Ladina Heimgartner: Die SRG ist kein Staatssender! © Dominik Hardegger, RTR

Ladina Heimgartner: Die SRG ist kein Staatssender!

Service public – Medien für alle

Robert Ruoff / 19. Nov 2015 - Unabhängigkeit, Qualität, Vielfalt und Präsenz der Gesellschaft ist die Idee des Service public in den Medien.

Im Dezember beginnt in National- und Ständerat die grosse Debatte um den Service public in Radio, Fernsehen und Internet. Es wird ein Machtkampf. Nach dem Interview mit dem Historiker Jakob Tanner lässt Infosperber Ladina Heimgartner zu Wort kommen. Denn im Schussfeld ist die SRG. Und Heimgartner ist nicht nur Direktorin von Radiotemevisiun Svizra Rumantscha. Als Mitglied der SRG-Geschäftsleitung ist sie auch zuständig für das Dossier «Service public». Die Interviews in der Reihe zum Service public in den Medien führte Infosperber-Redaktor Robert Ruoff.

Ladina Heimgartner, der Service public der SRG ist massiv unter Beschuss.

Ich höre, sehe und lese das. Aber ich frage mich, ob nicht die Schützen einfach sehr laut schiessen.

Ist es nur eine Kritik der privaten Medienunternehmen und der politischen Gegner der SRG? Oder gibt es ein Unbehagen im Volk? Das Ja zur neuen Gebührenordnung war ja ein Zufallsmehr.

Die Vox-Analyse zur Abstimmung zeigt klar: Das Publikum ist zu 70 Prozent zufrieden mit den SRG-Angeboten. Aber viele Leute hätten vor der Gebührenabstimmung gerne eine Debatte über den Service public gehabt. Diese Diskussion beginnt nun, unter anderem mit diesem Gespräch (lacht).

Aber was wollen die Schützen?

Auf der einen Seite steht die SRG mit den Gebühren, also mit einem Stück finanzieller Planungssicherheit. Und sie ist unabhängig. Auf der anderen Seite stehen unter anderem die Verleger. Ihr Geschäftsmodell – die klassische Zeitung – bricht ein mit der Digitalisierung. Das Internet bietet unendlich viel schnelle Information und saugt gleichzeitig viel Inseratenwerbung auf, die früher in den Zeitungen, am privaten Radio und am Fernsehen war. Globale Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon saugen auch schon Werbegeld aus der Schweiz ab. Das führt zu einem harten Kampf um Marktanteile.

Es gibt aber auch politisch motivierte Schützen: Politiker aus SVP und FDP oder den Gewerbeverband.

Die Spitze des Gewerbeverbands hat die Gebührenordnung zu ihrem Thema gemacht, obwohl viele kleine und mittlere Unternehmen mit dem neuen Gesetz gar keine Gebühren bezahlen. Dann gibt es liberale Kreise, denen die Idee des Service public grundsätzlich widerstrebt. Und es gibt Versuche, die Meinungsbildung in der Schweiz dadurch zu beeinflussen und zu kontrollieren, dass man Zeitungen und ganze Verlagshäuser erwirbt und mit eigenem Personal ausstattet.

Aus dem Gewerbeverband kommt ja als Privatisierungsvorschlag die Idee einer halbstaatlichen Aktiengesellschaft nach dem Modell der Swisscom.

Die SRG ist ein Verein. Sie ist also privatrechtlich. Aber man kann sie nicht kaufen. Sie ist öffentlich reguliert und finanziert. Aber sie ist staatsfern, auch wenn manche von «Staatsfernsehen» und «Staatsradio» reden. Staat und Politik haben keinen Zugriff auf die Inhalte. Ich hoffe sehr, dass das so bleibt.

Nun hat das Fernsehen des gebührenfinanzierten Service public aber die Werbung stark ausgedehnt. Ein Viertel der Einnahmen sind kommerziell.

Die Mischfinanzierung ist ein politischer Entscheid. Die Werbung bringt Mittel für das Programm, die sonst fehlen würden. Aber sie ist auch wichtig für die Wirtschaft. Das heisst: Auch davon profitiert das ganze Land.

