Samir: Die Schweiz ist ein Vorbild. Der Service public müsste das zeigen. © Samir

Samir: Die Schweiz ist ein Vorbild. Der Service public müsste das zeigen.

Service Public: Eine Schweiz ohne Ausländer

Robert Ruoff / 28. Nov 2015 - Ein Viertel der Schweizer Gesellschaft fehlt weitgehend im Service Public der SRG.

Samir, geboren 1955 in Bagdad, kam im Jahr 1961 mit seinen Eltern in die Schweiz. Der Vater war Iraker, die Mutter Schweizerin. Er selber bekam 1979 das Schweizer Bürgerrecht. Die Schweiz hat Samir Dokumentarfilm «Iraqi Odyssee» über seine irakische Familie, die auf der ganzen Welt verstreut lebt, in der Kategorie «Best Foreign Language Film» für den «Oscar» 2016 eingereicht.

Samir hat zahlreiche Kino- und Fernsehfilme realisiert, als Regisseur gestaltet und als Produzent betreut. Der Name Samir bedeutet «Geschichtenerzähler».

Infosperber-Redaktor Robert Ruoff hat mit Samir gesprochen. Es ist das dritte in der Reihe der Interviews zum Thema «Service public in den Medien». National- und Ständerat werden am 16. und 17. Dezember eine ausserordentliche Debatte zum Thema führen.

Der Service Public begleitet den Filmemacher durch sein ganzes Leben in der Schweiz. Und er stellt fest: Es braucht wieder mehr ungeschönte Nähe zum Volk.

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Samir, hat der Service Public der SRG für Ihre Integration eine Rolle gespielt?

Seit ich 9 Jahre alt war, haben mir Radio und Fernsehend der SRG die Schweiz nachhause gebracht. Die SRG hatte damals noch eine einzige, gemeinsame «Tagesschau» für alle Sprachregionen. Ich finde es schade, dass der Service Public keine regelmässige, gemeinsame Sendung mehr hat, die unser Land und unseren Staat abbildet.

In der Deutschschweiz hat die Fernsehdirektion vor 30 Jahren das Schweizerdeutsch als schweizerisches Programm-Merkmal gegen die ausländische private Konkurrenz entdeckt. Ist das provinziell oder für Einwanderer auch ein Mittel der Integration?

Tatsächlich lernen die meisten Ausländer oder Nicht-Schweizer am meisten von der Sprache über die Medien und die Arbeit. So gesehen, habe ich damit überhaupt kein Problem. Jedes Volk darf doch seine Sprache verwenden. Das ist sicher ein Mittel der Integration. Aber das Wort «Integration» lässt mich aufspringen.

Warum?

Weil das Wort die Wirklichkeit verdreht. Das Integrationsproblem sind nicht die Eingewanderten. Das Integrationsproblem sind die 30 Prozent der Eingeborenen, also der ewigen «Ur-Schweizer», die noch nicht verstanden haben, dass dieses Land kein Polizist-Wäckerli-Land mehr ist.

Was heisst das?

Die Schweiz ist weltweit an der Spitze der Wettbewerbsfähigkeit, sie gehört zur Avantgarde der Globalisierung. An den 30 Prozent «Ur-Schweizern», die immer noch in der vergangenen, abgeschotteten Schweiz leben wollen, ist diese Entwicklung vorbeigegangen. Diese Leute müssen die Integration in die globalisierte Gesellschaft noch leisten.

Und die Eingewanderten?

Die sind doch in die globale Gesellschaft voll integriert. Sie haben sich zu uns durchgeschlagen. Wenn sie sich nach ein, zwei Jahren in den Arbeitsprozess integriert haben, bei der Migros einkaufen und Steuern zahlen, dann fühlen die sich integriert. Aber wenn sie immer wieder auf diese Grenze stossen, an der man ihnen sagt: «Du bist doch ein Ausländer», dann ist das ein bisschen mühsam.

Wo sehen Sie denn die Ursache?

Wir haben so etwas wie eine stille Apartheid. Offene Apartheid, wenn Gemeinden in der Schweiz sich freikaufen von der Anwesenheit von «Ausländern», die vor Krieg oder Diktatur zu uns flüchten. Und stille Apartheid, also Ausgrenzung, wenn man den Secondos auch in der dritten Generation das Bürgerrecht noch nicht geben will.

