohes Berufsethos in der Branche, man verstand sich als Söhne von Gutenberg als Vermittler von Bildung und Kultur, vom Schriftsetzer bis zum Verleger. Leute wie Supino orientieren sich nur noch an Zahlen, an die Stelle von Berufsethos ist Gewinnmaximierung getreten. Und jetzt soll auch noch der Staat dazu beitragen.
Alois Amrein, am 12. Mai 2020 um 10:26 Uhr
Herzlichen Dank, Herr Anderegg für diesen Artikel! Für mich als ehemaliger Schriftsetzer, der noch die Bleibuchstaben in den Winkelhaken setzte und den Grundauftrag hatte, allfällige Fehler im Manuskript gleich zu korrigieren, für mich war das so richtig Balsam. Offensichtlich ist der Korrektor heute mehr oder weniger wegrationalisiert. Da gibt es ja jetzt die tollen Korrekturprogramme. Aber die müsste man auch richtig nutzen. Die Liederlichkeit im Umgang mit der deutschen Sprache sieht man heute nicht nur in der Zeitung oder Zeitschrift. Wenn ich Kommentare im Internet auch ausserhalb des inforsperbers lese, wird mir manchmal richtig schlecht. Es gibt offenbar immer mehr Leute, die meinen, wenn ein Wort wichtig sei, müsse man das gross schreiben. Sei das nun ein Substantiv, ein Adjektiv oder ein Verb. Aber schon diese Begriffe kennt kaum noch jemand. Schade!
Robert Bleuer, am 12. Mai 2020 um 11:08 Uhr
Mit Orthographie- und Druckfehlern konnte ich mich abfinden, mit Stilblüten und dem sich kontinuierlich verschlechternden Layout ebenso. Die Gründe, die mich vor drei Wochen dazu bewogen haben, den Tagi nach 40jähriger Treue abzubestellen, werden im Kommentar von Arnold Fröhlich eindrücklich dargestellt. Vor allem in der Berichterstattung zur Coronakrise hat der Tagi nicht nur hochgradig versagt, sondern das Vertrauen seiner Leser missbraucht. Für einen solchen Journalismus werde ich nicht länger bezahlen.
Fröhlich Karin, am 13. Mai 2020 um 05:59 Uhr
naja, ein bisschen altherrisch und verbittert diese Analyse und unten in den Kommentaren lauter ältere Herren (und ein paar Frauen), ehemalige Schriftsetzer und Korrektoren, welche die gute alte Zeit, die «schwarze Kunst» hochleben lassen. Dabei offenbart der Archiv-Einblick in den dicken alten Tagi (und auch NZZ) nebst guten Inhalten auch viel banales, kopierte Agenturmeldungen ohne Spannung, die heute (zurecht) keine Meldung mehr wert wären. Kritik an Supino ist sicherlich erwünscht und berechtigt, aber bitte nicht auf eine Weise, die eher an einen emotionalen Rachefeldzug, denn an eine sachliche Analyse erinnert. Ihre Rundumschlag bietet denn auch nichts Konstruktives, wie dem allgemein vorherrschenden Spardruck in der Medienbranche entgegengewirkt werden könnte. Aber ich freue mich für Sie, Herr Anderegg, dass sie sich selbst und die gute alte Zeit auf Kosten des heutigen Tagis abfeiern konnten.
Serge Rogentin, am 13. Mai 2020 um 14:44 Uhr
@I.Irgendeiner
Sie fragen nach der Reaktion auf meine Analyse.
P. Supino hat den Bericht verdankt, aber dazu nicht Stellung genommen. Er hat den Tamedia-Ombudsmann zur Besprechung mit der Chefredaktion geschickt.
Diese hat diverse Fehler eingestanden. (Von einer Praktikantin, die einen Artikel auf Grund purer Erfindungen verfasst hatte, habe ich später nie mehr einen Beitrag gelesen.)
Der Vorwurf der politischen Einseitigkeit wurde nicht geteilt, aber da war sich die damalige dreiköpfige Chefredaktion selber uneins. Die zwei zu jener Zeit gegensätzlichen Pole sind heute beide nicht mehr in der Chefredaktion vertreten - ein Abgang, eine Pensionierung.
Arnold Fröhlich, am 13. Mai 2020 um 15:28 Uhr
sind hier eigentlich nur Tagi-kritische Kommentare zugelassen?
Serge Rogentin, am 13. Mai 2020 um 16:43 Uhr
@Rogentin. Wir haben meines Wissens keinen eingehenden Kommentar nicht veröffentlicht.
Urs P. Gasche, am 13. Mai 2020 um 18:06 Uhr
Diese Meinung habe ich Roger Anderegg direkt geschrieben. Ich gebe sie hier allen bekannt.
Besten Dank für deinen Artikel mit den richtigen Beobachtungen. Ich würde in meinem Urteil über den Tagi nicht so vernichtend sein. Er bringt immer noch viel Gutes und hat gute Journis.