Aber bei den Nutzern wächst der Widerstand gegen Werbung. Wäre nicht ein werbefreies Programm ab 20 Uhr wünschenswert wie in öffentlichen Programmen in Deutschland und Frankreich. Oder gar ein völliger Verzicht auf Werbung wie bei der BBC in Grossbritannien?

Man soll jede Überlegung anstellen. Aber wenn man die Werbung streicht, heisst das einfach: 25 Prozent weniger Einnahmen. Die Leidtragenden wären dann die Zuschauer, die für das gleiche Gebührengeld weniger Programmangebot bekämen.

Und was macht den Wert dieses Service public-Programms aus?

Der Service public soll unabhängig sein von wirtschaftlichen und politischen Sonderinteressen und im Dienst der Gesellschaft stehen. Wir wissen aus der Geschichte, wie mächtig ein Radio oder Fernsehen sein kann, wenn sie in der Hand einer Person oder einer übermächtigen Partei sind.

Sie finden, das gilt auch heute noch?

Ich finde das Modell des Service public extrem zeitlos. Unabhängigkeit ist heute so wichtig wie noch nie.

In einer Zeit, wo wir eine fast unbegrenzte Zahl von Informationsquellen haben?

Ja, es gibt eine ungeheure Masse. Aber genau darum braucht es ein Medienhaus, das Informationen nicht nur weiter transportiert, sondern sie verarbeitet und veredelt. SRF, RTR, RSI, RSI, swissinfo.ch sind Gütesiegel. Das heisst: Was auf diesen Kanälen kommt, ist gut. Der Service public steht für Qualität.

Ein schönes Wort: Informationen «veredeln»?

Heute erreichen uns Informationen über Internet in Zehntelsekunden aus den Krisengebieten auf der ganzen Welt. Aber: Sind sie auch richtig? Oder sind sie manipuliert zugunsten von Sonderinteressen? Was sind die Zusammenhänge? Was ist ihre Bedeutung? – Solche Fragen beantworten heisst: Informationen «veredeln».

Sie beschreiben klassischen Service public. Aber warum dann nicht den ganzen Rest, wie manche fordern, den Privaten überlassen, Unterhaltung, Sport?

«Sport» heisst ja nicht nur, Rechte kaufen und dann senden. Die Rechteinhaber verlangen grossen technischen Aufwand, und sie verlangen umfassende nationale Abdeckung. Auch das ist wieder Service public.

Inwiefern?

Man kann die Bedeutung des Sports für den Zusammenhalt in unserem Land gar nicht genug hervorheben...

...Fussball, der grosse Vereiniger des Landes?

...mit Shakiri, Embolo, Sommer über die kulturellen und sozialen und über die Sprachgrenzen hinweg, mit Federer und Wawrinka im Tennis, Hussein und Kambudji in der Leichtathletik, oder im Eishockey und beim Schwingfest. Die SRG kann mit ihrer Reichweite heute noch ein Sport-Portfeuille anbieten, wie man es so umfassend in keinem vergleichbaren Land mehr hat.

Wenigstens im Sport und in der Unterhaltung kommen also auch die Secondos und Secondas zum Zuge...

Das ist auch ein Hauptargument, weshalb ich die Casting Shows wie «Voice of Switzerland» so gut finde und so wichtig für den Service public. Wer dort auftritt, ist nicht nur präsent und hoffentlich erfolgreich, sondern wird auch gestützt von Fangruppen. Man hat selten ein so schönes Abbild der sozial und kulturell so vielfältigen Schweiz wie dort.

Während eben diese Eingewanderten in den Wirtschafts- und Informationssendungen und im Programmschaffen insgesamt kaum präsent sind.

Diesen Vorwurf höre ich immer wieder. Aber in der SRG arbeiten Menschen aus 32 Nationen, vor und hinter den Kulissen. Oft wird der Migrationshintergrund einer Person erst mit dem ausländisch klingenden Namen oder der Hautfarbe augenscheinlich. Es gibt aber auch viele andere, bei denen die ausländische Herkunft nicht so offensichtlich ist.

Es ginge darum, dass dieses Viertel der Bevölkerung ganz selbstverständlich die Möglichkeit hätte, auch ihre Schweizer Wirklichkeit in das Programm einzubringen: spürbar, hörbar, sichtbar.