Nun müsste der Service Public bei der Integration ja helfen, gemäss SRG-Konzession.

Richtig, und da frage ich mich: Warum gibt es beim Personal des Service Public so wenig Menschen, die durch den Namen, die Sprache, die Erscheinung als Eingewanderte erkennbar sind?

Ist das anderswo anders?

Sicher. Bei der BBC und auch in Frankreich. Sogar bei der Zürcher Polizei wird darauf geachtet, dass die Vielfalt der Gesellschaft erkennbar im Korps vertreten ist. Und das englische Fernsehen ist das beste Beispiel dafür, dass ein Gemisch von Menschen aller Farben und Herkunft, als Moderatorinnen und Moderatoren und Korrespondenten die Bevölkerung auf eine Weise repräsentieren, dass gar niemand mehr auf die Idee kommt, dass das etwas Besonderes sein könnte.

Wenn Sie die Schweizer Service Public Medien schauen, sehen Sie «white, white, white» – also: durchgehend weiss. Secondos finden sich in sichtbaren Positionen am ehesten in den Privatsendern. Man muss sich fragen, warum das so ist.

Was ist Ihre Antwort?

Die Antwort finden wir in dem Programm, das uns im Service Public-Fernsehen laufend begegnet. Ich sage nicht, dass ich das nicht mag. Ich schaue zum Beispiel gerne diese Kochsendung...

...Landfrauenküche?...

Ja, Unterhaltung und Kochkunst und Tischsitten, möglicherweise noch verbunden mit wirtschaftlichem Erfolg. Es ist genau die Schweiz, die die «Ur-Schweizer» sehen und verewigen wollen. Aber es ist, alles in allem, in dieser ganzen Serie «Bi de Lüüt» und anderen Sendungen dieser Art, vor allem eine geschönte Schweiz. Ein ganzer Teil der schweizerischen Gesellschaft wird ausgeblendet.

War das nicht immer schon ein Teil des Fernsehens, dass es nur einen Teil der Wirklichkeit zeigt?

Wenn ich mir das Schwarz-weiss-Fernsehen ansehe aus den 60er- und 70er-Jahren, mit Sendungen wie die «Antenne», bin ich immer wieder erstaunt, wie nahe man an die Wirklichkeit gegangen ist. Man hat nicht nur das Schöne gezeigt, sondern auch das Schwierige und die Härte des Arbeitslebens.

Aber in diesem Arbeitsleben machen heute nicht mehr die Schweizer die Knochenarbeit in den Spitälern, bei der Strassenreinigung und in den Fabriken. Vor allem bei den sogenannten «niedrigen Arbeiten» ist «Arbeiter» und «Ausländer» gleichbedeutend geworden.

Und diese Leute sieht man nicht?

Weil diese «arbeitenden Massen» nicht Schweizer sind, werden sie ganz einfach nicht bemerkt. Sie sind politisch nicht repräsentiert, und so kommen sie auch in den Medien nur dann vor, wenn sie als Konsumenten eine interessante Zielgruppe für Werbung sind. Das sind sie vor allem in Gratiszeitungen und in den privaten Radio- und Fernsehprogrammen.

So gesehen ist die Schweiz im Service Public weitgehend eine Schweiz ohne Ausländer.

Die «Ur-Schweizer» hingegen, mit ihrer Angst vor dem Arbeits- und Aufstiegswillen der Fremden, sind politisch durch eine starke Partei vertreten. Und so kommen sie im Programm des Service Public ständig vor.

Das würde ja heissen, das Programm des Service Public ist von der Politik bestimmt?

Ich sage nicht, dass das zurückzuführen ist auf direkten Einfluss der Parteien und bewusste Anpassung der Medienschaffenden. Aber man kann schon sagen, dass das Hauptprogramm reflexartig von der Politik besetzt wird. Auch zu Fragen, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen – Rentenalter, Schule, Asyl, Ausländer – werden selten Menschen mit bestimmten persönlichen Eigenschaften, also Christen, Juden, Muslime, Atheisten, Rentner, Schüler, Lehrer oder gar Ausländer befragt, sondern immer schon SVP, FDP, SP, CVP undsoweiter. So gesehen kann man sogar sagen: Das Hauptprogramm ist in der Information von den Parteien besetzt.

Da gibt es aber auch die anderen, sehr erfolgreichen Sendungen wie «Voice of Switzerland»?