Die inzwischen schier unübersehbare Zahl von Druckfehlern, doppelten oder fehlenden Wörtern oder Fallfehlern nehm ich inzwischen nur noch resigniert wahr. Im Homeoffice ists jetzt noch schlimmer; denn offenbar gibts nachher keine Kontrolle mehr, sondern geht direkt ins System. So bleiben selbst Sachen stehn, die die Journalisten beim Schreiben umstellen und dann vergessen, alles anzupassen und zu löschen.

Und Akkusativfehler sind heute bei allen Deutschschweizer Zeitungen endemisch, selbst bei der NZZ, sogar in Headlines.
In letzter Zeit las ich sowohl bei Jean-Martin Büttner wie Michèle Binswanger solche. Und die hielt ich nach dem Abgang von C. Seibt und der Pensionierung von Jürg Rohrer noch für die sprachlich Besten. Aber offenbar hatte auch bei ihnen früher die Korrektur die Akkusativfehler rausgenommen. Ihnen selbst sagt ihr Sprachgefühl nicht immer, wenn sie einen machen. Schade.

Ich bin ja selbst gelernter Schriftsetzer, später Maschinensetzer gewesen. Hab natürlich einen Gautschbrief an der Wand.
Und grüsse daher mit dem uralten Gruss der Schwarzkünstler

Gott grüss die Kunst!

Max Trossmann, Historiker und Publizist
Max Trossmann, am 15. Mai 2020 um 00:03 Uhr
So eine Menge Text, so viel Selbstbeweihräucherung (ich kann fehlerfrei schreiben). Ich habe den Tagi zwar schon vor 15 Jahren abgeschrieben, aber nicht wegen den genannten «Fehlern», sondern wegen der journalistischen Oberflächlichkeit und der zunehmenden Gier nach knackigen Titeln.

Was Sie aber in diesem Artikel vollziehen ist Ego pur und das möchte ich genau so wenig lesen !
A. Stefanoni, am 15. Mai 2020 um 10:28 Uhr
Schlimm ist die geplante Zusammenlegung der Ressorts «Kultur», «Wissen» und «Service», die einer Lifestyle-"Expertin» und einem «Kulturjournalisten» übertragen wird, der noch nie durch einen Artikel aufgefallen ist, in dem auch Kultur drin ist. Es wird dann vermutlich noch mehr Geschwätz der Herren Tobler, Zweifel und Schöpfer geben, die sich auf Populärphänomene «spezialisiert» haben. Dürftige Artikel zu Influencern, Pop-"Künstlern», der Kinoagenda, TV-Soaps und überflüssige Interviews mit Rechtsrockern und DJs nehmen jetzt schon überhand. Fachkundige Kommentare zu den klassischen Kulturbereichen wie Literatur, Kunst, Oper und klassischem Konzertbetrieb werden daneben wohl kaum mehr gepflegt werden. Das wird eine gute Gelegenheit sein, den Tagi abzubestellen, wenn nicht der Widerstand der Kulturschaffenden und Kulturliebhaber gegen die 20Minutisierung erfolgreich sein wird.
Thomas Läubli, am 16. Mai 2020 um 20:34 Uhr
Was Anderegg zuwenig thematisiert ist die Zensur die durch den Verleger und Bilderberg-Konferenz-Teilnehmer Supino ausgeübt wird, da sind orthografische Fehler ein Peanuts. Diese Zensur ist nur möglich weil die Chefredaktorin Frau Wittwer keine Courage hat und diese bedenkenlos umsetzt. Auch die JournalistenInnen buckeln willfährig nach oben, sie haben Angst um ihren gutbezahlten Job an der Werdstrasse, auch da wäre Courage nur hinderlich. In ein paar Jahren ist der TA die Prawda der Schweiz!
Victor Brunner, am 17. Mai 2020 um 12:04 Uhr

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