Der Service public muss für die ganze Bevölkerung da sein, dem stimme ich zu. Und wir arbeiten daran. Wir haben etwa im rätoromanischen Gebiet seit Jahren viele Portugiesen, die ausgezeichnet romanisch sprechen. Diese Gruppe wollen wir ansprechen und ihnen signalisieren: Es wäre toll, wenn ihr auch an uns denken würdet als Arbeitgeberin. Das ist ein Beispiel. Wir wollen diese Vielfalt im Alltag verkörpern.

Und die Jungen? Ein paar wenige Wochen «politbox» vor den Wahlen – und nur Online – kann es ja wohl nicht sein?

Wieso «nur» Online? Wenn wir die junge Generation ansprechen wollen, müssen wir dahin gehen, wo sie sind. Und die jungen User sitzen nicht mehr um 19.30 Uhr vor der «Tagesschau», sie holen sich die Inhalte auf ihr mobiles Gerät, wann es ihnen passt.

Gerade die «politbox» hat aber auch gezeigt, dass die Jungen sich durchaus für die gleichen Themen interessieren wie ein Publikum mittleren oder höheren Alters. Wäre es nicht die Zukunftsaufgabe des Service public, die Gräben in der Gesellschaft stärker zu überwinden?

Grundsätzlich ja. Der Zugriff über Themen ist überhaupt interessant. Ob es jetzt Migration ist oder Energie oder Umwelt oder die Arbeitswelt oder die Freizeit: Da geht es dann nicht mehr nur darum, verschiedene Altersgruppen oder kulturelle Gruppen gesondert anzusprechen, sondern Themen so anzugehen, dass ein übergreifendes Interesse entstehen kann. Da geht es eben auch nicht mehr um eine künstliche Unterscheidung zwischen Kultur und Unterhaltung und Sport und Politik.

Sondern?

Der Umgang mit Medien ist heute viel organischer. Man bewegt sich entlang den Fragen, die einen beschäftigen – was ist hier oder dort gerade los? – in den Formen, die einen ansprechen – Reportage, Diskussion, Serie, Forum –, und die strikte Trennung von Information und Unterhaltung und so weiter ist eigentlich überholt.

Also folgt jede und jeder einfach seinen Interessen?

Nein, man folgt bestimmten Themen, die häufig von breiterem Interesse sind. Wir kennen das etwa aus den sozialen Medien. Und das muss der Service public herausarbeiten.

Das heisst?

Der Service public ist und bleibt eine Institution, die wichtig ist für den Zusammenhalt der vielfältigen Schweiz. Er muss also auch das Wichtige für das Land und die Bevölkerung immer wieder zum Thema machen. Und dabei alle einbeziehen. Ob das gelingt, ob es immer gelingt, ist eine zweite Frage. Aber es sollte unser Antrieb sein.

Das Interview erscheint am Donnerstag, 19. November 2015, in der «Südostschweiz» und (aus technischen Gründen am 20. oder 21. November) in «az Nordwestschweiz».

Bereits erschienen ist auf Infosperber das Gespräch mit dem Historiker Jakob Tanner: Service public – ein Stück Demokratie.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter der SRG. Er hat sich mit der Privatisierung von Radio und Fernsehen seit dem Sturm auf das Radio-Fernsehmonopol in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts journalistisch beschäftigt. Er hält den Service public der SRG für einen wichtigen Teil der Schweizer Medienszene, in ruhigen und in Krisenzeiten. Und er wünscht sich gute Bedingungen für eine starke, private Konkurrenz, die die SRG mit Qualität, Vielfalt und Innovationskraft herausfordert.

Weiterführende Informationen

Service public: der Professor liegt falsch (auf Infosperber)

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Eine Meinung

"Die SRG ist kein Staatssender"
Liebe Ladina Heimgartner, ich wäre ja schon froh, wenn SRF UNSER Staatssender wäre.
Was ich heute sehe, gleicht aber wie ein EI dem anderen den Sendern der NATO-Staaten rundum. Warum ?
Wenn ich die Meinung des BND will, reicht mir meine Erst-Zeitung.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 20. November 2015 um 19:42 Uhr

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