Das ist ja gerade interessant. Da, wo das Fernsehen mit realen Menschen zu tun hat, also nicht mit interessierten Experten und parteilichen Politikern, da taucht dann plötzlich das wahre, globalisierte Schweizer Leben auf. Auf einmal sind die Mehrzahl der Schweizer Talente dann Migranten, weil das ihre grösste Chance ist, sich überhaupt einmal bemerkbar zu machen.

Das bringt genau zum Ausdruck, dass sie am andern Ort fehlen. Wenn im Programm eine Diskussion über Ausländer stattfindet, gibt es in dieser Diskussion in der Regel keine Migranten und schon gar nicht in einer gleichberechtigten Rolle. Ein Viertel der Schweizer Bevölkerung erscheint im Service Public entweder überhaupt nicht oder in einer untergeordneten Rolle, und ausserdem vorwiegend als negatives Problem.

Der einzige Ort sind populäre Shows, wo Du dann Deine aussergewöhnlichen Talente darstellen darfst.

Was müsste sich also ändern?

Der Service Public muss partizipativer werden.

Das heisst?

Es heisst zuerst: mehr ungeschönte Nähe zum Volk. Es gab noch in den 80er Jahren Sendeformen wie die «Telearena», in der Vertreter gesellschaftlicher Gruppen zu brennenden Fragen zu Wort und zu sehr lebendigen, fast chaotischen live-Diskussionen kamen. Selbstverständlich haben die politischen Parteien protestiert, aber der Service Public ist ja nicht ihr Privateigentum.

Und die Frage ist, warum der Service Public seinen Integrations-Auftrag nicht auch so versteht, dass er in geeigneter Form dem «Publikum», also Eingeborenen und Eingewanderten, Mikrofon, Kamera oder Internet zur Verfügung stellt, um sich auszudrücken und – unter journalistischer Anleitung – selber zu einer Community, einer Gemeinschaft von Produzenten zu werden. Die Menschen benutzen das Internet ja schon so. Ausländer sowieso.

Das würde aber die Rolle der Journalisten wesentlich verändern.

Ja, darüber muss man nachdenken, gerade im Service Public. Wir wissen schon über die Wirklichkeit der Schweiz zum Teil wenig bis nichts. Und wir wissen wenig über die Welt. Zum Beispiel über den Kampf der Zivilgesellschaft gegen Korruption und religiösen Despotismus im Libanon oder Irak. Es gibt dort nicht nur durchgeknallte Terroristen und Fanatiker, sondern der politisch aktive Bürger, der Citoyen, existiert auch dort. Der Service Public müsste darüber mal selbstkritisch nachdenken, was für ein Bild der Welt und welches Bild der Schweiz er vermittelt.

Und was wäre dann die «Swissness», das Bild der Schweiz im Service Public?

Ich sage das jetzt ganz bewusst, auch wegen meiner irakischen Herkunft. Die Schweiz ist ein Vorbild, wie man ein Land schaffen kann, das aus verstreuten, unterschiedlichen Kulturen, Eingeborenen und Eingewanderten besteht, und wie man aus Verschiedenheit eine Qualität schafft. Das wünschte ich mir von unserm Service Public repräsentiert.

***

Bereits publiziert in dieser Reihe die Interviews mit:

Jakob Tanner: Service public – ein Stück Demokratie

Ladina Heimgartner: Service public – Medien für alle

Die Interviews sind in der «Südostschweiz» und in den Zeitungen der «AZ Nordwestschweiz« erschienen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter der SRG. Er hat sich mit der Privatisierung von Radio und Fernsehen seit dem Sturm auf das Radio-Fernsehmonopol in den 1970er Jahren journalistisch beschäftigt. Er hält den Service public der SRG für einen wichtigen Teil der Schweizer Medienszene, in ruhigen und in Krisenzeiten. Und er wünscht sich gute Bedingungen für eine starke, private Konkurrenz, die die SRG mit Qualität, Vielfalt und Innovationskraft herausfordert.

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Eine Meinung

@ Schwannberger: Es ist interessant, sich an den Artikel 1 des Grundgesetzes der BRD zu erinnern. Dort heisst es:
1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
Rechtsanwälte sind unter anderem dazu da, die Verwirklichung dieser Menschenrechte einzufordern.
Robert Ruoff, am 29. November 2015 um 09:46 Uhr

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